Telefonzelle im Ohr

Es ist längst Alltag, doch ich erschrecke immer noch vor Leuten, die mit sich selbst zu reden scheinen, meine, sie wären heftig gestörte Sonderlinge, denen ich mein Mitgefühl schenken müsste, aber in Wahrheit haben sie nur eine immens verkleinerte Telefonzelle im Ohr. Dabei vertrete ich lange schon die Theorie, dass menschliches Denken einst laut begonnen haben muss, als staunendes Stammeln, beschwörendes Brabbeln oder erschrecktes Ah und Oh über die Bilder im Kopf. Auch leises Lesen ist noch recht jung.

Die frühmittelalterlichen Bibliotheken waren von einem ständigen Murmeln erfüllt. Das Einerlei der Buchstaben, das Fehlen von Wortgrenzen zwang zum lauten Buchstabieren, worauf Ivan Illich hingewiesen hat, wobei er die wunderbare Metapher prägte: „Murmler im Weinberg des Textes“. Illich hat als erster darauf aufmerksam gemacht, dass der Übergang vom lauten zum leisen Lesen ein geistesgeschichtlicher Umbruch war. Er wurde erst möglich, nachdem im 7. Jahrhundert die Worttrennung eingeführt worden war, damit irische Bauern (idiotae) leichter lesen lernten, wenn sie zu Mönchen ausgebildet wurden, um hinfort auf Europas Festland zu missionieren. Erst die Wortbilderkennung erlaubt das schnelle und leise Lesen. Während “der Murmler im Weinberg des Textes” noch in devoter Haltung das ertönen ließ, was ihm die heiligen Texte vorgaben, kann der leise Leser sich vom Text distanzieren, indem er ihm die Kraft der Vertonung raubt.

Tonloses Denken ist also auch eine Form der Distanzierung, eine Technik der Abstraktion, wie sie notwendig ist, wenn die Überfülle der Eindrücke unserer Welt bewältigt werden muss.

Inzwischen gilt auch das laute Lesen nicht mehr als schicklich, als Symptom von Leseschwäche. Kürzlich traf ich einen Freund wieder, ehedem Professor für Sonderpädagogik. Er berichtete, er habe noch immer mit Schülern zu tun, die er auf Wunsch der Eltern hinsichtlich ihrer Begabung und Intelligenz testet. Ich erinnerte mich an meine Zeit als Lehrer, als engagierte Mütter von leistungsschwachen Schülern schon mal in meine Sprechstunde kamen und mir ein solches Testergebnis unter die Nase hielten. Oder sie hatten sich für ihr Kind ein Legastheniediplom besorgt. Ich war da immer skeptisch, denn es waren ja von den Eltern bezahlte Gutachten. Natürlich ist nicht zu bestreiten, dass Schulversagen oft tatsächlich ein Versagen der Schule ist, nicht der Schüler. Aber selbst wenn die Schule versagt, versagt sie ja meistens nicht, sondern erfüllt ihre gesellschaftliche Aufgabe als Selektionsinstrument, indem sie Kindern aus bildungsfernen Schichten ihren Platz am Rande der Gesellschaft zuweist. Deren Intelligenz wird natürlich nicht getestet, und auch an Legasthenie leiden sie nicht, sondern gelten einfach als doof, als welche, in deren Kopf nichts hineinpasst, abgesehen von enorm verkleinerten Telefonzellen. Da können sie sich ständig gegenseitig anrufen und sich einander versichern, wo sie gerade sind – am gesellschaftlichen Rand natürlich.

Es etabliert sich eine neue Mündlichkeit der Fernkommunikation, eine orale Gesellschaft von Schulopfern. Diese unkundigen Kunden sind nicht im Hier und Jetzt, weil sie da nichts verloren haben. Technikschnickschnack täuscht sie über ihre Lage hinweg. Die Hersteller, der Handel, die Telefonanbieter und Zuckerberg finden das gut. Solange das dreigliedrige Schulsystem besteht, muss man davon ausgehen, dass auch die herrschende Politik nichts dagegen hat, anders als in Sonntagsreden beteuert wird. Je mehr Unmündige, desto besser.

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache

Einige der Kritkpunkte Platons an der Schrift (lies hier) scheinen durch das Internet widerlegt zu sein. So schwirrt ein Text nicht gänzlich vaterlos durch die Welt. Sein Autor kann ihn gegen Missbrauch, Fehlinterpretation und Veränderung verteidigen. Auch der Vorwurf, dass ein Text zu sprechen scheine, aber wenn man ihn frage, gebe er keine Antwort, stimmt so nicht mehr. Der Autor eines digitalen Textes ist in der Regel noch anwesend und kann zu seinen Aussagen befragt werden. Auch stehen beispielsweise Bloggerinnen und Blogger für ihre Texte ein. Sie verstecken sich zwar manchmal hinter einem Pseudonym, sind aber real existierende Personen. Hinzu kommt ein Vorzug der Blogtexte, an die vor Erfindung des Internets niemand hätte denken können: Die Schrift im Internet ermöglicht wechselseitige Kommunikation, was bislang nur dem Mündlichen vorbehalten war. Diese neuartige soziale Komponente der Schrift führt zu der Idee, dass die Menschen im Netz sich um digitale Herdfeuer versammeln, wie unsere Vorfahren sich ums Feuer versammelt haben, wenn die stockfinstere Nacht herabsank.

Um den Unterschied zwischen solchen Feuerstellen und dem digitalen Herdfeuer zu verstehen, ist es nötig, sich vorzustellen, was es in der Zeit der Mündlichkeit bedeutete, sich ums Feuer zu versammeln. Wo es keine Schrift gibt, ist einer der Ältesten die Bibliothek. Er bewahrt die Erfahrungen und das Wissen einer Kultur wie auch die geschichtlichen Ereignisse in seinem Gedächtnis. Diese Erinnerungen sind von einem Alten auf ihn gekommen, als er selbst noch jung war. Aber er speichert natürlich auch neue Ereignisse und Erfahrungen. Damit er alles besser behalten kann, wurden der Reim und das Lied erfunden. Bei den Germanen wie in vielen mündlichen Kulturen gab es einen alten Rechtsbrauch. Wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, nahm man einen Knaben mit und versetzte ihm an Ort und Stelle eine kräftige Ohrfeige, damit er sich immer an die Stelle erinnerte, wo der Grenzstein gesetzt worden war. Manchmal zog man ihn auch schmerzhaft am Ohr. Unser Wort Zeuge meint eigentlich das am Ohr ziehen.

Stellen wir uns so einen Bewahrer der Erinnerungen vor. Nennen wir ihn Gisli. Denn es ist wichtig, den Personen einen Namen zu geben. Alte Erzählungen, etwa die Sagen der Isländer, fangen beispielsweise so an: „Da war ein Mann, der hieß Gisli …“ Sofort tritt da jemand vor unserem geistigen Auge auf und es kann mit der Erzählung losgehen: Die Sonne sinkt. Gleich fällt uns die Nacht auf den Kopf!

Hast du einmal hingefühlt, wie sie ist, die Nacht? Ist sie nicht wie ein dunkles Wesen, rätselhaft und manchmal beunruhigend? Und ist sie nicht wunderbar, wenn wir uns sicher fühlen? Wenn man zum Beispiel geschützt im Bett liegt und hat einen lieben Menschen in der Nähe? Dann darf sie ruhig kommen, die Nacht. Dann darf sie dich umfangen und hinweg tragen in das Land der Träume. Angst und Geborgenheit, solche Gefühle stecken in dem kleinen Wort „Nacht“. Denn aus jedem unserer Wörter steigen die Gefühle vergangener Zeiten auf, wenn man sie genauer betrachtet. Alle nächtlichen Gefühle der Menschen von den Anfängen bis heute, die hat der kleine Laut „Nacht“ eingesammelt und in sich bewahrt. So ist es mit alten Wörtern.

Wenn Gisli einst seine Geschichten sang, dann war um ihre Hütten herum tiefe Nacht. Die Nacht war stark und mächtig. Sie legte sich auf die Welt nieder, drang in alles hinein und ließ die Welt für viele Stunden nicht mehr los. Der mächtige Wald ringsum lag in tiefer Finsternis und rückte bedrohlich nah an die Hütten der Menschen heran. Da war nirgends ein Licht. Die Nacht war eine unerbittliche Herrscherin. Man musste sie fürchten, man musste sie achten.

Gif-Animation: JvdL

In einer solchen Nacht saßen sie in einer Hütte beieinander. Das Feuer knisterte und warf den einzigen Lichtschimmer. Doch jeder spürte jeden. Ihre Gerüche und ihr leises Atmen, das einte sie in dieser dunklen Hütte und gab ihnen Sicherheit. Und dann begann Gisli zu singen. Er öffnete den Mund, und aus seiner Kehle stiegen langsam die vergangenen Jahrhunderte herauf. Gislis heiserer Gesang zog durch den Raum und zog in ihre Herzen. Gislis Gesang von vergangenen Zeiten war ein stetes Schwingen, und allmählich, doch dann immer stärker begannen sie alle in der Hütte mitzuschwingen. Ihre Kehlen formten Gislis Laute nach, wie wir es noch heute beim leisen Lesen tun. Ihre Kehlen formten das Echo, die uralte Echolalie. In Gislis Gesang, da wurden sie eins. Es war eine Stimme, die da sang: ihre Stimme. Und in ihren Stimmen waren die Stimmen all ihrer Vorväter. So war Gislis Gesang. So hatte er ihn vom Ältesten gelernt. Und der Älteste hatte ihn als kleiner Junge von seinem Ältesten gehört. Das war eine lange Reihe von Meistern und Lehrlingen, eine lange Folge von Sängern. Sie zieht sich tief hinab in die Jahrtausende und verliert sich im Dunkel der Zeit. Und ganz tief unten, in der Nacht der Menschheit, am Anfang dieser langen Reihe der Sänger, da kehren wir alle zurück zu den ersten Menschen, zurück ans Feuer der Uralten.

Man kann sich vorstellen, dass die Sprache für die Menschen ohne Schrift etwas Magisches bedeutete. Mit ihr ließen sich vergangene Zeiten heraufbeschwören, die Verbindung zu den Ahnen herstellen, aber vor allem das Gemeinschaftserlebnis stärken.

Das alles ändert sich mit dem Aufkommen der Schrift. Geschriebene Sprache ist in vielerlei Hinsicht unsinnlich. Die Alten werden ab jetzt nicht mehr geachtet. Weil es ja Bibliotheken und Nachschlagewerke gibt, werden sie nicht mehr gebraucht. Wir wollen die mündliche Kultur nicht idealisieren. Schrift hat auch viele Vorteile. Doch klar ist, dass sich die Sprache unter dem Einfluss der Schrift verändert hat. Und nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache verändert sich, auch ihr Denken und Fühlen ist anders. Die Schrift ermöglicht die Trennung von Mensch und seinem Wort, Kommunikation aus der Ferne, sprachlichen Austausch über Zeit und Raum. Dadurch vereinzelt der Mensch. In der Schriftkultur ist jeder Mensch in ein einsames Universum verbannt.

Wir benutzen Schrift nicht nur zum Austausch von Informationen. Manche von uns versuchen sich in Poesie und Literatur, was nichts anderes ist, als der Sprache ihre Magie wieder zu entlocken. Manche tauschen nur einfache Freundlichkeiten aus. Diese Äußerungen wirken auf Außenstehende banal, weil man den Informationsgehalt vermisst. Aber diese schriftlichen Freundlichkeiten haben einen ganz anderen Sinn. Sie sind Streicheleinheiten aus der Ferne.
All das bietet uns das digitale Herdfeuer. Es ist nicht fassbar, aber tut trotzdem gut.

    Wiederveröffentlichung vom Oktober 2015

EDIT:13.04.2020
Das digitale Herdfeuer ist wegen der Corona-Beschränkungen demokratischer Grundrechte aktueller und nötiger und denn je.

Ein wenig Blog-Historie und Medientheorie

Das Internet vergesse nichts, wird gelegentlich behauptet. Das stimmt nur bedingt. Verschwundene Blogs, die auf einer versunkenen Plattform angesiedelt waren, sind höchstens über das Internet-Archiv „waybackmachine“ noch aufzuspüren, leider oft nur rudimentär – mit zerschossenem Layout und ohne Tondateien und Flash-Animationen. Ein Kommentar von Blog-Freundin Socopuk ließ mich nach einem Zweitblog stöbern, den ich neben dem Teppichhaus Trithemius bei Blog.de betrieben habe. Das Teppichhaus trug den Untertitel „Offene Bloguniversität, Cafeteria“, das Zweitblog war die Bibliothek, wo ich Faksimile von Tagebuchseiten, das von mir gezeichnete Kinderbuch und dergleichen veröffentlicht habe. Das Motto der Bibliothek, das mehrdeutige Wortspiel: „Nimm dir ein bisschen Zeit und gib sie dir“ gefällt mir noch heute.

In den Anfängen meines Bloggens im Jahr 2005 war ich noch enthusiastisch und glaubte, dass mit der Demokratisierung der Publikation eine neue Zeit angebrochen war – die Befreiung des Denkens von der Fremdherrschung durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen Universität, die keiner Zensur unterliegt und jedermann offen steht. Freilich hatte ich übersehen, dass die Menschen nicht darauf vorbereitet waren. Die klassischen Medien hatten Selbstdenken und Mitdenken nicht gefördert und stets nur eine geringe Teilhabe am Diskurs zugelassen – mit streng redigierten Leserbriefseiten. Unliebsame Meinungen landeten in Ablage P (Papierkorb). Die Zeitschrift Titanic dreht das Prinzip sogar um, indem das Magazin die Rubrik „Briefe an die Leser“ einrichtete, später schlecht kopiert von „Gossen-Goethe“ Franz Josef Wagner in der BILD mit „Post von Wagner.“

In diese geistige Landschaft der Einkanalmedien, hier Sender, dort stummer Empfänger platzten Facebook und Twitter, wo Leute das in die Welt setzen konnten, was zuvor nur mündlich an Stammtischen geäußert worden war. So haben denn Äußerungen im Mikroblogging eher den Charakter des unausgegorenen Mündlichen, rasch und unbedacht herausgehauen, ohne dass die natürlichen Filtermechanismen des Schriftlichen greifen: Gedanken zu Ende denken, Folgerichtigkeit beachten, Konsequenzen, mögliche Gegenpositionen erwägen und sich selbstkritisch zu befragen.

Was die neue Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich unterschätzt, dass viele Menschen der Anonymität des Internets emotional nicht gewachsen sind. Ich habe nicht vorausgesehen, dass eine Heckenschützenmentalität sich bahnbrechen würde, aus der heraus Hass und Morddrohungen verbreitet werden. Kurz: Ich habe mal wieder auf das Gute im Menschen vertraut und gedacht, dieses wunderbare Instrument Internet werde sich zum Nutzen der Menschheit entwickeln. Es würde eine Form der sozialen Energie sich breitmachen, die alle erfasst und sie zu verantwortlichen selbst denkenden Individuen macht.

Heute, 15 Jahre später, lässt sich das Gegenteil beobachten. Die oft gelesenen Nachdenkseiten untertiteln sich resignativ mit „Für alle, die sich noch eigene Gedanken machen.“ Dieses „noch“ erregt meinen Unwillen, als wäre es schon ausgemacht, dass die eigenen Gedanken eine vom Aussterben bedrohte Art sind. Wenn das so ist, dann bieten die gepflegten Netze der Blogcommunity eine Nische. Hier werden Gedanken zu Ende gedacht, hier findet eine freundliche Interaktion statt, ein Geben und Nehmen von Ideen. Hier fließt soziale Energie.

Früher war hier alles schöner

Ein Freund hat mal erzählt, dass er im Zivildienst eine alte Frau betreute, für die sich die Grenzen zwischen medialer Realität und Alltag verwischten. Einmal hatte er gesagt: „Da haben Sie aber einen schönen Blumenstrauß.“ Sie wehrte ab, der sei zuvor viel schöner gewesen: Dann wären die kleinen Männchen aus dem Fernseher gekommen und hätten den Strauß gegen schlechtere Blumen ausgetauscht. Immerzu würden die Männchen die Dinge in ihrer Wohnung stehlen und gegen schlechtere austauschen. Wir wollen annehmen, dass dem nicht so war, sondern dass es sich um eine Wahnvorstellung handelte.

Meine Großmutter hatte das erste Radio im Dorf. Es war in einem Schrank untergebracht. Als einmal ein kleiner Junge zu Besuch war, der Freund ihres jüngsten Sohnes, ertönte aus dem Schrank eine Stimme. Da rief der Junge entsetzt: „Tant, Tant, do is ene Käel im Schaaf!“ (Tante, Tante, da ist ein Kerl im Schrank!) Aus einer ähnlich naiven Haltung gegenüber Rundfunkgeräten könnte die Idee stammen, Fernsehgeräte wären von kleinen Männchen bevölkert. Sie müssen kleiner sein als übliche Menschen. Sonst würden sie ja nicht ins Fernsehgerät passen, was zumindest für die Zeit vor den Fachbildschirmen gilt. Dass diesen Männchen nicht zu trauen ist, demonstriert das Fernsehen ständig. Bei der Übermacht von Kriminal- und Actionfilmen im TV-Programm könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, das Fernsehen würde von Kriminellen beherrscht.

Die bildnerischen Mittel des Fernsehens werden eingesetzt, um die dargestellte Gegenwart zu überhöhen. Das gilt besonders für die Spots des Werbefernsehens. Dort scheint alles besser und schöner zu sein als in der Lebenswirklichkeit eines durchschnittlichen Menschen. Das Gras ist grüner, der Himmel blauer, die Menschen sind attraktiver und offenbar glücklicher, die Lebensverhältnisse besser, die angepriesenen Produkte sind optimal ins Bild gesetzt, Beschränkungen durch die Physik sind ausgehebelt, aus dem Off schallt Musik, tönen geheimnisvolle Stimmen und vieles mehr.

Angenommen, man kauft einen Blumenstrauß und stellt ihn in die Wohnstube, dann ist der Anblick zunächst etwas Besonderes. Aber schon beim zweiten Betrachten ist er redundant, und mit der Zeit nutzt sich der Anblick zunehmend ab. Der erste positive Eindruck schwindet und ist nicht mehr zurückzuholen, zumal ein Blumenstrauß verwelkt. Schuldige für diesen Prozess der Banalisierung zu finden, entlastet von der Idee der Vergänglichkeit. Im übertragenen Sinne ist die Erklärung der alten Frau sogar plausibel. Indem das Werbefernsehen stets ein überhöhtes Ideal zeigt, banalisiert es die Realität und stiehlt ihr ständig die Bedeutung. Somit hat die alte Frau eine passende Metapher dafür gefunden, wie Medien auf unsere Wirklichkeitserfahrung einwirken.

    Ich bitte vielmals um Entschuldigung: Hier stand früher ein viel besserer Text. Boshafte kleine Internetmännchen haben ihn gegen einen schlechteren ausgetauscht.

Matsch in der Birne

Vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass ich mich nicht auf das Schreiben konzentrieren kann, wenn meine Internetverbindung offen ist. Mir ist dann als würden vieltausend Stimmen eindringen in meine Gedanken. Wahnsinnige Eintänzer versuchen meine Aufmerksamkeit zu wecken, Jongleure und Einradfahrer performen, ja, sogar Seiltänzer über dem Grand Canyon  machen mich schwindlig, und ganz hinten schickt sich einer an, einen martialischen Säbel zu schlucken. Natürlich sind die putzigen Katzen nicht zu vergessen. Als ich letztens im Blog einer intelligenten Frau Katzencontent entdeckte, fiel mir wieder die Manipulation menschlichen Verhaltens durch den Katzenparasiten Toxoplasma gondii ein. Ein Freund von mir vermutet, dass der Parasit Menschen nicht nur risikobereiter macht, sondern auch für den millionenfachen Katzencontent im Internet verantwortlich wäre.

Zurück zur Internetverbindung. All das Bedrohliche, Verrückte, Irrsinnige, Putzige, Schreckliche da draußen muss ich mir fernhalten, sonst habe ich buchstäblich Matsch in der Birne, äh, ich meine metaphorisch. Etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung trägt den Parasiten Toxoplasma gondii in sich. Der ist möglicherweise für allerlei Destruktives verantwortlich, beispielsweise auch dafür, dass Menschen wie blöd Politiker wählen, von denen man wissen kann, dass sie die Demokratie abschaffen wollen, um die Macht dauerhaft an sich zu reißen. Ähnliches hat Kollegin Tikerschek auch vermutet.

Dass der Parasit Toxoplasma gondii menschliches Verhalten steuert, haben, glaube ich, US-Wissenschaftler herausgefunden. Solche haben auch herausgefunden, dass allein die Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen herabsenkt. Der Eindruck, dass das Smartphone blöde und blöder macht, drängt sich auf, wenn man Mitmenschen in der Öffentlichkeit beobachtet.

Das Smartphone beachte ich kaum. Meist ist es tagelang ausgeschaltet. Aber natürlich ist die oben beschriebene Wirkung des Internets vergleichbar. Ich schalte die Verbindung jetzt ein, um den Text hier zu veröffentlichen und schwupp bin ich um ein paar Takte blöder. Zum Glück steht der Text schon fest. Zumindest fast, wenn ich nicht mehr wie so oft drin herumfummele, was aufmerksamen Leserinnen und Lesern gewiss schon aufgefallen ist.

Anstiftung zum Zweifel

Ich wünschte, die Orthographie wäre vom Himmel gefallen. Oder irgendein Moses wäre vom Berg Sinai herabgestiegen und hätte orthographische Gesetzestafeln herangeschleppt, worauf Gott mit roter Kreide allerlei Fehler angestrichen hatte. Moses hätte sieben Jahre auf dem Berg Sinai gesessen und mit einem putzigen Meißel und desgleichen Hämmerchen die ehernen Gesetze der Rechtschreibung in die Gesetzestafeln geschlagen, und am Ende hätte Gott einen flüchtigen Blick drauf geworfen und dann mit roter Kreide darüber gesaut.

Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass es so nicht gewesen sein kann, auch anders nicht. Wäre es so oder ähnlich gewesen, hätte Gott ebensogut für die Korrektur Sprühlack statt Kreide nehmen können, oder Edding oder Tipp-Ex flüssig. Jede Festlegung auf ein Verfahren ist eine blasphemische Verleugnung von Gottes Allmacht.

Als erklärter Heide kann ich Gottes Allmacht leugnen und sagen, dass mir die Tipp-Ex-Variante am besten gefällt. Wie Moses die ehernen orthographischen Gesetzestafeln den Berg herunter schleppt, sind sie übersät mit weißen Tipp-Ex-Flecken.

Leider muss ich vor den Kindern tun, als wäre es so oder ähnlich gewesen. Da ihr Glaube daran und die Einhaltung der Gesetze für eine erfolgreiche Schullaufbahn unerlässlich sind, weil ihr Lebensweg davon abhängt, fügen sie sich und wagen nicht zu zweifeln. Denn wer zweifelt, bekommt zur Strafe ein Scheißleben und muss bei RTL II  den  Deppen machen.

Dabei ist doch alles Menschenwerk. Die ganze Wissenschaft ist Menschenwerk. Irgendwo hat irgendeiner einen Pflock eingeschlagen und bestimmt: „Ab hier teile ich die Erscheinungen der Welt, benenne und vermesse sie. Zwar hat jede Wissenschaft ihren eigenen Pflock, aber auf der Metaebene menschlicher Erkenntnis geht alle Wissenschaft von nur einem Pflock aus. Zieht man den heraus, ergibt eins plus eins nicht mehr zwei, sondern irgendeine andere Zahl. Einige Äpfel fallen vom Baum, einige kreisen um den Erdball, und einige steigen in den Himmel auf.

„Rüei“ „Bitte was?“ „Rührei!“

In der Kunst werden die Wörter Skulptur und Plastik wie Synonyme verwendet. Deckungsgleich sind sie nicht. Das las ich klar unterschieden im Blog unterwegsinsachenkunst als Ergebnisse subtraktiver und additiver Herstellungsverfahren. Skulptur aus lat. sculpere und bedeutet Schnitzen/Meißeln. Der Künstler/die Künstlerin nimmt von einem Marmorblock oder einem Holzklotz soviel Material weg, bis das Ergebnis seiner/ihrer Vorstellung entspricht (subtraktiv). Plastik geht auf lat. [ars] plastica formende [Kunst] zurück. Es ist im Gegensatz ein additives Verfahren mittels Ton, Gips, Pappmaché …

Kürzlich hatte die junge Mutter aus unserem Haus ihr kleines Mädchen hinunter in den Flur getragen, um es in den Buggy zu setzen. Da kam sein Vater die Treppe herab hinterher. Die Kleine rief etwas wie: „Hatta Atta!“ und die Mutter korrigierte „Hallo Papa!“

Abgeschrieben beim Sprachphilosophen Fritz Mauthner im Jahr 1991 von mir. Eigentlich müsste es aber „Wörter“ heißen und nicht „Worte“

Ich dachte, wie wunderbar, dass aus den kaum artikulierten Lautäußerungen eines Kleinkindes durch Korrektur jede Sprache der Welt werden kann. Die vom Kleinkind hervorgebrachten Laute sind das Rohmaterial, von dem die Eltern wegnehmen, was nicht passt. Demnach wäre menschliche Sprache eine Skulptur. Die Vorstellung hilft einzusehen, dass die Wörter einer Sprache die Welt darstellen, dass Sprache ein eigener Kosmos aus Abbildungen ist, die mehr schlecht als recht die physikalische Wirklichkeit erfassen. Wie Fritz Mauthner im Zitat sagt, sind die Skulpturen Wörter plump geschnitzt, zeigen also nur annähernd, was ist. Trotzdem kann ihre Gestaltungskraft verführen, die Darstellung von Welt und nur die für richtig zu halten, obwohl doch so viele andere möglich sind.

Abschließend etwas Kurioses: Als ich heute morgen nach einer Katzenwäsche den Wasserhahn schloss und das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, sagte es am Abfluss-Sieb undeutlich „Rührei!“ Auch eine Holzdiele und mein Ikea-Wäschesack haben schon zu mir gesprochen. Eigentlich sollten Dinge nicht sprechen. Denn ich kann die Aussprache nicht korrigieren. Wer will schon von Skulpturen aus Kauderwelsch umgeben sein?

Dahinter sitzt immer ein dummer Kopf

„Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden“, hat Wolf Schneider, Stilpapst des Journalismus, vor Jahren in Blogs gefunden. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung und 2010 mitverantwortlich für den Internetauftritt der SZ, sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, eine erstaunliche Selbstauskunft. Natürlich meinte er nicht sich, sondern jene „halbgebildeten Laien“, die „aus Idealismus“ oder „weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen“, und Gregor Dotzauer dünkelt im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf“ angezettelt hätten.

Inzwischen hat sich die Kritik auf die „pseudonymen Existenzen“ des Mikroblogging wie Facebook, Instagram und Twitter verlagert. Medial sind Blogs in der Bedeutungslosigkeit versunken. Als wechselseitiges Medium haben Blogs nur eine beschränkte Reichweite und sind keine ernsthafte Konkurrenz für den bezahlten Journalismus. Der „Kulturkampf“ tobt woanders. Der YouTuber Rezo hatte der CDU mit seinem Zerstörungsvideo den Kampf angesagt, und allen voran sprang FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum übers hingehaltene Stöckchen. Mit dem gleichen törichten Furor (Teestübchen berichtete) wie einst Graff und Dotzauer drehte er seine Zeitung zur Klatsche und schlug zunächst auf die Rezipienten des Videos ein („Jeder Klick ein Armutszeugnis“), dann auf den jungen Mann, denn Rezo kann vor allem eines vorweisen: Reichweite. Von den inzwischen 15,1 Millionen Aufrufen seines Videos kann ein FAZ-Redakteur nur träumen. Die verkaufte Auflage der FAZ liegt bei 230.000 Exemplaren. Selbst bei großzügiger Schätzung der Mehrfachnutzung eines Exemplars wird die Millionengrenze kaum erreicht. Etwa 60 Prozent der Leserinnen/Leser interessieren sich laut Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) für Innenpolitik, wobei von Altenbockum nicht einmal davon ausgehen kann, dass sie seinen von Polemik triefenden Sermon überhaupt lesen mögen. Auf Twitter entspann sich kürzlich ein „Beef“ zwischen von Altenbockum und Rezo. Inzwischen hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier von Altenbockums irrwitzigen „Kulturkampf“ dokumentiert und seine Falschbehauptungen sowie die schwachbrüstige Argumentation zerpflückt.

Jasper von Altenbockum, mentally sitting behind the linotype setting machine (symbol image) Gestaltung: JvdL

Man fragt sich, wie einer Ressortleiter Innenpolitik bei der FAZ wird. Ein scharfer Verstand scheint nicht die Voraussetzung zu sein, wohl eher emsiges Networking, mit den richtigen Leuten, Golf zu spielen, und die Fähigkeit, sich ohne Scham an die Mächtigen ranzuwanzen. Wer wie von Altenbockum vor dem Aufkommen des Internets als Journalist ausgebildet wurde, sitzt geistig am liebsten hinter der Linotype-Setzmaschine, beweint das Schwinden der eigenen Bedeutung und schimpft auf jene ruchlosen Okkupanten, die ihm die Luftoberhoheit über die Köpfe streitig machen.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1991 hat der Medienphilosoph Vilém Flusser das Ende der Schriftkultur vorausgesagt. Obwohl das Internet noch in den Anfängen steckte, von YouTube, Instagram, Snapchat und den alles bestimmenden Algorithmen noch nichts zu sehen war, prophezeite Flusser, die Schrift werde von Bild und Zahl in die Zange genommen und an Bedeutung verlieren. Letztlich hat die Auseinandersetzung um das Rezo-Video nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension, sondern zeigt auch das Ragnarök der Schriftkultur. Nur die tragischen Helden im nicht zu gewinnenden Kampf hätte man sich nicht unbedingt vorgestellt als geifernde alte Männer vom Schlage Jasper von Altenbockum.

Über die Verfügbarkeit des Vergangenen

Erneut sandte mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] eine Botschaft aus der Heimat, einen Kalender des Nettesheimer Apothekers mit Schwarzweißfotos aus Nettesheim. Das Blatt vom Juni hat es mir angetan. Auf dem Foto steht der Friseur meiner Jugend im weißen Friseurkittel unter dem Schild „Damen Salon“ (inverse Schreibschrift auf dunklem Grund) und schaut zum rechten Bildrand, wo ein Mann mit Hut und Anzug zu sehen ist, aber nur angeschnitten im Dreiviertelprofil von hinten. Der Mann steht mit gerecktem Kinn und hält den Rücken durchgedrückt. Vermutlich ist er ein Kunde, der sich der ernsten Sache eines Friseurbesuchs nicht nur bewusst ist, sondern sich dafür auch angemessen gekleidet hat.

Der junge Toni Pesch mit 50-er-Jahre-Haartolle dagegen steht entspannt, hat die Hände oberhalb der Hüften in Handwaschgeste ineinander gelegt. Seine Miene ist seinem Gegenüber  offen zugewandt und erwartungsvoll. Oben am linken Bildrand ist ein weiteres „Salon-Schild zu sehen, aber angeschnitten. Man ahnt, dass das die Tür zum Herren-Salon ist. Zwischen den beiden hell gestrichenen Türen, die durch jeweils zwei senkrechte Fensterelemente mit Milchglasscheiben durchbrochen sind, hängt ein langer rahmenloser Spiegel, worin sich Toni Peschs Rücken und Hinterkopf spiegeln. Auf der Höhe seiner Schulterblätter befindet sich ein kleiner Spiegel-Aufkleber, das Brustbild eines lachenden Mannes, der eine Flasche hoch hält. Der Aufkleber ist nach unten begrenzt durch ein geschwungenes Spruchband. Rechts hinter Toni Pesch hängt an der Wand eine gerahmte Urkunde, vermutlich ein Meisterbrief. Unter dem Meisterbrief ist noch ein gerippter Heizkörper zu sehen mit einem Absperrventil über dem senkrechten Zuleitungsrohr. Das Foto wirkt nicht gestellt, aber wurde offenbar vom einem professionellen Fotografen arrangiert und fotografiert. Die für den Kalender hinzugefügte Bildunterschrift lautet: „Toni Pesch – unser Butzheimer Friseur in den Anfängen der 1950er Jahre“

Im Mitmachprojekt: „Die Läden meiner Kindheit“ habe ich mich an Toni Peschs Friseurladen erinnert (klick Grafik). So jung und schlank wie auf dem Foto hatte ich ihn beim Schreiben nicht vor mir. Das Foto erweitert also auf befremdliche Weise meine Erinnerung in eine Vergangenheit, die gar nicht mein eigenes Erinnern ist.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“ Wie ist es, wenn goldene Erinnerungsbilder durch Bilddokumente übermalt werden, wie es dem heutigen Menschen widerfährt, der durch Fotografien und Videos jede Lebensphase dokumentiert sieht, entweder von wohlmeinenden Eltern oder durch Selfies? Dabei interessiert nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, die Bilderarmut der Vergangenheit oder die Bilderflut in Zeiten von Digitalfotografie und Smartphone. Zu fragen wäre nach den Konsequenzen, wie sich menschliche Erinnerung anders organisiert, wenn medientechnische Hilfsmittel sie im überwältigenden Maß stützen.

Platon lässt Sokrates im Phaidros an der Schrift kritisieren: „Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen.“