Wenn Philosophen die Blätter ordnen

teestunde im teestübchen
Derzeit bin ich ein bisschen beunruhigt. Ich vermisse die Kakophonie der Laubbläser. Wann geht es endlich los mit der furchtbaren Laubbläserei? Das ist doch unverantwortlich. Die Bäume haben bereits Tonnen von Laub abgeworfen und müssten mal ordentlich angebrüllt werden.
zwei-Männer-schaufeln-LaubIn Hamburg sollen es im Jahr 2009 an die 15.000 Tonnen gewesen sein. Vom Wort „Laub“ gibt es keine Mehrzahl. Es bezeichnet selber die Mehrzahl der Blätter. 15.000 Tonnen Laub. Dabei schwebt ein einzelnes Blatt so leicht zu Boden, dass man denken könnte, mit ein bisschen Thermik würde es glatt der Schwerkraft trotzen und in die Wolken entschwinden. Wie hängt unser Blatt Papier mit dem Blatt des Baums zusammen?

Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm behauptet schlicht:

„wie man auf blätter schrieb, heiszt auch ein einzelnes papier blatt.“

Im Etymologie-Duden steht, Blatt komme von lat. folium (Blatt). Das lateinische Wort begegnet uns in Folie wieder. Weil lat. folium auch die botanische Bezeichnung „Blatt“ meint, könnten die Grimms Recht haben. Aber man darf solch naheliegenden Etymologien ruhig misstrauen. Wenn je auf Blätter geschrieben wurde, dann sind sie längst zerbröselt. Es gibt also keine Beweise. Das Wort „Papier“ geht jedenfalls auf Papyrus zurück, auf einen Beschreibstoff, der schon im 3. Jahrtausend vor Chr. in Ägypten bekannt war. Papyrus wird aus der Papyruspflanze gewonnen, aber nicht aus den Blättern, sondern aus dem Mark der Stengel.

„Man kann ein Blatt Papier nicht öfter als sieben Mal falten“, sagte Herr Leisetöne gestern Abend im Vogelfrei. In der Folge kamen wir auf die Papierformate zu sprechen. In Deutschland denken wir dabei immer an das DIN-Format. Wo kommt es eigentlich her? Am 22. Oktober 1786 schreibt der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg in einem Brief an den Philosophen und Ökonom Johann Beckmann:

“Ich gab einmal einem jungen Engländer, den ich in Algebra unterrichtete, die Aufgabe auf, einen Bogen Papier zu finden, bei dem alle Formate als forma patens (…) einander ähnlich wären. Nach gefundenem Verhältnis wollte ich nun einem vorhandenen Bogen eines gewöhnlichen Schreibpapiers mit der Schere das verlangte Format geben, fand aber mit Vergnügen, daß er ihn würklich schon hatte. (…) Die kleine Seite des Rechtecks muß sich nämlich zu der großen verhalten wie 1:√2 oder wie die Seite des Quadrats zu seiner Diagonalen. Die Form hat etwas Angenehmes und Vorzügliches vor der gewöhnlichen. Sind den Papierform-Machern wohl Regeln vorgeschrieben, oder ist diese Form durch Tradition nur ausgebreitet worden?”

Lichtenberg ist demnach nicht der Erfinder des DIN-Formats, wie man gelegentlich lesen kann, sondern hat das Format gefunden und als erster beschrieben. Er macht auf ein bis dahin geheimes Formatprinzip aufmerksam, an dessen Veröffentlichung die Papierhersteller kein Interesse hatten. Wie alle Handwerker hüteten sie ihre Geheimnisse. Auch wurde das Formatprinzip nicht sonderlich bevorzugt, denn es gibt schönere Proportionen wie zum Beispiel den Goldenen Schnitt oder die mittelalterliche Idealproportion 2:3. So waren auch 100 Jahre nach Lichtenbergs Brief in Deutschland immerhin noch 17 verschiedene Papierformate gebräuchlich, von denen durch Teilung (Hälftelung) kleinere Formate hergeleitet wurden. Nur zwei davon haben annähernd das Verhältnis 1: √2, Super Regal (68,8 * 48,7) und Pandekten (37,1 * 26,4). Der Nachteil der anderen Formate war der Verschnitt, der durch Teilung entstand.

Den ersten Anstoß zur Normierung der Büropapiere nach diesem Formatprinzip veröffentlichte der Philosoph Wilhelm Ostwald 1911 im Buchhändler Börsenblatt Nr. 243.

Damit daraus die heutige DIN-A-Reihe werden konnte, war eine weitere Festlegung nötig: Grundsätzlich lässt sich von jeder beliebigen Größe das Seitenverhältnis 1: √2 ableiten. Deshalb ist eine feste Bezugseinheit erforderlich. Daher legte Ostwalds Assistent, der Ingenieur Walter Porstmann, den Bogen DIN A 0 annähernd mit dem Flächeninhalt eines Quadratmeters fest (84 cm * 118,8 cm = 9979,2 cm²) und schuf damit das sogenannte Weltformat.

Auf den DIN-A-0-Bogen beziehen sich alle Gewichtsangaben. Hat man einen DIN-A-4-Bogen des 80 Gramm Papiers, so wiegt er gerade mal 5 Gramm (DIN A 4 = 1/16 von DIN A 0). Die kleineren Formate lassen sich durch Halbierung der jeweiligen Langseite ableiten, wobei allein der Bogen DIN A5 mit abgerundeten 14,8 (statt 14,85) ganz leicht aus der Reihe tanzt:

DIN A 0: 84,0*118,8 – 80g/m²
DIN A 1: 59,4 * 84,0 – 40g
DIN A 2: 42,0 * 59,4 – 20g
DIN A 3: 29,7 * 42,0 – 10g
DIN A 4: 21,0 * 29,7 – 5 g
DIN A 5: 14,8 * 21,0 – 2,5g
usw.;
dies bedeutet, dass sich ein DIN-0-Bogen ohne Verschnitt in kleinere Formate zerteilen lässt, die alle die gleiche angenehme Proportion haben. So gesehen ist das DIN-Format ein Kompromiss zwischen Ästhetik und Ökonomie.

Am besten ist immer noch die Anschauung. Teilung eines DIN-A0-Bogens in die kleineren DIN-A-Formate ohne Verschnitt. Darstellung und Animation: Trithemius

Trotz seiner Vorzüge hat das Weltformat nicht die ganze Welt erfasst, sondern sich nur im Bürosektor durchsetzen können, wo es allerdings die Maße der Geräte, Aufbewahrungssysteme und Möbel mitbestimmt, in der Büroarchitektur auch die Abmessungen der Räume. In den USA hat das DIN-Format wegen der Ablehnung des metrischen Systems nur nachrangige Bedeutung.

Zurück zu Leisetönes Behauptung: Wenn man einen DIN-A0-Bogen sechsmal faltet, bekommt man DIN-A6, was etwa dem Kateikartenformat entspricht. Bei einer Faltung auf DIN-A7 wirds schon schwierig, weil der Falzbruch immer dicker wird, die zu faltende Papierfläche aber so klein ist, dass man nicht mehr gut anfassen kann. Folglich wäre eine achte Faltung vermutlich nicht zu schaffen.

Das große Blätterschaufeln 2014 – Fotos und Gif-Animation: Trithemius

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23 Kommentare zu “Wenn Philosophen die Blätter ordnen

    • Danke für den Link und noch größeren Dank für deine DIN-A0-Grüße, liebe Ann. Noch ein bisschen Futter für deine Neugier: Die Individualität der Papierformate ist größtenteils historisch gewachsenes Schönheitsideal und oft materialbedingt. Als Papier noch aus Bütten geschöpft wurde, hing sein Format natürlich ab von der Größe der Bütte und des Schöpfrahmens. Bücher haben meistens kein DIN-Format, weil Papier aus der Papiermaschine eine Laufrichtung mitbekommt, das heißt, in der anfangs flüssigen Papiermasse richten sich die Fasern in Flussrichtung aus. Die Laufrichtung der DIN-Formate ändert sich je nach Größe, mal entlang der Längs-, mal entlang der Querseite. Hat ein Buch jetzt eine falsche Laufrichtung, lässt es sich nicht gut blättern. Man kann die Laufrichtung eines Blatts durch die Reißprobe feststellen. Gegen die Laufrichtung gerissen, reißt das Papier sehr unregelmäßig.

      Stets zu Diensten 😉 ,
      Jules

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              • Neugier hatte ich immer und werde ich sicher immer haben, nur so alles, was Dich interessiert, hat mich nie beschäftigt und das stellt sich jetzt als Fehler heraus. Ich lese Deine Texte sehr gern und finde es lustig, dass ich mich dank Dir heute mit Papiermaßen beschäftigt habe 😉

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                • Eine Blogfreundin aus meinen Anfängen als Blogger schrieb, was ich mache, sei „freakige Wissenschaft“. Da freut es mich immer, dafür begeistern zu können, denn die Welt kann man sich aus jedem Forschungsgegenstand erschließen, wie du bei deinem Ausflug in die Papierformate gewiss getan hast. Aber es sind auch die kleinen Dinge des Alltags, die einem bei genauerer Betrachtung einen ganzen Kosmos aufschließen können.

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                  • freakige Wissenschaft würde ich es nicht nennen, das ist mir persönlich zu abwertend….für mich verkörperst Du deutsche Bohème, wenn es sowas überhaupt gibt 😉

                    Wie ich vermute, wird sich mir auch bei den Hausnummern dank Napoleon ein solcher erschliessen;-)

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                    • Gut, dass du daran erinnerst. Ich arbeite nebenher daran, aber mache alles falsch, weil ich nicht genug Konzentration aufbringe heut Abend. Und morgen ist Stress. Ich gehe nämlich mit Leisetöne zu einem Literaturseminar, muss noch ein Buchgeschenk besorgen und abends zu seinem Geburtstag. Aber wenn ich früh genug aufstehe, kann ich bis Mittag fertig sein. Den Text dazu habe ich schon geschrieben. So lebt es sich in der deutschen Bohème 😉

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                    • Du kannst es doch auch ruhig erst nächste Woche veröffentlichen, Du setzt Dich viel zu sehr unter Druck……

                      Dann viel Vergnügen bei so allem als deutscher Bohèmist 😉

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  1. Lieber Jules,
    Sie teilten Ihre Sorge mit, dass die Laubbläser sich nicht blicken lassen. Ich kann Sie beruhigen, denen ist nichts zugestoßen, auch nicht der Sprit ausgegangen, die 4-Takter laufen nicht auf 3 Pötten und die 2-Takter haben nichts an Lautstärke eingebüßt.
    Sie sind gerade ALLE hier bei uns in Lehrte. Ich werde sie informieren, dass man sie in Linden vermisst. Ich wäre nicht traurig, wenn die Karawane weiterzieht! 😉
    Gruß Heinrich

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    • Ach so, lieber Heinrich, dann scheint die Stadt zu sparen und diesmal eine andere Strategie zu verfolgen. Noch im letzten Jahr ist die Laubbläserkolonne mehrmals hier gewesen, hat das Laub aufgeschichtet, um es dann liegenzulassen, bis der Wind es wieder verstreut hat, so dass eine erneute Laubbläserei nötig wurde. Diesmal machen sie wohl alles in einem Aufwasch, Viertel für Viertel, obwohl Lehrte doch eine sebstständige Gemeinde ist.
      Halten Sie durch und beste Grüße,
      Jules

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  2. …bin schon so früh am Lesen, weil die Laubbläser hier vor meinem Fenster zugange sind…ist ja klar: in Hamburg, wo sonst 😉
    Danke, dass ich bei Dir wieder was dazulernen durfte, auch wenn ich bezweifle, dass die Fülle an Infos vollständig hängenbleibt. Obwohl ich mich bemühe, langsam zu lesen und nicht zu scannen. Dir einen angenehmen Freitag 🙂

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    • Danke für deinen Kommentar, liebe Andrea. Du sprichst da etwas an, was ich mir ankreiden muss, die Fülle der Informationen. Da bin ich oft von einem Vollständigkeitswahn getrieben, obwohl ich auch weiß, dass die Dinge immer unklarer werden, je genauer man sie zu erfassen versucht. Ich will mich in Zukunft besser begrenzen.
      Danke und dir auch einen schönen Tag, trotz Laubbläserei 😉

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      • Vollständigkeitswahn…schönes Wort, mag ich. Und begrenz Dich bitte nicht so sehr…das macht Deine Beiträge doch aus, diese Fülle an Informationen. 🙂
        Ja, mein Tag war schön…alte Chefin (alte hätte auch gereicht 😉 ) in den Ruhestand verabschiedet, natürlich mit nem fetten Empfang und zu leggerem rose Cremant…da mußte ich mich heut nachmittag erstmal 3 h hinlegen *lach , nein, nicht im Büro…schöner Freitag, ich hoffe, bei Dir wars ähnlich. Liebe Grüße

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  3. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 8) Typografisches Messen

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