Tischnotizen

Mein weißer Arbeitstisch ist voller Bleistiftnotizen. Die meisten kann ich nicht mehr lesen, zu krakelig oder verwischt. Ein Passwort ist da notiert, ein Geburtstag, auch „5. Mai“ steht dort ohne Bezug. „Konrad Zuse 22. Juni 1910“, ist deutlich zu lesen, wurde aber als Schreibanlass von mir verpasst wie auch der „* 17. Mai Vilém Flusser.“ Über „Neutral-Moresnet 1816“ wollte ich unbedingt mal schreiben, wurde wieder daran erinnert, als ich kürzlich in Aachen war. Mein Schwiegersohn, ein Filmemacher und Kameramann beim WDR, erzählte mir von einem Schülerprojekt, in dessen Rahmen sie einen Film über Neutral Moresnet gedreht hätten, über dieses Stückchen Niemandsland der reichen Zinkvorkommen zwischen Belgien, den Niederlanden und Preußen, die Zuflucht der ungewollt schwangeren Dienstmädchen, der jungen Männer, die sich im 19. Jahrhundert dem Kriegsdienst entziehen wollten, wo der Grubenarzt Wilhelm Molly († 1919) den ersten Esperanto-Staat der Welt ausrufen wollte, genannt Amikejo [Esperanto für Ort der Freunde]. Just sein Todesjahr könnte ein kommender Erzählanlass sein – wenn ich ihn nicht wieder vergesse. Die Notizen auf dem Tisch bieten offenbar keine Gewähr.

Aachener Münsterplatz 9/2018 – Foto: JvdL

Dieser mein Schwiegersohn erzählt immer Dinge, die mich anregen, so auch, dass es nur in Aachen Streuselbrötchen zu kaufen gibt, wie er jüngst gehört hatte. In Hannover und anderswo kennt man die ähnlichen Streuseltaler, aber Streuselbrötchen gibt es nur in Aachen. Als ich dort war, habe ich wieder im Bäckereicafé Nobis gesessen, wo man durch die Fensterfront auf den belebten Münsterplatz schauen kann, hab den Trubel der Touristenströme genossen, von denen immer wieder Wellen ins Café hinein schwappten und sich hinter mir an der Theke knubbelten. Wer draußen an den Tischen saß, bot mir Fotomotiv für lustige Gif-Animationen wie hier und hier oder Erzählanlässe wie diese Impression:

Wenn man einen kleinen dicken Musikanten sieht in einem hellen Parka mit einer alten blauen Gitarre und daneben einen großen schmalen Musikanten in schwarzer Lederjacke mit einer Handtrommel und daneben einen kräftigen Musikanten auf einem Klapp-Rohrstuhl mit einem Akkordeon vorm Bauch, – falls man eine solche Musikantengruppe vor dem prächtigen Sparkassengebäude auf dem Münsterplatz sieht, dann ist es zusätzlich noch sehr hübsch, wenn sich zwischen dir und den drei Musikanten eine schallschluckende Fensterscheibe befindet.

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Schuld war nur der Plastikeimer – Wie es mich von Aachen nach Hannover verschlug

Ich habe noch nie von einem Wasserfall geträumt. No, Sir. Doch eines Nachts so gegen Morgen, da plätscherte es in meine süßesten Träume, dass ich schon dachte: Endlich ist es soweit, mein erster geträumter Wasserfall! Da lief ich hin, denn ich wollte sehen, wie hoch der Sturzbach war. Er kam aus gut vier Metern Höhe herab, – und zwar hauptsächlich von der Zimmerdecke im Nebenraum. Und ich schlief auch nicht, sondern torkelte umher, als wäre ich just aus dem Tiefschlaf gerissen worden, in dem man bekanntlich gar nicht träumt.

Da traf es sich gut, dass ich im Nu durchnässt war, denn nichts weckt die Lebensgeister besser als eine kalte Dusche. Weil das Wasser leicht getrübt war, blieb ich nicht darunter stehen, sondern holte einen Eimer, um das kostbare Nass aufzufangen. Dann eilte ich die Treppe hinauf zu meinem Obernachbarn, klopfte und klingelte, hörte ein Grunzen und dann nichts mehr, klopfte und klingelte, rief durch die Tür. Auf ein neuerliches Grunzen konnte ich nicht mehr warten. Unten lief gerade der Eimer über. Ach, und wo war die Telefonnummer der Hausbesitzer? Der nässende Obernachbar war nämlich ihr Sohn, und sie würden eventuell wissen, was man tun muss, um ihn wach zu kriegen. Ich konnte die rettende Telefonnummer nicht finden, zumal ich dauernd Eimer ausgießen musste. Derweil der Sturzbach in einen zweiten Eimer pladderte, lief ich wieder hoch, und auf mein Klopfen öffnete nicht der grunzende Sohn, sondern sein Freund und Türnachbar nebenan. Er reichte mir sein Telefon mit der gewählten Nummer und holte eine Wanne, derweil ich Frau Hausbesitzerin alarmierte. Sie war nicht wirklich erfreut, versprach bald zu kommen und sagte, ich solle den Haupthahn schließen.
„Ja, wo ist denn der?“
„Sie haben einen in der Wohnung!“
„Ach, ich kann mit meinem Haupthahn das Wasser von oben stoppen?“
Das ist ja nicht völlig absurd, denn mit dem Haupthahn im Keller kann man sogar das Wasser der Dachetage abdrehen. Sie beschrieb mir, wo ich diesen Oberhaupthahn finden könnte, und er ließ sich auch tatsächlich schließen, was meinen Sturzbach allerdings nicht kümmerte. Es triefte und pladderte noch eine halbe Stunde weiter.

Von der 1. Etage dieses Hauses wurde ich durch einen versoffenen Studenten und seinen Eimer vertrieben – Foto: JvdL

Die Hausbesitzerin trat ein und beguckte sich die nasse Zimmerdecke. Sie holte eine Trittleiter und riss die nassen Rauhfaserbahnen herunter, was mir das Zimmer schön dekorierte, denn die Placken abgeplatzter Farbe schwammen hübsch über die Dielen. Draußen stand der verkaterte Sohn und guckte zu. Er bewegte sich erst, als ich provozierend sagte: „Und Mama macht den Dreck weg.“ Da zischte sie ihm etwas zu, worauf er sich bequemte und zu wischen begann. Später fragte ich ihn, was passiert sei, und er sagte, dass er im Rausch einen Eimer in die laufende Dusche gestellt habe. Am Nachmittag rollten Hausbesitzers zwei Raumentfeuchter in Kühlschrankgröße in meine Wohnung, deren Lärm mir in erster Linie die Energie absaugte. Mir war klar, dass ich die nächsten Wochen nicht in der Wohnung würde leben können.

Zu jener Zeit pendelte ich schon ein halbes Jahr zu einer Liebschaft in Hannover. Also fuhr ich jetzt für zwei Wochen hin, derweil Hausbesitzers meine Wohnung renovieren wollten. Die Frau organisierte für das nächste Wochenende acht Besichtigungstermine. Und bald darauf war mein Umzug nach Hannover perfekt. Rückblickend ist der Eimer, der mich aus Aachen vertrieb, übrigens klein und blassrosa.

Man könnte sagen, dass ich vor nun zehn Jahren meine Heimat leichtfertig verlassen habe – von den freundlichen Rheinländern zu den stieseligen Niedersachsen. Das ist wahr, allerdings reizte mich das Abenteuer, eine neue Stadt kennen zu lernen, die Stadt, in der Kurt Schwitters gelebt hatte. Außerdem war ich die Pendelei leid und konnte, wenn ich zu Gast in Hannover war, nicht schreiben. Selbst nach meiner Heimkehr dauerte es gut drei Tage, bis es wieder ging. Zudem war die Aachener Innenstadt voller schmerzlicher Erinnerungen für mich, und die hoffte ich, hinter mir zu lassen.

Allgemeine und spezielle Bemerkungen über Zugreisen

Bevor die schreckliche Plage Hartmut Mehdorn mit unausgegorenen Börsenplänen über die Deutsche Bahn gekommen ist und sie kaputt gespart hat, gab es eine tägliche IC-Verbindung Aachen – Berlin. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Aachen aus, die statt über Hannover über Hildesheim umgeleitet wurde und ich wunderte mich, denn Hildesheim hatte ich irgendwo in Süddeutschland vermutet. Der Zug hatte enorme Verspätung. Ein grimmiger junger Mann mit verdächtigem Aktenkoffer beleidigte darum die Zugbegleiterin aufs Übelste und zeterte, er müsse unbedingt dann und dann in Berlin sein. Ich ergänzte seine wütend hervorgestoßene Tirade meinem Reisegefährten: „Er muss da nämlich pünktlich einen erschießen.“ Das Opfer hat überlebt – dank Deutsche Bahn.

Freitags gibt es eine direkte IC-Verbindung Hannover – Aachen. Drum stieg ich letzten Freitag um 8:56 Uhr frohgemut in den Zug und genoss die Aussicht, nicht in Köln umsteigen zu müssen, diesem Bahnhof, der stets so überlaufen ist, dass man denken könnte, die halbe Welt hat kein Zuhause. Das schlimmste ist jedoch der Lärm in der Bahnhofshalle. Zwischen dem Dröhnen wartender ICE, dem Getöse an- und abfahrender Züge ist immer mal wieder eine komplett unverständliche Durchsage zu hören, die vermutlich vom bahneigenen Lärmdirigenten nur eingestreut wird, um die infernalische Kakophonie durch die Obertöne heller Frauenstimmen anzureichern.

In Köln stiegen viele Reisende aus, aber kaum welche zu, denn Berufspendler dürfen den IC nicht nehmen. Offenbar hatte es aber einen Personalwechsel gegeben. Ein gutgelaunter Rheinländer begrüßte per Durchsage die Fahrgäste „im IC der Deutschen Bahn zur Weiterfahrt nach Aachen. Unser nächster Halt ist der Weltbahnhof Düren.“ Da mussten die verbliebenen Mitreisenden schon lachen. Düren kennen Eingeweihte als Kaff, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Dann eine erneute Durchsage: „Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, kommen Sie in Wagen fünf. Da sitze ich nämlich“, kurze Pause, „aber nur bei Problemen.“ Nachdem wir den Weltbahnhof hinter uns gelassen hatten, näherten wir uns Aachen, und der Zugbegleiter, der nach Meinung einer jungen Frau wohl einen Clown gefrühstückt hatte, sagte:

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Aachen Hauptbahnhof. Unser Zug endet dort. Bitte denken Sie daran, beim Verlassen des Zuges Gepäckstücke und Kinder mitzunehmen.“

Sagt die junge Frau zu ihrer Mutter: „Da bekommt man doch gleich gute Laune.“ Oja, schön ists im Rheinland. Vor Aachen saust der Zug noch durch den Nirmer Tunnel.
Ein Kollege erzählte am Abend, sein alter Lateinlehrer habe immer gesagt: „Hinter dem Nirmer Tunnel beginnt die eurasische Steppe“, also von Aachen aus gesehen. Ein anderer Kollege nannte mich „liebe Jong.“
„Das hat schon lange niemand zu mir gesagt.“
„Wenn du auch so selten nach Aachen kommst.“

„Liebe Jong“ wäre ich auch diesseits des Nirmer Tunnels. Für mich beginnt die eurasische Steppe auf der rechten Rheinseite, „op de schäl Sick“ wie der Kölner sagt. Sobald mein Zug von der schäl Sick über die Hohenzollernbrücke auf die linke Rheinseite rollt, fühle ich mich zu Hause. Und das, obwohl ich doch schon 12 Jahre in Hannover lebe. Die Rückfahrt ist dann immer ein wenig befremdlich. In den dreieinhalb Stunden von Köln bis Hannover muss ich ein anderer werden, was sich auch zeigt in der Namensänderung. In der eurasischen Steppe kennt mich kaum jemand mit meinem richtigen Namen, sondern nur mit dem, der ich auch im Internet bin. Schon seltsam. Dabei habe ich die Frau, deretwegen ich hergezogen bin, nicht mal geliebt. Bei der Rückfahrt stieg übrigens im Weltbahnhof Düren eine Horde junger Frauen zu. Zwei unterhielten sich über ihre deutlich älteren Männer. 13 Jahre älter war der Freund der einen. Sie sagte altklug: „Das Problem bei älteren Männern ist … du kannst sie nicht mehr erziehen.“ Ja, vielen Dank. Das ist genau der Fehler, Fräulein. Dass ich mich nicht erziehen lassen wollte, daran ist auch die Beziehung gescheitert, deretwegen ich in Hannover gestrandet bin. Kann es überhaupt ein vernünftiges Ziel sein, den oder die BeziehungspartnerIn erziehen zu wollen? Das klappt doch nicht mal in der Weltstadt Düren.

Kopfheizung

Die Druckerei, in der ich den Niedergang meines Handwerks erlebte, war ein Flachbau am oberen Ende der Aachener Pontstraße, offenbar nach dem Krieg in einer Baulücke hochgezogen. Was dem Bau an Höhe und Breite fehlte, machte er in der Länge wett. Zur Straße hin lag der Laden für den Kundenverkehr, dahinter das Büro, dann folgte ein Raum, in dem die große Offsetdruckmaschine stand, dann die Umkleiden und Toiletten, die Buchbinderei, die Druckerei und ganz am Ende lag die Setzerei, abgetrennt durch eine halbhohe Wand und eine große Glasscheibe. Am Ende der Setzerei gab es noch zwei kleinere Räume nebeneinander. In dem einen Gelass saß hinter einer Tür der Maschinensetzer vor einer Linotype-Setzmaschine, und nebenan war die Dunkelkammer für Repro-Arbeiten. Tageslicht kam durch große Oberlichter. Das gesamte Gebäude wurde beheizt durch zwei dicke Rohre an der Wand, durch die im Idealfall warmes Wasser strömte, das von einem schwächlichen Ofen im Keller erhitzt wurde. Im Winter waren die Rohre meistens nur handwarm. In der Setzerei hingen deshalb an der Decke mehrere Heizstrahler. Es heißt zwar:

“Den Kopf halt‘ kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm“,

aber da war’s grad umgekehrt, mit dem Effekt, dass zwar ständig mein Kopf erhitzt wurde, sonst aber fror ich, hatte klamme Finger und eiskalte Füße. An der Heidelberger Schnellpresse stand ein junger blonder Drucker namens Jürgen Großer. Seinem Namen alle Ehre machend, war er ein bisschen großspurig, für jeden Unsinn zu haben und mir nicht unsympathisch, obwohl Schriftsetzer sich immer für Edelhandwerker gehalten haben und grundsätzlich auf Drucker hinabsahen. Einmal, als es in der Nacht knackig gefroren hatte und das Druckereigebäude gar nicht aus der Kältestarre kommen wollte, beschlossen wir, dem Ofen im Keller mal ordentlich einzuheizen.

Jürgen Großer und ich stiegen hinab und fanden hinter der gusseisernen Ofenklappe nur ein mickriges Kohlefeuer. Es gab keinen nennenswerten Kohlevorrat mehr. Großer schlug vor, Europaletten zu verheizen. Einige Zeit verbrachten wir damit, Europaletten zu zerschlagen und ins Ofenmaul zu stopfen. Für kurze Zeit loderten die Flammen auf und ließen sogar die Temperaturanzeige der Heizung in den roten Bereich steigen. Irgendwer kam dann herunter und berichtete von einigem Qualm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aufs Dach kamen, aber sehe uns noch zur Straße hin auf dem Flachdach stehen und nicht ohne Stolz beobachten, wie aus dem Schornstein mächtige dunkelgraue Rauchschwaden quollen, die sich die Pontstraße hinunterwälzten, um sie völlig einzunebeln.

Dass ich damit der Niedergang meines Handwerks herbeigeführt hätte oder sogar schuld an der Klimaerwärmung bin, bestreite ich aber. Gut 25 Jahre später war im ehemaligen Druckereigebäude eine Discothek. Ich weiß noch, dass ich es ein bisschen befremdlich fand, dass genau dort, wo die Setzerei gewesen war, sich die Tanzfläche befand, was mich aber nicht hinderte, dort in der Silvesternacht mit der Dame meines Herzens zu tanzen. Den heißen Kopf hatte ich allein ihr zu verdanken.

Schreiben wie im Mittelalter – Wir kopieren ein Kapitel aus dem Philobiblon

Zeitreise ins Mittelalter. Heute vor 674 Jahren, am 24. Januar 1344, an seinem 58. Geburtstag beendete Richard de Bury, Bischof von Durham, sein Buch von der Bücherliebe, das Philobiblon. Gedruckt wurde die in Latein verfasste Handschrift erstmals 129 Jahre später, nämlich 1473 in Köln. Mir liegt eine deutsche Übersetzung von Max Frensdorf vor, gedruckt 1932 in Eisenach, auf Wunsch des Übersetzers gesetzt in der klerikal wirkenden Alemania Fraktur. Damals wurden 300 Exemplare gedruckt. Mein Büchlein ist ein von mir selbst gebundener Raubdruck, Fotokopien des Exemplars der Zentralbibliothek der RWTH Aachen. In den 1980-er und 1990-er Jahren habe ich zur Schriftforschung viel Zeit in Aachens Bibliotheken verbracht und hatte gelegentlich Hinweise auf das Philobiblon als „das berühmte Buch von der Bücherliebe“ gefunden. Sein Ruhm war aber nach über 600 Jahren schon ein bisschen verblasst. Während man es heute über Amazon für 0,98 Euro erwerben kann, war es damals nicht so leicht aufzutreiben. Ich suchte sogar in der Diozösan-Bibliothek, die man nur nutzen durfte, wenn man einen Bürgen benennen konnte, fand es aber im Bestand der TH-Bibliothek.

Richard de Bury besaß im Jahr 1344 mehr Bücher als alle anderen englischen Bischöfe zusammen. Berichten zufolge soll sein Schlafzimmer voll davon gelegen haben, so dass man sich kaum bewegen konnte, ohne auf eines zu treten. Als Bischof von Durham sammelte er fast manisch Bücher und schreckte auch nicht vor einem Diebstahl zurück. Trotzdem wird seine Bibliothek nicht mehr als 400 Bücher umfasst haben, allerdings zu Zeiten vor dem Buchdruck ein stattlicher Besitz. Ein handgeschriebenes Buch hatte im Mittelalter großen Wert. Wer damals ein derartiges Buch ausleihen wollte, musste „gewaltige Pfänder“, ganze Schafherden oder Ländereien, hinterlegen, schreibt der Paläograph Wilhelm Wattenbach. Die Büchersammlung war jedoch nicht Selbstzweck, sondern sollte Studenten zu Gute kommen. Demgemäß vermachte Richard de Bury sie 1345 der Universität Oxford.

Schreiberinnen und Schreiber gesucht
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Wasser und Türme

Als gebürtiger Kölner und mit Rheinwasser getauft, habe er in seiner neuen Heimatstadt Aachen vor allem Wasser vermisst, sagte Coster. Der Stadt fehle ein ordentliches Fließgewässer, und das größte stehende Gewässer sei ein Weiher. Das wäre um so seltsamer, als Aachen auf Lateinisch aqua, Wasser, zurückgehe, was auf die heißen Quellen verweise, die schon die Römer in Thermen genutzt hatten. Auch das hinter Aachen aus seinem unterirdischen Lauf hervortretende Flüsschen Wurm bedeute eigentlich „warm“, weil es aus den heißen Quellen gespeist werde.

Die Aachener hätten im 19. Jahrhundert den Fehler gemacht, alle Bachläufe ins unterirdische Kanalsystem einzuleiten. Mit dem Versuch, wenigstens den Johannisbach wieder ans Licht zu holen, sei man in den 1990-er Jahren kläglich gescheitert und habe statt eines intakten Bachlaufs nur ein oberirdisch kanalisiertes Rinnsal zustande gebracht, dessen klares Wasser zwar hübsch über die Straße Annuntiatenbach plätschere, aber eigentlich ein Hohn sei. Da könne man jeden Aachener fragen.
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Ich folgte einer Einladung – Aus einem alten Tagebuch

Die Zugfahrt Aachen – Frankfurt/Main ist mit 154 DM arg teuer. Ein Problem wird die Rückfahrt sein. Ich müsste schon am späten Abend in Frankfurt losfahren und säße in der Nacht zwei Stunden auf dem Mainzer Bahnhof rum. Darum fragte ich das Mädel am Schalter nach einer Alternative. Sie befragte vergeblich ihren Computer. Darauf plauderten wir etwas über die Vorzüge des Systems gegenüber dem für Laien unlesbaren Kursbuch (vergl. Zeitungsbericht).

Im Zug nach Köln saß bei mir einer, der unentwegt in seine DIN-A5-Kladde schrieb, weiträumig,mit Fußnoten. Den sah ich wieder, nachdem ich in Köln in den IC 527 Gorch Fock Kiel – Köln – Nürnberg umgestiegen war. Es sollte meine erste Fahrt überhaupt mit einem Intercity sein. Freilich merkte man in meinem Abteil nichts, was den Zuschlag von 6 DM rechtfertigt.

Mir gegenüber saß eine etwa 50-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Sie trug eine weiten rostfarbenen Rock. Die Dame war in Opladen gewesen, wo sie ihre Schwester besucht hatte, und würde mitfahren bis Koblenz, wo sie umsteigen würde, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier. Sie hatte ein düsteres Weltbild, sagte, dass es ja heute kaum noch gerechtfertigt sei, Kinder in die Welt zu setzen bei all der Gewalt, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Wann immer ich etwas einwandte, stieß sie mit einfältigem Gesichtsausdruck vor und rief: „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Hätte sie dabei nicht dieses eselsmäßige Staunen im Gesicht gehabt, hätte ich gedacht, die will mich verarschen. So dachte ich, das eselsmäßige Staunen gilt in Konz vielleicht als Bestandteil höflicher Konversation. Im Himmel über Konz hängt tagein, tagaus ein vielstimmiger Chor von „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Begleitet vom eselsmäßige Staunen wird es traditionell zwischen den Konzern hin- und hergegeben wie andernorts die Geldmünzen. „Sagen se nur! Is dat wahr?“ ist die eigentliche Konzer Währung. Man weiß es ja nicht als Außenstehender. In Koblenz verließ sie mich mit guten Wünschen für meine Gewalttour Aachen-Frankfurt-Aachen. „Dankesehr! Und Ihnen wünsche ich glückliche Heimkehr nach Konz!“

„Sagen Se nur! Is dat wahr?“

Wie vermisste ich diese prächtige Konzerin schon, als sie gerade erst ausgestiegen war. Als ich ihr geschildert hatte, dass ich in der Nacht noch würde zurückfahren müssen, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste, war mir selbst etwas mulmig gewesen.

Bei Mainz rollte der Zug über den Rhein. Mein Mut sank, denn auf der rechten Rheinseite beginnt für mich Rheinländer das finstere Ausland und dehnt sich aus bis in die Innere Mongolei. Immerhin wurde meine Deutschlandkarte für diese Gegend konkretisiert. Wir kamen nämlich auch durch die Opelstadt Rüsselsheim, wo müde Männer auf den Bahnsteigen auf ihre Züge warteten, nicht auf meinen. Der IC ist nichts für sie. Sie passen besser in schmutzige und überfüllte Nahschnellverkehrszüge, befand der Bahnexperte in mir, ein hübscher Experte, hatte gerade erst den IC kennengelernt und trug schon die Nase hoch.

Der Frankfurter Hbf ist ein Kopfbahnhof, und auf Verdacht verließ ich den Kopf auf der linken Seite, wo ich erfreulicher Weise direkt auf die Kaiserstraße zulief. Ich fragte jemanden an der Fußgängerampel, und der hatte den einfachen Job: „Genau geradeaus!“ zu sagen, und da war auch schon die gesuchte Haus-Nummer 74, ein altes, hohes Stadthaus, und „Lissania“ entpuppte sich als Sprachschule. Was man da wohl für eine Sprache lernen kann?

Der Flur wirkte ärmlich, und auf der 2. Etage sah ich einen Mann im Schlafanzug und mit Pantoffeln in einer vernachlässigten Wohnung verschwinden. Ja, dachte ich, was soll ein Armer, der nirgendwo zum Feiern eingeladen ist, wenn um ihn herum die Vergnügungssüchtigen aussschwärmen, was soll der anders tun als ins Bett gehen und die Decke übern Kopf zu ziehen.

Eins höher, an der offenen Tür der Lissania, wollte ein kurzgeschorener Türsteher meine Einladung sehen. Innen großes Herumgerenne bei gedämpftem Licht. Ich rein.
(Wird fortgesetzt)