Jeremias Costers Abenteuer in der nur unscharf berechenbaren Randzone

Eines Tages sagte mein Freund Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, er habe seinen grünen Daumen verloren. Ich sah erschrocken auf seine Hände. Die Daumen waren noch dran. Seine Hanfpflanzen „Kirchspieler White Widow“ seien ihm eingegangen. Und er vertrete die Theorie, das Befinden einer Pflanze, mit der ein Mensch sich in Interaktion befinde, gebe Auskunft über dessen Seelenzustand. Daher sei er ein wenig beunruhigt. Es sei ein Berufsrisiko damit verbunden, Pataphysik zu lehren. Man schramme gezwungener Maßen am Wahnsinn vorbei. Immer an der Grenze entlang, sehe man aus der Alltagswelt den Irrsinn und aus den nur unscharf berechenbaren Randzonen den Wahnsinn winken. Deshalb müsse er sich wappnen. Gestern habe er sich aufs Rad gesetzt und sei hinter die niederländische Grenze gefahren, wo sich zwei Coffeeshops angesiedelt hätten.

Da habe ihn kurz vor der Grenze ein Polizeiauto überholt. Als er am alten Zollhaus vorbeigeradelt sei, habe dort das Polizeiauto versteckt geparkt. Er habe sein Rad dreist an den Laternenmast angeschlossen, genau vor dem Eingang des Coffeeshops, und sei hineingegangen. Der freundliche Glatzkopf im Coffeeshop habe ihm zwar nicht White Widow verkaufen können, dafür aber fünf Gramm Northern Light. Dann habe er gewarnt. „Passen Sie auf, die deutsche Polizei wartet hinter der Grenze!

Er, Coster, habe gesagt, deshalb werde er einen anderen Rückweg nehmen. Unter den Augen der Polizei sei er auf sein Rad gestiegen und habe einen Weg eingeschlagen, der auf der niederländischen Seite entlang der Grenze führt. An seinen Händen habe er leuchtend blaue Handschuhe getragen. Da habe er sich gedacht, diese Handschuhe seien ein Erkennungsmerkmal, ein Augennagel für ein Polizistenauge. Deshalb habe er die Handschuhe ausgezogen und in die Jacke gesteckt. Denn er habe sich denken können, dass die deutschen Polizisten von ihrem Auto aus in Kontakt mit den niederländischen Kollegen stünden.

An einem Wirtschaftsweg habe er die Grenze zu Deutschland wieder übertreten. Dieser Wirtschaftsweg führe zwei Kilometer schnurgeradeaus durch die Felder. Er sei schlammig gewesen und habe voller Pfützen gestanden. In der Ferne sei plötzlich ein Scheinwerferpaar aufgetaucht. Da habe er gedacht, wenn das mal kein Polizeiauto ist. Für einen Moment sei er beruhigt gewesen, denn das langsam größer werdende Auto habe, aus dem Dämmer heraustretend, weißrot geleuchtet. Doch dann habe er gesehen, dass ihm in voller Wegbreite ein niederländisches Polizeiauto entgegenkam.

Er sei ganz ruhig geblieben und gelassen auf das Auto zu geradelt, habe angehalten, als man Augenkontakt hatte. Dann habe er seine nackte Rechte gehoben und dem Polizisten freundlich in die Fahrerkabine gewinkt. Der habe seinen Gruß erwidert und ihn vorbeigelassen.

    „Hallo Duitse collega’s, ik heb geen man met blauwe handschoenen gezien…!“
    [Hallo deutsche Kollegen, ich habe keinen Mann mit blauen Handschuhen gesehen.]

Ja, Trithemius, sagte Professor Coster stolz. Mit ein bisschen Kenntnis in Wahrnehmungspsychologie kann man im Leben recht sicher vorankommen, auch wenn man von der Grenze aus ins verwirrende Dämmerlicht des Landesinneren fährt.

Wer hat uns betrogen? Mediengeile Virologen

Schon vor fünf (!) Jahren hat im visionären Teestübchen Ihres Vertrauens eine Warnung vor den Ampeldruckknöpfen gestanden. So lange schon bin ich der warnende Rufer in der Wüste, dass diese Warnung schon ins Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ eingeflossen ist. Auf diesen Ampeldruckknöpfen wimmelt es nur so vor reiselustiger Mikroben, Pappnase Corona ist auch dabei und streckt den Daumen raus. Der Freund, dessen Asche ich aufbewahre, ist in Aachen Stadtplaner gewesen. Da war es seine Profession, sich Gedanken zu machen über Fußgängerströme und wie sie zu leiten wären. Er hat mir verraten, dass die meisten Druckknöpfe an Ampeln funktionslos sind und nur zur Beruhigung der Wartenden blinken.

Man kann sich vorstellen, dass viele Mikroben sich an der menschlichen Hand aufhalten. Ein öffentlich angebrachter Schaltknopf, der mit der Hand berührt werden soll, wird naturgemäß mit Mikroben kontaminiert. Eine weitere Hand nimmt einen Teil der Mikroben wieder auf und transportiert sie zu anderen Wirten an einem ganz anderen Ende der Stadt. So sind also die Ampeldruckknöpfe mikrobiotischen Reisezentren, auf denen ein Gedränge herrscht wie im Kölner Hauptbahnhof vor Corona Zeiten bei perfektem Reisewetter. Solange keine lästigen Antikörper in der Nähe sind, besuchen Coronaviren lustig Ausflugsorte und vermehren sich glücklich unter der Sonne ihrer befallenen Wirte.

Warum werden öffentliche Tischtennisplatten mit einem rotweißen Absperrband versehen, die Ampeldruckknöpfe aber nicht? Neuerdings werden wir mit Bußgeldkatalogen darauf eingeschworen, der Obrigkeit zu gehorchen. Verunsicherte Mitbürger stehen händeringend an der Fußgängerampel, können ihre Hände kaum bei sich lassen. Man will ja alles richtig machen. Besonders der ältere Mensch, schon ein bisschen ängstlich im Straßenverkehr, traut sich nicht, die Aufforderung „Bitte berühren“ zu ignorieren. Am Ende heißt es wieder, die Alten hören den Schuss nicht mehr. Die müssen entmündigt werden. Hallo, Herr Spahn!  Hier hülfe nur, die Ampeldruckknöpfe zu sperren. Warum geschieht das nicht? Letztens erklärte ein professoraler Fernsehvirologe, der mit der schönen Frisur, wie viele virale Tröpfchen aus der Atemluft wie lange in der Raumluft stehen. Man habe die in zwei Studien gezählt. Hallo! Klopfklopf! Jemand zu Hause?! Die meisten Corona-Tröpfchen stehen nicht rum; sie sitzen bequem auf dem Ampeldruckknopf und warten auf den nächsten Tünnes! Und kein Virologe in der Nähe, der mahnend den Zeigefinger hebt. Sie zählen lieber Tröpfchen in der Atemluft. Bei allem Verständnis für deren Selbstbezogenheit wegen tieftrauriger Früherfahrungen, „narzistische Kränkung“, nennt es die Psychologie.  Wer hat schon früher einem Virologen zugehört? „Statt mich mit einem Virologen zu verabreden, lackiere ich mir lieber die Fußnägel“, sagte meine Referendarin Marion und ging mit mir Pataphysiker aus.

Gif-Animation aus Schlaraffia-Filmmaterial: JvdL

In Belgien, hörte ich im Rundfunk, werden Ampeldruckknöpfe automatisch geschaltet, damit niemand mehr diese Mikrobenverschiebebahnhöfe berühren muss. Von Absperrband wurde nichts gesagt. Die Mikroben müssen mächtigen Einfluss auf unsere Entscheidungsträger haben. Alle Welt steht wegen Corona still, und letztlich müssen alle Fußgänger sterben wegen Millionen überflüssiger Ampeldruckknöpfe. Hauptsache, der Autoverkehr kann rollen. Hand drauf!

Einiges über die schöpferischen Ursuppe

Jeremias Coster berichtete, im Hof seiner Kindheit habe es einen „Serch“ gegeben, eine rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst hatte wohl die Regenrinne zum Serch geführt, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung sei sein stabiler Basteltisch gewesen.

Da habe er bei Regenwetter oft gestanden und, geschützt vom überhängenden Dach der Stallungen, irgendwas gewerkelt. Er erinnere sich daran, dass er dabei unablässig habe reden müssen. Ohne sein Zutun, sei Sprache wie Wasser aus seinem Mund geflossen, schon sinnvoll irgendwie, aber ohne verstandesmäßige Kontrolle.

Er denke nun, dass es die Ursuppe des Schöpferischen gewesen war, wie es ja in jedem schöpferischen Akt begleitende Gedanken geben müsste, unwillkürliche, wie sie in seinem kindlichen Zungenreden zum Ausdruck kamen, und absichtsvolle, die die Ideen und Motive des Handelns enthalten, die Reaktionen auf innere und äußere Anlässe und dergleichen. Diese Ursuppe des Schöpferischen könne jede/jeder in sich erkennen.

„Sie offenbar zu machen, scheint mir unmöglich“, sagte ich. „Es setzt voraus, dass man sich ständig selbst unter Beobachtung hat, also alles genau registriert, was einem gerade durch den Kopf geht. Diese Rückkopplung aber würde das Werk in Arbeit verändern.“

Coster ignorierte meinen Einwand und sagte: „Soweit in dieser Ursuppe des Schöpferischen die Absichten und Motive mitschwimmen gleich dicken Fleischeinlagen …“

„Ich bin Vegetarier!“, warf ich ein.

„…Fleischeinlagen, kann es vorkommen, dass sie untergehen und verschwinden, sei es wegen dummdreister Einwände von außen“, fuhr Coster fort und sah mich strafend an. „Oder aber, weil sie sich auflösen.“

„Wie kommen Sie darauf, Coster?“

„Ich habe tagelang einen Text verfasst und kann ihn nicht beenden, weil just die zugrunde liegende Idee sich verflüchtigt hat.“

„Wenn Ihre Suppenmetapher zutrifft, schwimmt sie ja noch in der Ursuppe herum und kann wirksam werden. Vielleicht warten Sie geduldig ab.“

Über die Verleugnung der Endlichkeit

Irgendwann Ende der 1990-er Jahre sprach ich mit dem Dichter Robert Gernhardt über seinen Freund und Kollegen aus Titanic-Gründertagen, den begnadeten Cartoonisten Friedrich Karl Waechter. Auf meine Frage, warum Waechter keine Cartoons mehr für Titanic zeichne, sagte Gernhardt, Waechter hege die Vorstellung, ein Mensch habe nur 2000 Witze. Ob es die genaue Zahl war, weiß ich nicht mehr. Ich wunderte mich über die Vorstellung. Bis dato kannte ich das nur in sexueller Hinsicht, auf die Potenz des Mannes bezogen („Zehntausend Schuss und dann ist Schluss.“)

Ob hier eine Analogie besteht, werde ich nicht behaupten, aber auch nicht bestreiten. Jedenfalls hatte Waechter die Endlichkeit seines künstlerischen Schaffens akzeptiert. Am 16. September 2005 ist er verstorben.

Anfang der 1990-er Jahre wollte der Aktionskünstler Achim Schollenberger herausfinden, wie viele Wörter in einem handelsüblichen Tintenfass stecken. Wie die FAZ damals berichtete, hat er bis zu neun Stunden täglich in der Würzburger Stadtbibliothek gesessen und immerzu die vier Buchstaben „Wort“ geschrieben.
Nach 20 Tagen hatte er genau 856 Bögen DIN-A4 voll- und das Tintenfass leer geschrieben. Im Tintenfass steckten 171.073 Wörter.

Die Aktion gewinnt ihren Reiz aus der Endlichkeit. Indem sich heutige Schreiber vom Material losgesagt haben, können sie im Digitalen nichts Vergleichbares tun. Das digitale Tintenfass ist schier unendlich groß. Wir müssen nicht befürchten, dass irgendwann ein serviles Männlein auf dem Bildschirm erscheint und verlegen herumdruckst: „Tut mir Leid, aber die Buchstaben sind alle.

Schon zuvor durch Film- und Tonträger hatte der postmoderne Mensch aufgehört, Endlichkeit zu akzeptieren. Im Jahr 2010 hörte ich in den Nachrichten des flämischen Radiosenders Studio Brussel, der amerikanische Soulsänger Solomon Burke sei in einem Flugzeug kurz nach der Ankunft auf dem Flughafen Amsterdam verstorben. Gleich danach spielte man ein Platte von Solomon Burke, und ich dachte: „Der arme Mann ist grad gestorben und muss trotzdem singen.“

Transhumanisten im Silicon Valley arbeiten daran, den Inhalt des menschlichen Gehirns zu digitalisieren und auf externe Speicher auszulagern, mit dem Ziel, die menschliche Existenz ins Unendliche zu überführen. Es ist die logische Konsequenz der Idee vom Cyborg, also einem Mischwesen aus lebendigem Organismus und künstlichen Bauteilen und eben diesem digitalisierten Gehirn. Im Jahr 2012 wurde ich unerwünscht zum Cyborg, als mir nämlich ein Kardiologe über eine Sonde in der Blutbahn ein „Stent“ genanntes Röhrchen ins Herz schob, um den Verschluss eines Blutgefäßes zu verhindern. Ohne diesen Stent wäre ich längst tot. Mediziner haben meine Endlichkeit nicht zugelassen.

Der diese Zeilen schreibt, ist ein transhumaner Mensch. Meine Gedanken sind noch nicht digitalisiert, das versichere ich hoch und heilig. Man sieht mir nicht an, dass ich ein Cyborg bin, und ich hoffe sehr, dass ich bis zu meinem Ableben keine weiteren künstlichen Bauteile mehr benötige. Es gibt freilich bereits junge Menschen, die sich zur Erweiterung ihrer Sinne, Antennen oder Magnete in den Kopf einpflanzen lassen. Doch künstliche Bauteile sind ein Irrweg. Indem der Mensch eifrig an der Zerstörung dieses Planeten arbeitet, ist auch der transhumane Cyborg endlich.

Ziel wird sein, das digitalisierte Gehirn gänzlich von vergänglicher Biomasse zu trennen – wie in dieser Zukunftsvision des Instituts für Pataphysik. Die Idee der fünf schwarzen Kugeln, die über den emaillierten Erdball rollen und digitalisierte Bewusstseine enthalten, hatte ich für eine Lesenacht im Teppichhaus Trithemius im Jahr 2007 entwickelt. Das digitale Bewusstsein kann sich beliebige Welten simulieren, und ihren Reiz beziehen die Szenerien daraus, endlich zu sein.

Die Bloggerin Mikage, eine Berliner Jurastudentin, hat damals einen Text für mich eingesprochen. Ab 1:30 hören wir sie aus dem Inneren einer schwarzen Kugel, im Hintergrund schwach das Geräusch einer Tastatur.

Experiment gescheitert (U) – Acht Omas uzen einen Igel

Folge AFolge EFolge IFolge O – Folge U

Der Schwabe stieg ab und nahm seine Station ein. Bald entschwand er unseren Blicken. Wir fuhren weiter zur nächsten Station I.
„Bevor Sie gleich absteigen, verraten Sie mir bitte Ihren Namen, Herr I!“, sagte Madame Dobbelstein. „Ich möchte ich Sie ungern als I in Erinnerung behalten, denn I kennt man allgemein als Interjektion des Ekels. “

„Ich heiße Karl-Hermann Hutschkottenreuther-Dillbohner.“

„Himmel! Das habe ich nicht ahnen können. Mir Ihren Namen zu merken, wäre eine unverzeihliche Verschwendung geistiger Ressourcen, ihn auszusprechen verschlechtert unserer CO2-Bilanz. Da bleibe ich doch lieber bei I.“

„Zumal I als der mittlere Buchstabe der Vokalreihe etwas Besonderes ist“, sagte ich. „Das ist übrigens bei den Ogham-Runen anders. Da steht I am Schluss. Die Reihe geht so: A – O – U – E – I.“ Weil es konkurriert mit dem vertrauten A – E – I – O – U, habe ich mir einen Merksatz für die Vokalreihe der Ogham-Runen ausgedacht: ‚Acht Omas uzen einen Igel.‘ A – O – U – E – I.“

Madame Dobbelstein schnaubte: „Muss das jetzt sein, Herr Ley? Sie bringen Herrn I ganz durcheinander!“ Sie stoppte die Draisine, damit I absteigen konnte. Nun waren wir nur noch zu Dritt.

„Sie sind ja ein echter Volkalreihentheoretiker“, sagte Herr O hämisch, derweil die Draisine wieder anrollte. Eine gewisse Abneigung zwischen uns war nicht zu leugnen.

„Ein Grund, warum ich am Experiment teilnehmen will. Welchen Grund haben Sie, Herr O?“, fragte ich arglos.

„Ich überwache das Experiment im Auftrag der katholischen Glaubenskongregation.“

Du lieber Herr Gesangsverein, das ist doch der euphemistische Name der Inquisition. Plötzlich verstand ich, warum O und ich uns von Beginn an so herzlich unsympathisch waren. Ich sagte: „Herr Inquisitor! Ich bin Atheist und verachte alles, was Sie und ihresgleichen vertreten. Sie haben genug Leid über die Menschheit gebracht. ‚Überwachen‘ Sie nur in Ihrem Wahn, aber wagen Sie nicht, das Experiment zu sabotieren. Sie haben an Station A mein Megaphon zu Boden gestoßen. Glücklicherweise funktioniert es noch. Einen weiteren Übergriff werde ich zu verhindern wissen.“

Der Inquisitor war von der Heftigkeit meiner Worte überrascht und setzte zu seiner Verteidigung an: „Der heiligen katholischen Kirche missfällt die zunehmende Anrufung des Satans, also wenn aus Leichtfertigkeit, Übermut oder Bosheit allerorten rückwärts geredet wird.“

„Wir reden überhaupt nicht rückwärts. Jeder Einzelne von uns sagt nur einen Vokal auf.“

„Auf der Metaebene rufen Sie den Satan an.“

„Verstehe ich Sie richtig, Herr O, dass Sie etwas gegen das Experiment einzuwenden haben und es erst jetzt sagen?“, fragte Madame Dobbelstein wie leichthin. Der Hund ahnte wohl einen gefährlichen Unterton, fletschte die Zähne und begann zu knurren.

„Ach, seien Sie ganz still, Sie mit Ihrer Hexenkraft!“, sagte O heftig. „Sie wissen sicher, was die heilige Inquisition mit Ihresgleichen gemacht hat.

„Jetzt mäßigen Sie sich aber, Herr Inquisitor!“, sagte ich.

„Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Aufgabe in der Postenkette nicht korrekt ausführen wollen“, sagte Madame Dobbelstein. „Also muss ich Sie bitten, die Draisine unverzüglich zu verlassen.“

Wir hielten. Über die Ebene fegte ein unangenehmer Wind heran, der mich frösteln ließ. Der Hund hatte sich aufgerichtet und verfolgte aufmerksam, wie der dickliche O unbeholfen von der Plattform stieg. Ich widerstand der Versuchung, die Sache mit einem Tritt zu beschleunigen. Mit Genugtuung sah ich, wie O den Gleiskörper verließ und die Festigkeit der Ebene überschätzte. Seine Schuhe versanken in einer schlammigen Stelle und er warf einen verzweifelten Blick zum Himmel.

„Es bleibt uns keine Wahl, Herr Ley“, sagte Madame Dobbelstein. „Wir müssen tauschen. Sie übernehmen Station O und ich werde weiterfahren zu Ihrer Station U.“

Das war mir nun gar nicht recht, denn ich hatte mich innerlich die ganze Zeit schon mit U beschäftigt, hatte memoriert: ‚Dunkles, gruftdunkles U, samten wie Juninacht‘ und jetzt sollte ich mich auf O umstellen? Hoffentlich würde ich nichts falsch machen. Mein Einsatz ging schief, wie man weiß. Ich hörte noch das U von Madame Dobbelstein heranfliegen, dachte in der Aufregung, wieso U? Das ist doch mein Vokal, und rief so laut ich konnte „E“ ins Megaphon. Auf U folgt E oder nicht? „Acht Omas uzen einen Igel.“

Epilog: Die Handlung und die handelnden Personen sind erfunden, aber alles zur Alphabetmystik und zu den Vokalen ist wissenschaftlich belegt. LeserInnen aus Österreich wissen, dass die Vokalreihe AEIOU auch ein Motto ihres Landes ist. Interessierte können alles nachlesen in: Buchkultur im Abendrot.

Noch etwas: Da ich kein Schwäbisch kann, habe ich ein Online-Übersetzungs-Tool Deutsch-Schwäbisch genutzt. Inzwischen wurde mir von einer kundigen Mundartsprecherin mitgeteilt, dass die schwäbischen Passagen „unverständliches pseudoschwäbisches Zeug“ seien, und sie war so freundlich, alles zu korrigieren. Ich habe die Korrekturen eingearbeitet.

Experiment gescheitert (O) – Das Geheimnis der Vokale

Vorbemerkung des Autors: In meiner Jugend habe ich eine hektografierte Zeitung herausgebracht, die „Dampfdruck“ hieß. Ursprünglich sollte sie den skurrilen Namen „Männer aus Indien“ tragen. Für das erste Titelblatt stellte ich mir den Mergelkeller meiner Großmutter vor, in dessen Mitte ein Bollerwagen mit hochgeklappter Deichsel stand, worin dichtgedrängt fünf Männer saßen und irritiert aus der Wäsche schauten. Technische Defizite der späten 1960-er Jahre verhinderten die fotografische Darstellung.

Aber in diesen Keller meiner Großmutter, dessen Boden aus gestampfter Erde bestand und in dem nie Licht genug gewesen ist, um alle Ecken auszuleuchten, zu den Regalen mit den vor Jahrhunderten eingemachten Pfirsichen musste man sich vortasten, in diesen Keller habe ich mein schönes Teestübchen-Blog mit den drei Folgen meiner Erzählung hineingeschrieben. Doch ich bin wohlauf und will die Geschichte weiter erzählen, schon allein, um meine selige Mutter zu widerlegen, die behauptet hat, ich würde nie etwas fertig machen.

Ich habe den Bollerwagen mit den fünf Indern zur Seite geschoben und mir Platz zum Schreiben verschafft.

Mal rekapitulieren, es geht um Lichtenbergs alphabetmystisches Vokalenexperiment. .,jhtre321 – Huch, da rannte eine Maus über meine Tastatur! Kam von rechts unten und lief nach links oben. Also, wenn sie hier mitschreiben wollte, müsste sie sich schon an unsere rechtsläufige Schreibrichtung halten und in der Zeile bleiben …

Wieso Alphabetmystik? Unsere Vokale umgibt ein Geheimnis. Verschiedene Kulturen schreiben den Vokalen eine Nähe zum Göttlichen zu. Bereits im alten Ägypten priesen die Priester die Götter durch die sieben Vokale, die sie der Reihe nach ertönen ließen. A E I O U ist der Name Jehovas bei den Juden. Er kann nicht ausgesprochen werden, weil der wahre Klang der Vokale den Menschen bis zum Jüngsten Tag verborgen bleibt. Rückwärts gesprochen ist die Vokalreihe eine Anrufung des Satans. Es geht also nicht einfach um ein physikalisches Experiment mit der Schallgeschwindigkeit, sondern das Experiment hat eine sprachmagische Dimension. Zurück in die Erzählung:
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Experiment gescheitert – Folge I

Die Draisine fuhr hinaus in die Ebene. Hinter uns verebbte der Applaus. Das Gleis führte jetzt über einen flachen Damm. Wir durchquerten ein Feuchtgebiet. Ab und zu sah man im kümmerlichen Gras große Lachen stehen. Eine Weile war nur das Rollgeräusch der Räder auf den Schienen zu hören. Plötzlich sang Madame Dobbelstein: „Eisen auf Eisen rollt sich ab, tock tock.“ Der Hund hob den Kopf und ich erschrak. Es war, als hätte die Blinde uns einen Moment in ihre Welt einbezogen, die ja mehr Ton war als Anblick.

Der Unteroffizier unterbrach diesen zauberischen Augenblick: „Ich versteh nicht, warum ich nicht direktemang vor die Leuten stehen bleiben kann.“

„Sie sprechen ja Deutsch!“, sagte ich erstaunt.

„Ich komme aus Eupen“, antwortete der Unteroffizier. „Da lernt man Deutsch auf die Straße. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Die Sprache muss du lernen, Deutsch lernst du sowieso.‘ Die Sprache, weiß jeder, das ist Französisch. Très bien. Also, warum muss ich mit Sie in diese trostlose Einöde rausfahren, Madame Dobbelstein?“

„Aus Gründen der Harmonie und des Wohlklangs. Wenn sie direkt vor dem Auditorium stünden, müssten sie ja nicht rufen. Die anderen Vokale werden aber gerufen. Darum.“

Der Schwabe, zuständig für das E, sagte: „I verschdehe des Exberimend sowieso ned. Mi inderessierd nur des Honorar. Mir Schwaba achda eba uf’s Geld – ond bringa’s deshalb zu ebbes.“

„Aber wird man Sie an den großen Opernhäusern Europas nicht schmerzlich vermissen, derweil Sie hier in der Einöde nur den Vokal e plärren?“, fragte ich.

Der Schwabe warf mir einen giftigen Blick zu und sagte: „Ganz dünnes Eis, der Herr.“

Kollege I bat: „Könnten Sie uns das Experiment noch einmal erklären, Madame Dobbelstein?“

Madame Dobbelstein legte den Kopf schief und lauschte. Kollege I hatte sich bislang gar nicht gemeldet, tauchte also neu in ihrem Universum auf. Sie sagte: „Sie müssen Herr I sein. Also: Lichtenberg schlägt vor, dass fünf Personen unsere Vokalreihe a-e-i-o-u aufsagen, und zwar von hinten, also u-o-i-e-a, will aber, dass eine weitere Person a-e-i-o-u zu hören bekommt. Wie soll das gehen? Es könnte gelingen, wenn die fünf Personen nicht nebeneinander stünden, sondern im Abstand von je 340 Metern. Der Schall legt diese Distanz in einer Sekunde zurück. Zuerst wird Herr Ley also den Vokal U rufen, aus einer Entfernung von 1700 Metern. Sein Ruf benötigt 5 Sekunden, um bei den Hörern einzutreffen, Das O, aus einer Entfernung von 1360 Metern trifft nach 4 Sekunden ein, Ihr Ruf „i“ nach drei Sekunden, des Schwaben „e“ nach zwei Sekunden, des Eupeners „a“ nach einer Sekunde. Somit käme jeder Vokal gleichzeitig bei den Hörern auf der Tribüne an. Darum werden Sie die Vokale um eine Sekunde zeitversetzt rufen. Achten Sie auf den Piepton! Das Auditorium hört dann die richtige Abfolge, also a-e-i-o-u , obwohl sie falsch herum aufgesagt wurde.“

„Verstehe ich, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. All der Aufwand – für diese Spielerei?“

„In arte voluptas. – In der Kunst liegt das Vergnügen! Friedrich Schiller sagt:
Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Madame Dobbelstein unterschlug dabei, dass Fräulein Astrid durchaus eigennützige Interessen verfolgte, anders als Lichtenberg, der lediglich ein Gedankenexperiment umrissen hatte.

Vor uns, linker Hand tauchte die erste Station auf, erkennbar an einem Tisch, auf dem fünf Megaphone in Reihe auf ihre Trichter gestellt waren. Der Hund knurrte, Madame Dobbelstein brachte die Draisine zum Stehen und sagte: „Hopp, meine Herren, greifen Sie sich ein Megaphon und die Kopfhörer, und Sie, Herr Unteroffizier, nehmen Station A ein! Ich sende Ihnen ein Signal, sobald wir die ferne Station U erreicht haben und auch Herr Ley bereit zum Rufe ist.“

Hier entpuppte sich mein Kontrahent, Herr O, als Saboteur. Vielleicht war er auch nur ungeschickt. Jedenfalls stieß er mein Megaphon vom Tisch.

Fortsetzung folgt

Experiment gescheitert – Folge E

Unsere Draisine rollte aus dem Hohlweg und hielt. Links der Strecke war aus einem Aluminiumgestänge eine kleine Tribüne aufgebaut. Etwa 20 Leute zu je fünf nebeneinander saßen übereinandergestapelt in Fahrtrichtung, wo sich in der Ferne das Gleis hinter einer Biegung verlor. Jetzt wandten sich die Gesichter uns zu. Fräulein Astrid, schön anzusehen, so ätherisch, so berückend androgyn, festlich in ein graublaues Kostüm gekleidet, trat neben die Draisine und sprach in ein Haedsetmikrophon:

„Verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Pataphysik an der RWTH Aachen. Gerade sind die Akteure meines akustischen Experimentes eingetroffen, vier ausgebildete Sänger und ein Unteroffizier, der seine Stimme auf dem Kasernenhof trainiert hat.“ Die blinde Loreley trat an die Tribüne und verteilte Fotokopien. Fräulein Astrid fuhr fort: „Gestatten Sie, dass ich etwas weiter aushole. Vor einigen Monaten wurde mir ein Blatt unbekannter Herkunft zum Kauf angeboten, dessen Fotokopie Sie gerade bekommen.“ Sie wartete einen Moment, bis alle Kopien weitergereicht waren. Dann fuhr sie fort:

„Über der idealtypischen Zeichnung lesen Sie eine Bemerkung Lichtenbergs:

‚Man könnte fünf Personen so stellen, dass der erste u, der zweite o und so weiter i, e, a aussprächen und danach ein sechster a, e, i, o, u sagen hörte‘,
also die klassische Vokalreihe unseres Alphabets. Der unbekannte Autor des Blattes hat sich offenbar mit der Frage beschäftigt, wie das in der Praxis zu bewerkstelligen wäre. Was Lichtenberg als Idee lieferte, ein Unbekannter zeichnete und als Konzept niederlegte, will ich heute in einem akustischen Experiment demonstrieren, dessen physikalische Grundlage die Geschwindigkeit ist, in der sich Schallwellen verbreiten.

Die Versuchsanordnung ist wie folgt: Madame Dobbelstein, meine Assistentin, wird die Herren mit der Draisine zu vorher ausgemessenen Stationen am Gleis fahren. Monsieur Unteroffizier wird die 340 Meter entfernte Station a besetzen, die anderen Herren die weiteren Stationen, also in 680, 1020, 1360 und 1700 Metern Entfernung. Sie werden von dort den ihnen zugewiesenen Vokal rufen, und zwar auf ein um Sekunden gestaffeltes Funksignal hin. Damit die Lautstärke reicht, wird Madame Dobbelstein alle Rufer mit einem Megaphon ausstatten. Die von Lichtenberg genannte sechste Person sind Sie, meine Damen und Herren. Sie werden die Vokalreihe wohlgeordnet hören, obwohl sie verkehrt herum ertönt. Wir haben an diesem schönen Märztag genau 15 Grad Celsius. So herrschen optimale Bedingungen für die Schallausbreitung.“

Während dieses Vortrags spürte ich, wie große Nervosität in mir aufkeimte, eine Sorte Lampenfieber. Und ehrlich gesagt, hatte ich weder Lichtenbergs Idee noch die Versuchsanordnung richtig verstanden. Auch fiel mir wieder der bedeutende theoretische Physiker Wolfgang Pauli ein, in dessen Gegenwart erstaunlich viele Experimente scheiterten, ja, sogar technische Einrichtungen versagten und zerbrachen, weshalb derlei unerklärlichen Phänomene „Pauli-Effekt“ heißen. Demnach lautet das „zweite Paulische Ausschließungsprinzip“: „Es ist unmöglich, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im selben Raum befinden.“ Pauli verstarb 1958. Im gleichen Jahr war ich geboren. Was, wenn der Pauli-Dämon, durch Paulis Tod heimatlos geworden, just in meinen unschuldigen Säuglingsbalg gefahren wäre? Und ich hätte ihn all die Jahre arglos beherbergt, nicht wissend, welches Unheil in mir schlummerte. Ich hatte noch nie an einem physikalischen Experiment teilgenommen, weshalb ich nicht wusste, ob meine Teilnahme sich als Störfaktor erweisen würde.

Madame Dobbelstein und ihr Hund nahmen wieder bei uns auf der Draisine Platz. Als sie sich langsam in Bewegung setzte, rief Fräulein Astrid uns zu: „Machen Sie ihre Sache gut, meine Herren!“, und unter dem Beifall des Auditoriums rollten wir davon.

Fortsetzung folgt

Experiment gescheitert – Erzählung in Folgen (A)

Nun ist alles verloren. Ich kann mich eben so gut erschießen. Mein geliebtes, verehrtes Fräulein Astrid will mich nicht mehr sehen. Ich habe verschuldet, dass ihr physikalisches Experiment vor den Augen geladener Gäste gescheitert ist. Es hatte soviel davon abgehangen. Nicht nur Forschungsgelder in schwindelerregender Höhe wären ihr zugekommen, sondern auch und vor allem winkte ihre Aufnahme in die internationale Gesellschaft für Pataphysik. Das habe ich durch einen dummen Fehler vereitelt.

Aber muss Fräulein Astrid mich gleich verstoßen? Aus meiner Sicht bin ich beinah unschuldig am Scheitern des Experiments. Schon Tage zuvor stand mein Leben unter einem Unstern. Kleinigkeiten gingen schief oder wurden zu meinen Ungunsten geregelt. Hinzu kommt mindestens ein Versäumnis ihrerseits. Wieso waren die Teilnehmer des Experiments nicht überprüft worden? Stattdessen hing alles von der Geistesgegenwart und dem Improvisationstalent einer blinden Schönheit ab. Außerdem behandelten mich die anderen Teilnehmer des Experimentes herablassend, so dass eine alte, tief sitzende narzisstische Kränkung wieder aufbrach. So war ich im entscheidenden Augenblick zu verwirrt und unfähig zu tun, was erforderlich war. Jede, jeder von uns hat schon einmal vor einem Bankautomaten gestanden und wusste den PIN-Code nicht mehr. Das kann passieren, wir sind halt keine Automaten. So auch im Experiment. Ich hatte meinen Text vergessen und deshalb den richtigen Zeitpunkt verpasst. Nicht ich, sondern Fräulein Astrid wurde zum Gespött ihres Auditoriums, denn sie hatte mich ausgewählt.

Insgesamt waren wir vier Tenöre und ein Unteroffizier einer belgischen Fallschirmjägerbrigade. Die Fünf ist gemeinhin meine Glückszahl, aber ich stand wohl noch immer unter dem Unstern. Unter diesem negativen Einfluss will ich die ganze Geschichte vom Anfang an erzählen, ungeachtet der Gefahr, dass auch das mir misslingen könnte. Lies und entscheide selbst am bitteren Ende:
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Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben war noch heller Tag, jetzt blitzen die letzten Strahlen der Sonne über die Hausdächer hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken. Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Fahrrad abgestellt, lehne mich übers Geländer und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz.

Am linken Ufer, nahe der Brücke, hat sich eine Entenschar versammelt. Gut 20 Enten schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort vereint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, dass mir ein gnädiges Schicksal erspart hat, eine der Enten zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die schwache Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren? Sie sind zwar kleiner, aber in der Überzahl. Von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

Foto: JvdL

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie Sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellbogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Knäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Olaf Scholz! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!“
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.