Transport

Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: “Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.” Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort “Drogerie” ergibt sich “Eiregord” – das klingt wie ein irischer Name. (Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Mein Abtransport ist für Freitagmorgen 10 Uhr vorgesehen. Nach dem Frühstück hilft die rührige Elena mir in die Dusche, wäscht mich und rubbelt mich anschließend trocken. Dann packt sie meine Sachen, zieht mich an und macht meine Exzellenz reisefertig. Zwanzig vor neun Uhr sitze ich schon wartend im Rollstuhl. Viel zu früh. Ich lege mich aufs Bett, fummele die HAZ unter meine Schuhe. Christoph kommt herein und sagt auf Wiedersehen. Ich tätschele seinen schlanken Arm, der mich so oft zuverlässig gestützt hat. Von Yannick, der mich immer mit „mein Freund“ begrüßt und mir gezeigt hat, wie ich mich im Bett nach oben ziehen kann, habe ich mich am Vorabend schon verabschiedet. Paula kommt und sagt: „Ich will mich noch verabschieden.“ Ich wünsche ihr alles Gute, ein schönes Leben und so und bin mal wieder zu bewegt. Der Schlaganfall liegt schon zehn Jahre zurück, und noch immer kann ich meine Emotionen schlecht kontrollieren. Andauernd bin ich zu Tränen gerührt, jetzt auch. Es gibt Filme, da heult meine Exzellenz Rotz und Wasser. Und bei Abschieden ist es ähnlich.

Ich liege noch bis kurz vor zwölf auf dem Bett, das nicht mehr meines ist. Leonie fragt, ob ich noch Mittagessen will, doch ich lehne ab, will endlich weg. Abschiede dürfen sich nicht so herauszögern. Doch ich musste hier lernen zu warten, nutze die Zeit für eine Betrachtung über das Patiententransportwesen:

Wenn Patienten von einer Station zum OP, zum Röntgen oder dergleichen müssen, werden die stämmigen Männer vom Patiententransport bestellt, erkennbar an ihren weinroten T-Shirts. Ob es ihnen auferlegt ist oder ob es die natürliche Haltung ist, die sich beim täglichen Hin und Her der Betten, dem Auf und Ab der Aufzüge, dem mühseligen Herumschieben, dem Feststellen und Lösen von Bremsen einstellt, aber ihr Gleichmut grenzt an Verachtung. Da liegen kranke Menschen im Bett, und sie schieben sie herum, dass sich Kartoffelsäcke mehr Aufmerksamkeit wünschen würden. In einer Nische vor der Röntgenstation wartet bereits ein schütteres Weiblein. Ein Stoiker in Weinrot schiebt mich neben ihr Bett. Zwischen uns ein Wandschirm. Mit einem Mal beginnt sie zu sprechen: „Was wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe! Ich habe euch doch nichts getan. Ihr wollt mich foltern.“ und plötzlich im kraftvollen Aufflackern: „Aber dann foltere ich euch, dann seht ihr mal, wie das ist. “ Eine Pflegekraft tritt hinzu und beendet den Spuk durch Ansprache: „Frau Meier!? Sie werden jetzt geröngt.“ Sie schiebt sie weg.
„Tut nicht weh!“, schicke ich ihr hinterher.

In ihrer Gleichgültigkeit können die Transportmänner in einem verwirrten Geist die Vorstellung aufkommen lassen, sie wären die abgestumpften Folterknechte und das Geschäft hinter den Türen wäre boshafte Marter. Solche Gedanken werden auch von der eigenen Hilflosigkeit und der effizienten Routine des Personals befeuert. Generell ist es belastend, wenn plötzlich fremde Menschen in weißen Kitteln wie selbstverständlich die Verfügungsgewalt über den Patientenkörper übernehmen. Dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit werden die Transportmänner bald weichen. Man wird die Betten über ein Leitsystem auf Schienen transportieren und eine Frau Meier wird denken, sie wäre in der Geisterbahn.

Ah, wie schön, zwei Männer vom Roten Kreuz schieben einen Transportstuhl herein, helfen mir freundlich aus dem Bett, greifen sich meine Sachen und los geht’s. Auf dem Flur steht man Spalier, wie meine Exzellenz vorbeigerollt wird. Ich winke.