Hinterm Fenster

Als er sich im Jahr 1911 in Paris aufhielt, schuf der italienische Maler Umberto Boccioni ein wichtiges Werk des Futurismus: La strada entra nella casa (Die Straße dringt ins Haus). Boccioni schreibt selbst, was er im Bild darstellen wollte: „(…) das sonnendurchflimmerte Gesumm der Straße (…) Gleichzeitigkeit der Atmosphäre, folglich Ortsveränderung und Zergliederung der Gegenstände, Zerstreuung und Ineinanderübergreifen der Einzelheiten, die von der laufenden Logik befreit, eine von der anderen unabhängig sind.“
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Ich bin kein Futurist, will das alles nicht, preise auch nicht den Lärm und scheue beim Schreiben vor allem die „Zerstreuung“ und das „Ineinanderübergreifen der Einzelheiten.“ Niemals könnte ich bei offenem Fenster schreiben. Ebenso kann ich nicht in Ruhe schreiben, wenn mein Rechner mit dem Internet verbunden ist. Auch bei geschlossenem Browser habe ich das Gefühl, am offenen Fenster zu sitzen, und aus dem weltumspannenden Internet brandet der Lärm in meine Stube und wird übergriffig.

Einst träumte ich, in einem Dorf an der Mosel in einem Bäckereicafé zu sitzen. Direkt hinter den Fenstern schossen grünlich die Fluten der Mosel vorbei, und die Wogen gingen so hoch, dass ich unter der Wasseroberfläche saß, nur geschützt durch das Fensterglas. Das Wasser war klar und durchscheinend, aber die Wogen aus dem Internet sind es nicht. Also will ich sie fern hinterm Deich, wenn ich in meiner weltlichen Kontemplation da sitze und schreibe.

Erst wenn der Text für mein Blog fertig ist, stelle ich die Internetverbindung her, bleibe aber auf vertrauten Wegen, rufe mein Blog auf und kopiere den Text in die Editormaske. Die Veröffentlichung ist wie ein Anstechen der Wogen. Sie verlieren dann ihre Oberflächenspannug und fließen als Like oder Kommentar in meine Stube. Dieser geordnete Zustrom ist gut und gewollt, aber außerhalb der Community finde ich das Netz immer bedrohlicher und versuche es fernzuhalten, wo es geht.

Die Archivare des Entlegenen

Wer genötigt ist, einen Artikel für eine große Zeitung zu schreiben, dem stellt deren Dokumentationsabteilung eine Mappe mit Artikeln zusammen, die zu diesem Thema bereits erschienen sind. Die gilt es zu sichten und beim Schreiben auswertend heranzuziehen. Beim Denken scheint es mir ähnlich zu sein. Man hat ein Thema gewählt, und sogleich eilen willfährige Archivhelfer umher und sammeln ein, was im eigenen Kopf über das Thema zu finden ist. Besonders lieb sind mir jene, die etwas Entlegenes anschleppen, egal, ob es zu gebrauchen ist. Es darf auch verstaubt sein oder nur noch in Fetzen vorliegen wie ein Jahrhunderte Jahre altes Schriftstück.

Möglicherweise regt es ja Gedanken an, auf die man sonst nicht gekommen wäre. Darum ist es ratsam, in der Sammelphase offen zu sein und nicht etwas sofort zu verwerfen, nur weil es auf den ersten Blick unnütz erscheint.

Man darf nämlich die Archivare des Entlegenen nicht vor den Kopf stoßen. Lässt man sie gleichberechtigt hantieren, stärkt das ihr Selbstbewusstsein und fördert ihren Arbeitswillen. Ich habe mich Zeit meines Lebens für das Entlegene interessiert, auch und besonders in den Jahrzehnten der Forschung zum Thema „Buchkultur.“ Heraus kam ein Werk, das die Gegenstände und Phänomene durchaus plausibel beschreibt, quasi von ihren Grenzbereichen her.

Geht es denn hier noch weiter im Text? Leider ist den Archivaren zu warm, und das Entlegene herbeizuschaffen, ist ihnen heute zu mühsam. Man wird sich gedulden müssen.

Ohne Boden lässt sich schlecht tanzen

Als ich heute für die Antwort auf einen Kommentar des Kollegen noemix einen von mir verfassten Beitrag in der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ suchte, fiel mir auf, wie ungeschickt und ungeübt ich mit einem Fundus von Fotokopien umging, und später beim Umblättern im gedruckten Heft war es nicht besser. Einst hat mir das Händeln selbst großformatiger Zeitungen keine Probleme gemacht, jedenfalls keine, die mich hätten darüber nachdenken lassen. Auch das Nachschlagen in Wörterbüchern war so geläufig, dass es für mich nur ein Thema gewesen war, weil ich das dazu erforderliche Blättern und Umblättern als Teil des Lese- Verstehens- und Verarbeitungsprozesses angesehen habe.

Trotzdem imponierte mir, als ich in den 1990-er Jahren las, der letzte Herausgeber des Leipziger DDR-Duden habe in seinem auf Dünndruckpapier gedruckten Buch für jedes Wort sogleich die richtige Seite aufgeschlagen, was anzeigte, dass es nicht nur meisterhaftes Blättern und Umblättern, sondern auch meisterhaftes Däumeln gab.

Das Haptische geht ja mit dem Umstieg auf digitale Medien über Bord. Zwar gibt es noch den realen Tastendruck, bei dem Tasten im Raum bewegt, also hinunter gedrückt werden, aber der fehlt bereits beim als Bild simulierten Tastenfeld der Tablets und Smartphones. Die These, das Händeln von Printmedien sei Teil des Verarbeitungsprozesses hat übrigens erstmals Umberto Eco formuliert. Für ihn gehörte dazu: das Betreten einer Bibliothek, das Suchen im Katalog, das Durchschreiten von Regalgassen und das Herausziehen eines Buches aus der Regalreihe. Bei der These, das Haptische gehöre zum Verarbeitungsprozess, fällt mir immer ein, dass ich früher ziemlich genau sagen konnte, wo ein Zitat in einem Buch gestanden hat, also linke oder rechte Seite oben/unten/Mitte, wie es gerade kam. Das wird jede Buchleserin, jeder Buchleser von sich kennen. Der Wert des Haptischen beim Leseprozesses kommt bildhaft zum Ausdruck in einem Gedicht der US-amerikanischen Dichterin Denise Leverton:

    And as you read
    The sea is turning its dark pages,
    Turning
    Its dark pages.

Der Kunstwissenschaftler Vladimir Alexseev, mein Freund und Blog-Kollege Merzmensch hält das Haptische für einen Bestandteil der Glaubwürdigkeit:

    „Meinerseits gibt es eine Merkwürdigkeit. Seit neulich bin ich Abonnent der digitalen FAZ. Was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in diesem digitalen Format die Zeitung, an Haptik verlierend, auch ihre Benjaminsche Auratik verliert. Man liest die Texte „nackt“, befreit vom Rauschen der großen Papierformate und fragt sich oft zu den Inhalten: „Muss das sein? Wie rückständig und reaktionär“. Das Digitale scheint die Wahrheitsillusion des Prints zunichte zu machen.“ (aus: Buchkultur im Abendrot)

Wenn also das Haptische beim digitalen Schreiben und Lesen wegfällt, was bedeutet das für unseren Lese-, Verarbeitungs- und Verstehensprozess? Dabei gilt es zu bedenken, dass wir noch mit einem Bein in der Buchkultur stehen, während das andere in den substanzlosen digitalen Raum tappt, wo man buchstäblich gar nicht stehen kann.

Einiges über einiges

Vorrede – Die man getrost überspringen kann

Es gab eine Zeit, einige Jahre ist das her, da habe ich täglich geschrieben, was nicht etwa bedeutet, ich hätte nur irgendwo rumgesessen und etwas in mein Notizbuch, das ich immer bei mir hatte, wenn ich es nicht zu Hause hatte liegen lassen, wobei mein Zuhause damals in Aachen war, hineingekritzelt, wie vielleicht böse Zungen behaupten würden, kämen sie hier zu Wort, sondern ich habe sauber abgetippte Texte, gelegentlich auch selbst fotografierte oder selbst geklaute Bilder, Bildmontagen oder eigens erstellte Gif-Animationen, ja, sogar bei YouTube hochgeladene selbst gefilmte und geschnittene Videos in meinem Blog, das bekanntlich Teppichhaus hieß und aus drei Filialen bestand, die zu verschiedenen Zeiten jeweils das Haupthaus waren, wie jetzt dieses Teestübchenblog, in dem Sie, werter Leser gerade versuchen, sich durch ein Satzungeheuer zu wühlen, das Haupthaus ist, wo ich derzeit die meisten Leser habe, wobei ich die Leserinnen nur nicht erwähne, weil mich keiner einen Sexisten schimpfen können soll, indem er behauptet, ich würde die Leserinnen gezielt ansprechen, was sozusagen eventuell sexuelle Belästigung sein könnte, man weiß es nicht, denn im Internet wirken Texte ja viel unvermittelter, suchen sich den Weg direkt ins Stammhirn, unter Ausschaltung der Logik und der Vorsicht, wozu speziell allen Leserinnen hier mal ausdrücklich angeraten sei, also zur Vorsicht, dass sie sich der Logik zu bedienen verstehen, versteht sich von selbst und wird keinesfalls in Zweifel gezogen, denn das Stammhaus auf der versunkenen Plattform Blog.de hatte einst die eifrigste Leserschaft, was mich ungemein motivierte und dazu brachte, dort gut 1400 Postings zu veröffentlichen, veröffentlicht.

Hauptteil – In dem es um etwas Geheimes geht
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Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !

Unter Spitzbuben

Die weiter unten in drei Schriftvarianten zu lesende Klage aus dem Philobiblon, dem berühmten Buch der Bücherliebe, im Jahr 1344 verfasst vom Bischof und Gelehrten Richard de Bury, vermittelt einen Eindruck, wie schwer im 14. Jahrhundert Beschreibstoffe wie Pergament oder Papier zu bekommen waren, dass manche nicht davor zurückschreckten, die Ränder wertvoller Bücher abzuschneiden. Das handschriftliche Zitat hat beim Mitmachprojekt Schreiben wie im Mittelalter Blogkollege Emil geschrieben.

Auch sich eine Gänsefeder zu besorgen und zurecht zu schneiden (Anleitung im Bild unten), war eine mühsame Angelegenheit und erforderte Geschick. Vor allem hielten die Federn nicht lange, sondern faserten rasch aus.

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (größer: Bitte klicken)

Zeitsprung in den Dezember des Jahres 2020: Beim Discounter gab es ein 24-teiliges Kalligrafie-Set, inklusive papierene Übungsblätter zum schamlos niedrigen Preis von nicht mal fünf Euro. Mit Schreibwaren ist offenbar kein Geld mehr zu verdienen. Dass unsere Schreibkultur so verramscht wird, tut mir in der Seele weh. Gerade deswegen habe ich mir ein Schreib-Set zum Spottpreis gekauft.

Nebenbei: Ich habe das Zitat aus dem Philobiblon in drei Schriftvarianten gezeigt, weil heutigen Leserinnen/Lesern die Fraktur und ihre Handschriftvariante Kurrent ganz fremd sind. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hingegen schreibt die gegenteilige Erfahrung, denn zu seiner Zeit waren deutsche Texte überwiegend in Fraktur gedruckt und Antiquaschrift wirkte befremdlich: Lichtenberg: „Wenn ich ein deutsches Buch mit lateinischen Buchstaben [Antiqua] lese, so kommt es mir immer vor, als müsste ich es mir erst übersetzen, eben so wenn ich das Buch verkehrt in die Hand nehme und lese, ein Beweis, wie sehr unsere Begriffe selbst von diesen Zeichen abhängen.“

Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

Plausch mit Frau Nettesheim – Dumm und dümmer


Trithemius
Was ist denn das für ein nasses Zeug, das da vom Himmel fällt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Auf den Quatsch falle ich nicht rein, Trithemius.

Trithemius
Diente auch nur der Gesprächseröffnung. Ich wollte Sie etwas anderes fragen, aber nicht mit der Tür ins Haus und so. Als ich mir gestern Texte aus Band 2 des PentAgrion durchlas, fand ich, dass sie viel essayistischer waren, weniger erzählend. Glauben Sie, dass ich vor meinem Schlaganfall klüger war als ich heute bin?

Frau Nettesheim
Nein, Sie schrieben die essayistischen Passagen als PentAgrion. Der ist klüger als Sie. Eigentlich sind viele Figuren in Ihrem erzählerischen Kosmos klüger als Sie, auch Jeremias Coster. Sie schaffen Figuren, die klüger als Sie sind: PentAgrion, Coster; witziger und radikaler: Volontär Hanno P. Schmock; unfähiger: die Teppichhaus-Humorexperten; irrwitziger: Chefredakteur Julius Trittenheim. Je nach Rolle, ändern sich Ihr Schreibstil und der Anteil an Intelligenz im Text. Als Trithemius sind Sie eindeutig der Dümmste und Eitelste.

Trithemius
Na, erlauben Sie mal, Frau Nettesheim! Das will ich überhört haben. Aber bedeutet Ihre These, ich müsste mir nur einen Bestsellerautor als Alter Ego erdenken, und schon schriebe ich einen Bestseller?

Frau Nettesheim
Nö, das können Sie nicht.

Trithemius
Warum nicht?

Frau Nettesheim
Wenn Sie schreiben wollten wie ein Bestsellerautor, würden Sie sich zu sehr schämen. Dann würde es nichts, nur ein hoffnungsloses Gewürge.

Trithemius
Glücklicherweise sind wenigstens Sie nicht klüger als ich, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie kommen Sie darauf?

Trithemius
Na, wer mir nicht mal sagen kann, was für ein nasses Zeug eben vom Himmel fiel…

Costers Fragmente

„Es geschieht immer öfter“, sagte Coster, „dass meine Texte fragmentarisch bleiben, als würden bei einem Hausbau alle gleichzeitig das Werkzeug fallen lassen und sich von der Baustelle entfernen. Hier wurde gerade ein artiger Torbogen gemauert, dort ein hübsches Türmchen hochgezogen, und jetzt geht es einfach nicht weiter. Da die Texte digital entstehen und gespeichert werden, geraten sie rasch in Vergessenheit. Nie wird eine Leserin ihren Kopf zum Tor hineinstecken und die angrenzenden Räume inspizieren, nie ein Leser das Türmchen besteigen, die enge Wendeltreppe hoch schnaufen, um oben befreit auf die Balustrade zu treten und den Blick übers Land schweifen zu lassen. Nie wird einer von der hohen Warte sehen, wie die Maurer in alle Himmelsrichtungen fortlaufen, nie wird sie jemand zurück an die Arbeit rufen, bevor sie hinterm Horizont versinken.

Dabei gäbe es schon einiges im Haus zu sehen. Da ist beispielsweise der freundliche marokkanische Friseur, dessen Ahnen Berber waren. Er hat sein Handwerk in Brüssel und Lüttich gelernt. Es ist eine Lust den geschickten jungen Mann bei der Arbeit zu beobachten, in dessen Folge man von sich sagen kann: „Ich habe die Haare schön.“ Er rennt doch auch nicht mitten in der Arbeit weg und lässt seinen Kunden halb barbiert zurück. Dabei hätte er Grund genug, denn er fastet zwischen Sonnenauf- und untergang, darf auch bei der Hitze des Tages nichts trinken und ist am Abend ganz ausgelaugt. Er spreche zwar arabisch, aber seine Muttersprache sei Berberisch, sagt er. Weil er nichts über Berberisch weiß, fragt der Kunde, ob der Friseur denn auch Französisch könne und schämt sich sogleich, Marokko mit Algerien verwechselt zu haben. Nein, man lerne es zwar in der Schule, aber viel könne er nicht. In seinem Land werde ja auch Spanisch gesprochen. „Aber wir haben die Spanier hinausgeworfen“, sagt er stolz, jetzt säßen die nur noch auf zwei Inseln. Zu Hause recherchiert der Kunde, dass die „Inseln“ spanische Enklaven sind, die an der marokkanischen Küste liegenden Städte Ceuta und Mellila.

In der beinah fertigen Halle könnte man von Konrad Zuse lesen, dem deutschen Ingenieur, der im Jahr 1935 den ersten Computer gebaut hat. Sein Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben.

Unterm Dach wäre der seltsame Traum Windhagens zu lesen: Er hatte wieder von Sofia geträumt. Es war ein Alptraum gewesen, denn Sofia hatte ihr sexuelles Interesse an ihm verloren und er hatte allerhand verzweifelte Versuche unternommen, es wieder zu wecken. In seiner Verzweiflung hatte Windhagen eine lebendige Ente verschlungen, hatte sie sich weit hinten in den Hals geschoben, damit keinerlei Zweifel möglich war, dass er die Ente verschlingen wollte. Im Traum hatte er sich leicht besorgt gefragt, was wohl sein Magen über die Federn der Ente sagen würde. Wie lange würde die Ente noch leben? Er hatte sie ja nicht zerbissen, sondern komplett geschluckt. Hatte sie verstanden, was mit ihr geschah? Würde sie wittern, woher die Gefahr ihr drohte, wenn sein Magen seltsame Säuren auf sie regnen ließe? Wie lange kann eine Ente wohl ohne Sauerstoff auskommen?

„Das, mein Lieber, sind nur drei der Fragmente im unfertigen Haus“, fuhr Coster fort „Würden wir all das Angefangene besichtigen, hätten wir Tage zu tun. Vielleicht ist das der Grund, warum die Maurer fortgelaufen sind. Sie sind über den komplizierten Plänen verzweifelt, hätten sich einen Bauleiter gewünscht, der Ordnung in alles gebracht hätte. Der gesagt hätte, du machst jetzt das und das so und so, und lass dich nicht ablenken von weltlichen Genüssen.“

„Ja, aber“, wende ich ein, „das und das und so und so ist keine Anweisung, nach der jemand arbeiten könnte. Das könnte auch ein barbierender Berber nicht. Das und das und so und so verlangt vom Maurer eine Transferleistung und soviel schöpferische Kraft, da kann er gleich auf jeden Plan und den unfähigen Bauleiter verzichten.“

„Du hast leider Recht“, sagte Coster. „drum bleibt eben alles Fragment. Ich bin, um es mit einem Roman von Herbert Rosendorfer zu sagen, einfach ein textlicher „Ruinenbaumeister.“ Sprachs und folgte den Maurern. Ich sah ihm hinterher, bis er hinterm Horizont verschwunden war.

Aus dem Off – Weckerchen Holger und der Zauber des Schreibens

Als ich heute Morgen sah, was für ein trübes, nasses Grau mir als Tageslicht geboten wurde, erfasste mich bodenloser Grimm. Ich schimpfte und tobte. Sogar das rote Kontrolllämpchen am Kaffeeautomaten zitterte, obwohl es als einziges einen tröstenden Schein spendete. Alles ringsum bedrohte ich, fuchtelte mit dem gestreckten Zeigefinger herum, als wärs mein schwerer Trommelrevolver. Die Bilder, der Fernseher, die Lampen, sie müssten dran glauben, stieß ich hervor. Sogar in den Vorhang drohte ich zu schießen, worauf er freilich nur höhnisch wehte.

Als erstes verlor Weckerchen Holger die Nerven und hub gleich an zu jammern. Es wär ja noch so jung, hätte längst nicht so viele Stunden gezählt wie seine Großmutter, die gute 50er-Jahre Wanduhr, von der es bedauerlicher Weise fast nichts wüsste, nur dass sie Jahrzehnte im linksrheinischen Dorfe Ramrath in einer Bauernküche im Kochdunst gehangen, bevor sie, o Schmach, von einem levantinischen Händler, vermutlich einem windigen Türken, auf dem Flohmarkt verkauft wurde. Das ging zu weit! Wenn Weckerchen anfangen, von ihrer schmantigen Oma zu erzählen und ausländische Mitbürger mit hässlichen Adjektivattributen belegen … Ich hob Weckerchen Holger mit zwei Fingern der Linken hoch und schoss ihm genau ins Ziffernblatt. Mittenrein! Ein Blattschuss!

Jetzt war klar, dass ich es ernst meinte. Nur die gelbe Engeltasse Cornelié, aus der ich morgens meinen Kaffee trinke, die blieb ganz ruhig. Sie hatte erfahren, dass Hitze sich irgendwann naturgemäß abkühlt, hatte schon oft zuerst heißen, dann lauen und zuletzt kalten Kaffee erlebt. Außerdem wusste sie um ihre seit Jahren unangefochtene Sonderstellung, weil ich sie zu behandeln pflege wie ein rohes Ei, was schon so manche versteckte Eifersucht hatte aufkeimen lassen. Tatsächlich wurde ich bald darauf schon wieder friedlich, derweil ich die Ereignisse aufschrieb. Der Zauber des Schreibens! Anfangs hatten die Tasten im Tastenboard sich noch ängstlich unter dem heftigen Anschlag meiner Finger geduckt. Doch hatte ich sie einmal erniedrigt, hoben sie wieder ihre Köpfe. Ganz schön kess, die jungen Dinger! So nahm der Morgen seinen gewohnten Gang. Nur Weckerchen Holger wird leider nie mehr ticken.

Upcycelt: Erstveröffentlichung am 28. August 2015 im Teestübchen