Ein wenig Blog-Historie und Medientheorie

Das Internet vergesse nichts, wird gelegentlich behauptet. Das stimmt nur bedingt. Verschwundene Blogs, die auf einer versunkenen Plattform angesiedelt waren, sind höchstens über das Internet-Archiv „waybackmachine“ noch aufzuspüren, leider oft nur rudimentär – mit zerschossenem Layout und ohne Tondateien und Flash-Animationen. Ein Kommentar von Blog-Freundin Socopuk ließ mich nach einem Zweitblog stöbern, den ich neben dem Teppichhaus Trithemius bei Blog.de betrieben habe. Das Teppichhaus trug den Untertitel „Offene Bloguniversität, Cafeteria“, das Zweitblog war die Bibliothek, wo ich Faksimile von Tagebuchseiten, das von mir gezeichnete Kinderbuch und dergleichen veröffentlicht habe. Das Motto der Bibliothek, das mehrdeutige Wortspiel: „Nimm dir ein bisschen Zeit und gib sie dir“ gefällt mir noch heute.

In den Anfängen meines Bloggens im Jahr 2005 war ich noch enthusiastisch und glaubte, dass mit der Demokratisierung der Publikation eine neue Zeit angebrochen war – die Befreiung des Denkens von der Fremdherrschung durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen Universität, die keiner Zensur unterliegt und jedermann offen steht. Freilich hatte ich übersehen, dass die Menschen nicht darauf vorbereitet waren. Die klassischen Medien hatten Selbstdenken und Mitdenken nicht gefördert und stets nur eine geringe Teilhabe am Diskurs zugelassen – mit streng redigierten Leserbriefseiten. Unliebsame Meinungen landeten in Ablage P (Papierkorb). Die Zeitschrift Titanic dreht das Prinzip sogar um, indem das Magazin die Rubrik „Briefe an die Leser“ einrichtete, später schlecht kopiert von „Gossen-Goethe“ Franz Josef Wagner in der BILD mit „Post von Wagner.“

In diese geistige Landschaft der Einkanalmedien, hier Sender, dort stummer Empfänger platzten Facebook und Twitter, wo Leute das in die Welt setzen konnten, was zuvor nur mündlich an Stammtischen geäußert worden war. So haben denn Äußerungen im Mikroblogging eher den Charakter des unausgegorenen Mündlichen, rasch und unbedacht herausgehauen, ohne dass die natürlichen Filtermechanismen des Schriftlichen greifen: Gedanken zu Ende denken, Folgerichtigkeit beachten, Konsequenzen, mögliche Gegenpositionen erwägen und sich selbstkritisch zu befragen.

Was die neue Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich unterschätzt, dass viele Menschen der Anonymität des Internets emotional nicht gewachsen sind. Ich habe nicht vorausgesehen, dass eine Heckenschützenmentalität sich bahnbrechen würde, aus der heraus Hass und Morddrohungen verbreitet werden. Kurz: Ich habe mal wieder auf das Gute im Menschen vertraut und gedacht, dieses wunderbare Instrument Internet werde sich zum Nutzen der Menschheit entwickeln. Es würde eine Form der sozialen Energie sich breitmachen, die alle erfasst und sie zu verantwortlichen selbst denkenden Individuen macht.

Heute, 15 Jahre später, lässt sich das Gegenteil beobachten. Die oft gelesenen Nachdenkseiten untertiteln sich resignativ mit „Für alle, die sich noch eigene Gedanken machen.“ Dieses „noch“ erregt meinen Unwillen, als wäre es schon ausgemacht, dass die eigenen Gedanken eine vom Aussterben bedrohte Art sind. Wenn das so ist, dann bieten die gepflegten Netze der Blogcommunity eine Nische. Hier werden Gedanken zu Ende gedacht, hier findet eine freundliche Interaktion statt, ein Geben und Nehmen von Ideen. Hier fließt soziale Energie.

Früher war hier alles schöner

Ein Freund hat mal erzählt, dass er im Zivildienst eine alte Frau betreute, für die sich die Grenzen zwischen medialer Realität und Alltag verwischten. Einmal hatte er gesagt: „Da haben Sie aber einen schönen Blumenstrauß.“ Sie wehrte ab, der sei zuvor viel schöner gewesen: Dann wären die kleinen Männchen aus dem Fernseher gekommen und hätten den Strauß gegen schlechtere Blumen ausgetauscht. Immerzu würden die Männchen die Dinge in ihrer Wohnung stehlen und gegen schlechtere austauschen. Wir wollen annehmen, dass dem nicht so war, sondern dass es sich um eine Wahnvorstellung handelte.

Meine Großmutter hatte das erste Radio im Dorf. Es war in einem Schrank untergebracht. Als einmal ein kleiner Junge zu Besuch war, der Freund ihres jüngsten Sohnes, ertönte aus dem Schrank eine Stimme. Da rief der Junge entsetzt: „Tant, Tant, do is ene Käel im Schaaf!“ (Tante, Tante, da ist ein Kerl im Schrank!) Aus einer ähnlich naiven Haltung gegenüber Rundfunkgeräten könnte die Idee stammen, Fernsehgeräte wären von kleinen Männchen bevölkert. Sie müssen kleiner sein als übliche Menschen. Sonst würden sie ja nicht ins Fernsehgerät passen, was zumindest für die Zeit vor den Fachbildschirmen gilt. Dass diesen Männchen nicht zu trauen ist, demonstriert das Fernsehen ständig. Bei der Übermacht von Kriminal- und Actionfilmen im TV-Programm könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, das Fernsehen würde von Kriminellen beherrscht.

Die bildnerischen Mittel des Fernsehens werden eingesetzt, um die dargestellte Gegenwart zu überhöhen. Das gilt besonders für die Spots des Werbefernsehens. Dort scheint alles besser und schöner zu sein als in der Lebenswirklichkeit eines durchschnittlichen Menschen. Das Gras ist grüner, der Himmel blauer, die Menschen sind attraktiver und offenbar glücklicher, die Lebensverhältnisse besser, die angepriesenen Produkte sind optimal ins Bild gesetzt, Beschränkungen durch die Physik sind ausgehebelt, aus dem Off schallt Musik, tönen geheimnisvolle Stimmen und vieles mehr.

Angenommen, man kauft einen Blumenstrauß und stellt ihn in die Wohnstube, dann ist der Anblick zunächst etwas Besonderes. Aber schon beim zweiten Betrachten ist er redundant, und mit der Zeit nutzt sich der Anblick zunehmend ab. Der erste positive Eindruck schwindet und ist nicht mehr zurückzuholen, zumal ein Blumenstrauß verwelkt. Schuldige für diesen Prozess der Banalisierung zu finden, entlastet von der Idee der Vergänglichkeit. Im übertragenen Sinne ist die Erklärung der alten Frau sogar plausibel. Indem das Werbefernsehen stets ein überhöhtes Ideal zeigt, banalisiert es die Realität und stiehlt ihr ständig die Bedeutung. Somit hat die alte Frau eine passende Metapher dafür gefunden, wie Medien auf unsere Wirklichkeitserfahrung einwirken.

    Ich bitte vielmals um Entschuldigung: Hier stand früher ein viel besserer Text. Boshafte kleine Internetmännchen haben ihn gegen einen schlechteren ausgetauscht.

Matsch in der Birne

Vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass ich mich nicht auf das Schreiben konzentrieren kann, wenn meine Internetverbindung offen ist. Mir ist dann als würden vieltausend Stimmen eindringen in meine Gedanken. Wahnsinnige Eintänzer versuchen meine Aufmerksamkeit zu wecken, Jongleure und Einradfahrer performen, ja, sogar Seiltänzer über dem Grand Canyon  machen mich schwindlig, und ganz hinten schickt sich einer an, einen martialischen Säbel zu schlucken. Natürlich sind die putzigen Katzen nicht zu vergessen. Als ich letztens im Blog einer intelligenten Frau Katzencontent entdeckte, fiel mir wieder die Manipulation menschlichen Verhaltens durch den Katzenparasiten Toxoplasma gondii ein. Ein Freund von mir vermutet, dass der Parasit Menschen nicht nur risikobereiter macht, sondern auch für den millionenfachen Katzencontent im Internet verantwortlich wäre.

Zurück zur Internetverbindung. All das Bedrohliche, Verrückte, Irrsinnige, Putzige, Schreckliche da draußen muss ich mir fernhalten, sonst habe ich buchstäblich Matsch in der Birne, äh, ich meine metaphorisch. Etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung trägt den Parasiten Toxoplasma gondii in sich. Der ist möglicherweise für allerlei Destruktives verantwortlich, beispielsweise auch dafür, dass Menschen wie blöd Politiker wählen, von denen man wissen kann, dass sie die Demokratie abschaffen wollen, um die Macht dauerhaft an sich zu reißen. Ähnliches hat Kollegin Tikerschek auch vermutet.

Dass der Parasit Toxoplasma gondii menschliches Verhalten steuert, haben, glaube ich, US-Wissenschaftler herausgefunden. Solche haben auch herausgefunden, dass allein die Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen herabsenkt. Der Eindruck, dass das Smartphone blöde und blöder macht, drängt sich auf, wenn man Mitmenschen in der Öffentlichkeit beobachtet.

Das Smartphone beachte ich kaum. Meist ist es tagelang ausgeschaltet. Aber natürlich ist die oben beschriebene Wirkung des Internets vergleichbar. Ich schalte die Verbindung jetzt ein, um den Text hier zu veröffentlichen und schwupp bin ich um ein paar Takte blöder. Zum Glück steht der Text schon fest. Zumindest fast, wenn ich nicht mehr wie so oft drin herumfummele, was aufmerksamen Leserinnen und Lesern gewiss schon aufgefallen ist.

Anstiftung zum Zweifel

Ich wünschte, die Orthographie wäre vom Himmel gefallen. Oder irgendein Moses wäre vom Berg Sinai herabgestiegen und hätte orthographische Gesetzestafeln herangeschleppt, worauf Gott mit roter Kreide allerlei Fehler angestrichen hatte. Moses hätte sieben Jahre auf dem Berg Sinai gesessen und mit einem putzigen Meißel und desgleichen Hämmerchen die ehernen Gesetze der Rechtschreibung in die Gesetzestafeln geschlagen, und am Ende hätte Gott einen flüchtigen Blick drauf geworfen und dann mit roter Kreide darüber gesaut.

Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass es so nicht gewesen sein kann, auch anders nicht. Wäre es so oder ähnlich gewesen, hätte Gott ebensogut für die Korrektur Sprühlack statt Kreide nehmen können, oder Edding oder Tipp-Ex flüssig. Jede Festlegung auf ein Verfahren ist eine blasphemische Verleugnung von Gottes Allmacht.

Als erklärter Heide kann ich Gottes Allmacht leugnen und sagen, dass mir die Tipp-Ex-Variante am besten gefällt. Wie Moses die ehernen orthographischen Gesetzestafeln den Berg herunter schleppt, sind sie übersät mit weißen Tipp-Ex-Flecken.

Leider muss ich vor den Kindern tun, als wäre es so oder ähnlich gewesen. Da ihr Glaube daran und die Einhaltung der Gesetze für eine erfolgreiche Schullaufbahn unerlässlich sind, weil ihr Lebensweg davon abhängt, fügen sie sich und wagen nicht zu zweifeln. Denn wer zweifelt, bekommt zur Strafe ein Scheißleben und muss bei RTL II  den  Deppen machen.

Dabei ist doch alles Menschenwerk. Die ganze Wissenschaft ist Menschenwerk. Irgendwo hat irgendeiner einen Pflock eingeschlagen und bestimmt: „Ab hier teile ich die Erscheinungen der Welt, benenne und vermesse sie. Zwar hat jede Wissenschaft ihren eigenen Pflock, aber auf der Metaebene menschlicher Erkenntnis geht alle Wissenschaft von nur einem Pflock aus. Zieht man den heraus, ergibt eins plus eins nicht mehr zwei, sondern irgendeine andere Zahl. Einige Äpfel fallen vom Baum, einige kreisen um den Erdball, und einige steigen in den Himmel auf.

„Rüei“ „Bitte was?“ „Rührei!“

In der Kunst werden die Wörter Skulptur und Plastik wie Synonyme verwendet. Deckungsgleich sind sie nicht. Das las ich klar unterschieden im Blog unterwegsinsachenkunst als Ergebnisse subtraktiver und additiver Herstellungsverfahren. Skulptur aus lat. sculpere und bedeutet Schnitzen/Meißeln. Der Künstler/die Künstlerin nimmt von einem Marmorblock oder einem Holzklotz soviel Material weg, bis das Ergebnis seiner/ihrer Vorstellung entspricht (subtraktiv). Plastik geht auf lat. [ars] plastica formende [Kunst] zurück. Es ist im Gegensatz ein additives Verfahren mittels Ton, Gips, Pappmaché …

Kürzlich hatte die junge Mutter aus unserem Haus ihr kleines Mädchen hinunter in den Flur getragen, um es in den Buggy zu setzen. Da kam sein Vater die Treppe herab hinterher. Die Kleine rief etwas wie: „Hatta Atta!“ und die Mutter korrigierte „Hallo Papa!“

Abgeschrieben beim Sprachphilosophen Fritz Mauthner im Jahr 1991 von mir. Eigentlich müsste es aber „Wörter“ heißen und nicht „Worte“

Ich dachte, wie wunderbar, dass aus den kaum artikulierten Lautäußerungen eines Kleinkindes durch Korrektur jede Sprache der Welt werden kann. Die vom Kleinkind hervorgebrachten Laute sind das Rohmaterial, von dem die Eltern wegnehmen, was nicht passt. Demnach wäre menschliche Sprache eine Skulptur. Die Vorstellung hilft einzusehen, dass die Wörter einer Sprache die Welt darstellen, dass Sprache ein eigener Kosmos aus Abbildungen ist, die mehr schlecht als recht die physikalische Wirklichkeit erfassen. Wie Fritz Mauthner im Zitat sagt, sind die Skulpturen Wörter plump geschnitzt, zeigen also nur annähernd, was ist. Trotzdem kann ihre Gestaltungskraft verführen, die Darstellung von Welt und nur die für richtig zu halten, obwohl doch so viele andere möglich sind.

Abschließend etwas Kurioses: Als ich heute morgen nach einer Katzenwäsche den Wasserhahn schloss und das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, sagte es am Abfluss-Sieb undeutlich „Rührei!“ Auch eine Holzdiele und mein Ikea-Wäschesack haben schon zu mir gesprochen. Eigentlich sollten Dinge nicht sprechen. Denn ich kann die Aussprache nicht korrigieren. Wer will schon von Skulpturen aus Kauderwelsch umgeben sein?

Dahinter sitzt immer ein dummer Kopf

„Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden“, hat Wolf Schneider, Stilpapst des Journalismus, vor Jahren in Blogs gefunden. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung und 2010 mitverantwortlich für den Internetauftritt der SZ, sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, eine erstaunliche Selbstauskunft. Natürlich meinte er nicht sich, sondern jene „halbgebildeten Laien“, die „aus Idealismus“ oder „weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen“, und Gregor Dotzauer dünkelt im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf“ angezettelt hätten.

Inzwischen hat sich die Kritik auf die „pseudonymen Existenzen“ des Mikroblogging wie Facebook, Instagram und Twitter verlagert. Medial sind Blogs in der Bedeutungslosigkeit versunken. Als wechselseitiges Medium haben Blogs nur eine beschränkte Reichweite und sind keine ernsthafte Konkurrenz für den bezahlten Journalismus. Der „Kulturkampf“ tobt woanders. Der YouTuber Rezo hatte der CDU mit seinem Zerstörungsvideo den Kampf angesagt, und allen voran sprang FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum übers hingehaltene Stöckchen. Mit dem gleichen törichten Furor (Teestübchen berichtete) wie einst Graff und Dotzauer drehte er seine Zeitung zur Klatsche und schlug zunächst auf die Rezipienten des Videos ein („Jeder Klick ein Armutszeugnis“), dann auf den jungen Mann, denn Rezo kann vor allem eines vorweisen: Reichweite. Von den inzwischen 15,1 Millionen Aufrufen seines Videos kann ein FAZ-Redakteur nur träumen. Die verkaufte Auflage der FAZ liegt bei 230.000 Exemplaren. Selbst bei großzügiger Schätzung der Mehrfachnutzung eines Exemplars wird die Millionengrenze kaum erreicht. Etwa 60 Prozent der Leserinnen/Leser interessieren sich laut Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) für Innenpolitik, wobei von Altenbockum nicht einmal davon ausgehen kann, dass sie seinen von Polemik triefenden Sermon überhaupt lesen mögen. Auf Twitter entspann sich kürzlich ein „Beef“ zwischen von Altenbockum und Rezo. Inzwischen hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier von Altenbockums irrwitzigen „Kulturkampf“ dokumentiert und seine Falschbehauptungen sowie die schwachbrüstige Argumentation zerpflückt.

Jasper von Altenbockum, mentally sitting behind the linotype setting machine (symbol image) Gestaltung: JvdL

Man fragt sich, wie einer Ressortleiter Innenpolitik bei der FAZ wird. Ein scharfer Verstand scheint nicht die Voraussetzung zu sein, wohl eher emsiges Networking, mit den richtigen Leuten, Golf zu spielen, und die Fähigkeit, sich ohne Scham an die Mächtigen ranzuwanzen. Wer wie von Altenbockum vor dem Aufkommen des Internets als Journalist ausgebildet wurde, sitzt geistig am liebsten hinter der Linotype-Setzmaschine, beweint das Schwinden der eigenen Bedeutung und schimpft auf jene ruchlosen Okkupanten, die ihm die Luftoberhoheit über die Köpfe streitig machen.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1991 hat der Medienphilosoph Vilém Flusser das Ende der Schriftkultur vorausgesagt. Obwohl das Internet noch in den Anfängen steckte, von YouTube, Instagram, Snapchat und den alles bestimmenden Algorithmen noch nichts zu sehen war, prophezeite Flusser, die Schrift werde von Bild und Zahl in die Zange genommen und an Bedeutung verlieren. Letztlich hat die Auseinandersetzung um das Rezo-Video nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension, sondern zeigt auch das Ragnarök der Schriftkultur. Nur die tragischen Helden im nicht zu gewinnenden Kampf hätte man sich nicht unbedingt vorgestellt als geifernde alte Männer vom Schlage Jasper von Altenbockum.

Über die Verfügbarkeit des Vergangenen

Erneut sandte mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] eine Botschaft aus der Heimat, einen Kalender des Nettesheimer Apothekers mit Schwarzweißfotos aus Nettesheim. Das Blatt vom Juni hat es mir angetan. Auf dem Foto steht der Friseur meiner Jugend im weißen Friseurkittel unter dem Schild „Damen Salon“ (inverse Schreibschrift auf dunklem Grund) und schaut zum rechten Bildrand, wo ein Mann mit Hut und Anzug zu sehen ist, aber nur angeschnitten im Dreiviertelprofil von hinten. Der Mann steht mit gerecktem Kinn und hält den Rücken durchgedrückt. Vermutlich ist er ein Kunde, der sich der ernsten Sache eines Friseurbesuchs nicht nur bewusst ist, sondern sich dafür auch angemessen gekleidet hat.

Der junge Toni Pesch mit 50-er-Jahre-Haartolle dagegen steht entspannt, hat die Hände oberhalb der Hüften in Handwaschgeste ineinander gelegt. Seine Miene ist seinem Gegenüber  offen zugewandt und erwartungsvoll. Oben am linken Bildrand ist ein weiteres „Salon-Schild zu sehen, aber angeschnitten. Man ahnt, dass das die Tür zum Herren-Salon ist. Zwischen den beiden hell gestrichenen Türen, die durch jeweils zwei senkrechte Fensterelemente mit Milchglasscheiben durchbrochen sind, hängt ein langer rahmenloser Spiegel, worin sich Toni Peschs Rücken und Hinterkopf spiegeln. Auf der Höhe seiner Schulterblätter befindet sich ein kleiner Spiegel-Aufkleber, das Brustbild eines lachenden Mannes, der eine Flasche hoch hält. Der Aufkleber ist nach unten begrenzt durch ein geschwungenes Spruchband. Rechts hinter Toni Pesch hängt an der Wand eine gerahmte Urkunde, vermutlich ein Meisterbrief. Unter dem Meisterbrief ist noch ein gerippter Heizkörper zu sehen mit einem Absperrventil über dem senkrechten Zuleitungsrohr. Das Foto wirkt nicht gestellt, aber wurde offenbar vom einem professionellen Fotografen arrangiert und fotografiert. Die für den Kalender hinzugefügte Bildunterschrift lautet: „Toni Pesch – unser Butzheimer Friseur in den Anfängen der 1950er Jahre“

Im Mitmachprojekt: „Die Läden meiner Kindheit“ habe ich mich an Toni Peschs Friseurladen erinnert (klick Grafik). So jung und schlank wie auf dem Foto hatte ich ihn beim Schreiben nicht vor mir. Das Foto erweitert also auf befremdliche Weise meine Erinnerung in eine Vergangenheit, die gar nicht mein eigenes Erinnern ist.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“ Wie ist es, wenn goldene Erinnerungsbilder durch Bilddokumente übermalt werden, wie es dem heutigen Menschen widerfährt, der durch Fotografien und Videos jede Lebensphase dokumentiert sieht, entweder von wohlmeinenden Eltern oder durch Selfies? Dabei interessiert nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, die Bilderarmut der Vergangenheit oder die Bilderflut in Zeiten von Digitalfotografie und Smartphone. Zu fragen wäre nach den Konsequenzen, wie sich menschliche Erinnerung anders organisiert, wenn medientechnische Hilfsmittel sie im überwältigenden Maß stützen.

Platon lässt Sokrates im Phaidros an der Schrift kritisieren: „Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen.“