Gewitterspuk

Wie der Morgen heran dämmert, zeigt sich der Ausschnitt des Himmels wolkenlos. Nur fern und hoch hängt eine einzelne Wolke. Im Reitstall unten schlägt das Pferd unruhig gegen die Bretter seiner Box. Auf dem Gang irgendwo laute Stimmen. Die Nachtschwester schimpft wieder mit der alten Frau Wingens, die nächtens mit ihrem Rollator auf Reisen geht. Frau Wingens ist unzufrieden, dass die Welt noch nicht voran geht, will Unterhaltung, will Frühstück. „Es ist doch schon hell“, mault sie. „Ja, im Sommer wird es eben früher hell!“
Je lauter die Nachtschwester insistiert, desto bockiger wird Frau Wingens. Disziplinprobleme im Pflegeheim.
Plötzlich ein Grollen, man glaubt es kaum.

„Pitter, do kütt e Jewitter!“
„Hannes, et is net woar, die Lurt is noch kloar!

(Peter, da kommt ein Gewitter
Hans, das ist nicht wahr, die Luft ist noch klar.)

Aus klarer Luft grollt es noch einmal, dann ein heftiger Donnerschlag, ganz nah bei. Die Vögel verstummen. Ein Regenguss geht nieder. Eine Weile liege ich da, dann wuchte ich mich in den Rollstuhl, rollere zum Fenster schließe und kippe das, damit es nicht hereinregnet.
Aber das war nicht nötig. Der Spuk ist vorbei. In feuchter Unschuld wird’s hell.