Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !

Unter Spitzbuben

Die weiter unten in drei Schriftvarianten zu lesende Klage aus dem Philobiblon, dem berühmten Buch der Bücherliebe, im Jahr 1344 verfasst vom Bischof und Gelehrten Richard de Bury, vermittelt einen Eindruck, wie schwer im 14. Jahrhundert Beschreibstoffe wie Pergament oder Papier zu bekommen waren, dass manche nicht davor zurückschreckten, die Ränder wertvoller Bücher abzuschneiden. Das handschriftliche Zitat hat beim Mitmachprojekt Schreiben wie im Mittelalter Blogkollege Emil geschrieben.

Auch sich eine Gänsefeder zu besorgen und zurecht zu schneiden (Anleitung im Bild unten), war eine mühsame Angelegenheit und erforderte Geschick. Vor allem hielten die Federn nicht lange, sondern faserten rasch aus.

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (größer: Bitte klicken)

Zeitsprung in den Dezember des Jahres 2020: Beim Discounter gab es ein 24-teiliges Kalligrafie-Set, inklusive papierene Übungsblätter zum schamlos niedrigen Preis von nicht mal fünf Euro. Mit Schreibwaren ist offenbar kein Geld mehr zu verdienen. Dass unsere Schreibkultur so verramscht wird, tut mir in der Seele weh. Gerade deswegen habe ich mir ein Schreib-Set zum Spottpreis gekauft.

Nebenbei: Ich habe das Zitat aus dem Philobiblon in drei Schriftvarianten gezeigt, weil heutigen Leserinnen/Lesern die Fraktur und ihre Handschriftvariante Kurrent ganz fremd sind. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hingegen schreibt die gegenteilige Erfahrung, denn zu seiner Zeit waren deutsche Texte überwiegend in Fraktur gedruckt und Antiquaschrift wirkte befremdlich: Lichtenberg: „Wenn ich ein deutsches Buch mit lateinischen Buchstaben [Antiqua] lese, so kommt es mir immer vor, als müsste ich es mir erst übersetzen, eben so wenn ich das Buch verkehrt in die Hand nehme und lese, ein Beweis, wie sehr unsere Begriffe selbst von diesen Zeichen abhängen.“

Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

Plausch mit Frau Nettesheim – Dumm und dümmer


Trithemius
Was ist denn das für ein nasses Zeug, das da vom Himmel fällt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Auf den Quatsch falle ich nicht rein, Trithemius.

Trithemius
Diente auch nur der Gesprächseröffnung. Ich wollte Sie etwas anderes fragen, aber nicht mit der Tür ins Haus und so. Als ich mir gestern Texte aus Band 2 des PentAgrion durchlas, fand ich, dass sie viel essayistischer waren, weniger erzählend. Glauben Sie, dass ich vor meinem Schlaganfall klüger war als ich heute bin?

Frau Nettesheim
Nein, Sie schrieben die essayistischen Passagen als PentAgrion. Der ist klüger als Sie. Eigentlich sind viele Figuren in Ihrem erzählerischen Kosmos klüger als Sie, auch Jeremias Coster. Sie schaffen Figuren, die klüger als Sie sind: PentAgrion, Coster; witziger und radikaler: Volontär Hanno P. Schmock; unfähiger: die Teppichhaus-Humorexperten; irrwitziger: Chefredakteur Julius Trittenheim. Je nach Rolle, ändern sich Ihr Schreibstil und der Anteil an Intelligenz im Text. Als Trithemius sind Sie eindeutig der Dümmste und Eitelste.

Trithemius
Na, erlauben Sie mal, Frau Nettesheim! Das will ich überhört haben. Aber bedeutet Ihre These, ich müsste mir nur einen Bestsellerautor als Alter Ego erdenken, und schon schriebe ich einen Bestseller?

Frau Nettesheim
Nö, das können Sie nicht.

Trithemius
Warum nicht?

Frau Nettesheim
Wenn Sie schreiben wollten wie ein Bestsellerautor, würden Sie sich zu sehr schämen. Dann würde es nichts, nur ein hoffnungsloses Gewürge.

Trithemius
Glücklicherweise sind wenigstens Sie nicht klüger als ich, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie kommen Sie darauf?

Trithemius
Na, wer mir nicht mal sagen kann, was für ein nasses Zeug eben vom Himmel fiel…

Costers Fragmente

„Es geschieht immer öfter“, sagte Coster, „dass meine Texte fragmentarisch bleiben, als würden bei einem Hausbau alle gleichzeitig das Werkzeug fallen lassen und sich von der Baustelle entfernen. Hier wurde gerade ein artiger Torbogen gemauert, dort ein hübsches Türmchen hochgezogen, und jetzt geht es einfach nicht weiter. Da die Texte digital entstehen und gespeichert werden, geraten sie rasch in Vergessenheit. Nie wird eine Leserin ihren Kopf zum Tor hineinstecken und die angrenzenden Räume inspizieren, nie ein Leser das Türmchen besteigen, die enge Wendeltreppe hoch schnaufen, um oben befreit auf die Balustrade zu treten und den Blick übers Land schweifen zu lassen. Nie wird einer von der hohen Warte sehen, wie die Maurer in alle Himmelsrichtungen fortlaufen, nie wird sie jemand zurück an die Arbeit rufen, bevor sie hinterm Horizont versinken.

Dabei gäbe es schon einiges im Haus zu sehen. Da ist beispielsweise der freundliche marokkanische Friseur, dessen Ahnen Berber waren. Er hat sein Handwerk in Brüssel und Lüttich gelernt. Es ist eine Lust den geschickten jungen Mann bei der Arbeit zu beobachten, in dessen Folge man von sich sagen kann: „Ich habe die Haare schön.“ Er rennt doch auch nicht mitten in der Arbeit weg und lässt seinen Kunden halb barbiert zurück. Dabei hätte er Grund genug, denn er fastet zwischen Sonnenauf- und untergang, darf auch bei der Hitze des Tages nichts trinken und ist am Abend ganz ausgelaugt. Er spreche zwar arabisch, aber seine Muttersprache sei Berberisch, sagt er. Weil er nichts über Berberisch weiß, fragt der Kunde, ob der Friseur denn auch Französisch könne und schämt sich sogleich, Marokko mit Algerien verwechselt zu haben. Nein, man lerne es zwar in der Schule, aber viel könne er nicht. In seinem Land werde ja auch Spanisch gesprochen. „Aber wir haben die Spanier hinausgeworfen“, sagt er stolz, jetzt säßen die nur noch auf zwei Inseln. Zu Hause recherchiert der Kunde, dass die „Inseln“ spanische Enklaven sind, die an der marokkanischen Küste liegenden Städte Ceuta und Mellila.

In der beinah fertigen Halle könnte man von Konrad Zuse lesen, dem deutschen Ingenieur, der im Jahr 1935 den ersten Computer gebaut hat. Sein Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben.

Unterm Dach wäre der seltsame Traum Windhagens zu lesen: Er hatte wieder von Sofia geträumt. Es war ein Alptraum gewesen, denn Sofia hatte ihr sexuelles Interesse an ihm verloren und er hatte allerhand verzweifelte Versuche unternommen, es wieder zu wecken. In seiner Verzweiflung hatte Windhagen eine lebendige Ente verschlungen, hatte sie sich weit hinten in den Hals geschoben, damit keinerlei Zweifel möglich war, dass er die Ente verschlingen wollte. Im Traum hatte er sich leicht besorgt gefragt, was wohl sein Magen über die Federn der Ente sagen würde. Wie lange würde die Ente noch leben? Er hatte sie ja nicht zerbissen, sondern komplett geschluckt. Hatte sie verstanden, was mit ihr geschah? Würde sie wittern, woher die Gefahr ihr drohte, wenn sein Magen seltsame Säuren auf sie regnen ließe? Wie lange kann eine Ente wohl ohne Sauerstoff auskommen?

„Das, mein Lieber, sind nur drei der Fragmente im unfertigen Haus“, fuhr Coster fort „Würden wir all das Angefangene besichtigen, hätten wir Tage zu tun. Vielleicht ist das der Grund, warum die Maurer fortgelaufen sind. Sie sind über den komplizierten Plänen verzweifelt, hätten sich einen Bauleiter gewünscht, der Ordnung in alles gebracht hätte. Der gesagt hätte, du machst jetzt das und das so und so, und lass dich nicht ablenken von weltlichen Genüssen.“

„Ja, aber“, wende ich ein, „das und das und so und so ist keine Anweisung, nach der jemand arbeiten könnte. Das könnte auch ein barbierender Berber nicht. Das und das und so und so verlangt vom Maurer eine Transferleistung und soviel schöpferische Kraft, da kann er gleich auf jeden Plan und den unfähigen Bauleiter verzichten.“

„Du hast leider Recht“, sagte Coster. „drum bleibt eben alles Fragment. Ich bin, um es mit einem Roman von Herbert Rosendorfer zu sagen, einfach ein textlicher „Ruinenbaumeister.“ Sprachs und folgte den Maurern. Ich sah ihm hinterher, bis er hinterm Horizont verschwunden war.

Aus dem Off – Weckerchen Holger und der Zauber des Schreibens

Als ich heute Morgen sah, was für ein trübes, nasses Grau mir als Tageslicht geboten wurde, erfasste mich bodenloser Grimm. Ich schimpfte und tobte. Sogar das rote Kontrolllämpchen am Kaffeeautomaten zitterte, obwohl es als einziges einen tröstenden Schein spendete. Alles ringsum bedrohte ich, fuchtelte mit dem gestreckten Zeigefinger herum, als wärs mein schwerer Trommelrevolver. Die Bilder, der Fernseher, die Lampen, sie müssten dran glauben, stieß ich hervor. Sogar in den Vorhang drohte ich zu schießen, worauf er freilich nur höhnisch wehte.

Als erstes verlor Weckerchen Holger die Nerven und hub gleich an zu jammern. Es wär ja noch so jung, hätte längst nicht so viele Stunden gezählt wie seine Großmutter, die gute 50er-Jahre Wanduhr, von der es bedauerlicher Weise fast nichts wüsste, nur dass sie Jahrzehnte im linksrheinischen Dorfe Ramrath in einer Bauernküche im Kochdunst gehangen, bevor sie, o Schmach, von einem levantinischen Händler, vermutlich einem windigen Türken, auf dem Flohmarkt verkauft wurde. Das ging zu weit! Wenn Weckerchen anfangen, von ihrer schmantigen Oma zu erzählen und ausländische Mitbürger mit hässlichen Adjektivattributen belegen … Ich hob Weckerchen Holger mit zwei Fingern der Linken hoch und schoss ihm genau ins Ziffernblatt. Mittenrein! Ein Blattschuss!

Jetzt war klar, dass ich es ernst meinte. Nur die gelbe Engeltasse Cornelié, aus der ich morgens meinen Kaffee trinke, die blieb ganz ruhig. Sie hatte erfahren, dass Hitze sich irgendwann naturgemäß abkühlt, hatte schon oft zuerst heißen, dann lauen und zuletzt kalten Kaffee erlebt. Außerdem wusste sie um ihre seit Jahren unangefochtene Sonderstellung, weil ich sie zu behandeln pflege wie ein rohes Ei, was schon so manche versteckte Eifersucht hatte aufkeimen lassen. Tatsächlich wurde ich bald darauf schon wieder friedlich, derweil ich die Ereignisse aufschrieb. Der Zauber des Schreibens! Anfangs hatten die Tasten im Tastenboard sich noch ängstlich unter dem heftigen Anschlag meiner Finger geduckt. Doch hatte ich sie einmal erniedrigt, hoben sie wieder ihre Köpfe. Ganz schön kess, die jungen Dinger! So nahm der Morgen seinen gewohnten Gang. Nur Weckerchen Holger wird leider nie mehr ticken.

Upcycelt: Erstveröffentlichung am 28. August 2015 im Teestübchen

Meisters Gesellenstück – Ein Essay über das Schreiben

Links von meinem Schreibtisch hängt ein Essay über das Schreiben mit dem Computer und die damit einhergehende Demokratisierung der technischen Schrift, den ich im Jahr 1992 verfasst und kalligrafisch geschrieben habe. Es gibt von den Blättern im Format 50 x 70 cm mehrere Varianten. Anlass war der damals marktschreierisch beworbene ergonomische Colani-Computer der Firma Vobis. Der deutsche Designer Luigi Colani ist, wie Wikipedia charakterisiert „vor allem durch seine aerodynamischen und biomorphen Formen für Autos, Flugzeuge und Konsumgüter bekannt geworden.“

Die biomorphe Formgebung eines Computers war mir damals eine Horrorvorstellung, vor allem im Hinblick auf den Prozess des Schreibens. Aber lesen Sie selbst (bitte 2 x anklicken und bei Bedarf mit [Strg +] weiter vergrößern). Der Essay ist nach 25 Jahren noch aktuell, vor allem hinsichtlich der aktuellen Diskussion zum Thema Handschrift. Die kulturpessimistischen Äußerungen würde ich nach meinen Erfahrungen mit dem Internet heute relativieren wollen.

Des Meisters Gesellenstück, Kalligrafie JvdL, 1992

Damals übte ich mich in Kalligrafie und in verschiedenen Handschriften. Daher habe ich den Text mehrfach geschrieben, hier in der englischen Schulausgangsschrift von Alfred Fairbank. Der Schriftblock hat einen Randausgleich. Um ihn zu erzielen, muss man jede Zeile zweimal schreiben, die erste Version zeilenweise auseinanderschneiden und jede Zeile über die zu schreibende Zeile legen, um zu sehen, wie weit oder eng man schreiben muss und wo eine Worttrennung nötig ist. Man braucht also viel Geduld. Dafür ist das Ergebnis beständiger als ein vergleichsweise hastig getippter digitaler Text. Hier eine weitere Fassung, aus zwei verschiedenen Blättern zusammengestellt und für die Darstellung am Computer vierspaltig umbrochen.

Plausch mit Frau Nettesheim – Instrumentelles Husten

frau-nettesheimichTrithemius – Sie sollten nicht denken, ich wäre untätig, wenn ich nichts Neues veröffentliche, Frau Nettesheim. Manchmal sitze ich stundenlang an einer Gif-Animation oder an einem Text, lade sie sogar hoch ins Blog, um sie am Ende als nicht gut genug zu verwerfen.

Frau Nettesheim – „Nicht gut genug“ für wen?

Trithemius – Für mich. Wenn ich mich nicht selbst an einer Veröffentlichung erfreuen kann, wie kann ich erwarten, dass es andere tun.

Frau Nettesheim – Was missfällt Ihnen?

Trithemius – Ach, hohe Frau, Schreiben und Gestalten geht viel zu leicht. Einst hat man die Tinte selbst anreiben und sich Gänsefedern zurechtschneiden müssen. Und? Konnte man dann loslegen? Nein, da fehlte noch der Beschreibstoff. Zur Not schnitt man sich eben die Ränder aus Büchern aus, um drauf schreiben zu können. Wenn ich keinen Beschreibstoff hätte und ich müsste in öffentlichen Bibliotheken heimlich leere Seiten aus Büchern reißen, dann wüsste ich das Schreiben wieder zu würdigen.

Frau Nettesheim – Wieso reißen Sie die Seiten nicht aus eigenen Büchern? Das wäre weniger kriminell. Stehen doch genug im Regal?

Trithemius – Aber das wäre ja keine Schwierigkeit. Es muss schwierig sein, damit es etwas wert ist. Man wählt ein Buch, schlägt den Schmutztitel auf, schaut sich um, ob keiner in der Nähe ist, hustet und reißt gleichzeitig. Instrumentelles Husten, Sie verstehen, hihi!

Frau Nettesheim – Ich glaube nicht, dass Sie das fertigbringen. Dazu sind Sie doch viel zu brav, Trithemius.

Trithemius – Jetzt bremsen Sie mich nicht aus, Frau Nettesheim. Sonst gibt es bald keine Texte mehr. Übrigens war ich kürzlich nach Jahren wieder mal in einer Bibliothek. Ein Freund, mit dem ich am Lindener Markt essen war, wollte in der Stadtteilbibliothek im Lindener Rathaus ein bestelltes Buch abholen. Also begleitete ich ihn. Im Eingangsbereich saßen drei Damen. Ich dachte, sie wären für die Verbuchung der Ausleihe zuständig. Aber das wars gar nicht. Verbuchung und Rückgabe sind automatisiert. Wie der Freund mir demonstrierte, erledigt der Kunde alles selbst. Im Prinzip bräuchte man keine Bibliotheksangestellten mehr. Vermutlich werden die nur weiter beschäftigt, damit einer wie ich sich nicht traut, Schmutztitel aus Büchern zu reißen.

Frau Nettesheim – Sehen Sie sich vor! Für Typen wie Sie hat man gewiss Überwachungskameras.

Adventskalender – Nachtrag zum 18. Türchen – Eynes meysters hant – Schreiben abseits der Millionen – trotzdem unbezahlbar


Dieser Text wurde im Jahr 2012 gechrieben, nicht auf irgendeinen Beschreibstoff, sondern am Bildschirm, wo mir beim Schreiben ein digital erzeugtes weißes Blatt von etwa dem Format DIN-A4 simuliert wird, und wenn ich auf der Tastatur einen Buchstaben anschlage, erscheinen auf diesem simulierten Blatt die entsprechenden Buchstaben in der Drucktype Times New Roman 12 Pica groß. Fast alle Vorgänge des Schreibens sind automatisiert, und in der Automatisierung steckt Expertenwissen, beispielsweise des Schriftgestalters der Times New Roman, Stanley Morison. Er hat sie 1931-32 im Auftrag der Londoner Times gestaltet, mit der Vorgabe, die Schrift solle „einfach, mannhaft und englisch“ wirken. Zu lesen ist dieser Text nach seiner Veröffentlichung im Teestübchen jedoch in Open Sans. Die Schrift ist im Jahr 2010 vom Schriftdesigner Steve Matteson für Google entwickelt worden. Ziel war eine gut auf Bildschirmen lesbare Schrift mit einer freundlichen Ausstrahlung.
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Vorsorgliche Bemerkungen über nichts

An manchen Tagen kann ich nicht gut schreiben. Gestern war wieder so ein Tag. Es geht los damit, dass ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche. Das ist nicht zum Schmunzeln. Dieser Text hier soll überhaupt nicht erheitern. Ich sehe noch Herrn Leisetöne gestern im Vogelfrei, wie er schmunzelnd sein Notizbuch aufschlägt und diese meine Klage hier notiert. „So ein Mist“, habe ich gedacht. „Jetzt finde ich mein Problem demnächst in Leisetönes Blog wieder, zu aller Leute Heiterkeit.“ Oder er schreibt wieder irgendwas Schreckliches über den Geistesblitz und gibt mir die Schuld, weil ich gesagt habe, er dürfe nicht über eine spekulative Idee schreiben, die ich vertrauenselig am Biertisch geäußert hatte. Leisetöne kann natürlich schreiben, was er will. Darum muss ich ihm zuvor kommen, um wenigstens die Deutungshoheit mir zu sichern. Sorry, der letzte Satz zeigt eine Restsymptomatik meiner Probleme von gestern. Eigentlich gehört das arme Wörtchen „mir“ nämlich nicht hinter das erdrückende Substantiv „Deutungshoheit“, wo es steht, als würde ich noch kurz vor Satzende eine verhunzte Pirouette drehen. Eigentlich stand „mir“ hinter „Um“. Aber weil ich irgendwann letztens behauptet habe, es wäre ein Stilfehler, wenn Wörter mit dem Buchstaben anlauten, mit dem das vorangehende auslautet, also „um mir“ nicht gelten lassen wollte, aber zu faul oder zu eilig war, mir eine bessere Wendung zu überlegen, steht „mir“ jetzt verlegen hinter „Deutungshoheit“ rum und dreht die Kappe in der Hand wie ein Bauer, der seinen Grundherrn um Erlass des Zehnten bitten will, weil die Ernte verregnet ist.

Um das Nicht-gelten-lassen-können geht es nämlich. Wenn ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche, durchstoße ich mit dem letzten Löschakt die dünne Membran, die meine Wirklichkeit umgibt. Niemand soll leichtfertig glauben, dass einfach zu schreiben wäre, wo Wort Nummer fünf sich ausgelöscht befindet. Ein gelöschtes Wort, das es gar nicht gab. Ich bitte dich. Wenn du ein Wort auslöschst, das es gar nicht gibt, ja, was glaubst du da zu tun? Wo glaubst du befindest du dich?

Schreiben findet in der 3. Dimension statt. Ein Text auf dem Bildschirm ist zweidimensional, wenn ich nur einen Punkt schreibe, also . befinden wir uns in der ersten Dimension, aber wo Wörter gelöscht werden, die gar nicht da waren, ist null Dimension oder schlimmer noch -1. Dimension. Ein Mathematiker könnte vielleicht damit umgehen. Die Kerle rechnen sogar mit negativen Zahlen, aber ich kann an einem solchen Ort nicht stehen, geschweige denn vernünftig schreiben. Es ist da nicht nur kein fester Untergrund, da ist Chaos. Da schwirren Gedanken herum, schießen quasi durch die Gegend wie ein Haufen Schwalben auf der Jagd nach fetten Mücken, wobei sie sich vor lauter Gier gegenseitig in die Quere kommen, so dass kaum eine Schwalbe je was fängt. Aber eigentlich ist da gar nichts, und ich bin hin- und hergerissen.

Exponat der Ausstellung F. W. Bernstein zum 75. Geburtstag – Foto: Trithemius

An meinem Text über den Strategischen Bahndamm kann jeder ablesen, dass ich meine Kindheit in einer reizarmen Gegend verbracht habe. Da war ich gezwungen, auch Kleinigkeiten zu beachten, um genug Nahrung für meine angeborene Neugier zu finden. Folglich ist ein Zuviel an Dingen schädlich für mein Denken. Am besten kann nämlich einer wie ich über gar nichts schreiben. Beziehungsweise über das winzige bisschen zwischen gar nichts und nichts. Entsprechend besteht mein Beitrag zum wunderbaren Wikipedia darin, dass ich ein bisschen über nichts geschrieben habe, nämlich über die Abwesenheit von Information, den Wortzwischenraum, genauer das Leerzeichen.

Weil in meinem Kopf so ein Durcheinander von sich gegenseitig behindernden Gedanken war, konnte ich gestern kaum ordentlich kommentieren. Wer einen einigermaßen vernünftig erscheinenden Kommentar von mir bekam, sollte bedenken, dass ich ewig lang daran herumgeschnitzt habe und am Schluss dachte, naja, ein krummer Stock wird auch nicht gerade, wenn ich Muster in seine Rinde schneide. Und genauso erging es mir, als ich versuchte, einen eigenen Text zu schreiben.

Mein gestriger Text hat es nur mit Müh und Not durch die strengen Teestübchen-Qualitätskriterien geschafft, der krumme Hund. Wenn überhaupt hätte er enden müssen bei dem Wort „hässlich.“ Die Sache war ausgereizt. Und nur weil ich dachte, die Leute sollen nicht mit dem Wort „hässlich“ im Gepäck nach Hause gehen, derweil ich gesellig im Vogelfrei sitze, habe ich noch einen Schluss drangewurschtelt, in dem ein neuer Aspekt aufgeworfen wurde. Ursprünglich hatte da noch was ganz anderes gestanden, aber das will ich jetzt nicht ausführen, sonst lösche ich alles wieder. Und ein Wort mehr. Jedenfalls kann Leisetöne jetzt schreiben, was er will, denn die Deutungshoheit über mein Schreibproblem habe jetzt ich, mein junger Freund.