Demokratie kaputt – dank DSGVO

Bis zum Aufkommen des Internets wurde unser Blick auf die Welt gespeist durch Einkanalmedien. Redaktionen der Printmedien und Rundfunkanstalten sichteten das Weltgeschehen und wählten aus, was sie für wichtig hielten. Da die Presse nie wirklich frei war, sondern abhängig von großen Anzeigenkunden, Journalisten sich mit herrschenden Politikern gut stellen mussten, um Informationen aus den inneren Zirkeln der Macht zu bekommen, gelangten niemals alle Informationen an die Öffentlichkeit; Unterschlagung von Sachverhalten führte zu verzerrten Darstellungen.

Die allzu staatstragende Presse geriet erstmals in der 1968-er-Bewegung unter Druck, spektakulär durch die Proteste der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) gegen die Springerpresse und die hetzende Bildzeitung. Aber auch die seriösere bürgerliche Presse wurde stark kritisiert mit Ausnahme der Frankfurter Rundschau, die von 1945 an sozialistische und gewerkschaftliche Positionen vertreten hatte.

Als in den 1970-er Jahren das Aufkommen der Kleinoffsetmaschine preiswerten Druck ohne großen technischen Aufwand erlaubte, entstand zuerst an den Hochschulen eine produktive Gegenbewegung zu den etablierten Medien. Bald nutzte quasi jede gesellschaftliche Gruppe diese Möglichkeit zu eigenen Veröffentlichungen. Ich erinnere mich an ein Büchlein der SPD, in dem das nötige Fachwissen dargestellt war, um eine Stadt- oder Stadtteilzeitung herzustellen und zu publizieren. Die Entwicklung wurde herausgefordert durch eine zunehmende Pressekonzentration bei der etablierten Presse. Gewinneinbußen und das Aufkommen neuer Satztechniken in den 1970-er Jahren zwangen zu Umstrukturierungen und Fusionen. Viele Zeitungen verloren ihre Eigenständigkeit oder wurden eingestellt. Ehemals politisch unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen erschienen in einem Verlagshaus, wurden in Teilen redaktionell zusammengelegt oder bekamen sogar einen gemeinsamen Chefredakteur, beispielsweise die Aachener Nachrichten (ehedem linksliberal) und die Aachener Zeitung (ehedem und weiterhin rechts-konservativ).

Im Jahr 2003 geriet die deutsche Presselandschaft in ihre bislang schwerste wirtschaftliche Krise, in deren Folge sich die Pressekonzentration verschärfte und viele Journalisten arbeitslos wurden. Auf der Strecke blieb die Meinungsvielfalt. Die alternative Presse hatte sich inzwischen ebenfalls gewandelt. Die meisten alternativen Stadtzeitungen hatten aus wirtschaftlichen Gründen wieder aufgegeben oder sich gewandelt zu Hochglanz-Stadtillustrierten mit Gastro- und Shopping-Führern, Kleinanzeigen und Veranstaltungs-Tipps.

Das war die Situation zu Beginn des Jahrtausends. Plötzlich bot das Internet erneut die Möglichkeit einer basisdemokratischen Publikation. In großer Vielfalt entstanden journalistische Blogs und boten Weltsichten, die in der etablierten Presse nicht zu finden waren. Allerdings waren die lohnschreibenden Journalisten nicht froh über die neue Konkurrenz, sahen ihre geistige Oberhohheit in Gefahr und schmähten Blogs und Blogger. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, und Gregor Dotzauer dünkelte im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf angezettelt“ hätten, – um nur einige Beispiel zu nennen.

Im Sinne einer lebendigen Demokratie, getragen von mündigen Menschen, war es natürlich gut und richtig, wenn jeder sich seinen eigenen Kopf macht und sein Urteil auch veröffentlichen kann, um sich der geistigen Bevormundung durch die Massenmedien zu entziehen. Es war und ist richtig und ratsam, nicht nur den zu Zeilen geordneten Gedanken von bezahlten Schreibern zu folgen, denn wir wissen nicht, welche Ziele ihre Geldgeber verfolgen. Es tut gut, sich die Oberhoheit über den eigenen Kopf von den bezahlten Schreibern zurückzuerobern, denn die geistige Bevormundung der Köpfe ist ein Faktor kultureller und politischer Macht. Und wenn auch die bezahlten Schreiber nicht die wirklich Mächtigen sind, so sind sie doch deren Vögte und Statthalter.

Journalisten genießen den Schutz einer Redaktion in juristischer und privater Hinsicht. Diesen Schutz haben bloggende Idealisten nicht. Im Normalfall haben sie ihren Lohnerwerb woanders, sind dort in abhängigen Verhältnissen beschäftigt, wo es nicht gerne gesehen würde, wenn sich Mitarbeiter ihren eigenen Kopf machen und das auch noch dreist veröffentlichen. So war eine wichtige Voraussetzung für journalistisches Bloggen natürlich der Schutz der Anonymität. Wer traut sich schon, etwas Kritisches zu schreiben, wenn er mit beruflichen Konsequenzen rechnen muss, oder dass die Kritisierten ihm anschließend vor der Haustür auflauern bzw. mit Anwälten drohen? Eine meiner Schülerinnen hatte für ein Zeitungsprojekt mit der Frankfurter Rundschau einen Artikel über die Erfahrungen einer Tante mit Scientology geschrieben. Der verantwortliche Redakteur schrieb mir, er finde den Text gut, wolle ihn aber nicht veröffentlichen, weil man in der Redaktion schlechte Erfahrungen mit Scientology gemacht habe. Die würden sofort mit Klage drohen. Was also die Redaktion einer damals großen und stolzen Zeitung nicht wagte, wie sollte ähnlich Brisantes eine Bloggerin oder ein Blogger wagen? Es gibt Länder in der EU, da sprengt man derart Wagemutige in die Luft, wie jüngst auf Malta geschehen.

Zur freien Verfügung, Grafik: JvdL – Bezug: klicken

In diesem Kontext ist also der Zwang zum Impressum durch die DSGVO verheerend. Schwer vorstellbar, dass die verantwortlichen EU-Politiker und -Bürokraten diese Problematik nicht gesehen haben. Es gibt hier nur eines: Entweder stand dahinter Blödheit oder Bosheit. Beides wäre ein Grund, den Bettel hinzuwerfen und sich nicht noch aushalten zu lassen von der demokratischen Gesellschaft, an deren Knebelung man mitgeholfen hat, nicht wahr, Herr Jan Philipp Albrecht?

Advertisements

„Keine Ahnung“ – Vom Eingang des Menschen in seine selbstverschuldete Unmündigkeit

Ich saß beim Mittagstisch, und gleich nebenan hockten zwei Frauen vertrauensvoll über ihrem Kaffee beieinander und unterhielten sich halblaut. Eine Weile gelang es mir, sie zu ignorieren und keine ihrer Äußerungen zu verstehen, denn ich wollte meinen eigenen Gedanken nachhängen. Doch plötzlich wehte aus dem Redefluss der jüngeren Frau ein deutlicher Fetzen an mein Ohr und wollte partout verstanden werden: „Keine Ahnung.“ Ausgerechnet: „Keine Ahnung?“ Gibt’s nichts Interessanteres zu verstehen? Freilich wurde ich nicht versehentlich hellhörig.

In letzter Zeit ist mir diese besonders bei jungen Leuten beliebte Floskel öfter aufgefallen. Wo „keine Ahnung“ rasch in den Redefluss eingeflochten wird, scheint es die Funktion einer Gesprächspartikel wie „äh“ und „ähem“ zu haben, mit dem Redepausen überbrückt werden, denn „keine Ahnung“ kann unflektiert an jede Stelle eines Satzes eingeschoben werden. Als Phrase signalisiert „keine Ahnung“ den Unwillen, sich mit einer Sache zu beschäftigen oder gedankliche Bequemlichkeit. Ihre Verwendung wird aber offenbar gar nicht mehr bemerkt.

Keine Ahnung zu haben. wird nicht als Mangel empfunden, sondern ausdrücklich gelebt. Es ist in Ordnung, von den Dingen keine Ahnung zu haben. Ich kannte eine intelligente junge Frau mit einem Diplom in Betriebswirtschaftslehre gut, die, wann immer sie zu schwierigen Sachverhalten gefragt war, „keine Ahnung“ seufzte. Vermutlich zeigt „keine Ahnung“ nicht nur Bequemlichkeit im Denken und den Wunsch nach geistiger Ressourcenschonung, sondern ist Ausdruck der Überforderung und geistigen Erschlaffung. In früheren Zeiten ist geistige Erschlaffung als Nebeneffekt des Lesens angesehen worden, so von Arthur Schopenhauer:

„Wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, verliert allmählich die Fähigkeit, selbst zu denken, – wie einer, der immer reitet, zuletzt das Gehen verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: sie haben sich dumm gelesen.“

Wenn Schopenhauers Befund richtig ist, wie viel verheerender muss der permanente Umgang mit Zerstreuungs- und Bevormundungsmedien, Entmündigungssoftware und Bequemlichkeitsapps wirken? Sind wir dabei, uns dumm zu glotzten und zu wischen? Mir fallen die kindlichen Eloi aus Die Zeitmaschine von H.G.Wells ein. Weil ihnen alle Arbeit abgenommen wird, lebt die Menschenrasse der Eloi völlig unreflektiert und gleichgültig. Es ist schon ein bisschen gruselig sich vorzustellen, dass eine Generation Keine Ahnung in naher Zukunft die Geschicke unserer Gesellschaft bestimmt, unfähig von der Dönerbude nach Hause zu finden, wenn Google maps mal ausfällt.

Aber wenn das nicht geschieht, wenn sich der Alltag der Keine-Ahnung-Menschen reibungslos organisiert, wäre diese Abhängigkeit von Entmündigungs- und Bequemlichkeitsapps nicht minder gruselig. Denn irgendwer muss ja Ahnung von den Dingen haben und diese komplexe Gesellschaft steuern. Der Übergang in eine derart fremdgesteuerte Gesellschaft ist übrigens fließend, hat bereits begonnen, kann aber von uns kaum wahrgenommen werden, weil wir von den Geschehnissen zu unseren Köpfen leider keine Ahnung haben oder keine Ahnung haben wollen. Im Jahr 1784 schreibt Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude [lat.: „wage es, zu denken“]! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Ohne jede Ahnung leicht und bequem zu finden ist der applikationsgestützte Eingang des Menschen zurück in seine selbstverschuldete Unmündigkeit.

Eine Schreibmaschine bei Fräulein Schlicht und vom Schreiben mit Maschinen

Zum Mittagessen erneut bei Fräulein Schlicht, sitze ich an der Stirnseite des Raums auf einer Empore bequem an einem großen Tisch und habe das gesamte Lokal vor Augen. Statt Fräulein Schlicht steht ein freundlicher junger Mann hinter der Theke. Er hat die Haare oben auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden. Vor mir auf der Abtrennung der Empore steht seitlich zu mir eine alte Schreibmaschine. Das metallene Gehäuse ist schwarz lackiert und ihr offenes Gehäuse gibt den Blick auf die Mechanik frei. Darin blinkt silbern die Klingel, die immer am Zeilenende ertönt. Mit dieser Klingel hat es eine eigenartige Bewandtnis. Das Ende einer Zeile bedeutet ja nichts, hat keine inhaltliche Bedeutung wie etwa der Wortabstand oder der Absatz. Es ist gerade eine Kulturleistung, dass wir das Zeilenende ignorieren und darin keine Unterbrechung der Rede sehen. Wer jedoch mit einer Schreibmaschine schreibt, wird durch das Klingeln ständig darauf hingewiesen, dass das Ende der Zeile erreicht ist. Man könnte sagen, sein Schreiben ist von einem bedeutungslosen Klingelzeichen getaktet. Es gibt an, dass die Zeilenschaltung betätigt und der Schlitten nach links geschoben werden muss. Dass der Schreibfluss immer wieder von den Erfordernissen der Mechanik unterbrochen wird, ist ein Merkmal des Schreibens mit mechanischen Maschinen. Es ist unwägbar, wie die sinnlose Klingelei das Schreiben beeinflusst hat.

Schreibmaschinen waren freilich nicht für die freie Textproduktion gemacht, sondern dienten primär dem Abschreiben. Trotzdem haben viele Autoren sie zum freien Schreiben genutzt. Mark Twain war Ende des 19. Jahrhunderts ein erster Nutzer der Remington und trachtete danach, immer das neuste Modell zu haben. Franz Kafka schrieb auf einer Oliver 5. Und Arno Schmidt hat sein Monumentalwerk „Zettel’s Traum“, die 1334 DIN-A3-Seiten mit einer Schreibmaschine der Marke Adler als dreispaltiges Typoskript gestaltet.

Ich frage den jungen Mann bei Fräulein Schlicht, welches Modell da steht. Er schaut nach und sagt „Continental.“ Die Continental ist eine Schreibmaschinenmarke der Firma Wanderer, erstmals in Serie gefertigt im Jahr 1904. Vermutlich stammt die Schreibmaschine vom Flohmarkt und ist nur Dekoration, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr letzter Besitzer hier bei Fräulein Schlicht dran gesessen hat und beim Tippen verröchelt ist. Den Satz schreibe ich mit der Hand in mein Notizbüchlein. Der junge Mann sagt, er schreibe auch und würde es gern mit einer Schreibmaschine tun. Aber wenn man dann korrigiere, sähe das Blatt bald unschön aus. „Dafür hatten wir früher Tipp-Ex, was ganz aus unserem Alltag verschwunden ist“, sage ich.

Seine Bemerkung zeigt, wie sich unter dem Einfluss des Computers das Schreiben verändert hat. Im Jahr 1989, als die digitale Textverarbeitung relativ neu war und noch von vielen abgelehnt wurde, lobte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift: „Kreativität und Textverarbeitung“ die neue Form des Schreibens als Hilfe bei der Überwindung von Schreibblockaden:

„Sie möchten Gedanken – die häufig nicht mal zu Ende gedacht sind – in Worte fassen und sie im selben Arbeitsgang optimal ausformulieren. Dies führt in vielen Fällen zu einer Art Schreibblockade.“

Dieses Problem löst die kreative Textverarbeitung und wie? Federleicht. Der Textauszug beschreibt ziemlich genau, wie sich das Schreiben durch die Textverarbeitung verändert hat. Das ist kein Schreiben, das mit gelegentlichen Tipp-Ex-Korrekturen auskommt, sondern ein provisorisches Schreiben aus einem Wust ungeordneter Gedanken heraus. Da knallt kein Buchstabe durchs Farbband auf Papier und steht unverrückbar da, sondern alles ist zuerst nur Probehandeln. Denn man hat ja vorher nichts wirklich bedenken müssen, fängt an mit einer ungefähren Idee und weiß selbst nicht, was o Wunder, dann später mal da stehen wird. Gut 30 Jahre Textverarbeitung haben eine neue Form des diffusen Denkens hervorgebracht: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?

Mit dem Satz: „Ihre Gedanken zu einem Thema können sich allmählich beim Schreiben verfestigen“, spielt der Autor an auf den Essay, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Heinrich von Kleist (1805). Nähert sich digitales Schreiben tatsächlich derart der mündlichen Sprachverwendung an? Hier verwechselt der Autor der SZ etwas. Die Schriftsprache funktioniert so nicht. Es fehlt der Kommunikationspartner, ein Gegenüber. Der Sprecher hat ein Gegenüber vor Augen, achtet beim Sprechen auf dessen Gestik und Mimik. Hört mein Gegenüber gespannt zu? Runzelt er im Unverstand die Brauen oder lächelt er zustimmend? Solche Wahrnehmungen beeinflussen den Inhalt seiner Rede. Alles findet statt in einer bestimmten Situation, mit definierter Absicht unter unwägbaren Bedingungen. Gesprochene Sprache entsteht im situativen Beziehungsgeflecht der Kommunikationspartner und wird von ihm geprägt.

Geschriebene Sprache ist dazu nicht gemacht, erst recht nicht, wenn der Kommunikationspartner der Computer ist. Schreiben als suchende Textverarbeitung, wie von der SZ dargestellt, ist etwas ganz anderes als Schreiben im Sinne von Gedankenfolgen entwickeln. Mag sein, dass in der von der SZ gefeierten Weise gute Texte entstehen können. Doch ihnen fehlt die Langsamkeit. Das langsame Schreiben zwingt zum genauen Denken und zur gedanklichen Durchdringung eines Themas.

Grafik: JvdL

Wie die SZ im Jahr 1989 für die Textverarbeitung glaubte werben zu müssen, müsste man gut 30 Jahre später für das gegenteilige Schreiben mit der Hand oder der Schreibmaschine werben. Da ich keine funktionierende Schreibmaschine mehr habe, nehme ich mir vor, wieder häufiger mit der Hand zu schreiben, damit ich nicht so oft schreibe, ohne vorher zu wissen was, also damit ich das strukturierte Denken nicht verlerne.

Merseburger

Gegen Morgen träumte ich von Peter Merseburger. Ich wusste, dass er ein bekannter Journalist ist, doch als ich im Traum Wikipedia aufrief, stand da, Merseburger sei Musikkabarettist. Ich mochte das nicht glauben, war sicher, dass Merseburger etwas mit dem NDR zu tun hatte, sah sogar sein TV-Gesicht frontal vor mir. Deshalb schaute ich mehrmals bei Wikipedia nach, vergeblich. „Merseburger ist Musikkabarettist.“ Warum ich ausgerechnet das träumte? Von allen Kabarettisten finde ich Musikkabarettisten am langweiligsten, kenne überhaupt nur einen, den Niederländer Hans Liberg.

Seltsam ist jedenfalls, dass ich vom Aufruf eines Wikipedia-Eintrags träumt. Das hat nicht mal der Mühlhiasl gekonnt. Noch seltsamer ist, dass der Artikel zu Merseburger in Wirklichkeit genau so lang ist wie ich ihn träumte, ohne ihn je vorher gesehen zu haben. Wirklich unheimlich wäre freilich, wenn der Merseburger-Eintrag in meinem Traum den Tatsachen entsprochen hätte.

Wie ich hörte, arbeitet Google an einem Mensch-Maschine-Interface. Die Vision ist, dass ich nur an einen Inhalt denken muss, schon spiegelt mir Google entsprechende Informationen in die Datenbrille und zwar als dreidimensional dargestellte Texte, die ich beliebig verschieben und in den Fokus rücken kann, indem ich hinschaue. Das ist etwas anderes als aus der Provinz mit Bahn oder Bus in die Stadt zu fahren, um in der Bibliothek ein Buch zu suchen, in dem ich eine gewünschte Information vermute. Der Weg und die Handlungen der Suche nach Versuch und Irrtum entfallen schon jetzt. Digitale Suchfunktionen machen sie überflüssig. Schon heute ist manche Information im Netz mir näher als mein Bücherregal.

Egal wie das Mensch-Maschine-Interface funktionieren wird, es wird den Abstand zwischen mir und den Informationen noch stärker verringern, vorausgesetzt, das derzeit noch in Bibliotheken gespeicherte Wissen der Menschheit ist völlig digitalisiert.
Aber dann, wird Google der verlässliche Bibliothekar sein oder mir nur die Informationen zuspielen, die gerade opportun sind? Dann will ich wissen, wer Leon Battista Alberti war und was kommt heraus? Er war Musikkabarettist. Ist nur Spaß. Wenn Google weiß, nach welchen Informationen Menschen suchen, wird es einen Mainstream des Denkens feststellen. Das funktioniert als Rückkopplung. Dem Sog des Mainstreams wird man sich kaum enziehen können. Wer nicht aufpasst, wird hineingesaugt und bekommt: Fotos von schönen Blumen und Katzenvideos.

Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

Noch immer erscheinen in der Linkliste neue lesenswerte Beiträge. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Klicke bitte aufs Bild.laeden-alltagskultur