Ein Traum von fleißigen Hühnern

Seit Mai 2010 propagiert der mächtige deutsche Grundschulverband eine neue Erstschrift für Grundschüler, die passender Weise „Grundschrift“ heißt. Fachlich handelt es sich um eine serifenlose Linearantiqua, eine Druckschrift, wie der Name vermuten lässt. Ziel ist es, Kindern zu ersparen, zwei verschiedene Systeme, das der Schreib- und der Druckschrift zu lernen. Da Druckschrift natürlich von der spätmittelalterlichen Schreibschrift abstammt, die Trennung von Schreib- und Druckschrift aus ökonomischen Gründen entstanden ist, die uns heute nicht mehr berühren, habe ich die Initiative des Grundschulverbands fachlich unterstützt. Die Idee ist grundsätzlich gut, die Grundschrift aber nicht. Sie ist hässlich und schrifttheoretisch fehlerhaft.

Als Lehrer habe ich das Erlernen der Kurrentschrift „Sütterlin“ angeboten und über die Begeisterung meiner Schülerinnen und Schüler gestaunt, mit der sie Sütterlin geübt haben. Ich kann mir deshalb den Fall vorstellen, dass namentlich Schülerinnen, deren Feinmotorik sich früher entwickelt als die der gleichaltrigen Mitschüler, dass es also Schülerinnen geben wird, die, nachdem sie die Grundschrift beherrschen, sie ästhetisch unbefriedigend finden und sehr gerne auch die lateinische Ausgangsschrift mit ihren hübschen Schleifen und Girlanden lernen möchten.

Gestern war ich zum Treffen des Hannover Cünstler Kombinats (HaCK) und kam leicht alkoholisiert nach Hause, habe noch etwas gelesen und dabei das Pink-Floyd-Konzeptalbum „Animals“ gehört. Ich erwähne diese Umstände nur, weil sie vielleicht erklären, warum ich gegen Morgen träumte, solche Schülerinnen, die begeistert Lateinische Ausgangsschrift lernen wollen, solche Schülerinnen wären fleißige Hühnchen. Entschuldigung, Träume sind nun mal jenseits von Logik und Moral. Ich sah Hühner bei ihren emsigen Übungen auf einer Dampflok mitfahren und fragte mich im Traum, ob man in einer Dampflok unbedingt Kohle verfeuern muss, ob man sie nicht auf Biogas umstellen könnte. Das wiederum schloss die Frage mit ein, wie viele Hühner im Zug mitfahren müssten, um genug Biogas für die Dampflok zu erzeugen, welches also aus ihren Ausscheidungen und – sind sie gestorben – aus ihren Körpern gewonnen wird. Die Waggons könnte man vielleicht aus Leichtmetall bauen. Trotzdem wäre der Zug mit gackernden Hühnern vermutlich sehr lang, die Hühner so zahlreich und insgesamt so schwer, dass die Dampflok vielleicht gar nicht von der Stelle käme. Andere, ich könnte das nicht, andere könnten vielleicht errechnen, ob man eine Dampflok überhaupt mit Hühnern betreiben könnte, wobei ich unbedingt auf Bodenhaltung, genügend Auslauf und artgerechte Ernährung Wert lege. Die Hühner dürften ganz einfach Hühner sein, bräuchten sich nicht als Teil einer Maschinerie zu erleben, bräuchten auch nicht zu wissen, dass die fauchende, zischende Dampflok nur fauchen, zischen und dahin brausen kann, wenn sie Hühnchen emsig Körnchen picken. Lateinische Ausgangsschrift bräuchten sie auch nicht zu schreiben. Obwohl es natürlich hübsch wäre. Das war mein Traum.

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Einladung zu Tisch

Von den zwei Paaren, die wir zum Essen eingeladen hatten, musste eines kopfstehen, sobald der runde Esstisch über eine Schiene an die Wand gefahren und in die Senkrechte gekippt war. Zuvor jedoch klappten die Sicherungsbügel hoch, ähnlich denen einer Achterbahn, und fixierten alle an ihre Plätze. Wir hatten uns dagegen entschieden, selbst unten zu sitzen; wir hätten als die Gastgeber nach oben schauen müssen, was uns nicht angemessen erschien.

Also wiesen wir die Plätze dem General und seiner Gattin zu, worüber die beiden erkennbar unfroh waren, nachdem der Tisch senkrecht an der Wand klemmte. „Hätte ich das gewusst, wäre ich im Hosenanzug gekommen“, sagte Frau General spitz, als ihr das weite aprikotfarbene Abendkleid unter die Nase rutschte. In gruppendynamischer Hinsicht sind Dreierkonstellationen naturgemäß problematisch. Immerzu neigen zwei dazu, sich gegen die dritte Partei zu verbünden. Dies wurde durch die notwendige Sitzordnung begünstigt, denn bei einem senkrecht stehenden runden Tisch muss eine Partei doch immerzu unten sitzen, während zwei Parteien das Privileg haben, dass wenigstens die beiden inneren Partner auf dem Scheitelpunkt sitzen. Ihre Partner sitzen dann schon mehr seitlich, so etwa auf zehn nach zehn Uhr. Da nun in beiden Fällen die Männer ihre Frau rechts sitzen ließen, kam ich auf diese Weise neben die schöne Gattin des Doktors zu sitzen, hatte sie quasi links neben mir, was mir von der hohen Warte aus die Gelegenheit gab, den ganzen Abend über mit ihr zu flirten. Wenn meine Frau und ihr Mann sich einmischten, ignorierten wir sie einvernehmlich.
„Ach, quatsch uns doch nicht von der Seite an, Darling!“, fertigte Frau Doktor ihren Gatten ab und schob mir lasziv lächelnd ein köstliches Kanapee in den Mund.

Frau General war inzwischen verstummt. Sie mühte sich tapfer, den General davon abzuhalten, ihr Kleid mit der Serviette zu verwechseln. Eine groteske Situation, die aber durchaus ihr Apartes hatte. Wir hatten den Koch natürlich angewiesen, weitgehend feste Speisen zu bereiten, die nicht tropfen. Trotzdem hatte der General sich über und über besudelt. Mir war das ein innerer Vorbeimarsch, ihn und den Doktor gedemütigt zu sehen.

statt gedanken

ich habe unvollständige sätze geschrieben. in den letzten tagen habe ich viele sätze nur angefangen. mein schreibimpuls krepierte, bevor der punkt in sicht war. faireweise muss gesagt werden, dass hinter dem schreibproblem ein verebben der gedanken steckt. gerade ist so ein mauskleiner gedanke ans licht gekrochen, kommt der innere zensor und gibt ihm eins mit dem schlappen drüber. kein wunder dass die gedanken sich nicht mehr hervortrauen. vermutlich hocken sie irgendwo beisammen und sind beleidigt, sagen „puh! ich muss ja nicht…“ „ich kann auch woanders denken, wenn das so ist.“ oder fluchen über den zensor und seinen schlappen. die verhuschten dinger. wären sie nicht so rachitisch, wäre mal einer kräftig genug aufzustehen, zu sagen: „hier stehe ich und kann nicht anders!“, dann könnte er sogar für den schwächlichsten aller gedanken eine bresche schlagen, so dass sich alle schwachmaten hervorwagen könnten, ohne den zensorschlappen befürchten zu müssen. aber weils nicht so ist, gibt es ersatzweise mal was ohne gedanken, nur zum anschauen (rechte seite. links ist ein alternatives alphabet zu sehen, so’n quatsch.)

bitteschön, von mir selbst gemacht aus obigen bleistiftskizzen sinnloser Symbole. sinnlose symbole zu entwerfen ist übrigens gar nicht so einfach. auch wenn mans gar nicht will, schon schleicht sich an eine form eine bedeutung ran, springt ihr in den nacken wie ein hockauf und dirigiert das symbol frech bei den ohren.

Grafik: JvdL (größer: bitte klicken!)

Fragment (7) – Das Institut rutscht und kullert

Costers Nachfolge als Leiter des Instituts für Patapysik trat der Kulturwissenschaftler Dr. Steffen Gaukler aus Lüneburg an. Gaukler war eine gute Wahl. Sein mitreißender Enthusiasmus bewog den Senat zu einer Neubelebung des Faches, trieb den Abriss des alten Institutsgebäudes voran und machte Gelder locker. Gaukler gewann den Lütticher Stararchitekten für den Tropfen-Neubau und sorgte dafür, dass dessen Ideen bis ins Kleinste umgesetzt wurden. Rektorin Renate Klippenhagen verteidigte die Budgetüberschreitung um das Fünfache der geplanten Bausumme.

Man munkelt, das neue Institut für Pataphysik habe kein unsicheres Fundament, sondern überhaupt kein echtes Fundament, weshalb die Befürchtung, der gigantische Harztropfen könnte mal ins Rutschen geraten, nicht unbegründet ist. Nur Eingeweihte wie Steffen Gaukler und Renate Klippenhagen wissen, dass Architekt Jean-Marie Dobbelstein das Abtropfen vom Königshügel sogar als Funktion des Gebäudes ausdrücklich geplant hat. Deshalb das Rasen mit Langboards auf den Fluren, immerzu auf den Hörsaal zu und hinein, deshalb die ständigen Vorlesungen, bei denen so gut wie nichts Vernünftiges gesagt wurde. Es ging allein um die Massenverlagerung. Verlangt war nur das Gewicht der Studierenden, um den Tropfen endlich, endlich zu verflüssigen. Sobald sich der Tropfen in Bewegung setzt, wird er sich quasi einrollen, nach und nach zur perfekten Kugel werden. Das Gebäudeinnere ist freilich derart auf Achsen gelagert, dass es auch beim Vorwärts- oder Seitwärtsrollen in der Waagerechten bleibt. Man muss wissen, dass diese Kugelarchitektur das Institut für die ferne Zukunft wappnet. Dobbelstein hegt nämlich die Vision, dass in absehbarer Zeit, nicht zu unseren Lebzeiten, aber bald durch gewisse kosmische Ereignisse die Sonneneinstrahlung derart zunehmen wird, dass nach und nach die Ozeane verdampfen werden. Gleichzeitig werden heftige Stürme unentwegt um den Erdball brausen und alle Gebirge abtragen, bis keine Unebenheit mehr den Winden trotzen kann. Unter der großen Hitze wird die erodierte Erdoberfläche komplett mit Emaille bedeckt sein. Über diese mattschwarze Emaille-Oberfläche wird eine einzige Kugel rollen – das Institut für Pataphysik.

Im Inneren werden sich alle Adepten der Pataphysik von ihrer Biomasse getrennt und ihr Bewusstsein digitalisiert haben. Damit sie darüber nicht wahnsinnig werden, müssen sie sich ständig Szenarien in imaginäre Welten generieren, in denen sie als komplette Menschen unterwegs sind und mit allen Sinnen erleben. Diese Simulationen werden ihnen echter als die Realität vorkommen und gäbe es im Quantencomputer, der alles enthält und steuert, gäbe es darin nicht die Funktion, die in perfekten Realitäten sich verlierenden Pataphysiker wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, würden sie völlig vergessen, dass sie sich in Wahrheit im Inneren einer Kugel befinden, die von Stürmen getrieben über den Erdball kullert. So aber geschieht es immer wieder, das sich Pataphysikerinnen und Pataphysiker auf den Gängen des Instituts zu begegnen glauben und dort ihrer Forschung, ihrer Kunst und ihren Liebschaften nachgehen. Denn intellektuelle Spielerei, Schöpferisches, Liebe, sexuelle Lust, Begierde, ja, sogar Eifersucht sind die wichtigsten Erdungselixiere, die der Quantencomputer ihnen simulieren kann. Die Steilheit der Flure wird verschwunden sein, und durch die offenen Fenster des Instituts dringt der Gesang von Vögeln und der Duft von Kirschblüten.

Editorische Notiz: Hier endet das Erzählprojekt über das Institut für Pataphysik vorläufig. Der erste Text ist aus einem Wachtraum und dem abgebildeten Fragment entstanden. Ich werde gelegentlich noch ausgestalten, was zu rasch übergangen wurde, und Fehlendes nachtragen, das heißt, weitere Fragmente einfügen ins Puzzle und das Manuskript nach und nach erweitern. Fürs Buch wird manches noch entfaltet werden. Wie es weitergeht, mag sich nun jeder selbst ausmalen, mag das Institut für Pataphysik als gigantisches Malbuch für Erwachsene begreifen. Viel Vergnügen! Wir sehen uns im Institut.
„In arte voluptas“ (In der Kunst liegt das Vergnügen) (Endzeitgrafik und Foto: JvdL)

Fragment (6) – Cupidos Pfeil und derlei Dinge

Im Jahr 2012 trat Professor Dr. Jeremias Coster den Ruhestand an. Renate Klippenhagen war inzwischen zur Rektorin der RWTH Aachen aufgestiegen und sah sich nach einem passenden Nachfolger um. Dabei wurde sie auf den 39-jährigen Lüneburger Kulturwissenschaftler Steffen Gaukler aufmerksam. Da Gaukler die weitere Entwicklung des Instituts für Pataphysik entscheidend geprägt hat, letztlich auch für die Tropfenform des neuen Institutsgebäudes verantwortlich ist, sei hier seine Geschichte kurz erzählt:
Dr. phil. Steffen Gaukler war beileibe kein Frauenheld, war aber ein Mann, der zum Enthusiasmus neigt und sich folglich schnell verliebt. Er konnte sich kaum noch erinnern, einmal nicht verliebt gewesen zu sein. Dr. Gaukler war jedoch kein flüchtiger Mensch. Kam es zu einer Beziehung, wandelte sich das Verliebtsein rasch in Liebe. Indem er zu seinem Leidwesen aber nicht viel Glück in Beziehungen hatte, taumelte er von einer in die andere. Von den unweigerlichen Trennungsschmerzen war er bald schon geheilt, indem er sich neu verliebte. Daher ist es naheliegend, dass Gaukler sich für die Bedingungen des Verliebtseins näher zu interessieren begann. Einen Namen machte er sich in wissenschaftlichen Kreisen durch die Untersuchung von Cupidos Pfeils.

Der Titel seiner Doktorarbeit lautet: „Cupidos Pfeil als Personifikation des Verliebtwerdens in der antiken Mythologie und seine Entsprechung in der menschlichen Erfahrung – eine Annäherung an seine Wirkungsweise.“ Cupido oder Amor, der Gott in Knabengestalt, lauert bekanntlich den Menschen auf und schießt ihnen aus dem Hinterhalt den Liebespfeil ins Herz, wodurch sie unwiderstehlich getroffen sind und sich in die Nächstbeste, den Nächstbesten verlieben. Da Gaukler nun schon häufiger getroffen worden war als der kuriose kanadische Farmer, den sieben mal der Blitz getroffen hat, interessierte er sich für den Kern der mythologischen Vorstellung. Es musste eine tiefe Menschheitserfahrung darin stecken und hinter ihrer Einkleidung eine Form der Erkenntnis, die die Alten eventuell gehabt haben, die aber verloren gegangen ist.

Natürlich ist dieser Pfeil auf Vasen und in Gemälden schon dargestellt worden. Aber wer von ihm getroffen wurde, hat ihn nicht kommen sehen. Cupidos Pfeil ist quasi unsichtbar. Gaukler wollte wissen, woraus dieser überaus mächtige Pfeil besteht. Zunächst zeigt der Pfeil-Mythos, dass es sich um eine Fernwirkung handelt. Die größte Fernwirkung hat in der menschlichen Wahrnehmung das Sehen. Doch Cupidos Pfeil konnte nicht nur aus dem visuellen Eindruck bestehen. Gaukler wusste genau, dass er sich schon einmal in eine Stimme verliebt hatte, lange bevor er die Frau sah. Eine andere Erfahrung, die er erst machte, derweil er an seiner Doktorarbeit schrieb und ihm entscheidende Impulse gab, ließ sogar vermuten, dass die bekannten menschlichen Sinnesreize nur naheliegende Rationalisierungen waren von etwas bislang völlig Unverstandenem. Cupidos Pfeil musste auf eine spezielle Weise substanziell sein, die nichts oder wenig mit den bekannten Energieformen und den menschlichen Wahrnehmungen zu tun haben. Es geschah nämlich Folgendes: Er verliebte sich im Internet digital, und zwar nicht auf einer Dating-Plattform, die von Menschen aufgesucht werden, um jemanden kennen zu lernen. Danach stand ihm nicht der Sinn. Dr. Gaukler betrieb ein wissenschaftliches Kultur-Blog. Unter einem seiner Beiträge tauchte irgendwann aus heiterem Himmel eine Frau auf und kommentierte mit wenigen Worten. Aus diesen Worten nahm ihn sogleich ein Zauber gefangen, den er nicht erklären konnte. Besonders hatte es ihm ein Wörtchen ihrer Schriftsprache angetan, nämlich „derlei.“

„Derlei Dinge,“ das rührte an sein Herz. Natürlich gab es einen visuellen Eindruck, einmal über Schrift und Typografie ihres eigenen Blogs, schwarze Antiquaschrift auf Altrosa. Es gab auch ein Avatarbild, von dem er aber sah, dass es ein Foto aus einer Illustrierten war, also keinesfalls von der Frau stammte, die ihn längst verzaubert hatte. Aber wann immer in den folgenden Wochen diese züchtig beieinander gestellten Füße signalisierten, dass sie erneut bei ihm klug und einsichtig kommentiert hatte, hüpfte sein Herz. Indem er sich in etwas ihm nicht Zugängliches, völlig Unwägbares verliebt hatte, etwas, das fassbar wurde, wenn er das Etikett „derlei“ an zwei Füße aus einer Illustrierten hängte, kam Dr. Gaukler zu dem Schluss, dass Cupidos Pfeil aus einer unbekannten Energie besteht, die verschiedene Erscheinungsformen annehmen kann, aber quasi immateriell ist. Letztlich dachte er an Quantenphysik, aber damit stieß seine Doktorarbeit an ihre Grenzen, denn von Teilchenwissenschaft verstand er nichts. Als er der Frau dann begegnete, einer zauberhaften Studentin der Visuellen Kommunikation aus Berlin, fand Gaukler die Bestätigung, dass der Pfeil „derlei“ völlig plausibel gewesen war, worauf sich eine heftige, aber leider kurze Liebschaft entspann. Gaukler Doktorarbeit schließt übrigens mit den Worten: „Die bisher geäußerten Schlussfolgerungen und derlei Behauptungen harren noch einer tieferen Untersuchung, welche vielleicht nur mit den Instrumenten und Methoden einer neu zu definierenden Wissenschaft geleistet werden kann. Ansätze dafür sehe ich derzeit nur in der Pataphysik.“ Damit hatte er sich bei Renate Klippenhagen bereits qualifiziert.

[Das Foto oben zeigt die Skulptur ohne Titel“ – eine Arbeit des niederländischen Malers, Zeichners und Bildhauers Jaap Mooy (1915-1987), gesehen im August 2007 im AVANTIS European Science and Business Park, Aachen-Heerlen – Foto: JvdL]

 

Fragment (5) – Wie der Hase läuft

„Wissen, wie der Hase läuft, sagt dir das was, Trithemius?“, fragte Coster, nachdem er sich erneut in meinen Schlummer gedrängt hatte. Zuerst hatte ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sammlung kugelförmiger Objekte spielte, sie gegeneinander abwog. Auch den ominösen leeren Kugelfisch hielt er in der Hand und schien in eine Zwiesprache versunken. Dann saß er wieder in meinem Drehstuhl und entlockte ihm Geräusche.

„Zunächst einmal wünsche ich, dass Sie mit meinem Drehstuhl pfleglicher umgehen, Coster. Sie haben durch Ihre Schaukelei schon eine Inbusschraube heraus gerödelt, mit dem Ergebnis, dass mein Stuhl jetzt immerzu, auch bei Tag, knarrende Geräusche von sich gibt. Das nervt.“

„Ja, ja! Kann man wieder einschrauben“, sagte er wegwerfend. „Beantworte meine Frage!“

„So läuft der Hase hier jedenfalls nicht. Die Schraube ist weg, vermutlich liegt sie in der alternativen Realität herum, in der Leute wie Sie sich aufhalten. Ich verlange die Macht über meinen Schlummer zurück und dulde es nicht, dass Sie sich darin breitmachen, wie Sie grad lustig sind. Hätten Sie sich nicht erschossen, könnten wir ganz normal irgendwo beim Kaffee oder abends beim Bier sitzen. Stattdessen immer diese Quatschveranstaltungen in meinem Kopf.“

„Du ahnst also, was ‚wissen wie der Hase läuft‘ bedeutet. Jeder hat das schon mal erlebt beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle etwa, man muss sich zuerst mal orientieren, muss erkennen, wie die Dinge im Sozialgefüge der Kollegen geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.“

Gegen meinen Willen begann ich mitzudenken. „Ja, der Gedanke hat mich immer schon fasziniert, dass die Struktur des Plans „wie der Hase läuft“ auf diese Weise fortbesteht, letztlich sogar unabhängig von den handelnden Personen. Zwar heißt es ‚Paarung wirkt auf die Partner‘, doch wer neu hinzukommt ist ja zunächst kein ebenbürtiger Partner, hat überhaupt noch keinen sozialen Rang, wenn er nicht gerade eine Führungsposition besetzt. Unter Gleichen oder Ähnlichen muss er sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie vielleicht über unseren Köpfen in dieser alternativen Realität, in der Sie, Coster, herumgeistern und wo auch meine Inbusschraube verloren gegangen ist. Eigentlich ein Fall für die Quantenphysik, wenn sie aufhören würde, sich mit Messproblemen zu beschäftigen.“

„So wichtig ist deine Inbusschraube auch nicht“, sagte Coster.

„Nein, ich meinte diese unsichtbaren Sozialstrukturen. Woraus sind sie gemacht? Das könnte die Quantenphysik mal untersuchen, quasi als Hilfswissenschaft der Pataphysik.“

„Egal jetzt!“, unterbrach mich Coster. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nach dem Ende des 3. Reiches nicht anders war, dass die Strukturen weiterbestanden? Es waren doch fast alle Nazis gewesen. War der Nationalsozialismus etwa wie ein Virus über sie gekommen und war der Zusammenbruch die Katharsis gewesen, nach der alle gesundeten, geheilt wurden und jetzt gegen den Virus immun waren?“

„Schwerte hat das vermutlich von sich geglaubt.“

„Aber der Vergleich hinkt. Nationalsozialismus war keine Viruserkrankung, die vom Immunsystem geheilt wurde. Er wurde von den Alliierten beendet. Äußerlich wurde alles nach und nach wieder gut gemacht, aber die nationalsozialistische Ideologie blieb in den Köpfen, wie ein Parasit, der sich in irgendein Organ des Körpers zurückzieht, dort schlummert und auf günstige Bedingungen wartet. Er ist aber weiterhin wirksam durch die Struktur, die ihn hervorgebracht hat. Wie der Hase zur Zeit des Nationalsozialismus gelaufen ist, läuft er noch heute. Die Traditionspflege reaktionärer Zirkel wie Studentenverbindungen ist letztlich nur die Einweisung des Nachwuchses in Strukturen der Macht. Der Nachwuchs der Eliten soll schon früh wissen, wie der Hase läuft. Die meisten anderen merken erst spät, dass man ihnen diese Informationen vorenthalten und stattdessen Märchen erzählt hat. Da haben die frühzeitig Eingeweihten sie längst links und rechts überholt, haben sie unterlaufen oder sind über ihre Köpfe hinweg gestiegen, haben sie niedergetrampelt und leitende Positionen eingenommen. Wer erst spät merkt, wie die Dinge laufen, schämt sich seiner Naivität, fühlt sich übervorteilt und ist anfällig für den schlummernden Parasiten.“

„Der Parasit ist erwacht“, hörte ich mich noch murmeln und versank.

Fortsetzung – Cupidos Pfeil

Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte: