Experiment gescheitert – Folge I

Die Draisine fuhr hinaus in die Ebene. Hinter uns verebbte der Applaus. Das Gleis führte jetzt über einen flachen Damm. Wir durchquerten ein Feuchtgebiet. Ab und zu sah man im kümmerlichen Gras große Lachen stehen. Eine Weile war nur das Rollgeräusch der Räder auf den Schienen zu hören. Plötzlich sang Madame Dobbelstein: „Eisen auf Eisen rollt sich ab, tock tock.“ Der Hund hob den Kopf und ich erschrak. Es war, als hätte die Blinde uns einen Moment in ihre Welt einbezogen, die ja mehr Ton war als Anblick.

Der Unteroffizier unterbrach diesen zauberischen Augenblick: „Ich versteh nicht, warum ich nicht direktemang vor die Leuten stehen bleiben kann.“

„Sie sprechen ja Deutsch!“, sagte ich erstaunt.

„Ich komme aus Eupen“, antwortete der Unteroffizier. „Da lernt man Deutsch auf die Straße. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Die Sprache muss du lernen, Deutsch lernst du sowieso.‘ Die Sprache, weiß jeder, das ist Französisch. Très bien. Also, warum muss ich mit Sie in diese trostlose Einöde rausfahren, Madame Dobbelstein?“

„Aus Gründen der Harmonie und des Wohlklangs. Wenn sie direkt vor dem Auditorium stünden, müssten sie ja nicht rufen. Die anderen Vokale werden aber gerufen. Darum.“

Der Schwabe, zuständig für das E, sagte: „I verschdehe des Exberimend sowieso ned. Mi inderessierd nur des Honorar. Mir Schwaba achda eba uf’s Geld – ond bringa’s deshalb zu ebbes.“

„Aber wird man Sie an den großen Opernhäusern Europas nicht schmerzlich vermissen, derweil Sie hier in der Einöde nur den Vokal e plärren?“, fragte ich.

Der Schwabe warf mir einen giftigen Blick zu und sagte: „Ganz dünnes Eis, der Herr.“

Kollege I bat: „Könnten Sie uns das Experiment noch einmal erklären, Madame Dobbelstein?“

Madame Dobbelstein legte den Kopf schief und lauschte. Kollege I hatte sich bislang gar nicht gemeldet, tauchte also neu in ihrem Universum auf. Sie sagte: „Sie müssen Herr I sein. Also: Lichtenberg schlägt vor, dass fünf Personen unsere Vokalreihe a-e-i-o-u aufsagen, und zwar von hinten, also u-o-i-e-a, will aber, dass eine weitere Person a-e-i-o-u zu hören bekommt. Wie soll das gehen? Es könnte gelingen, wenn die fünf Personen nicht nebeneinander stünden, sondern im Abstand von je 340 Metern. Der Schall legt diese Distanz in einer Sekunde zurück. Zuerst wird Herr Ley also den Vokal U rufen, aus einer Entfernung von 1700 Metern. Sein Ruf benötigt 5 Sekunden, um bei den Hörern einzutreffen, Das O, aus einer Entfernung von 1360 Metern trifft nach 4 Sekunden ein, Ihr Ruf „i“ nach drei Sekunden, des Schwaben „e“ nach zwei Sekunden, des Eupeners „a“ nach einer Sekunde. Somit käme jeder Vokal gleichzeitig bei den Hörern auf der Tribüne an. Darum werden Sie die Vokale um eine Sekunde zeitversetzt rufen. Achten Sie auf den Piepton! Das Auditorium hört dann die richtige Abfolge, also a-e-i-o-u , obwohl sie falsch herum aufgesagt wurde.“

„Verstehe ich, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. All der Aufwand – für diese Spielerei?“

„In arte voluptas. – In der Kunst liegt das Vergnügen! Friedrich Schiller sagt:
Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Madame Dobbelstein unterschlug dabei, dass Fräulein Astrid durchaus eigennützige Interessen verfolgte, anders als Lichtenberg, der lediglich ein Gedankenexperiment umrissen hatte.

Vor uns, linker Hand tauchte die erste Station auf, erkennbar an einem Tisch, auf dem fünf Megaphone in Reihe auf ihre Trichter gestellt waren. Der Hund knurrte, Madame Dobbelstein brachte die Draisine zum Stehen und sagte: „Hopp, meine Herren, greifen Sie sich ein Megaphon und die Kopfhörer, und Sie, Herr Unteroffizier, nehmen Station A ein! Ich sende Ihnen ein Signal, sobald wir die ferne Station U erreicht haben und auch Herr Ley bereit zum Rufe ist.“

Hier entpuppte sich mein Kontrahent, Herr O, als Saboteur. Vielleicht war er auch nur ungeschickt. Jedenfalls stieß er mein Megaphon vom Tisch.

Fortsetzung folgt

Unsichtbar vor hohen Nasen

Ein Wetter, um sich in die geheizte Stube zu verkriechen, ein Teelicht anzuzünden und einen leckeren Tee zu trinken.Trotzdem zwang ich mich, nach draußen zu gehen. Die Stadt ist nicht grau, sie wirkt nur so. Auch die Leute sind nicht grau, nur nach innen gekehrt. Sie haben ihre Energie dem Außen abgezogen und gönnen der Welt keinen Blick. Die Frau, deretwegen ich vor ziemlich genau zehn Jahren nach Hannover gezogen bin, klagte, mit 40 Jahren sei sie unsichtbar geworden. Da war sie gerade erst 40 geworden. Der Prozess der öffentlichen Nichtbeachtung musste also schon früher begonnen haben.

Ich weiß nicht genau, wann ich unsichtbar wurde. Vor zehn Jahren habe ich noch neugierig auf meine Mitmenschen geschaut. „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht“, notiert Georg Christoph Lichtenberg im Jahr 1776 in sein Sudelbuch. Seit einigen Jahren schaue ich nicht mehr offen in fremde Gesichter, namentlich nicht in die junger Frauen. Es schmerzen mich sonst die gleichgültigen Blicke, mit denen sie mich unsichtbar machen. Sich unsichtbar zu fühlen, ist also durchaus ein reziproker Effekt.

Als ich kürzlich das Leipziger Buchdruckmuseum besucht habe, mussten wir in den Ortsteil Schleußig. Mein Sohn, der im benachbarten Lindenau lebt, sagte „Scheußlich“ sei die bei Lindenauern übliche Verballhornung, nicht wegen der durchaus hübschen Gründerzeitbebauung, sondern der Leute wegen, die sich dort eingenistet haben. An der Straßenbahnhaltestelle sah ich später einige und fragte, was wohl das ihnen Gemeinsame ist. Was mir auffiel, war arrogantes Auftreten. Der Volksmund hält das Attribut „hochnäsig“ bereit. Der ich die These vertrete, man könne sich in andere einfühlen, wenn man deren Habitus nachahmt, versuche ich es gelegentlich mit einer hohen Nase. Es hilft aber nicht, mich einzufühlen. Einziger Effekt, mir tut seit Tagen der Nacken weh. Vielleicht muss man von klein auf daran gewöhnt sein, die Nase hoch zu tragen, muss beizeiten eingelebt werden in diese Haltung, wie das Kind, von dem einmal ein Poetryslammer erzählte. Er hatte einen Vater mit Kind beobachtet, wie sie in der Fußgängerzone bei einem Bettler stehen geblieben waren. Der Mann sagte dem am Boden sitzenden Armen, dass er ihm nichts geben werde.  Der Bettler solle arbeiten gehen, statt herumzusitzen und zu betteln. Darauf habe das Kind gefragt: „Papa, darf ICH das dem nächsten Penner sagen?“

Ich will aufhören, meinen Nacken zu strapazieren, denn so wie solche Leute wollte ich mich dann lieber doch nicht fühlen.

Und was ist jetzt mit dem verdammten Bus?

Als ich nach draußen kam, befand sich die öffentliche Ordnung in Auflösung. In einem Klima von Angst und Gewalt rannte alles durcheinander. Den Grund konnte ich nicht sehen. Da war eine Gruppe, der ich mich anschloss. Eine junge Frau warnte: „Der Bus kann in fünf Minuten wieder hier sein!“ Wie ich noch rätselte, was es mit dem bedrohlichen Bus auf sich haben könnte, hörte ich ein anschwellendes Motorengeräusch. Es kam über eine Nebenstraße heran, so rasch, dass kaum Zeit blieb zu reagieren. Das Brummen zu hören und den Bus auftauchen zu sehen, war eins.

Die gesamte Gruppe stob davon. Wir hatten vor einem freistehenden Klinkerbau aus den frühen 1970-ern gestanden. Die anderen rannten nach rechts, ich rannte nach links ums Haus herum. Hinter mir hörte ich den bedrohlichen Bus bremsen, vor mir war ein Erdhügel vom Kelleraushub, wie man ihn oft bei Neubauten findet. Er war mit Unkraut überwuchert, aber ob er mir ein Versteck bieten könnte, erlebte ich nicht mehr, denn als ich voller Angst auf den Hügel zu rannte und hinter mir die Pressluft der sich öffnenden Bustür zischte, zuckte ich zusammen und rutschte aus dem Traum. Augenblicklich klingelte die Briefträgerin mich wach.

Später schaute ich in meinen Briefkasten. Die leere Blechkammer gähnte mich an. Die Postbotin hatte also meinen Traum unwiederbringlich abgeschnitten, obwohl sie nicht einmal Post für mich gehabt hatte. Was bleibt, ist das Beispiel einer außersinnlichen Wahrnehmung, eine Störung in der Abfolge der Ereignisse, wie sie Lichtenberg beschreibt, aber bei mir ganz ohne Kaffee. Deshalb vermute ich etwas anderes als Lichtenberg: Das galaktische Betriebssystem rumpelt.

[Zitat abgeschrieben von mir aus: Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher]

Linden backt – Linden denkt

Bei Rewe am Kassenband wendet sich der Mann vor mir um und sagt: „Ich habe nur diesen Bon, nicht dass du dich wunderst, warum ich hier stehe.“
„Kein Problem“, sage ich, „ich wundere mich schon lange nicht mehr.“
„Warum auch?“, meint er einvernehmlich, „ist ja alles logisch so.“
Logisch grad nicht, denke ich, aber plausibel. Zur Kassiererin sagt er: „Ich gucke mal, ob ich einen Cent habe.“ Tatsächlich findet er einen im Portemonnaie. So bekommt er für seinen Pfandbon ein 50-Cent-Stück. Mir gefällt, dass die Kassiererin freundlich auf den Cent gewartet hat.

Während ich noch überlege, welches Pfandgut in der Summe auf 49 Cent auskommt, beschließe ich, die belebte Limmerstraße entlang zu gehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ah, zum Kopfrechnen ist es zu warm. Wenn ich mich setze, sollte ich was zu lesen haben. In den Bücherregalen vor dem Antiquariat entdecke ich einen Roman von Robert Walser, von dem besseren, dem wunderbaren Walser also, und kaufe ihn unbesehen. Vor der ehemaligen Biobäckerei „Doppelkorn“ beschattet die Markise einen leeren Tisch. Doppelkorn wurde vor Jahren insolvent und war lange Zeit geschlossen. Wiedererstanden ist die Bäckerei als Genossenschaft „Linden backt.“ Die Schweizerin Hazel Brugger, bekannt aus Funk und Fernsehen, ist kürzlich hier gewesen und hat ein YouTube-Video über das Experiment der Genossenschaft gemacht. Früher nannte ich sie bei mir: „Schweiz gewordener Sauertopf“, aber in letzter Zeit finde ich sie ganz witzig. Ihr Video kommt fast ohne Spitzen aus und wirkt durchaus wohlmeinend.

Vor gut sechs Jahren habe ich oft an diesem Ort gesessen, Milchkaffee getrunken, geraucht und Leute geschaut. Das Rauchen habe ich mir abgewöhnt, und aus dem Lesen wird’s nichts. Ich bin derart abgelenkt durch die Passanten, dass ich nicht über fünf Sätze hinaus komme. Lichtenberg sagt: „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ Gegen die Vielzahl dieser Flächen kommt keine Buchseite an. Eigentlich müsste Lichtenbergs Befund erweitert werden auf die menschliche Gestalt.

Von einem Balkon in Bad Godesberg hatte man den Blick auf das Siebengebirge. Mein Zimmergenosse erklärte mir, er habe das Siebengebirge lange betrachtet, wegen „Drachenfels“ und sei zum Beschluss gekommen, dass da und dort die Kuppen des Höhenzugs an einen Drachen gemahnen. So kann man sich den immer gleichen Blick auf eine statische Landschaft interessant machen, auch wenn’s falsch ist, denn der Drachenfels heißt vermutlich so nach dem Mineral Trachyt. Ich sah jedenfalls keinen Drachen, finde auch, dass der alltägliche Blick auf eine Landschaft und sei sie noch so schön, rasch langweilig wird. Anders die Landschaft der menschlichen Gestalt. Ich staune über die Vielzahl der Erscheinungsformen.

Wenn die Adepten der Künstlichen Intelligenz (KI) davon schwärmen, das menschliche Gehirn übertrumpfen zu können, vergessen sie, dass menschliches Denken nicht auf das Gehirn beschränkt ist. Was ein Mensch denkt, kommt aus seinem ganzen Körper, wie er ihn bekleidet und wie er ihn bewegt, wie es ihn bewegt. Das in Reaktion auf Kontext und Situation ist mehr als simple Schaltungen im Gehirn. So dachte ich vor Linden backt, wo ich überaus freundlich bedient wurde – von der Frau im Video, die noch nie „Game of Thrones“ gesehen hat, was ich sehr sympathisch finde. Ich nehme mir vor wiederzukommen.

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 9) Von der Macht des gedruckten Wortes

An einem schönen Frühlingsmorgen hatte der Buchantiquar an der Limmerstraße Bücherkisten nach draußen gestellt. Auf dem Weg zum Georgengarten kam ich vorbei und stieg vom Rad, um in den Auslagen zu stöbern und etwas Lesestoff zu kaufen. Da lachte mich ein gut erhaltenes Insel-Taschenbüchlein an: “Lichtenbergs Funkenflug der Vernunft – eine Hommage zu seinem 250. Geburtstag“. Das Büchlein versammelte Texte von gut 30 bekannten Autoren, die jeweils über eine Sentenz von Georg Christoph Lichtenberg geschrieben hatten. Die Aussicht, mich damit im ergrünenden Georgengarten in die Sonne zu setzen, über mir ein makelloses Himmelsblau, das nur durchschossen wurde vom aufgeregten Tirilie, Pfeifen und Zwitschern der Vogelwelt, schien mir ein unschätzbarer Luxus zu sein. Er sollte mich nur drei Euro kosten.

Lichtenberg, * 1. Juli 1742 – † 24. Februar 1799 lehrte Physik in Göttingen. Der Nachwelt ist er bekannt durch die posthume Veröffentlichung seiner Sudelbücher. Über ihre Entstehung schreibt er: „Wenn jemand alle glücklichen Einfälle seines Lebens dicht zusammen sammelt, so würde ein gutes Werk daraus werden. Jedermann ist wenigstens einmal im Jahr ein Genie. Die eigentlichen so genannten Genies haben nur die guten Einfälle dichter. Man sieht also, wie viel darauf ankommt, alles aufzuschreiben.“ Lichtenberg fügt hinzu, er habe gesehen, dass die Kaufleute ein Sudelbuch hätten, worin sie alle ein- und ausgehenden Lieferungen vermerkten. Deshalb nannte er seine „Sammlung „glücklicher Einfälle“ so: „Schmierbuchmethode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten.”

Doppelseite aus: Lichtenberg, Funkenflug der Vernunft, Frankfurt am Main und Leipzig 1992 (größer: Klicken)

Lichtenberg sudelte seine Einfälle in Hefte. Im Büchlein sind Heftseiten abgedruckt. Es gibt Leute, die solche Manuskriptseiten, „Autographe“ genannt, sammeln. Was nicht in privaten Sammlungen verschwindet, wird in Bibliotheken und Archiven aufbewahrt. Für die meisten von uns wäre Lichtenbergs Funkenflug schlicht unzugänglich, weil Autographe ja einmalig sind und weil es der Übersetzungsleistung aus der Handschrift in die überindividuelle Druckschrift bedarf, damit Texte allgemein zugänglich werden. Um ein Buch herzustellen, ist ein gewaltiger technischer Apparat nötig und die Arbeit vieler Spezialisten – in Lichtenbergs Fall haben Literaturwissenschaftler den Nachlass gesichtet und die Manuskripte einem Verleger angetragen. Der hat Lektoren beauftragt zu entscheiden, was vom Manuskript die Schriftsetzer absetzen und somit lesbar machen, Korrektoren haben den Satz mit dem Manuskript verglichen und Fehler getilgt. Damit ein Buch entstand und in viele Hände geraten konnte, waren außerdem beteiligt: Schriftgestalter, Typografen, Drucker, Buchbinder und Leute im Vertrieb bis hin zum Buchhändler. Ein riesiger technischer Apparat und ein Heer von Spezialisten machten die hin gekritzelten Gedanken eines Menschen allgemein zugänglich und verliehen ihnen Wucht und Wirkung. Das alles begründet die sprichwörtliche „Macht des gedruckten Wortes.“

Ähnliche Machtfaktoren begründen den Einfluss von Zeitungen. In der Buchkultur besaßen die Buch- und Zeitungsverlage als einzige diese Produktionsmittel. Sie sicherten ihre Herrschaft über die Köpfe der lesenden Menschheit. Buch- und Zeitungsverlage bestimmten, was gedacht und worüber diskutiert wurde. Wenn man bedenkt, dass die Verlage meistens im Besitz von wenigen reichen Familien sind, müssen wir in ihnen die Elite sehen, die das kulturelle Leben prägt. Ein Autor oder Journalist, der in ihrem Auftrag etwas schreibt und in Druck gibt, fühlt sich ebenfalls zur Elite gehörig. Wer schon einmal eine der gewaltigen Rotationsmaschinen beim Druck einer Zeitung erlebt hat, gesehen, wie sich von dicken Papierwalzen eine straff gespannte Papierbahn abrollt und um Druck- und Gegendruckzylinder gewunden durch so ein haushohes Wunderwerk der Maschinenbaukunst rast, wer einmal ihrem Getöse gelauscht hat, wer die vibrierenden Erschütterungen des Fundaments gespürt hat, kann sich vielleicht das erhebende Gefühl vorstellen, dass den Autor erfasst, dessen Gedanken da millionenfach gedruckt werden.

Die Leser der Buchkultur brachten dem gedruckten Wort ein fast blindes Vertrauen entgegen. (Dazu eine ulkige Episode am Schluss des Eintrags.) Gedrucktes war geadelt durch den immensen Aufwand an Menschen, Material, Produktionsmittel und Kapital. Das alles signalisieren die Druckbuchstaben. Auch meine Gedanken hier sind mit solchen Druckbuchstaben allgemein lesbar gemacht. Sie profitieren vom gewaltigen kulturellen Hintergrund, den ich oben und in der gesamten Reihe über Typografie skizziert habe. Indem sich der Druckbuchstabe völlig vom Material gelöst hat und nur noch Form ist, wurde er allgemein verfügbar. Von dieser Demokratisierung der Druckschrift profitiert jeder, der im Internet publiziert. Es ist nachvollziehbar, dass die alten Alleinherrscher über die Druckschrift nicht erfreut sind über die leichtgewichtige, weil immaterielle Konkurrenz durch digitale Schreiber.

Fehlendes Material geht einher mit fehlender Kontrolle. Ein kultureller Sprengsatz.
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Feuilletonistisches oder: Blättchengedöns

Meine lieben Damen und Herren,

Sie als treue Leserinnen und Leser wissen, dass am Anfang der Texte im Teestübchen meistens eine Vignette in den Text eingerückt ist. Dieses typografische Signal kennzeichnet den Inhalt und gibt eine grobe Orientierung, was im Folgenden zu erwarten ist. In letzter Zeit habe ich mehrere Texte verfasst, für die es im Teestübchen keine Kategorie gab, vielmehr hatte ich keine passende Vignette. Das hat mich heute fast den ganze Tag beschäftigt.

Das französische Wort Feuilleton bedeutet Blättchen. In der Zeitungswissenschaft ist damit sowohl das Kulturressort einer Zeitschrift/Zeitung als auch eine journalistische Darstellungsform gemeint. Diese Form zeichnet sich durch einen literarischen Stil und oft humorvollen Plauderton aus. Der gelingt mir selten genug, meistens wenn ich nichts Besonderes schaffen will. Die Themen des Feuilletons sind nicht weltbewegend, sondern im Alltäglichen angesiedelt. Es geht oft um kleine Dinge. Ich habe schon immer gerne über kleine Dinge geschrieben. Georg Christoph Lichtenberg schreibt: „Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat sehr viel Großes hervorgebracht.“ Dieser Mensch war er zweifellos selbst. Lichtenbergs Geistesblitze entzündeten sich oft an der Betrachtung vermeintlich kleiner Dinge, wie in seinen berühmten Sudelbüchern zu lesen ist. Ich will mich keineswegs mit ihm vergleichen, wollte ihn nur als Gewährsmann aufrufen und gleichsam legitimieren, dass ich mich gerne den banalen Alltagsdingen widme. Denn ich glaube, dass sich im Kleinen das Große finden lässt, wie im Großen das Kleine.

Hier also die Vignette „Feuilleton“. Ich werde morgen rückwirkend einige Texte in die Kategorie einordnen, und schwupp wird sich zeigen, dass wir im Blog sogar die Vergangenheit beeinflussen können. Wenn Sie dann auf die Vignette klicken, flitzt der Teestübchen-Bibliothekar ins Archiv und holt alle Texte hervor, die sich grob unter „Feuilleton“ subsummieren lassen. Ganze acht Stunden Arbeit mit einem Hin und Her von Entwürfen stecken in der neuen Vignette „Feuilleton.“ Aber, wird mancher denken, das sieht man nicht. Warum hat’s denn so lange gedauert?

Zur Erläuterung diese kleine Geschichte von Leo Tolstoi:

Drei Kranzkuchen und ein Kringel

Ein russischer Bauer hatte einen Wolfshunger. Er kaufte einen großen Kranzkuchen und aß ihn auf. Er hatte immer noch Hunger. Er kaufte noch einen Kranzkuchen und aß auch den. Und immer noch hatte er Hunger. Er kaufte einen dritten und aß ihn ebenfalls. Und auch jetzt war sein Hunger nicht gestillt. Da kaufte er sich Kringel. Und kaum hatte er den ersten gegessen, war er satt.
Der russische Bauer schlug sich an den Kopf und sagte:
„Was bin ich doch für ein Narr!
Nun habe ich ganz umsonst das Geld für die Kranzkuchen hinausgeworfen.
Mit dem einen Kringel hätte ich anfangen sollen!“

Die fertige Vignette ist der Kringel. Update 07.03.2017, 7:20 Uhr: Feuilletontexte sind jetzt zugeordnet und können über die Seitenleiste aufgerufen werden.