Der König will frühstücken

Vom ersten Sonnenstrahl an der Nase gekitzelt, erwachte der feiste König und klatschte in seine Patschehändchen: „Herbei, herbei, ihr lieben Untertanen! Euer König hat Wünsche.“
In Wahrheit bin ich ganz schön abgemagert und nicht aus Bequemlichkeit im Bett, sondern eine sogenannte hilflose Person. Meine Wünsche sind alltäglich, aber das gebrochene Bein macht sie zu Herausforderungen, die nur mit fremder Hilfe gemeistert werden können. Daher muss ich für jede Handreichung klingeln und darauf hoffen, dass jemand kommt und sich erbarmt. Glücklich ist, in Deutschland hilflos zu sein. In vielen Ländern der Erde heißt das, schmerzvoll und elend zu krepieren.

Im Vinzenzkrankenhaus ist die operative Nachsorge optimal geregelt. Ich presse die Klingel, und es eilt jemand herbei und fragt nach meinem Begehr. Anfangs ist das wie das Öffnen einer Wundertüte. Wer arbeitet hier, wer hat gerade Dienst? Wie kompetent hilft sie /er? Wie viel Zeit bleibt für ein persönliches Wort? Viele von ihnen habe ich rasch ins Herz geschlossen. Eine junge Schwesternschülerin „ich bin Paula“ ist mein Sonnenschein! Sie verströmt trotz Maske soviel positive Energie und Freundlichkeit, dass mir das Herz aufgeht. Und schon fürchte ich, dass sie sich in diesem Beruf rasch verschleißen wird, weil da andere Ausgaben sind als meinen wehen Fuß umzubetten. Dass junge Menschen diesen harten Beruf erlernen, verdient höchste Anerkennung.

Natürlich bin ich als Privatpatient privilegiert. Allmorgendlich eilt ein Bote herein und bringt mir die Zeitung. Mittags kommt eine aparte junge Frau, angetan mit weißer Bluse und schwarzer Weste, schwarzer Hose an mein Bett und fragt nach Essenswünschen, der Chefarzt kommt zur Visite und ist zufrieden mit der Leistung seines Oberarztes. Ich berichte es ihm, und er freut sich: „Der redet nämlich nicht mit mir.“ Möglich, dass man unter Kollegen mit Lob spart. Hier wäre es angebracht.

Die Nachtschwestern können keinen Sonnenschein zaubern. Sie stellen sich schweigend vor mein Bett und warten auf Ansprache, ein rhetorischer Trick offenbar, der eine unangenehme Situation schafft. damit sie nicht für jede Kleinigkeit herbei gepfiffen werden. In dunklen Nachtstunden malt sich mein überdrehendes Hirn aus, wie es wäre, wenn aus Gründen plötzlich niemand mehr käme. Im SF-Klassiker „The Triffids“ von John Wyndham erlebt der Protagonist das. Er liegt nach einer Augenoperation im Spital und bedauert, dass er nicht wie alle anderen einen Meteoritenschwarm beobachten kann. Am nächsten Morgen ist die öffentliche Ordnung zerbrochen, weil alle, die das Schauspiel am Nachthimmel betrachtet haben, erblindet sind. Glücklicherweise sind meine freundlichen Helfer immer wohlauf.

Sonntag wurde ich operiert, Freitag wird man mich schon entlassen. Ich belege ein Bett und verursache nur noch Kosten. Aber wohin soll ich? Ich lebe allein. Meine Wohnung ist nicht barrierefrei. „Wir bauen alle falsch“, sagt der Physiotherapeut bei der Lymphdrainage. Wer gesund auf beiden Beinen steht, denkt nicht an eine plötzliche Behinderung und baut vor. Die Metapher offenbart das Problem. Vorzubauen ist den meisten von uns unmöglich. Also lieber gesund bleiben.
„Herbei! Herbei! Ich will auf Holz klopfen!“