Neues aus dem Bett von Frau Wevelshoven

Man lernt hier Wörter, die man eigentlich nicht kennen möchte, nichts Obszönes, und es geht auch nicht um die Wörter, sondern um das, was sie bezeichnen. Beispielsweise habe ich das Wort „Gehbock“ noch vor Wochenfrist nicht gekannt. Derzeit besitze ich sogar einen Gehbock. Vorgestern, bevor man mich aus der Klinik entlassen hat, kam die Physiotherapeutin, eine Frau Rodenberg, mit einem nagelneuen Gehbock an und ließ mich dafür unterschreiben. Der Gehbock soll mir helfen, mich fortzubewegen, weil ich mein rechtes Bein nur mit 10 (zehn!) Kilogramm belasten darf. Das ist nichts, wie wir mit einer Waage feststellten. Mir ist mal in meiner Jugend in einer Kölner Druckerei eine große Rolle Rotationspapier auf den Fuß gekippt. Der Fuß war glatt durch. Da legte man mir für sechs Wochen einen Gips an, einen Gehgips genauer. Ich war damit sogar in der Diskothek unseres Dorfes tanzen. Doch ich weiß noch, wie quälerisch ein Gipsbein ist und wie furchtbar abgezehrt das Bein nachher war.

Der komplizierte Bruch des Unterschenkels, der mich derzeit lahmlegt, wurde nicht gegipst, sondern minimalinvasiv genagelt und verschraubt, ein chirurgisches Meisterwerk. Der es vollbracht hat, ein Arzt mit einem Namen „wie der Schauspieler“ ließ mich vor der OP berichten, wie es zur Fraktur gekommen war. Also:
„Nach einer fröhlichen Feier im Garten meiner Liebsten, stieg ich die Terrassentreppe hinab, um beim Abräumen zu helfen, übersah im Dunkeln die letzte Stufe, und indem ich ins Leere trat, nahm mein bis dahin schönes Leben im Fallen eine böse Wendung. Ich traf schmerzhaft auf Steinfliesen und kam nicht mehr hoch. Spiralbruch des Unterschenkels. Ich gebe zu, ich war alkoholisiert.“
„Ich bin kein Moralapostel und feiere auch gern“, sagte der Arzt und führte einen eleganten Hüfttanz auf.

Wer das kann, hat auch Geschick im Operieren, dachte ich, und entsprechend harmlos sieht mein Bein aus, obwohl ein 30 Zentimeter langer Nagel im Schienbeinknochen steckt. Wo er verschraubt ist, besteht für sechs bis acht Wochen die Gefahr neuerlichen Brechens bei zu hoher Belastung. Darum der Gehbock. Wie es mir weiterhin erging und wieso ich aus dem Bett von Frau WevelshoVen schreibe, davon später. Der Gehbock soll mich für heute zu Bett tragen.

19 Kommentare zu “Neues aus dem Bett von Frau Wevelshoven

  1. o wei! Ja, das sind so Schreckmomente mit längerfristigen Folgen. Möge der Knochen halten! Ich zähle die Treppenstufen von der Haustür zu meinem Atelier (elf plus eins) jedesmal sorgfältig, egal mit oder ohne Alkohol. Für diese Vorsicht sorgt das Alter.

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  2. Ohjeee Spiralbruch klingt aber fies. Manchmal genügt ein blöder Moment und mit den Folgen ist man nachher monatelang beschäftigt.
    Aber so ein Gehbock ist nicht übel. Als bei mir vor zwei Jahren der angerissene Schienbeinkopf zusammen genagelt wurde, durfte ich mit Krücken herumhampeln. Ich wusste gar nicht dass das so anstrengend ist 😰
    Ich wünsch dir gute Besserung 🌻🍫
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 1 Person

  3. gute besserung jedenfalls!
    beim lesen fiel mir ein, wie ich vor ein paar jahren aus der reha zurück kam und im schummrigen treppenhaus ähnliches erlebte: letzte stufe übersehen und veritabel unten angekommen. aber – dank der reha – wie ein junges reh abgefangen. das alles natürlich ohne alkohol. aber doch dankbar für die herrschaften vom rehasport, ohne die das, einige wochen früher, so gut nicht ausgegangen wäre.

    Gefällt 2 Personen

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