Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !

16 Kommentare zu “Verkehrt

  1. Interessant… Eine frühere gute Freundin war umtrainierte Linkshänderin. Sie hatte ihrer Lebtag lang immer wieder Schwierigkeiten, rechts und links zu unterscheiden, und ist deshalb auch durch die praktische Führerscheinprüfung gerasselt… Mein Vater war auch ein umtrainierter Linkshänder, er hatte allerdings nie unter solchen Problemen zu leiden. Aber er konnte natürlich beidhändig schreiben, wofür ich ihn immer glühend beneidet habe. 😉

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  2. Ja das ist ziemlich verankert, dass linksrum irgendwie falsch ist …
    obwohl – wenn ich ‚recht‘ überlege … dann müssten die Briten ja sehr seltsam sein, weil die ja links fahren.
    Und was das bedeutet, dass einer meiner Onkel als ‚linksrum gestrickt‘ bezeichnet wird, hab ich auch erst im Pubertistenalter verstanden. Homosexuell ist ja auch ‚falsch‘ …
    Könnte man endlos weiterspinnen.
    Liebe Grüße
    Sabine aus dem 🕷 🕸

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  3. Ich gehöre zu den Umtrainierten, wurde deshalb wohl kein Leonardo. Zu dumm! 😉 Mein Leben lang habe ich das Problem. rechts und links nicht unterscheiden zu können, bin aber dennoch durch die Fahrprüfung gekommen, da ich mir ein sichtbares Zeichen am Handgelenk anbrachte. Als Schülerin schrieb ich in Spiegelschrift, was andere nicht zu lesen brauchten, und trainierte, gleichzeitig beidhändig normal und in Spiegelschrift zu schreiben, womit ich später meine Schüler verblüffen konnte.
    Manchmal denke ich, meine Art mich auszudrücken, ist nur umtrainierten beidhändig schreibenden Menschen wirklich verständlich. Die gängige Wirklichkeitserzählung im Hintergrund ist mir verrutscht, verrückt.

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  4. Ich bin Rechtshänderin, schon immer gewesen, und kann rechts und links auch nicht auseinanderhalten. Überhaupt habe ich große Schwierigkeiten mit der Orientierung im Raum, ganz ohne Umerziehung. Das scheint (zumindest bei mir) unabhängig davon zu sein, dass mir im Halbschlaf Dämonen jeglicher Art begegnen können, sei es, dass ihre Augen aus dem Kiefernholz der Decke gucken oder leise scharrende Ungetüme im Badezimmer auf mich warten…

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    • Geringe Raumorientierung kommt wohl bei beiden Geschlechtern vor, nach meiner Erfahrung vermehrt bei Frauen (?) Meine räumliche Orientierung war früher gut, nach dem Schlaganfall allerdings nicht mehr. „Dämonen jeglicher Art“ scheinen sich noch aus deiner Kindheit hinübergerettet haben.

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      • Mir scheinen auch Frauen häufiger betroffen, es kann allerdings auch eine Art von Bequemlichkeit vorliegen, wenn der Mann sich (tatsächlich oder eingebildet) der einzuschlagenden Richtung so sicher ist. Bei mir gilt jedefalls zu 95%: Wenn ich auf unbekanntem Gelände eine Richtung vorschlage, ist die andere richtig… Na ja.

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  5. Einfach Klasse – wie Deine Unterhaltungen mit Coster eigentlich immer. Worte wie „Derealisationserleben“ sollten allerdings rechtmäßig verboten werden – auch wenn ich Ähnliches hin und wieder erlebe – sehr in eine Denkarbeit vertieft oder kurz vor dem Einschlafen die Orientierung im mich umgebenden Zimmer verliere – auch ohne eine umerzogene Linkshänderin zu sein. – Dein Steppdeckenlöwe erinnerte mich übrigens an Sibylle Lewitscharoffs Roman „Blumberg“. – Pass auf Dich auf!

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    • Dankeschön, liebe Christa. So ein Lob von dir ist schon etwas Besonderes. Das hässliche Kompositum „Derealisationserleben“ konnte ich mir tagelang nicht merken. Die Sache passiert mir eigentlich nur im Rausch. Für die bewusst herbeigeführte Derealisation und das Hinterfragen der Wirklichkeitserzählung gibt es Verfahren. Schon Lichtenberg schlägt vor, bei allem sich zu fragen, was das Gegenteil wäre.

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  6. Das Wort „Wirklichkeitserzählung“ gefällt mir sehr. Denn neulich sah ich einen Beitrag auf ARTE über das Bewusstsein. Die Hirnforschung weiß jetzt, dass wir ständig träumen, auch als Erwachsene, und dass wir eine Vereinbarung mit anderen brauchen, um zu wissen, was Traum und was Wirklichkeit sein soll.

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