Ethnologie des Alltags – Schreiben wie der Ochse pflügt

Kleine Geschichten

Die Schreibrichtung der Vorformen unseres Alphabets ist furchenwendig. Boustrophedon´,wie der Ochse pflügt“, heißt diese frühe Form des Schreibens. Deren Schriftzeugnisse findet man auf Vasen aus dem heute griechischen Mittelmeerraum. Oft ist auch der Sprecher dargestellt, und aus seinem Mund kommt die Rede wie ein endloses Band. Die Sprache floss also wie Wasser aus seinem Mund. Die Idee, den Fluss der Rede in Zeilen zu unterteilen, einen harten Schnitt am Zeilenende zu machen und einfach wieder vorne zu beginnen, taucht erst viel später auf. Dazu gehört ja das Verständnis, dass das Ende der Zeile keine Unterbrechung der Rede anzeigt, sondern eigentlich nichts bedeutet. Zu schreiben wie der Ochse pflügt heißt, dass das Schriftband am Ende des Beschreibstoffes einen Bogen beschreibt, die Buchstaben kippen in die andere Richtung, sind also gespiegelt, wenn die Schrift in die Gegenrichtung läuft. Man schrieb abwechselnd rechtsläufig und linksläufig.

Doch was es mit der Weise zu tun hat, wie der Ochse pflügt, habe ich erst verstanden, als ich in Kirchheim nach einem Fronleichnamskapellchen recherchierte. Ich hatte im Ort gehört, dass ein Bauer einst zu Fronleichnam eine hölzerne Kapelle vor seinem Haus errichtet hat, die zwischen zwei Zierkirschbäumchen links und rechts des Hauseingangs gebunden wurde.

„Nein, das Kapellchen haben wir nicht mehr. Wir haben es vor Jahren an das Freilichtmuseum Kommern verkauft“, sagte Frau Balzer (Name geändert). Wir haben noch irgendwo ein Foto davon, doch ich kann es Ihnen jetzt nicht heraussuchen, ich habe nämlich einen Hexenschuss. Am besten kommen Sie in zwei Stunden wieder. Dann ist mein Mann vom Getränkemarkt zurück.“

Als ich später wieder an der Haustür des Bauernhofes klingelte, öffnete mir der Mann. Seine Frau lag auf den Knien vor dem Wohnzimmerschrank und hatte einen Stapel Fotoalben auf den Boden geschichtet. Und trotz ihres Hexenschusses tauchte sie gerade tief ins untere Schrankfach ein. Als sie sich aufrichtete, hielt sie ein kleines Foto in der Hand. Es war grünstichig und aus gebührender Entfernung aufgenommen. Das Kapellchen sah jedenfalls ziemlich mickrig aus. Dann jedoch kam ihr Mann mit einem hölzernen Modell des Kapellchens zurück, das er selbst getischlert hatte. Die beiden vermuteten, ihr Kapellchen würde zu Fronleichnam im Freiluftmuseum aufgebaut, und ich versprach, mal nach ihrem Kapellchen zu recherchieren.

Herr Balzer, ein Landwirt im Ruhestand, führte mich auch auf seinen Hof. In der schön restaurierten offenen Scheune hatte er ein kleines privates Museum für Ackergeräte. An den Wänden hingen diverse Gerätschaften, und natürlich stand da auch ein polierter Pflug. Hinter diesem Pflug war er einst gegangen. Zwei Ackergäule waren nötig, ihn zu ziehen. Doch als der 2. Weltkrieg anbrach, wurden nicht nur die Männer, sondern auch die Pferde eingezogen. Da blieben ihm und seinem Vater nur ein alter Gaul und ein Ochse.

„Pferd und Ochse, das geht nicht gut zusammen“, sagte er. „Das Pferd geht im Halfter, der Ochse geht im Joch. Wenn Sie am Ende der Furche sind und beim Ochsen am Zügel ziehen, dann macht der zuerst gar nichts, der dreht nur ein bisschen den Kopf. Mit einem Ochsen vorm Pflug können Sie nur im weiten Bogen wenden. Aber das Pferd, das will auf der Stelle herum. Man braucht viel Geduld mit so einem ungleichen Gespann, weil die immer wieder das Geschirr durcheinander bringen.“

So musste ich also einmal in die Scheune eines Bauern gehen, um zu erfahren, warum das Schreiben in großen Schleifen „Boustrophedon“ heißt.

Übrigens wusste man im Freilichtmuseum Kommern nichts mehr von der Fronleichnamskapelle. Sie gaben mir die Telefonnummer des inzwischen pensionierten Museumsleiters, der den Bauern damals das Kapellchen abgeschwatzt hatte. Ich rief ihn an, doch auch er konnte sich nicht daran erinnern. Da dachte ich, wie schade. Die Bauern hatten doch das Kapellchen im guten Glauben gestiftet, es werde im Freilichtmuseum aufgestellt und somit der Bildung und Erbauung dienen. Doch man hatte es angekauft und dann in einem Depot vergammeln lassen, bis niemand mehr wusste, was es war, geschweige denn, wie man es aufbauen musste.

Manchmal schreibt der Mensch, wie der Ochse pflügt, und manchmal ist er selbst der Ochse.

Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen

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16 Kommentare zu “Ethnologie des Alltags – Schreiben wie der Ochse pflügt

  1. Wenn es mit dem Glauben schon nicht mehr klappt, was haben wir dann vom guten Glauben noch zu erwarten? Und weil ja Geben ohnehin seliger ist als nehmen, ist die Bauersfamilie allemal fein raus. Meine Handschrift erinnert auch sehr stark an die Weise, wie der Ochse pflügt, aber davon abgesehen: Ich habe wieder viel über unsere Schrift gelernt. Danke.

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    • Meinst du, dass der Glauben von einem Fronleichnamskapellchen abhängt und mit ihm in einem Depot verschwinden kann? Ich hatte meinen schon viel vorher verloren. Als ich noch viel mit der Hand schrieb, war meine Handschrift auch geläufiger. Der Vergleich mit dem Pflügen drängt sich mir immer auf, wenn ich eine Phase habe, in der ich nicht gut schreiben kann. Wenn die Wörter sich gegen ihren Gebrauch zu wehren scheinen, dann ist mir, ich müsste einen steinigen Acker pflügen und mich andauernd bücken, um mal wieder einen dicken Stein aus der Furche zu klauben. Davon abgesehen freut sich der Lehrer in mir, wenn ich etwas vermitteln konnte. Gerne!

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  2. Wenn ich mich mit Franzosen unterhalte, lieber Jules, dann ergeht es mir so, wie du das eingangs schilderst:

    ich bekomme alles Gesprochene als ein megalanges Bandwurmwort mit, das ich parallel zum Zuhören mühsam in verständliche Sätze aufteile, aufteilen muss, um etwas verstehen zu können…

    Dir einen schönen Abend wünsche, liebe Herbstgrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

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