Der Spiegelmacher

Der Goldschmied Hannes Gensfleisch rieb sich zufrieden die Hände. Die beiden Verlobungsringe waren gut geworden. In die Innenseite hatte er einen Spruch eingeschlagen. Er hatte dazu neue Punzen machen müssen. Sein Auftraggeber, der junge Fust, hatte einen Spruch in Ogomzeichen verlangt. Der Goldschmied kannte diese heidnischen Runen nicht. Fust hatte ihm ein Vorbild aufzeichnen müssen. Die Runen sollten wohl aus Irland oder den schottischen Landen stammen. Jedenfalls würde der junge Fust zufrieden sein. Die Inschrift zeigt sich scharf und klar im Innern der Ringe. Ein Glück, denn mit diesem hoffärtigen Mann war nicht gut Kirschen essen. Auch sein Vater Johannes Fust war nicht recht geheuer. Der hatte ihm einmal Geld geliehen. Der Geldverleiher sah irgendwie bocksbeinig aus, in seinem schwarzen Kleid, der schwarzen Pumphose und der Kappe, an der eine große Pfauenfeder steckt. Ein Schauer lief dem Gensfleisch über den Rücken. Weiterlesen

Vor dem Gewitter

Vor einer Weile schrieb eine Aachen-Bloggerin über die legendäre Galerie „Gegenverkehr“ und erinnerte an den Hausmeister, einen Studenten, der unterm Dach wohnte und die Galerie bei Bedarf aufschloss. Die Bloggerin war damals ein Mädchen gewesen und schrieb, in diesen Mann wäre „jede, aber auch jede Frau ein bisschen verliebt gewesen.“ Es war Jeremias Coster, späterer Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Als ich ihn vor Jahren kennenlernte, hatte Coster den Tisch 43 vor dem historischen Lokal Postwagen am Markt zu seinem Stammplatz gewählt. An sonnigen Tagen konnte man ihn hier treffen, wie er in sein Moleskinbüchlein schrieb und ein gepflegtes Glas Kölsch hob.

Schon oft hatte ich erlebt, wie sich Coster in Lokalen die Aufmerksamkeit der Bedienung sicherte. Wenn eine Kellnerin an den Tisch trat, um die Bestellung aufzunehmen, fragte Coster, wie sie heiße. Sofort nannte er sie bei ihrem Vornamen, hängte freundliche Worte hinten an, und wenn die Kellnerin zurückkam, um zu servieren, waren alle anderen schon unsichtbar. Coster begann in den Augen der Kellnerin zu leuchten, denn er fuhr fort, sie mit der größten Liebenswürdigkeit zu behandeln. Allerdings verstand Coster zu teilen. Sein Glanz überstrahlte bald den ganzen Tisch, und so wurden alle bevorzugt bedient.

Es war im Sommer, ein sonniger Tag in Aachen, anfänglich. Später sollten sich über unseren Köpfen tiefgraue Wolken ballen, am Tisch 43 vor dem Aachener Postwagen ein heftiger Wind gehen und Regen herabklatschen, so dass wir ins Lokal flüchten mussten. Damals war ich aus Hannover zu Besuch und nächtigte drei Tage bei Coster. Wie immer hatte er Termine, so auch die Verabredung mit zwei Freunden am Postwagen. Sie arbeiteten bei der Zeitung, und einer war der Chef des anderen. Im aufkommenden Gewitter sollte der Zeitungschef noch rasch von einer Wespe gestochen werden, und das geschah, nachdem er versucht hatte, Costers Bann zu brechen. Das hätte er besser gelassen, denn er rief die versammelten Kräfte der Pataphysik gegen sich auf.

Die beiden Zeitungsleute kamen kurz nach uns an, ein launiges Gespräch ging hin und her über den Tisch, da entschuldigte sich Coster und verschwand im Lokal. Der Zeitungschef wartete, bis Coster außer Sicht war, zog ein gefaltetes DIN-A4-Blatt aus dem Jackett, klappte es siegesgewiss auf und zeigte es. Er hatte sich im Internet kundig gemacht, auf der Seite des Lokals alle Kellnerinnen mit Namen und Foto aufgeführt gefunden und die Liste ausgedruckt. Als sich eine Hand nach dem Farbdruck ausstreckte, stopfte der Zeitungsmann ihn rasch zurück ins Jackett. Er wollte sich seines Machtmittels nicht berauben lassen.

Bald kam Coster zurück in die Runde, die Kellnerin trat an den Tisch, ich wartete auf den großen Moment des Zeitungsmanns, aber der zuckte nicht einmal, so dass alles seinen gewohnten Lauf nahm. Just diese Kellnerin hatte er nämlich nicht auf seiner Liste. Bald schlug er sich ans Gesicht, da hatte ihn die verirrte Wespe gestochen. Sein Handy gab Laut, er wurde abberufen und war fort. Dann das Gewitter.

Nachts im Institut für Pataphysik

Dieses Gebäude erhebt sich auf dem Aachener Königshügel. Als ich noch in Aachen lebte, entdeckte ich es bei einem Bummel und fotografierte es. Das eindrucksvolle Gebäude beherbergte einst das Institut für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen. Da es leer stand, habe ich darin das Institut für Pataphysik angesiedelt und eine Lesenacht darin veranstaltet. Es ist auch Schauplatz einer Groteske, die ich vor Jahren geschrieben und schon im Teestübchen veröffentlicht habe.
Kürzlich sind mir Bilder einer webcam zugespielt worden. Um welche Nacht es sich handelt, wer da mit der Taschenlampe herumschleicht und warum, weiß ich nicht. Aber das Material wollte ich der geneigten Teestübchen-Community nicht vorenthalten.

Pferd Behrens

In unruhiger Nacht träumte ich von einem Mann mit dem Vornamen „Pferd.“ Sein ganzer Name lautete Pferd Behrens. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen Kollegen im Referandariat namens Behrens. Sein Vorname ist mir entfallen. Nennen wir ihn Pferd. Pferd und ich, wir trafen uns wöchentlich im Fachseminar Deutsch. Zwei-dreimal bin ich bei ihm zu Hause gewesen, denn er wohnte mit seiner Frau und einem kleinen Kind wie ich im Aachener Frankenberger Viertel. Sie hatten zwei Zimmer, links und rechts des Hausflurs, was mir als sehr unbequem vorkam. Von seiner Frau erinnere ich nur noch, dass sie Gemütlichkeit verströmte, weil sie stets in plüschigen Schluppen umherging.

Pferd Behrens musste jeden Abend einen ganzen Kasten Bier austrinken, um schlafen zu können. Entsprechend aufgedunsen wirkte sein Gesicht. Es war immer hellrosa. (Ich erspare uns den Witz, er habe gesoffen wie ein Pferd.) Mich verband nicht viel mit ihm. Einmal wollte er mich zum Angeln am Fischteich seines Angelvereins mitnehmen, aber ich lehnte ab, weil mir Angeln als sinnlose Tätigkeit vorkam, vor allem für einen Vegetarier. Trotzdem hatten wir engen Kontakt. Der ging vornehmlich von ihm aus, denn er rief mich täglich mindestens einmal an. Wir schrieben zu dieser Zeit beide an unserer Examensarbeit. Mein Thema lautete: „Laterales Denken als Methode bei der Rezeption fiktionaler Texte im kommunikativen Literaturunterricht.“ Ich fand, schon wegen des Titels hätte ich eine Eins verdient gehabt, bekam aber nur eine Zwei plus, denn der Co-Gutachter fand, ich hätte zu viele Kommafehler gemacht.

Bei meiner Arbeit brauchte ich keine Hilfe, aber Pferd Behrens bei seiner. Er hatte eine neue Methode erdacht, wie man in Sätzen die Wortart Verb identifizieren kann. Wie das ging, weiß ich nicht mehr, aber das Thema seiner Examensarbeit war ebenso innovativ wie mein Thema. Ich fand es überflüssig, dass deutschsprachige Schüler*Innen in Sätzen nach Verben angeln, zumal der reine Grammatikunterricht in NRW abgeschafft war. Er kannte meine ablehnende Haltung zu isoliertem Grammatikunterricht für Muttersprachler, doch rief mich dauernd an, um mit mir grammatische Fragen zu erörtern. Seine Examensarbeit enthielt also einiges von meinem Gehirnschmalz.

Nach dem Zweiten Staatsexamen bekam er eine Stelle irgendwo im Selfkant, einer Region nördlich von Aachen, zog weg, ohne seine neue Adresse mitzuteilen, und meldete sich nie mehr – bis letzte Nacht. Da hatte er seinen Vornamen geändert in Pferd.

Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Jeremias Costers Abenteuer in der nur unscharf berechenbaren Randzone

Eines Tages sagte mein Freund Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, er habe seinen grünen Daumen verloren. Ich sah erschrocken auf seine Hände. Die Daumen waren noch dran. Seine Hanfpflanzen „Kirchspieler White Widow“ seien ihm eingegangen. Und er vertrete die Theorie, das Befinden einer Pflanze, mit der ein Mensch sich in Interaktion befinde, gebe Auskunft über dessen Seelenzustand. Daher sei er ein wenig beunruhigt. Es sei ein Berufsrisiko damit verbunden, Pataphysik zu lehren. Man schramme gezwungener Maßen am Wahnsinn vorbei. Immer an der Grenze entlang, sehe man aus der Alltagswelt den Irrsinn und aus den nur unscharf berechenbaren Randzonen den Wahnsinn winken. Deshalb müsse er sich wappnen. Gestern habe er sich aufs Rad gesetzt und sei hinter die niederländische Grenze gefahren, wo sich zwei Coffeeshops angesiedelt hätten.

Da habe ihn kurz vor der Grenze ein Polizeiauto überholt. Als er am alten Zollhaus vorbeigeradelt sei, habe dort das Polizeiauto versteckt geparkt. Er habe sein Rad dreist an den Laternenmast angeschlossen, genau vor dem Eingang des Coffeeshops, und sei hineingegangen. Der freundliche Glatzkopf im Coffeeshop habe ihm zwar nicht White Widow verkaufen können, dafür aber fünf Gramm Northern Light. Dann habe er gewarnt. „Passen Sie auf, die deutsche Polizei wartet hinter der Grenze!

Er, Coster, habe gesagt, deshalb werde er einen anderen Rückweg nehmen. Unter den Augen der Polizei sei er auf sein Rad gestiegen und habe einen Weg eingeschlagen, der auf der niederländischen Seite entlang der Grenze führt. An seinen Händen habe er leuchtend blaue Handschuhe getragen. Da habe er sich gedacht, diese Handschuhe seien ein Erkennungsmerkmal, ein Augennagel für ein Polizistenauge. Deshalb habe er die Handschuhe ausgezogen und in die Jacke gesteckt. Denn er habe sich denken können, dass die deutschen Polizisten von ihrem Auto aus in Kontakt mit den niederländischen Kollegen stünden.

An einem Wirtschaftsweg habe er die Grenze zu Deutschland wieder übertreten. Dieser Wirtschaftsweg führe zwei Kilometer schnurgeradeaus durch die Felder. Er sei schlammig gewesen und habe voller Pfützen gestanden. In der Ferne sei plötzlich ein Scheinwerferpaar aufgetaucht. Da habe er gedacht, wenn das mal kein Polizeiauto ist. Für einen Moment sei er beruhigt gewesen, denn das langsam größer werdende Auto habe, aus dem Dämmer heraustretend, weißrot geleuchtet. Doch dann habe er gesehen, dass ihm in voller Wegbreite ein niederländisches Polizeiauto entgegenkam.

Er sei ganz ruhig geblieben und gelassen auf das Auto zu geradelt, habe angehalten, als man Augenkontakt hatte. Dann habe er seine nackte Rechte gehoben und dem Polizisten freundlich in die Fahrerkabine gewinkt. Der habe seinen Gruß erwidert und ihn vorbeigelassen.

    „Hallo Duitse collega’s, ik heb geen man met blauwe handschoenen gezien…!“
    [Hallo deutsche Kollegen, ich habe keinen Mann mit blauen Handschuhen gesehen.]

Ja, Trithemius, sagte Professor Coster stolz. Mit ein bisschen Kenntnis in Wahrnehmungspsychologie kann man im Leben recht sicher vorankommen, auch wenn man von der Grenze aus ins verwirrende Dämmerlicht des Landesinneren fährt.

Last Exit – Erst der Spaß, dann das Vergüngen

    Andrea Heming hat hier das Fotografieren zur Dokumentation des eigenen Lebens thematisiert. Mir fiel ein, dass ich im August 2006 im alten Teppichhaus Trithemius bereits über das Phänomen der ständigen Knipserei geschrieben hatte. Vor gut 14 Jahren war mir das neu. Inzwischen habe ich auch ein Smartphone und knipse. Der Text vom Aachener Bahnhofsvorplatz zeigt also meinen noch unverfälschten Blick. Drum habe ich ihn unverändert ins Teestübchen gehoben:

Beton ist ja ein schöner Baustoff. Wenn man mich fragen würde, wie ein Bahnhofsvorplatz gestaltet werden sollte, und ich wäre gerade sturzbesoffen oder völlig bekifft, würde ich sagen: Gießt doch einfach eine große Betonplatte!

„Das Gebäude des Aachener Hauptbahnhofes aus dem Jahr 1905 ist für über 20 Millionen Euro modernisiert worden, zudem wurde auch der Vorplatz neu gestaltet“, meldet die Aachener Zeitung. Gestern habe ich mich dort eine Weile aufgehalten, und tatsächlich haben sie vor dem Bahnhof eine große Betonplatte gegossen, ganz ohne mich zu fragen.

Bereits den dritten Tag feierte man die Eröffnung des Hauptbahnhofes, und auf einer Bühne mühte sich eine Robbie-Williams-Coverband. Ein dickliches hässliches Männchen mit schwarzem ärmellosem Hemd und weißer Krawatte hat schön gesungen. Leider mochten die steifen Aachener nicht so recht Feuer fangen. „Kann ich euch da hinten mal haben!“, rief er nach dem ersten Lied und zeigte auch, wie man mit den Händen hoch über dem Kopf klatschen sollte, wenn er sang. Später rief er: „Aachen, wo seid ihr?!“ Da klang er schon ziemlich verzweifelt und hat überlegt, wann er denn endlich in Rente gehen kann.

Nun hat ja Alemannia Aachen gestern gegen Schalke 04 gespielt, und mit einem Mal strömten Fans aus den Bussen. Die in Schwarzgelb ließen die Nasen hängen und trollten sich zum Bahnhof. Die Blauweißen aber blieben und betanzten die Betonplatte. Ich glaube, wenn man auf relativ dünnen Beinen einen Schmerbauch mit sich trägt, kann man auf einer Betonplatte zur Musik einer Robbie-Williams-Coverband am besten tanzen, indem man tief in die Knie geht und so tut, als wollte man Kappes treten.

Da waren auch zwei Sängerinnen auf der Bühne. Vermutlich hatten sie sich zum Einstudieren ihrer Tanzbewegungen viele steinalte Videos der holländischen Frauenformation „Pussycat“ angeguckt. Jedenfalls habe ich so ein hölzernes Arm- und Hüftschwingen seit den 70ern nicht mehr gesehen. Dem mit der weißen Krawatte war es egal, und die Schalker Fans feierten sowieso sich selbst.

Ich saß ermattet auf der langen zweiseitigen Holzbank die die Betonplatte teilt. Bald hatte ich eine Gruppe Schalker Fans im Nacken. Sie standen über mir auf der anderen Bankseite und schwangen zur Musik ihre Schals und Flaschen. Manchmal strichen mir liebevoll die Fransen eines Fan-Schals über den Kopf. Doch ich rechne den Fans hoch an, dass sie mir weder Bier noch Alkopops in die Ohren gegossen haben. Ein Fan Ende zwanzig baute sich vor mir auf, um die Kumpels mit seinem Handy zu fotografieren. Das dauerte eine Weile, weil er zwischendurch angerufen wurde. Inzwischen versperrte er mir den Blick auf die Robbie-Williams-Coverband, und um mich für den entgangenen Genuss zu entschädigen, kam er anschließend zu mir und reichte mir die Hand. Er war ein stattlicher junger Mann, und deshalb habe ich erstaunt nachgeguckt, ob ich vielleicht einen toten Fisch angefasst hatte.

Mit dem Musikgenuss war es aus, denn er stellte sich seitlich von mir auf die Bank, beugte sich zu mir herunter und rief mir Sachen ins Ohr. Wie toll die Deutschen sind, so ein tolerantes und überhaupt das liebenswerteste Volk auf dem Erdball. Er musste es wissen, denn er kam aus Marl und studierte in Bielefeld. Grundschullehrer wolle er werden, denn es sei wichtig, schon den Lütten, den Stöpkes die richtige Weltsicht beizubringen. Bei denen geht die Botschaft noch voll rein in die Ganglien. Das Wort Ganglien hat er natürlich nicht benutzt. Sein Handy hat er mir auch in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe.

Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Inzwischen hatte sich die Robbie-Williams-Coverband schon von der Bühne gemacht. Ein Spaßvogel rief „Zugabe!“, und prompt kamen sie noch mal zurück. Weiße Krawatte rief all die verstreuten Grüppchen zu sich nach vorn an die Bühne, denn er wollte mindestens einmal die pralle Action von Händeschwingen, Mitsingen und über dem Kopf Klatschen.

Ich bin auch nach vorn und weiter Richtung Last Exit gegangen. Hab ja kein Fotohandy.

Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

Grafik: JvdL

arum sollte ein Ufo nicht die Form eines Containers haben? Was wissen wir schon darüber. Jedenfalls zieht ein Container unter den sich ballenden Kumuluswolken dahin und kreist über der fernen Stadt. Mal blitzt er silbrig im Sonnenlicht, mal verschmilzt er mit dem Schatten einer Wolke, verschwindet und taucht wieder auf. Die Sicht ist gut, am südöstlichen Horizont erhebt sich blaugrau die Eifel, doch die Stadt selbst ist nicht zu sehen. Sie liegt ja in einem Kessel, und ich schaue von der deutsch-niederländischen Grenze vergeblich nach ihren Türmen aus. Eigentlich sollte man sich nicht dauernd umsehen, wenn man vorwärts will. Das gilt beim Radfahren wie im Leben überhaupt, denn man neigt in die Richtung zu lenken, in die man schaut. Außerdem ist das hier keine gute Gegend, und ich bin fremd. Da gilt es vorauszuschauen. Doch jetzt führt die Straße eine Weile an der Grenze entlang. So kann ich während des Fahrens sehen, dass der außerirdische Container gerade den Lousberg überfliegt. Das gibt mir einen Größenvergleich. Demnach wäre der Container etwa 75 Meter lang. Das ist nicht viel für ein außerirdisches Flugobjekt. Es ist damit nicht länger als ein modernes Uboot.
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Vorsicht! Nächtliche Aufhocker

Unweit der Aachener Bordellstraße steht eine Springbrunnenplastik namens Bahkauv. Die Plastik erinnert an einen nächtlichen Aufhocker, den angeblich schon Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, bekämpft hatte, leider vergeblich. Das Bahkauv lauerte noch Jahrhunderte an den Aachener Bächen. Bei Nacht erschreckte es betrunkene Männer, sprang in ihren Nacken und ließ sich tragen. Vermutlich haben notorische Zecher sich das Bahkauv ausgedacht, um ein für allemal ihr spätes Heimkehren zu erklären. Denn dass es schier unmöglich war, auf den wackligen Beinen der Trunkenheit ein schweres Bachkalb zu tragen, musste selbst die erboste Ehefrau einsehen, zumal es nicht ratsam war, das Bahkauv mit nach Hause zu bringen. Kam ein vom Bahkauv Befallener auf die Idee, um Erlösung zu beten, machte sich das teuflische Untier immer schwerer. Allein von Fluch und Schimpf wurde es leicht und hob sich davon. Das erklärt, warum im Herzen friedliche Mannspersonen nach einer Zechtour leider fluchen und schimpfen müssen, wenn sie es nach Hause schaffen wollen.

Eigentlich verbieten sich Witze oder Spekulationen über Familiennamen, doch manchmal kommt ein Name einfach zupass, weshalb man ja auch gerne „Nomen est Omen“ sagt. Jedenfalls hat eine Frida Hockauf, geborene Kloß, Weberin im Volkseigenen Betrieb (VEB) „Mechanische Weberei Zittau“, die Frida-Hockauf-Methode erfunden, eine in der DDR verwendete Methode zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aufhocker fallen offenbar nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen wie Frida Hockauf erdacht.

Den größten und mächtigsten Hockauf erdachte Konrad Zuse, Im Jahr 1938 baute er den ersten Computer, genannt Z (Zuse) 1. Der Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben. Mein Rechner ist einer der Ururenkel. Er kommt ganz leise daher. Sein Lüfter ist kaum zu hören, und oft weiß ich nicht, ob er ausgeschaltet ist oder nur schlummert. Er ist eben ein heimtückisches Bahkauv, jederzeit bereit aufzuhocken und mich bei den Ohren zu dirigieren. Diesen Text hat es mich zu schreiben gezwungen. Seltsam, ich war nicht einmal betrunken.

Wurm, Huhn und gute Eier

Der Mensch kann sich nur etwa eine Strecke von 50 Kilometern räumlich vorstellen. Es entspricht einem Tagesmarsch. 58 Kilometer war unsere Radtour nördlich von Aachen lang. Man kann sie sich also in etwa vorstellen. Wolf und ich schlängelten uns zuerst auf Nebenwegen bis Herzogenrath. Wir fuhren auch durch den kleinen Ort Wildnis. Es ist eigentlich nur ein Weiler, direkt an der Bahnlinie der Nederlandse Spoorwegen Richtung Heerlen. Wir sind nämlich fast ständig dem Grenzverlauf zwischen Deutschland und den Niederlanden gefolgt. Wildnis hätte ich gern als Postadresse. Nur wohnen will ich leider nicht dort. Doch aus Wildnis heraus ist es schön. Eine schmale Straße stößt steil aus dem Wurmtal hoch, durch die Reste des Auwaldes hindurch. Der Boden ist kiesig, weshalb wir auch während des Anstiegs das Förderband einer Kiesgrube hörten. Weiterlesen