Von Armut und Schweinen

„Oach, ich bin ja so müd“, seufzte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.
„Zu müde für das auslautende e, Professor?“
„An manchn Tagn ist halt in allm Mangl, und mit e muss ich sparsam haushaltn.“
„Wussten Sie, dass Arno Schmidt Zeit seines Lebens arm gewesen ist? Seine Frau Alice kannte nichts anderes als sparsam haushalten. Erst als im Jahr 1977 Jan Philipp Reemtsma ihm 350.000 Mark zukommen ließ, den Gegenwert eines Literaturnobelpreises, erst dann waren Schmidt und seine Frau die materiellen Sorgen los.“
„Das Geld kam offenbar zu spät.“
„Ja, Arno Schmidt ist zwei Jahre darauf gestorben.“

„Tragisch. Ich bin als Kind auch arm gewesen“, sagte Coster. „Nach dem frühen Tod meines Vaters sind wir arme Leut gewesen. Mir als Kind fiel das nur auf, wenn ich basteln wollte und meine Mutter kein Geld für ein Tübchen Uhu hatte. Sie mischte dann Kleber aus Mehl und Wasser, was ungeeignet für Papierarbeiten war, weil sich das Papier unter der Nässe wellte. Zu essen hatten wir genug, Obst und Gemüse aus dem Garten meiner Großeltern, und in einem lichtlosen, mit Ratten verseuchten Schuppen mästete meine Mutter ein Schwein. Trotz seiner erbärmlichen Umstände quiekte das Schwein schrecklich um sein elendes Leben, wenn mein Onkel, der Metzger, es an den Ohren aus seinem engen Verschlag zog, um es in der Waschküche zu töten und komplett zu zerlegen.
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So richtich ›pattsch‹?! – Zu Besuch bei Arno Schmidt

„Hier!“, rief Holzwurm und wedelte mit der Hand, welche ihm angeblich Playboy Gunter Sachs gedrückt hatte, „Ungewaschen! Uuungewaschen!“ Mit seinem Kabrio, einem kleinen, hässlichen Auto ohne Klasse, war der Berusschullehrer tanken gewesen und hatte an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpress herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und betankte seinen Porsche, worin sich eine blonde Schönheit langweilte. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur dass ihm die blonde Schönheit fehlte. Aber dafür hatte Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und gefragt:
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Herr Gunter Sachs persönlich? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte gönnerhaft bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

„“Ungewaschen!“ kann ich leider nicht rufen. Den Zeigefinger, den ich auf Arno Schmidts Schreibmaschinentastatur gelegt habe, habe ich wegen der Hygieneempfehlungen unserer fürsorglichen Bundesregierung längst waschen müssen. Und umgekehrt ist meine Fingerkuppe durchaus propper gewesen. Trotzdem denke ich inzwischen, Hallo! Wenn das jeder machen würde! Wenn jeder hergelaufene Heinrich und Konrad vulgo Hinz und Kunz in Arno Schmidts letztem Wohnhaus in Bargfeld herumlatschen und seinen Finger auf die Schreibmaschinentasten legen würde, ja, wo bliebe dann Arno Schmidts DNA? Am Ende sind noch dreiste Zehnfingerschreiber darunter, nicht so bescheidne wie ich, der ich nach dem polizeibekannten Terroristensystem schreibe: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Angeschlagen habe ich sowieso keine Taste, denn es war ja kein Papier eingespannt. Ich habe die Buchstaben meines Namens nur ein klein bisschen heruntergedrückt, dass die Typenhebel sich anhoben. Hab mich quasi auf Arno Schmidts Schreibmaschine in die Luft geschrieben. Auf die blanke Walze zu schlagen, hätte ich mich nicht getraut. Schließlich lag Schmidts strenge Brille noch neben der Maschine, als würde er gleich zurückkommen und maulen: „Wie kann er es wagen, am Hause der Herrschaft sein Wasser abzuschlagen?!“
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Eine Schreibmaschine bei Fräulein Schlicht und vom Schreiben mit Maschinen

Zum Mittagessen erneut bei Fräulein Schlicht, sitze ich an der Stirnseite des Raums auf einer Empore bequem an einem großen Tisch und habe das gesamte Lokal vor Augen. Statt Fräulein Schlicht steht ein freundlicher junger Mann hinter der Theke. Er hat die Haare oben auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden. Vor mir auf der Abtrennung der Empore steht seitlich zu mir eine alte Schreibmaschine. Das metallene Gehäuse ist schwarz lackiert und ihr offenes Gehäuse gibt den Blick auf die Mechanik frei. Darin blinkt silbern die Klingel, die immer am Zeilenende ertönt. Mit dieser Klingel hat es eine eigenartige Bewandtnis. Das Ende einer Zeile bedeutet ja nichts, hat keine inhaltliche Bedeutung wie etwa der Wortabstand oder der Absatz. Es ist gerade eine Kulturleistung, dass wir das Zeilenende ignorieren und darin keine Unterbrechung der Rede sehen. Wer jedoch mit einer Schreibmaschine schreibt, wird durch das Klingeln ständig darauf hingewiesen, dass das Ende der Zeile erreicht ist. Man könnte sagen, sein Schreiben ist von einem bedeutungslosen Klingelzeichen getaktet. Es gibt an, dass die Zeilenschaltung betätigt und der Schlitten nach links geschoben werden muss. Dass der Schreibfluss immer wieder von den Erfordernissen der Mechanik unterbrochen wird, ist ein Merkmal des Schreibens mit mechanischen Maschinen. Es ist unwägbar, wie die sinnlose Klingelei das Schreiben beeinflusst hat.

Schreibmaschinen waren freilich nicht für die freie Textproduktion gemacht, sondern dienten primär dem Abschreiben. Trotzdem haben viele Autoren sie zum freien Schreiben genutzt. Mark Twain war Ende des 19. Jahrhunderts ein erster Nutzer der Remington und trachtete danach, immer das neuste Modell zu haben. Franz Kafka schrieb auf einer Oliver 5. Und Arno Schmidt hat sein Monumentalwerk „Zettel’s Traum“, die 1334 DIN-A3-Seiten mit einer Schreibmaschine der Marke Adler als dreispaltiges Typoskript gestaltet.

Ich frage den jungen Mann bei Fräulein Schlicht, welches Modell da steht. Er schaut nach und sagt „Continental.“ Die Continental ist eine Schreibmaschinenmarke der Firma Wanderer, erstmals in Serie gefertigt im Jahr 1904. Vermutlich stammt die Schreibmaschine vom Flohmarkt und ist nur Dekoration, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr letzter Besitzer hier bei Fräulein Schlicht dran gesessen hat und beim Tippen verröchelt ist. Den Satz schreibe ich mit der Hand in mein Notizbüchlein. Der junge Mann sagt, er schreibe auch und würde es gern mit einer Schreibmaschine tun. Aber wenn man dann korrigiere, sähe das Blatt bald unschön aus. „Dafür hatten wir früher Tipp-Ex, was ganz aus unserem Alltag verschwunden ist“, sage ich.

Seine Bemerkung zeigt, wie sich unter dem Einfluss des Computers das Schreiben verändert hat. Im Jahr 1989, als die digitale Textverarbeitung relativ neu war und noch von vielen abgelehnt wurde, lobte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift: „Kreativität und Textverarbeitung“ die neue Form des Schreibens als Hilfe bei der Überwindung von Schreibblockaden:

„Sie möchten Gedanken – die häufig nicht mal zu Ende gedacht sind – in Worte fassen und sie im selben Arbeitsgang optimal ausformulieren. Dies führt in vielen Fällen zu einer Art Schreibblockade.“

Dieses Problem löst die kreative Textverarbeitung und wie? Federleicht. Der Textauszug beschreibt ziemlich genau, wie sich das Schreiben durch die Textverarbeitung verändert hat. Das ist kein Schreiben, das mit gelegentlichen Tipp-Ex-Korrekturen auskommt, sondern ein provisorisches Schreiben aus einem Wust ungeordneter Gedanken heraus. Da knallt kein Buchstabe durchs Farbband auf Papier und steht unverrückbar da, sondern alles ist zuerst nur Probehandeln. Denn man hat ja vorher nichts wirklich bedenken müssen, fängt an mit einer ungefähren Idee und weiß selbst nicht, was o Wunder, dann später mal da stehen wird. Gut 30 Jahre Textverarbeitung haben eine neue Form des diffusen Denkens hervorgebracht: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?

Mit dem Satz: „Ihre Gedanken zu einem Thema können sich allmählich beim Schreiben verfestigen“, spielt der Autor an auf den Essay, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Heinrich von Kleist (1805). Nähert sich digitales Schreiben tatsächlich derart der mündlichen Sprachverwendung an? Hier verwechselt der Autor der SZ etwas. Die Schriftsprache funktioniert so nicht. Es fehlt der Kommunikationspartner, ein Gegenüber. Der Sprecher hat ein Gegenüber vor Augen, achtet beim Sprechen auf dessen Gestik und Mimik. Hört mein Gegenüber gespannt zu? Runzelt er im Unverstand die Brauen oder lächelt er zustimmend? Solche Wahrnehmungen beeinflussen den Inhalt seiner Rede. Alles findet statt in einer bestimmten Situation, mit definierter Absicht unter unwägbaren Bedingungen. Gesprochene Sprache entsteht im situativen Beziehungsgeflecht der Kommunikationspartner und wird von ihm geprägt.

Geschriebene Sprache ist dazu nicht gemacht, erst recht nicht, wenn der Kommunikationspartner der Computer ist. Schreiben als suchende Textverarbeitung, wie von der SZ dargestellt, ist etwas ganz anderes als Schreiben im Sinne von Gedankenfolgen entwickeln. Mag sein, dass in der von der SZ gefeierten Weise gute Texte entstehen können. Doch ihnen fehlt die Langsamkeit. Das langsame Schreiben zwingt zum genauen Denken und zur gedanklichen Durchdringung eines Themas.

Grafik: JvdL

Wie die SZ im Jahr 1989 für die Textverarbeitung glaubte werben zu müssen, müsste man gut 30 Jahre später für das gegenteilige Schreiben mit der Hand oder der Schreibmaschine werben. Da ich keine funktionierende Schreibmaschine mehr habe, nehme ich mir vor, wieder häufiger mit der Hand zu schreiben, damit ich nicht so oft schreibe, ohne vorher zu wissen was, also damit ich das strukturierte Denken nicht verlerne.