Doodeln ohne Draht – Mitmachprojekt gegen das Verschwinden einer Kulturtechnik – Update 3.4.1

Doodel-welt

Es wird langsam eng in unserem Doodle-Kosmos. Ich habe einige Änderungen in der Zusammenstellung vornehmen müssen, um Platz zu machen für neu eingereichte Doodles. So habe ich Kontexte weggenommen und Farben reduziert, um die Montage zu vereinheitlichen. Die unangetasteten Originale finden sich ja noch in den Blogs, aufzusuchen per Klick auf das jeweilige Vorschaubild unter diesem Beitrag.
Gestern erreichte mich das länger schon angekündigte Bleistift-Doodle von Lila Sumpf. Careca, mit dem mich die längste Blogfreundschaft überhaupt verbindet, hat das Projekt mit „Doodeln auf Tapeten“ um einen lesenswerten Beitrag bereichert. Aus seinem vollgedudelten Blatt habe ich nur ein Doodle übernommen, das sich gut einfügen lässt. Hinzu gekommen ist auch der Sumo-Ringer von lollyjanepolly. Sollte sich noch jemand am Projekt beteiligen wollen, bitte ich um ein hingedoodeltes Figürchen (keine sorgfältig ausgeführte Zeichnung), die komplette Gestalt ohne Drumrum (möglichst kontrastreich und schwarzweiß). Ich kann es sonst nicht unverändert einpassen. Das „Miteinander“ der Doodles ist ein wichtiges Element des Projekts.

Inzwischen sind verschiedene Beiträge zum Thema erschienen, die ich hier aufliste:
Zum Aufruf
update 3.3
update 2
Vielen Dank fürs Mitmachen,
Jules

Wie gehabt führt ein Klick auf die unten veröffentlichten Vorschaubilder zu den am Projekt beteiligten Blogs.
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Herbst – Mit hohlen Augen betrachtet

herbstlich
Großer Garten der Herrenhäuser Gärten Hannover – Foto: Trithemius

Ach, ihm sei ja heute so herbstlich, sagte Coster mit matter Stimme. Wobei das Wort herbstlich ein trügerisches Licht auf die Sache werfe, denn es reime es sich nicht nur unzweifelhaft auf herzlich, sondern trage mit dem Suffix lich im Klang unverschämt viel Licht ins duster Gemeinte.

Was denn genau das Gemeinte sei, fragte ich. „Pass auf“, sagte er und sah mich durchdringend an, so dass ich gar nicht recht hinhören konnte, denn ich musste denken: Der berüchtigte Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen sieht verdammt hohläugig aus. Gut, der Dämmer dieses Herbsttages mochte die Sache ein wenig überzeichnen, aber ..

„Hör!“, sagte Coster, indem er an meiner Schulter rüttelte, „als ich eben die Straße entlang ging, just vor der Bahnunterführung, da glitt mit leise zischenden Reifen ein schwarzer Wagen an mir vorbei. Und indem der düstere Wagen in den Schatten des Brückengewölbes tauchte, flatterte von hinten eine Taube heran, setzte sich übers Wagendach und unterquerte gemeinsam mit dem Auto das Brückengewölbe, in seltsamer Eintracht der Geschwindigkeit, als wäre sie wie ein Drachen am Auto angebunden und ihr wilder Flügelschlag der vergebliche Versuch, sich loszureißen. Gleichzeitig jedoch habe ich im Flug der Taube etwas Aggressives sehen können, gleich einem boshafte Versuch, die Wageninsassen zu verfolgen und ihnen zu schaden.“

Eigentlich wollte ich ja nur Luftholen, doch Coster herrschte mich an: „Jetzt sag nichts von Hitchcock und den Vögeln, sonst kriegst du was vors Protoplasma!“
„Was ist mit Atmen?“, fragte ich.
„Wozu?“
„Manche tun’s, – eventuell oder vermutlich aus Aberglauben.“
„Jeder Atemzug, den du tust, war einst der letzte Seufzer eines Sterbenden“, sagte Coster, und wie ich mich mit der Hand am Ohr zu ihm vorbeugte, da grinste er und sagte: „War nur Spaß, Trittenheim. Nein, die herbstliche Stimmung ist diffiziler, und das lässt sich am Beispiel der Taube ablesen. Ich weiß nicht, ob sich das kitschige Gemüt eines Teestübchenbetreibers ausmalen kann, dass der beschriebene Moment etwas Magisches hatte?“
„Ne, sowas mach ich nicht.“

Coster sah mich mahnend an und fuhr fort: „Gerade das Ambivalente im Flug der Taube, das Unwägbare und im Hinblick auf die tatsächlichen Motive der Taube Rätselhafte, die drohende Gefahr, das alles findest du in der Herbststimmung. Mist, so wird das nichts, dauernd kommen mir die Wörter in die Quere! Wenn ich Herbststimmung sage, hört einer wie du vorrangig Stimmung und schaut, wo er sich einen Jux mit der Welt machen kann. Trittenheim, das herbstliche Weh, von dem jetzt viele schreiben, ich sage dir, wo es herkommt. Da erwacht etwas Atavistisches in den uralten Teilen unseres Gehirns. Stell dir den ersten Menschen unserer Breiten vor, in einer Welt, die ihn mal freundlich behandelt, mal den schrecklichsten Bedingungen aussetzt. Er hat den Sommer durchlebt und ahnt das Nahen der düsteren und kalten Jahreszeit mit ihren Entbehrungen. Wird er durch den drohenden Winter kommen? Oder werden Eis und Schnee sein Herz erstarren lassen? Noch pulst der Sommer in seinen Adern, doch die Nächte sind bereits kalt, und er weiß, er muss den Sommer ziehen lassen wie eine untreue Braut. Verstehst du jetzt? Bedauern, Furcht und leise Hoffnung, das ist der Hauch des Herbstes in deiner Brust.“

„Gehen Sie nach Hause, Coster“, sagte ich. „Machen sie ein Feuer in Ihrem Kanonenofen, zünden sie ein freundlich Lichtlein an und kippe Sie sich einen auf die Lampe, das hilft.“

Aber, was soll ich sagen. Auf meiner Kommode steht ein kleine Filmdose mit einem bisschen seiner Asche. Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen, ist seit zweieinhalb Jahren tot. Er hat sich am Blue Monday erschossen.