Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Jeremias Costers Abenteuer in der nur unscharf berechenbaren Randzone

Eines Tages sagte mein Freund Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, er habe seinen grünen Daumen verloren. Ich sah erschrocken auf seine Hände. Die Daumen waren noch dran. Seine Hanfpflanzen „Kirchspieler White Widow“ seien ihm eingegangen. Und er vertrete die Theorie, das Befinden einer Pflanze, mit der ein Mensch sich in Interaktion befinde, gebe Auskunft über dessen Seelenzustand. Daher sei er ein wenig beunruhigt. Es sei ein Berufsrisiko damit verbunden, Pataphysik zu lehren. Man schramme gezwungener Maßen am Wahnsinn vorbei. Immer an der Grenze entlang, sehe man aus der Alltagswelt den Irrsinn und aus den nur unscharf berechenbaren Randzonen den Wahnsinn winken. Deshalb müsse er sich wappnen. Gestern habe er sich aufs Rad gesetzt und sei hinter die niederländische Grenze gefahren, wo sich zwei Coffeeshops angesiedelt hätten.

Da habe ihn kurz vor der Grenze ein Polizeiauto überholt. Als er am alten Zollhaus vorbeigeradelt sei, habe dort das Polizeiauto versteckt geparkt. Er habe sein Rad dreist an den Laternenmast angeschlossen, genau vor dem Eingang des Coffeeshops, und sei hineingegangen. Der freundliche Glatzkopf im Coffeeshop habe ihm zwar nicht White Widow verkaufen können, dafür aber fünf Gramm Northern Light. Dann habe er gewarnt. „Passen Sie auf, die deutsche Polizei wartet hinter der Grenze!

Er, Coster, habe gesagt, deshalb werde er einen anderen Rückweg nehmen. Unter den Augen der Polizei sei er auf sein Rad gestiegen und habe einen Weg eingeschlagen, der auf der niederländischen Seite entlang der Grenze führt. An seinen Händen habe er leuchtend blaue Handschuhe getragen. Da habe er sich gedacht, diese Handschuhe seien ein Erkennungsmerkmal, ein Augennagel für ein Polizistenauge. Deshalb habe er die Handschuhe ausgezogen und in die Jacke gesteckt. Denn er habe sich denken können, dass die deutschen Polizisten von ihrem Auto aus in Kontakt mit den niederländischen Kollegen stünden.

An einem Wirtschaftsweg habe er die Grenze zu Deutschland wieder übertreten. Dieser Wirtschaftsweg führe zwei Kilometer schnurgeradeaus durch die Felder. Er sei schlammig gewesen und habe voller Pfützen gestanden. In der Ferne sei plötzlich ein Scheinwerferpaar aufgetaucht. Da habe er gedacht, wenn das mal kein Polizeiauto ist. Für einen Moment sei er beruhigt gewesen, denn das langsam größer werdende Auto habe, aus dem Dämmer heraustretend, weißrot geleuchtet. Doch dann habe er gesehen, dass ihm in voller Wegbreite ein niederländisches Polizeiauto entgegenkam.

Er sei ganz ruhig geblieben und gelassen auf das Auto zu geradelt, habe angehalten, als man Augenkontakt hatte. Dann habe er seine nackte Rechte gehoben und dem Polizisten freundlich in die Fahrerkabine gewinkt. Der habe seinen Gruß erwidert und ihn vorbeigelassen.

    „Hallo Duitse collega’s, ik heb geen man met blauwe handschoenen gezien…!“
    [Hallo deutsche Kollegen, ich habe keinen Mann mit blauen Handschuhen gesehen.]

Ja, Trithemius, sagte Professor Coster stolz. Mit ein bisschen Kenntnis in Wahrnehmungspsychologie kann man im Leben recht sicher vorankommen, auch wenn man von der Grenze aus ins verwirrende Dämmerlicht des Landesinneren fährt.

Last Exit – Erst der Spaß, dann das Vergüngen

    Andrea Heming hat hier das Fotografieren zur Dokumentation des eigenen Lebens thematisiert. Mir fiel ein, dass ich im August 2006 im alten Teppichhaus Trithemius bereits über das Phänomen der ständigen Knipserei geschrieben hatte. Vor gut 14 Jahren war mir das neu. Inzwischen habe ich auch ein Smartphone und knipse. Der Text vom Aachener Bahnhofsvorplatz zeigt also meinen noch unverfälschten Blick. Drum habe ich ihn unverändert ins Teestübchen gehoben:

Beton ist ja ein schöner Baustoff. Wenn man mich fragen würde, wie ein Bahnhofsvorplatz gestaltet werden sollte, und ich wäre gerade sturzbesoffen oder völlig bekifft, würde ich sagen: Gießt doch einfach eine große Betonplatte!

„Das Gebäude des Aachener Hauptbahnhofes aus dem Jahr 1905 ist für über 20 Millionen Euro modernisiert worden, zudem wurde auch der Vorplatz neu gestaltet“, meldet die Aachener Zeitung. Gestern habe ich mich dort eine Weile aufgehalten, und tatsächlich haben sie vor dem Bahnhof eine große Betonplatte gegossen, ganz ohne mich zu fragen.

Bereits den dritten Tag feierte man die Eröffnung des Hauptbahnhofes, und auf einer Bühne mühte sich eine Robbie-Williams-Coverband. Ein dickliches hässliches Männchen mit schwarzem ärmellosem Hemd und weißer Krawatte hat schön gesungen. Leider mochten die steifen Aachener nicht so recht Feuer fangen. „Kann ich euch da hinten mal haben!“, rief er nach dem ersten Lied und zeigte auch, wie man mit den Händen hoch über dem Kopf klatschen sollte, wenn er sang. Später rief er: „Aachen, wo seid ihr?!“ Da klang er schon ziemlich verzweifelt und hat überlegt, wann er denn endlich in Rente gehen kann.

Nun hat ja Alemannia Aachen gestern gegen Schalke 04 gespielt, und mit einem Mal strömten Fans aus den Bussen. Die in Schwarzgelb ließen die Nasen hängen und trollten sich zum Bahnhof. Die Blauweißen aber blieben und betanzten die Betonplatte. Ich glaube, wenn man auf relativ dünnen Beinen einen Schmerbauch mit sich trägt, kann man auf einer Betonplatte zur Musik einer Robbie-Williams-Coverband am besten tanzen, indem man tief in die Knie geht und so tut, als wollte man Kappes treten.

Da waren auch zwei Sängerinnen auf der Bühne. Vermutlich hatten sie sich zum Einstudieren ihrer Tanzbewegungen viele steinalte Videos der holländischen Frauenformation „Pussycat“ angeguckt. Jedenfalls habe ich so ein hölzernes Arm- und Hüftschwingen seit den 70ern nicht mehr gesehen. Dem mit der weißen Krawatte war es egal, und die Schalker Fans feierten sowieso sich selbst.

Ich saß ermattet auf der langen zweiseitigen Holzbank die die Betonplatte teilt. Bald hatte ich eine Gruppe Schalker Fans im Nacken. Sie standen über mir auf der anderen Bankseite und schwangen zur Musik ihre Schals und Flaschen. Manchmal strichen mir liebevoll die Fransen eines Fan-Schals über den Kopf. Doch ich rechne den Fans hoch an, dass sie mir weder Bier noch Alkopops in die Ohren gegossen haben. Ein Fan Ende zwanzig baute sich vor mir auf, um die Kumpels mit seinem Handy zu fotografieren. Das dauerte eine Weile, weil er zwischendurch angerufen wurde. Inzwischen versperrte er mir den Blick auf die Robbie-Williams-Coverband, und um mich für den entgangenen Genuss zu entschädigen, kam er anschließend zu mir und reichte mir die Hand. Er war ein stattlicher junger Mann, und deshalb habe ich erstaunt nachgeguckt, ob ich vielleicht einen toten Fisch angefasst hatte.

Mit dem Musikgenuss war es aus, denn er stellte sich seitlich von mir auf die Bank, beugte sich zu mir herunter und rief mir Sachen ins Ohr. Wie toll die Deutschen sind, so ein tolerantes und überhaupt das liebenswerteste Volk auf dem Erdball. Er musste es wissen, denn er kam aus Marl und studierte in Bielefeld. Grundschullehrer wolle er werden, denn es sei wichtig, schon den Lütten, den Stöpkes die richtige Weltsicht beizubringen. Bei denen geht die Botschaft noch voll rein in die Ganglien. Das Wort Ganglien hat er natürlich nicht benutzt. Sein Handy hat er mir auch in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe.

Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Inzwischen hatte sich die Robbie-Williams-Coverband schon von der Bühne gemacht. Ein Spaßvogel rief „Zugabe!“, und prompt kamen sie noch mal zurück. Weiße Krawatte rief all die verstreuten Grüppchen zu sich nach vorn an die Bühne, denn er wollte mindestens einmal die pralle Action von Händeschwingen, Mitsingen und über dem Kopf Klatschen.

Ich bin auch nach vorn und weiter Richtung Last Exit gegangen. Hab ja kein Fotohandy.

Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

Grafik: JvdL

arum sollte ein Ufo nicht die Form eines Containers haben? Was wissen wir schon darüber. Jedenfalls zieht ein Container unter den sich ballenden Kumuluswolken dahin und kreist über der fernen Stadt. Mal blitzt er silbrig im Sonnenlicht, mal verschmilzt er mit dem Schatten einer Wolke, verschwindet und taucht wieder auf. Die Sicht ist gut, am südöstlichen Horizont erhebt sich blaugrau die Eifel, doch die Stadt selbst ist nicht zu sehen. Sie liegt ja in einem Kessel, und ich schaue von der deutsch-niederländischen Grenze vergeblich nach ihren Türmen aus. Eigentlich sollte man sich nicht dauernd umsehen, wenn man vorwärts will. Das gilt beim Radfahren wie im Leben überhaupt, denn man neigt in die Richtung zu lenken, in die man schaut. Außerdem ist das hier keine gute Gegend, und ich bin fremd. Da gilt es vorauszuschauen. Doch jetzt führt die Straße eine Weile an der Grenze entlang. So kann ich während des Fahrens sehen, dass der außerirdische Container gerade den Lousberg überfliegt. Das gibt mir einen Größenvergleich. Demnach wäre der Container etwa 75 Meter lang. Das ist nicht viel für ein außerirdisches Flugobjekt. Es ist damit nicht länger als ein modernes Uboot.
Weiterlesen

Vorsicht! Nächtliche Aufhocker

Unweit der Aachener Bordellstraße steht eine Springbrunnenplastik namens Bahkauv. Die Plastik erinnert an einen nächtlichen Aufhocker, den angeblich schon Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, bekämpft hatte, leider vergeblich. Das Bahkauv lauerte noch Jahrhunderte an den Aachener Bächen. Bei Nacht erschreckte es betrunkene Männer, sprang in ihren Nacken und ließ sich tragen. Vermutlich haben notorische Zecher sich das Bahkauv ausgedacht, um ein für allemal ihr spätes Heimkehren zu erklären. Denn dass es schier unmöglich war, auf den wackligen Beinen der Trunkenheit ein schweres Bachkalb zu tragen, musste selbst die erboste Ehefrau einsehen, zumal es nicht ratsam war, das Bahkauv mit nach Hause zu bringen. Kam ein vom Bahkauv Befallener auf die Idee, um Erlösung zu beten, machte sich das teuflische Untier immer schwerer. Allein von Fluch und Schimpf wurde es leicht und hob sich davon. Das erklärt, warum im Herzen friedliche Mannspersonen nach einer Zechtour leider fluchen und schimpfen müssen, wenn sie es nach Hause schaffen wollen.

Eigentlich verbieten sich Witze oder Spekulationen über Familiennamen, doch manchmal kommt ein Name einfach zupass, weshalb man ja auch gerne „Nomen est Omen“ sagt. Jedenfalls hat eine Frida Hockauf, geborene Kloß, Weberin im Volkseigenen Betrieb (VEB) „Mechanische Weberei Zittau“, die Frida-Hockauf-Methode erfunden, eine in der DDR verwendete Methode zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aufhocker fallen offenbar nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen wie Frida Hockauf erdacht.

Den größten und mächtigsten Hockauf erdachte Konrad Zuse, Im Jahr 1938 baute er den ersten Computer, genannt Z (Zuse) 1. Der Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben. Mein Rechner ist einer der Ururenkel. Er kommt ganz leise daher. Sein Lüfter ist kaum zu hören, und oft weiß ich nicht, ob er ausgeschaltet ist oder nur schlummert. Er ist eben ein heimtückisches Bahkauv, jederzeit bereit aufzuhocken und mich bei den Ohren zu dirigieren. Diesen Text hat es mich zu schreiben gezwungen. Seltsam, ich war nicht einmal betrunken.

Wurm, Huhn und gute Eier

Der Mensch kann sich nur etwa eine Strecke von 50 Kilometern räumlich vorstellen. Es entspricht einem Tagesmarsch. 58 Kilometer war unsere Radtour nördlich von Aachen lang. Man kann sie sich also in etwa vorstellen. Wolf und ich schlängelten uns zuerst auf Nebenwegen bis Herzogenrath. Wir fuhren auch durch den kleinen Ort Wildnis. Es ist eigentlich nur ein Weiler, direkt an der Bahnlinie der Nederlandse Spoorwegen Richtung Heerlen. Wir sind nämlich fast ständig dem Grenzverlauf zwischen Deutschland und den Niederlanden gefolgt. Wildnis hätte ich gern als Postadresse. Nur wohnen will ich leider nicht dort. Doch aus Wildnis heraus ist es schön. Eine schmale Straße stößt steil aus dem Wurmtal hoch, durch die Reste des Auwaldes hindurch. Der Boden ist kiesig, weshalb wir auch während des Anstiegs das Förderband einer Kiesgrube hörten. Weiterlesen

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

An der Y-Gabel (2) – Achterbahnfahrt mit Lisette

Meine Exschülerin Christine, mit der ich 25 Jahre nach ihrem Abitur 1995 noch brieflichen Kontakt halte, schrieb mir eine Ansichtskarte aus Aachen. Sie sei nach zehn Jahren mal wieder dort gewesen, habe an mich denken müssen und die Ansichtskarte im Buchladen neben dem Café Kittel auf der Pontstraße gekauft. Wie schön, dachte ich, und dass es beides noch gibt, weil das Café Kittel entscheidende Bedeutung für meinen Lebensweg hatte. Ich säße nicht hier, wäre ein anderer und würde vermutlich nicht einmal bloggen, wüsste auch gar nicht, dass sich im Jahr 1998 mein Leben verzweigt hat wie an einer Ypsilongabel, dass mein altes beschauliches Dasein als Familienvater und Lehrer auseinanderflog und mein Leben den Weg nahm, in dessen Folge ich in Hannover landete und diese Zeilen schreibe. [Kartentext Aachener (Öcher) Platt: „Was du erzählst, das muss nicht stimmen. Es muss nur schön sein.“]

Weiterlesen

Wissenswertes über Roetgen

Wer Aachen in Richtung Süden über die Trierer Straße, die Bundesstraße 258, verlässt, erreicht nach etwa 17 Kilometern ein schnurgerades Steilstück, genannt Himmelsleiter. Die Himmelsleiter führt nicht in den Himmel, sondern zum Dorf Roetgen. Das Dorf hat nur einen kleinen Kern. Die meisten Häuser liegen ziemlich verstreut. Die alten Roetgener nennen ihren Ort „Röddschen“. Diese mundartlichen Fassung lässt erkennen, was es bedeutet: Kleine Rodung. Zusammen mit dem Ortsteil Rott galt Roetgen lange Zeit als das flächenmäßig größte Dorf Europas.

Kinder aus Rott, was übrigens auch „Rodung“ bedeutet, besuchen die Grundschule in Rötgen in einer eigenen Klasse. Wenn sich die Kinder beider Orte nach der Pause aufstellten, riefen die Rötgener: „Rott, Rott, Rott, Scheißkompott!“, die Rotter Kinder reimten: „Rötgen, Rötgen, angebissenes Brötchen!“

Im zweiten Weltkrieg war Roetgen, direkt an der Grenze zu Belgien, der erste deutsche Ort, der von den Amerikanern eingenommen wurde, weshalb die New York Times am 14. September 1944 überschwänglich berichtete, die Stadt Roetgen sei erobert worden. In Roetgen war man ziemlich stolz, von der New York Times zur Stadt erklärt worden zu sein.

Derzeit ist Rötgen wieder in den Medien, weil ein Tornado „eine Schneise der Verwüstung“ (O-Ton Feuerwehr) durchs Dorf gezogen, fünf Menschen verletzt und 40 Häuser beschädigt hat. „Der Tornado hatte in dem relativ kleinen Gebiet zwischen Rotter Gasse, Hauptstraße und Kuhberg sowie im Gewerbegebiet ihre [besser: „seine“] volle Zerstörungskraft entfaltet (…)“, berichtet die Aachener Zeitung. Diese Straßen kenne ich gut. Beim Radsporttraining kam ich oft von Belgien aus über die Grenzstation „Petergensfeld“ (gesprochen Peterchensfeld) hinab gesaust und fuhr weiter über die Hauptstraße, den Kuhberg zur Dreilägerbachtalsperre und am Fuß ihrer Staumauer vorbei weiter nach Rott. Übrigens sind die Schreibweisen Roetgen und Petergensfeld gute Beispiele der im Rheinland oft anzutreffenden Hyperkorrektur.

Hinter Roetgen folgt ein weiteres Steilstück der Himmelsleiter. Auch das führt nicht in den Himmel, sondern nach Fringshaus und weiter nach Konzen. Hinter Fringshaus quert die Bundesstraße 258 bis kurz vor Konzen belgisches Hoheitsgebiet. Wer dummerweise hier einen Unfall erlitt, musste auf den Krankenwagen aus dem 14 Kilometer entfernten belgischen Eupen warten. Dieser Zustand wurde erst in jüngster Zeit durch ein Amtshilfeabkommen zwischen Deutschland und Belgien beseitigt.

Nach den beiden Weltkriegen wurde zwischen Eupen und Roetgen im großen Stil Kaffee geschmuggelt. Da lieferten sich Schmuggler und Zollbeamte auf der oberen Himmelsleiter einige Schießereien. Roetgen und die Himmelsleitern werden mehrfach von der Vennbahntrasse gequert. Diese Bahnlinie ist, wo sie sich durch Deutschland schlängelt, ihrerseits belgisches Hoheitsgebiet. Einst wurden über das Gleis Militärgeräte transportiert, später verkehrte dort die touristische Vennbahn. Wer sich für die inzwischen stillgelegte Strecke hoch in Eifel und das Hohe Venn interessiert, kann sie im Buch „Nachtschwärmer online“ auf einer mystischen Draisine befahren.

Das war’s.

Tischnotizen

Mein weißer Arbeitstisch ist voller Bleistiftnotizen. Die meisten kann ich nicht mehr lesen, zu krakelig oder verwischt. Ein Passwort ist da notiert, ein Geburtstag, auch „5. Mai“ steht dort ohne Bezug. „Konrad Zuse 22. Juni 1910“, ist deutlich zu lesen, wurde aber als Schreibanlass von mir verpasst wie auch der „* 17. Mai Vilém Flusser.“ Über „Neutral-Moresnet 1816“ wollte ich unbedingt mal schreiben, wurde wieder daran erinnert, als ich kürzlich in Aachen war. Mein Schwiegersohn, ein Filmemacher und Kameramann beim WDR, erzählte mir von einem Schülerprojekt, in dessen Rahmen sie einen Film über Neutral Moresnet gedreht hätten, über dieses Stückchen Niemandsland der reichen Zinkvorkommen zwischen Belgien, den Niederlanden und Preußen, die Zuflucht der ungewollt schwangeren Dienstmädchen, der jungen Männer, die sich im 19. Jahrhundert dem Kriegsdienst entziehen wollten, wo der Grubenarzt Wilhelm Molly († 1919) den ersten Esperanto-Staat der Welt ausrufen wollte, genannt Amikejo [Esperanto für Ort der Freunde]. Just sein Todesjahr könnte ein kommender Erzählanlass sein – wenn ich ihn nicht wieder vergesse. Die Notizen auf dem Tisch bieten offenbar keine Gewähr.

Aachener Münsterplatz 9/2018 – Foto: JvdL

Dieser mein Schwiegersohn erzählt immer Dinge, die mich anregen, so auch, dass es nur in Aachen Streuselbrötchen zu kaufen gibt, wie er jüngst gehört hatte. In Hannover und anderswo kennt man die ähnlichen Streuseltaler, aber Streuselbrötchen gibt es nur in Aachen. Als ich dort war, habe ich wieder im Bäckereicafé Nobis gesessen, wo man durch die Fensterfront auf den belebten Münsterplatz schauen kann, hab den Trubel der Touristenströme genossen, von denen immer wieder Wellen ins Café hinein schwappten und sich hinter mir an der Theke knubbelten. Wer draußen an den Tischen saß, bot mir Fotomotiv für lustige Gif-Animationen wie hier und hier oder Erzählanlässe wie diese Impression:

Wenn man einen kleinen dicken Musikanten sieht in einem hellen Parka mit einer alten blauen Gitarre und daneben einen großen schmalen Musikanten in schwarzer Lederjacke mit einer Handtrommel und daneben einen kräftigen Musikanten auf einem Klapp-Rohrstuhl mit einem Akkordeon vorm Bauch, – falls man eine solche Musikantengruppe vor dem prächtigen Sparkassengebäude auf dem Münsterplatz sieht, dann ist es zusätzlich noch sehr hübsch, wenn sich zwischen dir und den drei Musikanten eine schallschluckende Fensterscheibe befindet.