Das ist es! Cosma Shiva sei Dank

Vor der Tür des Hauptbahnhofs Hannover standen einige Leute und rauchten, auch ich. Eine Frau im schwarzen Business-Outfit sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:
„Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“ Mit diesem ulkigen Versprecher hatte meine Nacht begonnen, nachdem ich mit dem ICE von Aachen zurück nach Hannover gereist war. Im Zug hatte ich geschlafen und geträumt, ich hätte versehentlich den rachsüchtigen ägyptischen Sonnengott Ra beleidigt und mir seinen Zorn zugezogen. Sein Name darf bei Nacht niemals genannt werden und ich hatte es getan.

Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber nicht mehr erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden, weil er bekanntlich nachts nicht da ist. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich rappelte mich auf, machte Licht, stellte die Matratze hoch und betrachtete den Schaden. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Sie waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch einen Versandhauskatalog und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst und den tausendfachen Verheißungen des Katalogs.

Das war im Jahr 2009. Damals schrieb ich unter Graseinfluss am Internetroman „Die Papiere des Pentagrion“, unterstützt von einigen Bloggerinnen und Bloggern meiner Community bei Blog.de, hatte im Rausch diverse Derealisationserlebnisse, das heißt, die literarische Welt und Alltagsrealität vermischten sich zunehmend. Gestern, gut 12 Jahre später, trat diese Vergangenheit wieder hervor, als wir das inzwischen völlig marode Bett abbrachen, um Platz für ein neues zu schaffen. Der Katalog zeigte eine Hauptschülerin mit dem spirituellen Namen Cosma Shiva, was mir in der Nacht von 2009 vielleicht zugute gekommen, aber nicht aufgefallen war. Sie war ein wenig staubig, hatte aber die lange Zeit unter meinem Bett trotz mühsamer Abstützarbeit gut überstanden und kann jetzt zum Altpapier.

Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !