Der Blick aus hohlen Augen

Philosphentempel Großer Garten Hannover- Foto: JvdL

Ach, ihm sei ja heute so herbstlich, sagte Coster mit matter Stimme. Wobei das Wort herbstlich einen trügerischen Schein auf die Sache werfe, denn es reime sich nicht nur unzweifelhaft auf herzlich, sondern trage mit dem Suffix „lich“ unverschämt viel Licht ins duster Gemeinte. Was denn genau das Gemeinte sei, fragte ich. Weiterlesen

Das Züngeln der Gedanken

„Lass es mich botanisch erklären“, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen. „Es gibt eine Kletterpflanze, eine Bohne, glaube ich, die feine, dünne Sprossen treibt mit spiralförmigen Haken an ihren Enden. Diese Sprossen züngeln zunächst ziellos umher, aus eigener Kraft oder vom Wind bewegt, bis eines der spiralförmigen Enden an einen Widerstand stößt, der es ihr möglich macht, sich zu verhaken, um daran aufwärts zu wachsen. So wächst die Pflanze dem Licht entgegen.“

„Ja, und? Ich komme vom Land und habe schon gesehen, wie Stangenbohnen wachsen.“

„Gelegentlich habe ich Gedanken wie diese feinen Ranken. Seltsamerweise treten sie nur an bestimmten Orten auf, neben meinem Bett und besonders im Bad. Urplötzlich sind sie da, und von einem Hauch des Willens bewegt, hangeln sie irgendwo hin. Da sie nichts finden, woran sie sich klammern könnten, bleibt es dabei. Trotzdem beschäftigt mich dieses Phänomen. Wodurch wird es ausgelöst? Wozu ist es gut? Ich meine, jede menschliche Lebensäußerung hat doch irgendein Ziel. Diese Gedankenranken, dieses fruchtlose Züngeln nach Personen und Orten macht mich ganz verrückt.“

„Was meinen Sie mit ,fruchtlos‘, Coster? Sollen da Bohnen wachsen?“

„Quatsch. Metaphorisch natürlich, im Sinne von ohne Ergebnis. Zum Glück. Denn was, so frage ich mich, wenn eine solche Ranke es mal schafft, sich in der Imagination zu verhaken, wenn der Trieb wächst und wächst, mir Lebenskraft absaugt, davon immer stärker wird und mich hinüberzieht in diese Fremde?“

„Da hätten Sie das Ergebnis, die Frucht Ihrer sich hangelnden Gedanken. Vielleicht wäre es klüger, derlei erst gar nicht zu riskieren.“

„Andererseits regt sich mein Forschergeist. Ich wollte wissen, was daraus werden könnte.“

„Wenn ich Sie richtig interpretiere, geht es um Profanes, also die Gedankeln züngeln quasi waagerecht. Wenn sie nach oben streben würden, könnte man sagen, es geht um das Streben nach Erleuchtung?“

„Ich bezweifle einen Unterschied.“

Zwischenzeit

Weil ich mir die Zeit nicht vorschreiben lassen wollte, lebte ich seit der Umstellung in zwei Zeitzonen. Die Uhren im Regal und im Schlafzimmer zeigen Sommerzeit, die Uhr an der Wand hinter mir zeigt Winterzeit. Präteritum, zeigte. Denn obwohl mir nicht bewusst ist, die Uhr eigenhändig umgestellt zu haben, zeigt sie neuerdings ebenfalls Sommerzeit. Ich habe es gerade bemerkt und fühle mich betrogen. Unbekannte haben mir eine Stunde geraubt. Was hätte ich nicht alles machen können in dieser Stunde. Beispielsweise hätte ich mir den Bart stutzen, die Fingernägel feilen, ausgiebig Däumchen drehen, sogar diesen Text hier schreiben können. Der muss jetzt leider ungeschrieben bleiben.

Wenn jemand insistiert, sie oder er habe den Text „Zwischenzeit“ gelesen, werde ich leugnen, ja, schwören, dass es ihn gar nicht gibt, beziehungsweise, dass er allenfalls in der Spanne zwischen Winter- und Sommerzeit existiert. In die einzutauchen, das ist, wie mir von einem Unterbeamten der Galaktischen Registratur versichert wurde, nur ganz besonderen Menschen, quasi Auserwälten möglich.

La Disparation und veränderte Melkzeiten

„Bessere Leute haben ja Funkuhren“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen. „Manchmal bin ich in der Nacht aufgeblieben und habe bei einem Gläschen Rosé gewartet, bis meine Küchenuhr sich wie von Geisterhand von drei Uhr auf zwei Uhr zurückgedreht hat.“

„Sie zählen sich also zu den besseren Leuten, Coster. Es muss wohl ‚besser gestellte Leute‘ heißen. Denn bessere Leute bin ich auch, obwohl ich ganz profan per Hand die Rädchen meiner Uhren vor- oder zurückdrehen muss, wie … wie …“

„ …es einer anonymen Obrigkeit gefällt.“

„’Anonyme Obrigkeit‘, was ist das schon wieder, Coster?“

„Wenn einer verbindlichen Handlungsaufforderung ein Veranlasser fehlt. War nicht vor ein paar Jahren zu lesen, die EU wolle die Zeitumstellung abschaffen? Geschehen ist nichts. Die Zeitumstellung hat sich verselbstständigt, ist kein Menschenwerk mehr, sondern das einer anonymen Obrigkeit. Also können Menschen sie nicht mehr abschaffen und Millionen EU-Bürger müssen jedes halbe Jahr ihr Zeitgefühl misshandeln. Eine böse Sache, denn wenn der Mensch etwas tun muss, dessen Sinn er nicht versteht, dessen Sinn ihm keiner plausibel erklären kann, gerät er in eine paradoxe Situation, aus der er sich nur mit Aggression oder Unterwerfung befreien kann. Wenn er sich die Aggression verbietet, übt er sich ungewollt in Untertanengeist.“

„Da ich keine Funkuhren habe, suche ich nach einem Ausweg, versuche ich mir jedes Mal die alte Zeit noch eine Weile zu erhalten, indem ich mindestens eine Uhr unverstellt lasse. Wenn ich auf ihr die Zeit ablese, rechne ich sie …“

„ … in DM um.“

„Machen Sie sich nur lustig, Coster. Solange ich mich in dieser Zeitdisparation befinde, kann ich keinen klaren Gedanken fassen, weil sie mir allesamt in der verkehrten Reihenfolge in den Kopf kommen. Dann träume ich von der Abwesenheit aller Dinge, um wieder klar denken zu können.“

„Es heißt ja immer, die Zeitumstellung sei ein Problem der Kühe, die sich nur ungern an die veränderten Melkzeiten anpassen. Aber du, Trithemius, bist eindeutig schlimmer dran.“

Vor dem Gewitter

Vor einer Weile schrieb eine Aachen-Bloggerin über die legendäre Galerie „Gegenverkehr“ und erinnerte an den Hausmeister, einen Studenten, der unterm Dach wohnte und die Galerie bei Bedarf aufschloss. Die Bloggerin war damals ein Mädchen gewesen und schrieb, in diesen Mann wäre „jede, aber auch jede Frau ein bisschen verliebt gewesen.“ Es war Jeremias Coster, späterer Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Als ich ihn vor Jahren kennenlernte, hatte Coster den Tisch 43 vor dem historischen Lokal Postwagen am Markt zu seinem Stammplatz gewählt. An sonnigen Tagen konnte man ihn hier treffen, wie er in sein Moleskinbüchlein schrieb und ein gepflegtes Glas Kölsch hob.

Schon oft hatte ich erlebt, wie sich Coster in Lokalen die Aufmerksamkeit der Bedienung sicherte. Wenn eine Kellnerin an den Tisch trat, um die Bestellung aufzunehmen, fragte Coster, wie sie heiße. Sofort nannte er sie bei ihrem Vornamen, hängte freundliche Worte hinten an, und wenn die Kellnerin zurückkam, um zu servieren, waren alle anderen schon unsichtbar. Coster begann in den Augen der Kellnerin zu leuchten, denn er fuhr fort, sie mit der größten Liebenswürdigkeit zu behandeln. Allerdings verstand Coster zu teilen. Sein Glanz überstrahlte bald den ganzen Tisch, und so wurden alle bevorzugt bedient.

Es war im Sommer, ein sonniger Tag in Aachen, anfänglich. Später sollten sich über unseren Köpfen tiefgraue Wolken ballen, am Tisch 43 vor dem Aachener Postwagen ein heftiger Wind gehen und Regen herabklatschen, so dass wir ins Lokal flüchten mussten. Damals war ich aus Hannover zu Besuch und nächtigte drei Tage bei Coster. Wie immer hatte er Termine, so auch die Verabredung mit zwei Freunden am Postwagen. Sie arbeiteten bei der Zeitung, und einer war der Chef des anderen. Im aufkommenden Gewitter sollte der Zeitungschef noch rasch von einer Wespe gestochen werden, und das geschah, nachdem er versucht hatte, Costers Bann zu brechen. Das hätte er besser gelassen, denn er rief die versammelten Kräfte der Pataphysik gegen sich auf.

Die beiden Zeitungsleute kamen kurz nach uns an, ein launiges Gespräch ging hin und her über den Tisch, da entschuldigte sich Coster und verschwand im Lokal. Der Zeitungschef wartete, bis Coster außer Sicht war, zog ein gefaltetes DIN-A4-Blatt aus dem Jackett, klappte es siegesgewiss auf und zeigte es. Er hatte sich im Internet kundig gemacht, auf der Seite des Lokals alle Kellnerinnen mit Namen und Foto aufgeführt gefunden und die Liste ausgedruckt. Als sich eine Hand nach dem Farbdruck ausstreckte, stopfte der Zeitungsmann ihn rasch zurück ins Jackett. Er wollte sich seines Machtmittels nicht berauben lassen.

Bald kam Coster zurück in die Runde, die Kellnerin trat an den Tisch, ich wartete auf den großen Moment des Zeitungsmanns, aber der zuckte nicht einmal, so dass alles seinen gewohnten Lauf nahm. Just diese Kellnerin hatte er nämlich nicht auf seiner Liste. Bald schlug er sich ans Gesicht, da hatte ihn die verirrte Wespe gestochen. Sein Handy gab Laut, er wurde abberufen und war fort. Dann das Gewitter.

Nachts im Institut für Pataphysik

Dieses Gebäude erhebt sich auf dem Aachener Königshügel. Als ich noch in Aachen lebte, entdeckte ich es bei einem Bummel und fotografierte es. Das eindrucksvolle Gebäude beherbergte einst das Institut für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen. Da es leer stand, habe ich darin das Institut für Pataphysik angesiedelt und eine Lesenacht darin veranstaltet. Es ist auch Schauplatz einer Groteske, die ich vor Jahren geschrieben und schon im Teestübchen veröffentlicht habe.
Kürzlich sind mir Bilder einer webcam zugespielt worden. Um welche Nacht es sich handelt, wer da mit der Taschenlampe herumschleicht und warum, weiß ich nicht. Aber das Material wollte ich der geneigten Teestübchen-Community nicht vorenthalten.

Jeremias Costers Abenteuer in der nur unscharf berechenbaren Randzone

Eines Tages sagte mein Freund Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, er habe seinen grünen Daumen verloren. Ich sah erschrocken auf seine Hände. Die Daumen waren noch dran. Seine Hanfpflanzen „Kirchspieler White Widow“ seien ihm eingegangen. Und er vertrete die Theorie, das Befinden einer Pflanze, mit der ein Mensch sich in Interaktion befinde, gebe Auskunft über dessen Seelenzustand. Daher sei er ein wenig beunruhigt. Es sei ein Berufsrisiko damit verbunden, Pataphysik zu lehren. Man schramme gezwungener Maßen am Wahnsinn vorbei. Immer an der Grenze entlang, sehe man aus der Alltagswelt den Irrsinn und aus den nur unscharf berechenbaren Randzonen den Wahnsinn winken. Deshalb müsse er sich wappnen. Gestern habe er sich aufs Rad gesetzt und sei hinter die niederländische Grenze gefahren, wo sich zwei Coffeeshops angesiedelt hätten.

Da habe ihn kurz vor der Grenze ein Polizeiauto überholt. Als er am alten Zollhaus vorbeigeradelt sei, habe dort das Polizeiauto versteckt geparkt. Er habe sein Rad dreist an den Laternenmast angeschlossen, genau vor dem Eingang des Coffeeshops, und sei hineingegangen. Der freundliche Glatzkopf im Coffeeshop habe ihm zwar nicht White Widow verkaufen können, dafür aber fünf Gramm Northern Light. Dann habe er gewarnt. „Passen Sie auf, die deutsche Polizei wartet hinter der Grenze!

Er, Coster, habe gesagt, deshalb werde er einen anderen Rückweg nehmen. Unter den Augen der Polizei sei er auf sein Rad gestiegen und habe einen Weg eingeschlagen, der auf der niederländischen Seite entlang der Grenze führt. An seinen Händen habe er leuchtend blaue Handschuhe getragen. Da habe er sich gedacht, diese Handschuhe seien ein Erkennungsmerkmal, ein Augennagel für ein Polizistenauge. Deshalb habe er die Handschuhe ausgezogen und in die Jacke gesteckt. Denn er habe sich denken können, dass die deutschen Polizisten von ihrem Auto aus in Kontakt mit den niederländischen Kollegen stünden.

An einem Wirtschaftsweg habe er die Grenze zu Deutschland wieder übertreten. Dieser Wirtschaftsweg führe zwei Kilometer schnurgeradeaus durch die Felder. Er sei schlammig gewesen und habe voller Pfützen gestanden. In der Ferne sei plötzlich ein Scheinwerferpaar aufgetaucht. Da habe er gedacht, wenn das mal kein Polizeiauto ist. Für einen Moment sei er beruhigt gewesen, denn das langsam größer werdende Auto habe, aus dem Dämmer heraustretend, weißrot geleuchtet. Doch dann habe er gesehen, dass ihm in voller Wegbreite ein niederländisches Polizeiauto entgegenkam.

Er sei ganz ruhig geblieben und gelassen auf das Auto zu geradelt, habe angehalten, als man Augenkontakt hatte. Dann habe er seine nackte Rechte gehoben und dem Polizisten freundlich in die Fahrerkabine gewinkt. Der habe seinen Gruß erwidert und ihn vorbeigelassen.

    „Hallo Duitse collega’s, ik heb geen man met blauwe handschoenen gezien…!“
    [Hallo deutsche Kollegen, ich habe keinen Mann mit blauen Handschuhen gesehen.]

Ja, Trithemius, sagte Professor Coster stolz. Mit ein bisschen Kenntnis in Wahrnehmungspsychologie kann man im Leben recht sicher vorankommen, auch wenn man von der Grenze aus ins verwirrende Dämmerlicht des Landesinneren fährt.

Wer hat uns betrogen? Mediengeile Virologen

Schon vor fünf (!) Jahren hat im visionären Teestübchen Ihres Vertrauens eine Warnung vor den Ampeldruckknöpfen gestanden. So lange schon bin ich der warnende Rufer in der Wüste, dass diese Warnung schon ins Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ eingeflossen ist. Auf diesen Ampeldruckknöpfen wimmelt es nur so vor reiselustiger Mikroben, Pappnase Corona ist auch dabei und streckt den Daumen raus. Der Freund, dessen Asche ich aufbewahre, ist in Aachen Stadtplaner gewesen. Da war es seine Profession, sich Gedanken zu machen über Fußgängerströme und wie sie zu leiten wären. Er hat mir verraten, dass die meisten Druckknöpfe an Ampeln funktionslos sind und nur zur Beruhigung der Wartenden blinken.

Man kann sich vorstellen, dass viele Mikroben sich an der menschlichen Hand aufhalten. Ein öffentlich angebrachter Schaltknopf, der mit der Hand berührt werden soll, wird naturgemäß mit Mikroben kontaminiert. Eine weitere Hand nimmt einen Teil der Mikroben wieder auf und transportiert sie zu anderen Wirten an einem ganz anderen Ende der Stadt. So sind also die Ampeldruckknöpfe mikrobiotischen Reisezentren, auf denen ein Gedränge herrscht wie im Kölner Hauptbahnhof vor Corona Zeiten bei perfektem Reisewetter. Solange keine lästigen Antikörper in der Nähe sind, besuchen Coronaviren lustig Ausflugsorte und vermehren sich glücklich unter der Sonne ihrer befallenen Wirte.

Warum werden öffentliche Tischtennisplatten mit einem rotweißen Absperrband versehen, die Ampeldruckknöpfe aber nicht? Neuerdings werden wir mit Bußgeldkatalogen darauf eingeschworen, der Obrigkeit zu gehorchen. Verunsicherte Mitbürger stehen händeringend an der Fußgängerampel, können ihre Hände kaum bei sich lassen. Man will ja alles richtig machen. Besonders der ältere Mensch, schon ein bisschen ängstlich im Straßenverkehr, traut sich nicht, die Aufforderung „Bitte berühren“ zu ignorieren. Am Ende heißt es wieder, die Alten hören den Schuss nicht mehr. Die müssen entmündigt werden. Hallo, Herr Spahn!  Hier hülfe nur, die Ampeldruckknöpfe zu sperren. Warum geschieht das nicht? Letztens erklärte ein professoraler Fernsehvirologe, der mit der schönen Frisur, wie viele virale Tröpfchen aus der Atemluft wie lange in der Raumluft stehen. Man habe die in zwei Studien gezählt. Hallo! Klopfklopf! Jemand zu Hause?! Die meisten Corona-Tröpfchen stehen nicht rum; sie sitzen bequem auf dem Ampeldruckknopf und warten auf den nächsten Tünnes! Und kein Virologe in der Nähe, der mahnend den Zeigefinger hebt. Sie zählen lieber Tröpfchen in der Atemluft. Bei allem Verständnis für deren Selbstbezogenheit wegen tieftrauriger Früherfahrungen, „narzistische Kränkung“, nennt es die Psychologie.  Wer hat schon früher einem Virologen zugehört? „Statt mich mit einem Virologen zu verabreden, lackiere ich mir lieber die Fußnägel“, sagte meine Referendarin Marion und ging mit mir Pataphysiker aus.

Gif-Animation aus Schlaraffia-Filmmaterial: JvdL

In Belgien, hörte ich im Rundfunk, werden Ampeldruckknöpfe automatisch geschaltet, damit niemand mehr diese Mikrobenverschiebebahnhöfe berühren muss. Von Absperrband wurde nichts gesagt. Die Mikroben müssen mächtigen Einfluss auf unsere Entscheidungsträger haben. Alle Welt steht wegen Corona still, und letztlich müssen alle Fußgänger sterben wegen Millionen überflüssiger Ampeldruckknöpfe. Hauptsache, der Autoverkehr kann rollen. Hand drauf!

Einiges über die schöpferischen Ursuppe

Jeremias Coster berichtete, im Hof seiner Kindheit habe es einen „Serch“ gegeben, eine rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst hatte wohl die Regenrinne zum Serch geführt, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung sei sein stabiler Basteltisch gewesen.

Da habe er bei Regenwetter oft gestanden und, geschützt vom überhängenden Dach der Stallungen, irgendwas gewerkelt. Er erinnere sich daran, dass er dabei unablässig habe reden müssen. Ohne sein Zutun, sei Sprache wie Wasser aus seinem Mund geflossen, schon sinnvoll irgendwie, aber ohne verstandesmäßige Kontrolle.

Er denke nun, dass es die Ursuppe des Schöpferischen gewesen war, wie es ja in jedem schöpferischen Akt begleitende Gedanken geben müsste, unwillkürliche, wie sie in seinem kindlichen Zungenreden zum Ausdruck kamen, und absichtsvolle, die die Ideen und Motive des Handelns enthalten, die Reaktionen auf innere und äußere Anlässe und dergleichen. Diese Ursuppe des Schöpferischen könne jede/jeder in sich erkennen.

„Sie offenbar zu machen, scheint mir unmöglich“, sagte ich. „Es setzt voraus, dass man sich ständig selbst unter Beobachtung hat, also alles genau registriert, was einem gerade durch den Kopf geht. Diese Rückkopplung aber würde das Werk in Arbeit verändern.“

Coster ignorierte meinen Einwand und sagte: „Soweit in dieser Ursuppe des Schöpferischen die Absichten und Motive mitschwimmen gleich dicken Fleischeinlagen …“

„Ich bin Vegetarier!“, warf ich ein.

„…Fleischeinlagen, kann es vorkommen, dass sie untergehen und verschwinden, sei es wegen dummdreister Einwände von außen“, fuhr Coster fort und sah mich strafend an. „Oder aber, weil sie sich auflösen.“

„Wie kommen Sie darauf, Coster?“

„Ich habe tagelang einen Text verfasst und kann ihn nicht beenden, weil just die zugrunde liegende Idee sich verflüchtigt hat.“

„Wenn Ihre Suppenmetapher zutrifft, schwimmt sie ja noch in der Ursuppe herum und kann wirksam werden. Vielleicht warten Sie geduldig ab.“

Über die Verleugnung der Endlichkeit

Irgendwann Ende der 1990-er Jahre sprach ich mit dem Dichter Robert Gernhardt über seinen Freund und Kollegen aus Titanic-Gründertagen, den begnadeten Cartoonisten Friedrich Karl Waechter. Auf meine Frage, warum Waechter keine Cartoons mehr für Titanic zeichne, sagte Gernhardt, Waechter hege die Vorstellung, ein Mensch habe nur 2000 Witze. Ob es die genaue Zahl war, weiß ich nicht mehr. Ich wunderte mich über die Vorstellung. Bis dato kannte ich das nur in sexueller Hinsicht, auf die Potenz des Mannes bezogen („Zehntausend Schuss und dann ist Schluss.“)

Ob hier eine Analogie besteht, werde ich nicht behaupten, aber auch nicht bestreiten. Jedenfalls hatte Waechter die Endlichkeit seines künstlerischen Schaffens akzeptiert. Am 16. September 2005 ist er verstorben.

Anfang der 1990-er Jahre wollte der Aktionskünstler Achim Schollenberger herausfinden, wie viele Wörter in einem handelsüblichen Tintenfass stecken. Wie die FAZ damals berichtete, hat er bis zu neun Stunden täglich in der Würzburger Stadtbibliothek gesessen und immerzu die vier Buchstaben „Wort“ geschrieben.
Nach 20 Tagen hatte er genau 856 Bögen DIN-A4 voll- und das Tintenfass leer geschrieben. Im Tintenfass steckten 171.073 Wörter.

Die Aktion gewinnt ihren Reiz aus der Endlichkeit. Indem sich heutige Schreiber vom Material losgesagt haben, können sie im Digitalen nichts Vergleichbares tun. Das digitale Tintenfass ist schier unendlich groß. Wir müssen nicht befürchten, dass irgendwann ein serviles Männlein auf dem Bildschirm erscheint und verlegen herumdruckst: „Tut mir Leid, aber die Buchstaben sind alle.

Schon zuvor durch Film- und Tonträger hatte der postmoderne Mensch aufgehört, Endlichkeit zu akzeptieren. Im Jahr 2010 hörte ich in den Nachrichten des flämischen Radiosenders Studio Brussel, der amerikanische Soulsänger Solomon Burke sei in einem Flugzeug kurz nach der Ankunft auf dem Flughafen Amsterdam verstorben. Gleich danach spielte man ein Platte von Solomon Burke, und ich dachte: „Der arme Mann ist grad gestorben und muss trotzdem singen.“

Transhumanisten im Silicon Valley arbeiten daran, den Inhalt des menschlichen Gehirns zu digitalisieren und auf externe Speicher auszulagern, mit dem Ziel, die menschliche Existenz ins Unendliche zu überführen. Es ist die logische Konsequenz der Idee vom Cyborg, also einem Mischwesen aus lebendigem Organismus und künstlichen Bauteilen und eben diesem digitalisierten Gehirn. Im Jahr 2012 wurde ich unerwünscht zum Cyborg, als mir nämlich ein Kardiologe über eine Sonde in der Blutbahn ein „Stent“ genanntes Röhrchen ins Herz schob, um den Verschluss eines Blutgefäßes zu verhindern. Ohne diesen Stent wäre ich längst tot. Mediziner haben meine Endlichkeit nicht zugelassen.

Der diese Zeilen schreibt, ist ein transhumaner Mensch. Meine Gedanken sind noch nicht digitalisiert, das versichere ich hoch und heilig. Man sieht mir nicht an, dass ich ein Cyborg bin, und ich hoffe sehr, dass ich bis zu meinem Ableben keine weiteren künstlichen Bauteile mehr benötige. Es gibt freilich bereits junge Menschen, die sich zur Erweiterung ihrer Sinne, Antennen oder Magnete in den Kopf einpflanzen lassen. Doch künstliche Bauteile sind ein Irrweg. Indem der Mensch eifrig an der Zerstörung dieses Planeten arbeitet, ist auch der transhumane Cyborg endlich.

Ziel wird sein, das digitalisierte Gehirn gänzlich von vergänglicher Biomasse zu trennen – wie in dieser Zukunftsvision des Instituts für Pataphysik. Die Idee der fünf schwarzen Kugeln, die über den emaillierten Erdball rollen und digitalisierte Bewusstseine enthalten, hatte ich für eine Lesenacht im Teppichhaus Trithemius im Jahr 2007 entwickelt. Das digitale Bewusstsein kann sich beliebige Welten simulieren, und ihren Reiz beziehen die Szenerien daraus, endlich zu sein.

Die Bloggerin Mikage, eine Berliner Jurastudentin, hat damals einen Text für mich eingesprochen. Ab 1:30 hören wir sie aus dem Inneren einer schwarzen Kugel, im Hintergrund schwach das Geräusch einer Tastatur.