Der Planet Heterotopia

Die Leute vom Planeten Heterotopia werden „Bewohner“ genannt. Sie sind allesamt nicht auf Heterotopia geboren, sondern wurden aus ihrer Heimat abgeschoben. Heterotopia ist ihr letzter Aufenthaltsort, bevor sie zu den Sternen reisen. Die meisten von ihnen sind hinfällig, wenn sie auf Heterotopia landen. Sie müssen rundum gepflegt werden, weshalb es auf Heterotopia noch andere Leute gibt, die Versorger. Wenn die Bewohner angeliefert werden, liegen sie meist in großen kastenförmigen Transportern, und liegend treten sie die letzte Sternenreise an. Dazu werden sie in enge Kisten gepackt.

Nach einem folgenschweren Fehltritt langte ich auf Heterotopia an. Ich wurde sitzend angeliefert, und man versprach mir, ich dürfe den Planeten nach Wochenfrist verlassen, sobald ich wieder auf zwei Beinen stehen könne. Mein Gelass hat zuvor eine Frau Wevelshoven beherbergt. Beiläufig erfuhr ich, dass sie vor ihrer letzten Reise nur 40 Kilogramm gewogen hat.

Trotzdem war ihre Matratze einseitig ausgeleiert, so dass ich nur schräg darauf liegen konnte, als ob mich das Bett nicht beherbergen wollte. Ein Versorger namens Hausmeister hat es gerichtet. Hausmeister brachte mir zu meiner Unterhaltung ein Fernsehgerät und stellte es auf, dass ich die gängigen Zerstreuungsangebote vom Bett aus schauen kann. Das Gerät steht nun unter einem kleinen falschgoldenen Kronleuchter, so einem für Arme, der nur in kleine Wohnungen passt. Er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich vermute, er gehörte einst Frau Wevelshoven, eine Erinnerung an ihren Heimatplaneten. Er bedrückt mich. Ähnlich das Fernsehgerät. Hausmeister sammelt alle Fernseher von verstorbenen Bewohnern ein, weil die Angehörigen sie nicht mehr abholen wollen. Zwar kenne ich die Vorstellung, jeder Atemzug sei der letzte Hauch eines Menschen, aber der Leuchter erscheint mir wie der materialisierte letzte Atemzug von Bewohnerin Wevelshoven, der den Raum nicht verlassen mag.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen befremdlichen Bericht, aber der Planet Heterotopia ist befremdlich. Ich habe von derlei Planeten gehört, dass manche sogenannte Trughaltestellen haben. Verwirrte Bewohner suchen sie auf und hoffen, von dort nach Hause reisen zu dürfen. Aber niemals kommt ein Beförderungsmittel.

Transport

Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: “Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.” Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort “Drogerie” ergibt sich “Eiregord” – das klingt wie ein irischer Name. (Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Mein Abtransport ist für Freitagmorgen 10 Uhr vorgesehen. Nach dem Frühstück hilft die rührige Elena mir in die Dusche, wäscht mich und rubbelt mich anschließend trocken. Dann packt sie meine Sachen, zieht mich an und macht meine Exzellenz reisefertig. Zwanzig vor neun Uhr sitze ich schon wartend im Rollstuhl. Viel zu früh. Ich lege mich aufs Bett, fummele die HAZ unter meine Schuhe. Christoph kommt herein und sagt auf Wiedersehen. Ich tätschele seinen schlanken Arm, der mich so oft zuverlässig gestützt hat. Von Yannick, der mich immer mit „mein Freund“ begrüßt und mir gezeigt hat, wie ich mich im Bett nach oben ziehen kann, habe ich mich am Vorabend schon verabschiedet. Paula kommt und sagt: „Ich will mich noch verabschieden.“ Ich wünsche ihr alles Gute, ein schönes Leben und so und bin mal wieder zu bewegt. Der Schlaganfall liegt schon zehn Jahre zurück, und noch immer kann ich meine Emotionen schlecht kontrollieren. Andauernd bin ich zu Tränen gerührt, jetzt auch. Es gibt Filme, da heult meine Exzellenz Rotz und Wasser. Und bei Abschieden ist es ähnlich.

Ich liege noch bis kurz vor zwölf auf dem Bett, das nicht mehr meines ist. Leonie fragt, ob ich noch Mittagessen will, doch ich lehne ab, will endlich weg. Abschiede dürfen sich nicht so herauszögern. Doch ich musste hier lernen zu warten, nutze die Zeit für eine Betrachtung über das Patiententransportwesen:

Wenn Patienten von einer Station zum OP, zum Röntgen oder dergleichen müssen, werden die stämmigen Männer vom Patiententransport bestellt, erkennbar an ihren weinroten T-Shirts. Ob es ihnen auferlegt ist oder ob es die natürliche Haltung ist, die sich beim täglichen Hin und Her der Betten, dem Auf und Ab der Aufzüge, dem mühseligen Herumschieben, dem Feststellen und Lösen von Bremsen einstellt, aber ihr Gleichmut grenzt an Verachtung. Da liegen kranke Menschen im Bett, und sie schieben sie herum, dass sich Kartoffelsäcke mehr Aufmerksamkeit wünschen würden. In einer Nische vor der Röntgenstation wartet bereits ein schütteres Weiblein. Ein Stoiker in Weinrot schiebt mich neben ihr Bett. Zwischen uns ein Wandschirm. Mit einem Mal beginnt sie zu sprechen: „Was wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe! Ich habe euch doch nichts getan. Ihr wollt mich foltern.“ und plötzlich im kraftvollen Aufflackern: „Aber dann foltere ich euch, dann seht ihr mal, wie das ist. “ Eine Pflegekraft tritt hinzu und beendet den Spuk durch Ansprache: „Frau Meier!? Sie werden jetzt geröngt.“ Sie schiebt sie weg.
„Tut nicht weh!“, schicke ich ihr hinterher.

In ihrer Gleichgültigkeit können die Transportmänner in einem verwirrten Geist die Vorstellung aufkommen lassen, sie wären die abgestumpften Folterknechte und das Geschäft hinter den Türen wäre boshafte Marter. Solche Gedanken werden auch von der eigenen Hilflosigkeit und der effizienten Routine des Personals befeuert. Generell ist es belastend, wenn plötzlich fremde Menschen in weißen Kitteln wie selbstverständlich die Verfügungsgewalt über den Patientenkörper übernehmen. Dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit werden die Transportmänner bald weichen. Man wird die Betten über ein Leitsystem auf Schienen transportieren und eine Frau Meier wird denken, sie wäre in der Geisterbahn.

Ah, wie schön, zwei Männer vom Roten Kreuz schieben einen Transportstuhl herein, helfen mir freundlich aus dem Bett, greifen sich meine Sachen und los geht’s. Auf dem Flur steht man Spalier, wie meine Exzellenz vorbeigerollt wird. Ich winke.

Neues aus dem Bett von Frau Wevelshoven

Man lernt hier Wörter, die man eigentlich nicht kennen möchte, nichts Obszönes, und es geht auch nicht um die Wörter, sondern um das, was sie bezeichnen. Beispielsweise habe ich das Wort „Gehbock“ noch vor Wochenfrist nicht gekannt. Derzeit besitze ich sogar einen Gehbock. Vorgestern, bevor man mich aus der Klinik entlassen hat, kam die Physiotherapeutin, eine Frau Rodenberg, mit einem nagelneuen Gehbock an und ließ mich dafür unterschreiben. Der Gehbock soll mir helfen, mich fortzubewegen, weil ich mein rechtes Bein nur mit 10 (zehn!) Kilogramm belasten darf. Das ist nichts, wie wir mit einer Waage feststellten. Mir ist mal in meiner Jugend in einer Kölner Druckerei eine große Rolle Rotationspapier auf den Fuß gekippt. Der Fuß war glatt durch. Da legte man mir für sechs Wochen einen Gips an, einen Gehgips genauer. Ich war damit sogar in der Diskothek unseres Dorfes tanzen. Doch ich weiß noch, wie quälerisch ein Gipsbein ist und wie furchtbar abgezehrt das Bein nachher war.

Der komplizierte Bruch des Unterschenkels, der mich derzeit lahmlegt, wurde nicht gegipst, sondern minimalinvasiv genagelt und verschraubt, ein chirurgisches Meisterwerk. Der es vollbracht hat, ein Arzt mit einem Namen „wie der Schauspieler“ ließ mich vor der OP berichten, wie es zur Fraktur gekommen war. Also:
„Nach einer fröhlichen Feier im Garten meiner Liebsten, stieg ich die Terrassentreppe hinab, um beim Abräumen zu helfen, übersah im Dunkeln die letzte Stufe, und indem ich ins Leere trat, nahm mein bis dahin schönes Leben im Fallen eine böse Wendung. Ich traf schmerzhaft auf Steinfliesen und kam nicht mehr hoch. Spiralbruch des Unterschenkels. Ich gebe zu, ich war alkoholisiert.“
„Ich bin kein Moralapostel und feiere auch gern“, sagte der Arzt und führte einen eleganten Hüfttanz auf.

Wer das kann, hat auch Geschick im Operieren, dachte ich, und entsprechend harmlos sieht mein Bein aus, obwohl ein 30 Zentimeter langer Nagel im Schienbeinknochen steckt. Wo er verschraubt ist, besteht für sechs bis acht Wochen die Gefahr neuerlichen Brechens bei zu hoher Belastung. Darum der Gehbock. Wie es mir weiterhin erging und wieso ich aus dem Bett von Frau WevelshoVen schreibe, davon später. Der Gehbock soll mich für heute zu Bett tragen.