Eine Schreibmaschine bei Fräulein Schlicht und vom Schreiben mit Maschinen

Zum Mittagessen erneut bei Fräulein Schlicht, sitze ich an der Stirnseite des Raums auf einer Empore bequem an einem großen Tisch und habe das gesamte Lokal vor Augen. Statt Fräulein Schlicht steht ein freundlicher junger Mann hinter der Theke. Er hat die Haare oben auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden. Vor mir auf der Abtrennung der Empore steht seitlich zu mir eine alte Schreibmaschine. Das metallene Gehäuse ist schwarz lackiert und ihr offenes Gehäuse gibt den Blick auf die Mechanik frei. Darin blinkt silbern die Klingel, die immer am Zeilenende ertönt. Mit dieser Klingel hat es eine eigenartige Bewandtnis. Das Ende einer Zeile bedeutet ja nichts, hat keine inhaltliche Bedeutung wie etwa der Wortabstand oder der Absatz. Es ist gerade eine Kulturleistung, dass wir das Zeilenende ignorieren und darin keine Unterbrechung der Rede sehen. Wer jedoch mit einer Schreibmaschine schreibt, wird durch das Klingeln ständig darauf hingewiesen, dass das Ende der Zeile erreicht ist. Man könnte sagen, sein Schreiben ist von einem bedeutungslosen Klingelzeichen getaktet. Es gibt an, dass die Zeilenschaltung betätigt und der Schlitten nach links geschoben werden muss. Dass der Schreibfluss immer wieder von den Erfordernissen der Mechanik unterbrochen wird, ist ein Merkmal des Schreibens mit mechanischen Maschinen. Es ist unwägbar, wie die sinnlose Klingelei das Schreiben beeinflusst hat.

Schreibmaschinen waren freilich nicht für die freie Textproduktion gemacht, sondern dienten primär dem Abschreiben. Trotzdem haben viele Autoren sie zum freien Schreiben genutzt. Mark Twain war Ende des 19. Jahrhunderts ein erster Nutzer der Remington und trachtete danach, immer das neuste Modell zu haben. Franz Kafka schrieb auf einer Oliver 5. Und Arno Schmidt hat sein Monumentalwerk „Zettel’s Traum“, die 1334 DIN-A3-Seiten mit einer Schreibmaschine der Marke Adler als dreispaltiges Typoskript gestaltet.

Ich frage den jungen Mann bei Fräulein Schlicht, welches Modell da steht. Er schaut nach und sagt „Continental.“ Die Continental ist eine Schreibmaschinenmarke der Firma Wanderer, erstmals in Serie gefertigt im Jahr 1904. Vermutlich stammt die Schreibmaschine vom Flohmarkt und ist nur Dekoration, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr letzter Besitzer hier bei Fräulein Schlicht dran gesessen hat und beim Tippen verröchelt ist. Den Satz schreibe ich mit der Hand in mein Notizbüchlein. Der junge Mann sagt, er schreibe auch und würde es gern mit einer Schreibmaschine tun. Aber wenn man dann korrigiere, sähe das Blatt bald unschön aus. „Dafür hatten wir früher Tipp-Ex, was ganz aus unserem Alltag verschwunden ist“, sage ich.

Seine Bemerkung zeigt, wie sich unter dem Einfluss des Computers das Schreiben verändert hat. Im Jahr 1989, als die digitale Textverarbeitung relativ neu war und noch von vielen abgelehnt wurde, lobte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift: „Kreativität und Textverarbeitung“ die neue Form des Schreibens als Hilfe bei der Überwindung von Schreibblockaden:

„Sie möchten Gedanken – die häufig nicht mal zu Ende gedacht sind – in Worte fassen und sie im selben Arbeitsgang optimal ausformulieren. Dies führt in vielen Fällen zu einer Art Schreibblockade.“

Dieses Problem löst die kreative Textverarbeitung und wie? Federleicht. Der Textauszug beschreibt ziemlich genau, wie sich das Schreiben durch die Textverarbeitung verändert hat. Das ist kein Schreiben, das mit gelegentlichen Tipp-Ex-Korrekturen auskommt, sondern ein provisorisches Schreiben aus einem Wust ungeordneter Gedanken heraus. Da knallt kein Buchstabe durchs Farbband auf Papier und steht unverrückbar da, sondern alles ist zuerst nur Probehandeln. Denn man hat ja vorher nichts wirklich bedenken müssen, fängt an mit einer ungefähren Idee und weiß selbst nicht, was o Wunder, dann später mal da stehen wird. Gut 30 Jahre Textverarbeitung haben eine neue Form des diffusen Denkens hervorgebracht: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?

Mit dem Satz: „Ihre Gedanken zu einem Thema können sich allmählich beim Schreiben verfestigen“, spielt der Autor an auf den Essay, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Heinrich von Kleist (1805). Nähert sich digitales Schreiben tatsächlich derart der mündlichen Sprachverwendung an? Hier verwechselt der Autor der SZ etwas. Die Schriftsprache funktioniert so nicht. Es fehlt der Kommunikationspartner, ein Gegenüber. Der Sprecher hat ein Gegenüber vor Augen, achtet beim Sprechen auf dessen Gestik und Mimik. Hört mein Gegenüber gespannt zu? Runzelt er im Unverstand die Brauen oder lächelt er zustimmend? Solche Wahrnehmungen beeinflussen den Inhalt seiner Rede. Alles findet statt in einer bestimmten Situation, mit definierter Absicht unter unwägbaren Bedingungen. Gesprochene Sprache entsteht im situativen Beziehungsgeflecht der Kommunikationspartner und wird von ihm geprägt.

Geschriebene Sprache ist dazu nicht gemacht, erst recht nicht, wenn der Kommunikationspartner der Computer ist. Schreiben als suchende Textverarbeitung, wie von der SZ dargestellt, ist etwas ganz anderes als Schreiben im Sinne von Gedankenfolgen entwickeln. Mag sein, dass in der von der SZ gefeierten Weise gute Texte entstehen können. Doch ihnen fehlt die Langsamkeit. Das langsame Schreiben zwingt zum genauen Denken und zur gedanklichen Durchdringung eines Themas.

Grafik: JvdL

Wie die SZ im Jahr 1989 für die Textverarbeitung glaubte werben zu müssen, müsste man gut 30 Jahre später für das gegenteilige Schreiben mit der Hand oder der Schreibmaschine werben. Da ich keine funktionierende Schreibmaschine mehr habe, nehme ich mir vor, wieder häufiger mit der Hand zu schreiben, damit ich nicht so oft schreibe, ohne vorher zu wissen was, also damit ich das strukturierte Denken nicht verlerne.

Merseburger

Gegen Morgen träumte ich von Peter Merseburger. Ich wusste, dass er ein bekannter Journalist ist, doch als ich im Traum Wikipedia aufrief, stand da, Merseburger sei Musikkabarettist. Ich mochte das nicht glauben, war sicher, dass Merseburger etwas mit dem NDR zu tun hatte, sah sogar sein TV-Gesicht frontal vor mir. Deshalb schaute ich mehrmals bei Wikipedia nach, vergeblich. „Merseburger ist Musikkabarettist.“ Warum ich ausgerechnet das träumte? Von allen Kabarettisten finde ich Musikkabarettisten am langweiligsten, kenne überhaupt nur einen, den Niederländer Hans Liberg.

Seltsam ist jedenfalls, dass ich vom Aufruf eines Wikipedia-Eintrags träumt. Das hat nicht mal der Mühlhiasl gekonnt. Noch seltsamer ist, dass der Artikel zu Merseburger in Wirklichkeit genau so lang ist wie ich ihn träumte, ohne ihn je vorher gesehen zu haben. Wirklich unheimlich wäre freilich, wenn der Merseburger-Eintrag in meinem Traum den Tatsachen entsprochen hätte.

Wie ich hörte, arbeitet Google an einem Mensch-Maschine-Interface. Die Vision ist, dass ich nur an einen Inhalt denken muss, schon spiegelt mir Google entsprechende Informationen in die Datenbrille und zwar als dreidimensional dargestellte Texte, die ich beliebig verschieben und in den Fokus rücken kann, indem ich hinschaue. Das ist etwas anderes als aus der Provinz mit Bahn oder Bus in die Stadt zu fahren, um in der Bibliothek ein Buch zu suchen, in dem ich eine gewünschte Information vermute. Der Weg und die Handlungen der Suche nach Versuch und Irrtum entfallen schon jetzt. Digitale Suchfunktionen machen sie überflüssig. Schon heute ist manche Information im Netz mir näher als mein Bücherregal.

Egal wie das Mensch-Maschine-Interface funktionieren wird, es wird den Abstand zwischen mir und den Informationen noch stärker verringern, vorausgesetzt, das derzeit noch in Bibliotheken gespeicherte Wissen der Menschheit ist völlig digitalisiert.
Aber dann, wird Google der verlässliche Bibliothekar sein oder mir nur die Informationen zuspielen, die gerade opportun sind? Dann will ich wissen, wer Leon Battista Alberti war und was kommt heraus? Er war Musikkabarettist. Ist nur Spaß. Wenn Google weiß, nach welchen Informationen Menschen suchen, wird es einen Mainstream des Denkens feststellen. Das funktioniert als Rückkopplung. Dem Sog des Mainstreams wird man sich kaum enziehen können. Wer nicht aufpasst, wird hineingesaugt und bekommt: Fotos von schönen Blumen und Katzenvideos.

Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

Noch immer erscheinen in der Linkliste neue lesenswerte Beiträge. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Klicke bitte aufs Bild.laeden-alltagskultur

Wenn Philosophen die Blätter ordnen

teestunde im teestübchen
Derzeit bin ich ein bisschen beunruhigt. Ich vermisse die Kakophonie der Laubbläser. Wann geht es endlich los mit der furchtbaren Laubbläserei? Das ist doch unverantwortlich. Die Bäume haben bereits Tonnen von Laub abgeworfen und müssten mal ordentlich angebrüllt werden.
zwei-Männer-schaufeln-LaubIn Hamburg sollen es im Jahr 2009 an die 15.000 Tonnen gewesen sein. Vom Wort „Laub“ gibt es keine Mehrzahl. Es bezeichnet selber die Mehrzahl der Blätter. 15.000 Tonnen Laub. Dabei schwebt ein einzelnes Blatt so leicht zu Boden, dass man denken könnte, mit ein bisschen Thermik würde es glatt der Schwerkraft trotzen und in die Wolken entschwinden. Wie hängt unser Blatt Papier mit dem Blatt des Baums zusammen?
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Die Botschaft der Glasmurmel – über alphabetisches und nachalphabetisches Denken

In der mündlichen Kultur ist Sprache immer unmittelbar mit dem Sprecher verbunden. Sie ist konkret und betrifft die Dinge der räumlich nahen Umgebung. Die Schrift bringt eine Entfernung vom Sprecher mit sich. Schon beim Aufschreiben entfernt sie sich vom Schreiber selbst. Denn was er zuvor gedacht oder gesagt hat, wird jetzt in ein Zeichensystem übertragen, der Zeit enthoben, steht ihm dann in Sätzen vor Augen und wirkt auf sein Denken zurück. Während ich das hier schreibe, halte ich immer wieder inne, lese, was da steht und beurteile es hinsichtlich der Klarheit und Verständlichkeit. Das wiederum ordnet meinen Gedankenfluss und regt neue folgerichtige Gedanken an. Das bedeutet, dass ich alle meine Gedanken versuche logisch zu ordnen. Aber die Logik ist nur ein Teil meines Denkens. Alles was ich tue als Mensch, ist immer auch von Gefühlen begleitet. Das Schreiben fordert strenges alphabetisches Denken, ein Denken immer der Reihe nach unter Ausschaltung der Gefühle, es sei denn, sie werden im Text strategisch eingesetzt, wenn ich beispielsweise etwas schreibe, um bei Lesern Gefühle zu erwecken.

Es ist Nachmittag. Ich liege faul auf dem Sofa und schaue gegen die hohe Decke. Dort scheint eine farblose Glasmurmel zu lagern, der Schwerkraft zum Trotz. Ich habe keine Sorge, dass sie sich plötzlich der Physik besinnen und mir auf die Nase fallen könnte, denn ich weiß, – diese gläserne Murmel ist eigentlich eine kleine runde Mulde. Das Licht des Fensters wirft einen Schatten in die Mulde.

glaskugelEs kostet nur geringe Mühe, das Wissen um die Mulde zu verdrängen und eine Glasmurmel zu sehen. Ich will das magische Bild, nicht die vermeintliche Einsicht in die wahre Gestalt der Dinge. Diese Einsicht ist nämlich ein bisschen auf den Hund gekommen. Zu oft hat sie sich als trügerisch erwiesen, wenn die Wissenschaft ihre Lehrmeinung korrigieren musste oder wenn medial vermittelte Informationen sich als Lug erwiesen haben. Was ist besser, eine Glasmurmel an der Decke zu sehen oder zu wissen, dass es nur eine Deckenmulde ist, die den Anschein erweckt, eine Glasmurmel zu sein?

Der Medienphilosoph Vilém Flusser nahm vor dem Aufkommen des Internets schon an, der Mensch müsse das alphabetische, lineare Denken aufgeben. Es ist das Denken der Buchkultur. Das digitale Zeitalter verlange ein anderes Denken. Will man diese theoretische Forderung begreifen und in Probehandeln umsetzen, führt jeder Schritt ins Unwägbare. Was bedeutet es nichtalphabetisch zu denken? Es hieße zu akzeptieren, dass an meiner Zimmerdecke eine Glasmurmel lagert.

Man wird sogleich verstehen, dass nachalphabetisches Denken dem magischen Denken ähnelt, in dem die Dinge ein Eigenleben führen und nach nicht einsichtigen Gesetzen auf unser Leben einwirken. Aber von diesem Denken, das sich duckt vor geheimen Mächten, vor diesem ängstlichen und ahnungsvollen Raunen, sind wir durch die Aufklärung befreit worden.

Nachalphabetisches Denken entspricht nicht dem magischen Denken des voralphabetischen Menschen. Der voralphabetische Mensch der oralen Kultur denkt zyklisch und manchmal konfus. Er hat das lineare Denken noch nicht entdeckt. Logik, Aufklärung und Wissenschaft liegen noch jenseits seines Horizonts. Der alphabetisierte Mensch jedoch kennt beides und kann zwischen zwei Möglichkeiten der Wirklichkeitserfassung wählen. Ein neues Denken, wie Vilém Flusser es fordert, das ergibt sich, wenn man die bildhaft magische und die alphabetisch abstrakte Wirklichkeitserfassung kundig vereint.

Was bedeutet es, wenn sich an meiner Zimmerdecke eine Mulde befindet, die gleichzeitig eine Glasmurmel ist? Es zeigt sich hier, dass der nachalphabetische Mensch fähig ist, beides zu sehen und beides zu denken. Neben der forschenden und kategorisierenden Aneignung der Welt bietet sich eine Symbiose an: die laterale, pataphysische Wirklichkeitsauffassung, die sowohl körperlich-magisch wie auch geistig-logisch ist.

Es scheint, dass es selbstgemachte Härten im menschlichen Dasein gibt, die aus der einseitigen Betrachtung der Dinge folgen. Ist der Mensch allein dem magischen Denken verhaftet, geht er geduckt unter der Bedrohung durch das Unwägbare. Vertraut er nur dem logischen Denken, verliert er die Bodenhaftung und es mangelt ihm an Gefühl, Empathie und Inspiration. Wie sich nachalphabetisches Denken gestaltet, wie es sich positiv auswirken wird und zu einer tatsächlichen neuen Qualität des Denkens und Handelns werden kann, zeichnet sich noch nicht recht ab. Wir bewegen uns in den nur unscharf berechenbaren Randzonen. Aber vermutlich ist es künstlerisch, spielerisch, lässt Unlogisches zu.

Schon mehrmals habe ich folgende irritierende Erfahrung gehabt: Wenn ich auf einem Touchscreen eine Textstelle mit dem Finger markiert und kopiert habe, dann war mir, als wäre es in meiner Fingerkuppe gespeichert und ich könnte den Text von da an beliebiger Stelle auf dem Screen wieder einfügen. Es ist wie mit der Glasmurmel, die eigentlich nur eine Mulde ist. Ich weiß, dass der Text nicht in meiner Fingerkuppe gespeichert ist, aber die Vorstellung, beflügelt meine Phantasie. In diesem Sinne bedeutet Vilém Flussers nachalphabetisches Denken, sich bewusst zu befreien von strenger Logik, um sich beflügeln zu lassen.