Das touristische Gemüt lebt im Nirgendwo

„Das touristische Gemüt findet sich bei denen, die viel- und weitgereist sind“, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik in der RWTH Aachen, und fuhr fort: „Bei meinem Radsportfreund Wolfgang ist es mir erstmals aufgefallen. Wir fuhren die sanften Hügel des niederländischen Mergellands hinauf und hinab. Es war Frühling, die Sonne schien, die Vögel sangen, und ich hätte mit ihnen jubilieren mögen, denn wenn der liebe Gott ein Holländer ist, dann ist das Mergelland mit seinen herausgeputzten Dörfern, Flecken und den blühenden Apfelplantagen sein liebliches Vorgärtlein. Du kennst das, Trithemius, wenn der Mensch eine schöne Erfahrung macht, möchte er sich darüber austauschen.

Leider hatte Wolfgang hatte keinen Blick für das ihn umgebende Land. Er hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit der Toskana oder Provence, was weiß ich, festgestellt und schwärmte unentwegt von einem Urlaub in diesem Landstrich. Seine Sätze beendete er mit ‚und eh…‘, womit er anzeigte, dass er noch nicht fertig war mit Schwärmen von dem anderen Ort, und eh .. wehe mir, wenn ich ihn unterbrach. Dann war er sogleich eingeschnappt, wie man bei uns sagt, und viele Pedaltritte später beschwerte er sich: ‚Es war nicht nett, Jeremias, dass du mich eben unterbrochen hast. Was ich sagen wollte, war mir wichtig.’“

„Sie meinen also, Coster, irgendwo zu sein und dort von einem anderen Ort zu schwärmen, kennzeichnet das touristische Gemüt?“, fragte ich.

„Du sagst es. Ich denke nicht einmal, dass etwa unwichtig wäre, was die Leute mit dem touristischen Gemüt zu sagen hätten. Ein Vergleich mit anderen touristischen Erfahrungen entspringt dem berechtigten Wunsch, dem Nirgendwo zu entkommen und sich irgendwo zu verorten. Aber wenn in ein unmittelbares Erleben sich Gedanken an ein vergangenes anderes Erleben drängen, ist das Unmittelbare quasi medial überwunden und liegt unbeachtet am Boden.“

„Sie übertreiben mal wieder, Coster.“

„Ganz und gar nicht. Erinnerungen sind Wiederaufführungen auf der Inneren Bühne. Man sitzt als Zuschauer in der eigenen Aufführung. Dabei gerät die reale Umgebung naturgemäß in den Hintergrund, und wenn dir etwa Hut und Mantel zu Boden rutschen und du beim Aufheben stöhnst, hörst du ringsum ein mahnendes Psssst!“

„Manchmal klären Ihre metaphorischen Ausführungen nicht wirklich, denn gerade sitze ich im imaginären Theatersaal und habe vergessen, was Sie dort verdeutlichen wollten. Also die reale Welt wird von der imaginären verdrängt.“

„Genau. Natürlich ist das touristische Gemüt keine feste Eigenschaft wie etwa Haarfarbe und Körpergröße, sondern entwickelt sich unter den Verlockungen des Tourismus und der Propagierung des touristischen Blicks auf die Welt. Genau diesen touristischen Blick provozieren beispielsweise die Desktopbildern von Bing. Ich schalte der Rechner ein, um etwas zu schreiben oder zu gestalten. Schon poppt das Bing-Foto auf, okkupiert meinen Bildschirm und buhlt mit Fragen um meine Aufmerksamkeit. Jetzt ist es natürlich so, dass ich einer anonymen Software kein Fragerecht zubillige, wie hier von dir schon begründet. Ich ignoriere das alles und klicke dieses Foto weg. Denn ich lehne es ab, dass man mir mit Postkartenansichten den Globus als konsumierbaren Ort offeriert. Das ist trotzdem ein Anschlag auf meine Konzentration, eine Element also der Zerstreuungs- und Verblödungsmaschinerie. Eines will ich mir keinesfalls unterjubeln lassen: ein touristisches Gemüt, das mich hindert im Hier und Jetzt zu sein.“

Sprachs und verschwand, denn Coster ist bekanntlich seit Jahren tot und besucht mich nur im Traum.

9 Kommentare zu “Das touristische Gemüt lebt im Nirgendwo

  1. Schön von Coster zu lesen. Ein kluger Mann, der dich hoffentlich noch lange in den Träumen besuchen wird.
    Besonders schön fand ich auch diese Sätze: rinnerungen sind Wiederaufführungen auf der Inneren Bühne. Man sitzt als Zuschauer in der eigenen Aufführung.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Deppen der Surrogate

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