Die Botschaft der Glasmurmel – über alphabetisches und nachalphabetisches Denken

In der mündlichen Kultur ist Sprache immer unmittelbar mit dem Sprecher verbunden. Sie ist konkret und betrifft die Dinge der räumlich nahen Umgebung. Die Schrift bringt eine Entfernung vom Sprecher mit sich. Schon beim Aufschreiben entfernt sie sich vom Schreiber selbst. Denn was er zuvor gedacht oder gesagt hat, wird jetzt in ein Zeichensystem übertragen, der Zeit enthoben, steht ihm dann in Sätzen vor Augen und wirkt auf sein Denken zurück. Während ich das hier schreibe, halte ich immer wieder inne, lese, was da steht und beurteile es hinsichtlich der Klarheit und Verständlichkeit. Das wiederum ordnet meinen Gedankenfluss und regt neue folgerichtige Gedanken an. Das bedeutet, dass ich alle meine Gedanken versuche logisch zu ordnen. Aber die Logik ist nur ein Teil meines Denkens. Alles was ich tue als Mensch, ist immer auch von Gefühlen begleitet. Das Schreiben fordert strenges alphabetisches Denken, ein Denken immer der Reihe nach unter Ausschaltung der Gefühle, es sei denn, sie werden im Text strategisch eingesetzt, wenn ich beispielsweise etwas schreibe, um bei Lesern Gefühle zu erwecken.

Es ist Nachmittag. Ich liege faul auf dem Sofa und schaue gegen die hohe Decke. Dort scheint eine farblose Glasmurmel zu lagern, der Schwerkraft zum Trotz. Ich habe keine Sorge, dass sie sich plötzlich der Physik besinnen und mir auf die Nase fallen könnte, denn ich weiß, – diese gläserne Murmel ist eigentlich eine kleine runde Mulde. Das Licht des Fensters wirft einen Schatten in die Mulde.

glaskugelEs kostet nur geringe Mühe, das Wissen um die Mulde zu verdrängen und eine Glasmurmel zu sehen. Ich will das magische Bild, nicht die vermeintliche Einsicht in die wahre Gestalt der Dinge. Diese Einsicht ist nämlich ein bisschen auf den Hund gekommen. Zu oft hat sie sich als trügerisch erwiesen, wenn die Wissenschaft ihre Lehrmeinung korrigieren musste oder wenn medial vermittelte Informationen sich als Lug erwiesen haben. Was ist besser, eine Glasmurmel an der Decke zu sehen oder zu wissen, dass es nur eine Deckenmulde ist, die den Anschein erweckt, eine Glasmurmel zu sein?

Der Medienphilosoph Vilém Flusser nahm vor dem Aufkommen des Internets schon an, der Mensch müsse das alphabetische, lineare Denken aufgeben. Es ist das Denken der Buchkultur. Das digitale Zeitalter verlange ein anderes Denken. Will man diese theoretische Forderung begreifen und in Probehandeln umsetzen, führt jeder Schritt ins Unwägbare. Was bedeutet es nichtalphabetisch zu denken? Es hieße zu akzeptieren, dass an meiner Zimmerdecke eine Glasmurmel lagert.

Man wird sogleich verstehen, dass nachalphabetisches Denken dem magischen Denken ähnelt, in dem die Dinge ein Eigenleben führen und nach nicht einsichtigen Gesetzen auf unser Leben einwirken. Aber von diesem Denken, das sich duckt vor geheimen Mächten, vor diesem ängstlichen und ahnungsvollen Raunen, sind wir durch die Aufklärung befreit worden.

Nachalphabetisches Denken entspricht nicht dem magischen Denken des voralphabetischen Menschen. Der voralphabetische Mensch der oralen Kultur denkt zyklisch und manchmal konfus. Er hat das lineare Denken noch nicht entdeckt. Logik, Aufklärung und Wissenschaft liegen noch jenseits seines Horizonts. Der alphabetisierte Mensch jedoch kennt beides und kann zwischen zwei Möglichkeiten der Wirklichkeitserfassung wählen. Ein neues Denken, wie Vilém Flusser es fordert, das ergibt sich, wenn man die bildhaft magische und die alphabetisch abstrakte Wirklichkeitserfassung kundig vereint.

Was bedeutet es, wenn sich an meiner Zimmerdecke eine Mulde befindet, die gleichzeitig eine Glasmurmel ist? Es zeigt sich hier, dass der nachalphabetische Mensch fähig ist, beides zu sehen und beides zu denken. Neben der forschenden und kategorisierenden Aneignung der Welt bietet sich eine Symbiose an: die laterale, pataphysische Wirklichkeitsauffassung, die sowohl körperlich-magisch wie auch geistig-logisch ist.

Es scheint, dass es selbstgemachte Härten im menschlichen Dasein gibt, die aus der einseitigen Betrachtung der Dinge folgen. Ist der Mensch allein dem magischen Denken verhaftet, geht er geduckt unter der Bedrohung durch das Unwägbare. Vertraut er nur dem logischen Denken, verliert er die Bodenhaftung und es mangelt ihm an Gefühl, Empathie und Inspiration. Wie sich nachalphabetisches Denken gestaltet, wie es sich positiv auswirken wird und zu einer tatsächlichen neuen Qualität des Denkens und Handelns werden kann, zeichnet sich noch nicht recht ab. Wir bewegen uns in den nur unscharf berechenbaren Randzonen. Aber vermutlich ist es künstlerisch, spielerisch, lässt Unlogisches zu.

Schon mehrmals habe ich folgende irritierende Erfahrung gehabt: Wenn ich auf einem Touchscreen eine Textstelle mit dem Finger markiert und kopiert habe, dann war mir, als wäre es in meiner Fingerkuppe gespeichert und ich könnte den Text von da an beliebiger Stelle auf dem Screen wieder einfügen. Es ist wie mit der Glasmurmel, die eigentlich nur eine Mulde ist. Ich weiß, dass der Text nicht in meiner Fingerkuppe gespeichert ist, aber die Vorstellung, beflügelt meine Phantasie. In diesem Sinne bedeutet Vilém Flussers nachalphabetisches Denken, sich bewusst zu befreien von strenger Logik, um sich beflügeln zu lassen.