Experiment gescheitert – Erzählung in Folgen (A)

Nun ist alles verloren. Ich kann mich eben so gut erschießen. Mein geliebtes, verehrtes Fräulein Astrid will mich nicht mehr sehen. Ich habe verschuldet, dass ihr physikalisches Experiment vor den Augen geladener Gäste gescheitert ist. Es hatte soviel davon abgehangen. Nicht nur Forschungsgelder in schwindelerregender Höhe wären ihr zugekommen, sondern auch und vor allem winkte ihre Aufnahme in die internationale Gesellschaft für Pataphysik. Das habe ich durch einen dummen Fehler vereitelt.

Aber muss Fräulein Astrid mich gleich verstoßen? Aus meiner Sicht bin ich beinah unschuldig am Scheitern des Experiments. Schon Tage zuvor stand mein Leben unter einem Unstern. Kleinigkeiten gingen schief oder wurden zu meinen Ungunsten geregelt. Hinzu kommt mindestens ein Versäumnis ihrerseits. Wieso waren die Teilnehmer des Experiments nicht überprüft worden? Stattdessen hing alles von der Geistesgegenwart und dem Improvisationstalent einer blinden Schönheit ab. Außerdem behandelten mich die anderen Teilnehmer des Experimentes herablassend, so dass eine alte, tief sitzende narzisstische Kränkung wieder aufbrach. So war ich im entscheidenden Augenblick zu verwirrt und unfähig zu tun, was erforderlich war. Jede, jeder von uns hat schon einmal vor einem Bankautomaten gestanden und wusste den PIN-Code nicht mehr. Das kann passieren, wir sind halt keine Automaten. So auch im Experiment. Ich hatte meinen Text vergessen und deshalb den richtigen Zeitpunkt verpasst. Nicht ich, sondern Fräulein Astrid wurde zum Gespött ihres Auditoriums, denn sie hatte mich ausgewählt.

Insgesamt waren wir vier Tenöre und ein Unteroffizier einer belgischen Fallschirmjägerbrigade. Die Fünf ist gemeinhin meine Glückszahl, aber ich stand wohl noch immer unter dem Unstern. Unter diesem negativen Einfluss will ich die ganze Geschichte vom Anfang an erzählen, ungeachtet der Gefahr, dass auch das mir misslingen könnte. Lies und entscheide selbst am bitteren Ende:

Irgendwo in der menschenleeren Einöde war ich aus dem Zug gestiegen und stand eine Weile verloren auf dem Bahnsteig. Ob ich hier richtig war? Hoffentlich hatte ich mich nicht mit dem Zeitpunkt vertan. Ein Zug aus der Gegenrichtung traf ein. Als er weitergefahren war, sah ich die Frau mit ihrem Blindenhund. Sie überquerte die Gleise am Überweg und kam auf mich zu. Dabei strich sie mit einem weißen Stock über den Boden. Ich sah ihr erwartungsvoll entgegen. Als das kugelige Ende ihres Stockes meinen Fuß berührte, blieb sie stehen: „Ley?“
„Loreley?“, kalauerte ich, in Anspielung auf ihre wallende Haarpracht. Mich machen schöne Frauen nervös, und eine blinde Schönheit erst recht.
„Mitkommen!“, sagte sie und drehte sich fort. Ich folgte ihrem tastenden Schritt hinüber zu einem versteckten Nebengleis, wo eine Draisine stand. Auf der Pritsche saßen vier Männer, einer in Uniform. Der Schnitt war mir fremd, aber ich erkannte seinen Unteroffiziersrang.
„340 mètres, un petit quelque chose pour moi“, sagte der Unteroffizier wegwerfend.
„Ich stehe an Position vier, und dann reden wir nicht von einer Kleinigkeit, sondern bereits von 1360 Metern.“, sagte einer der Tenöre.
„Sie sind die Fünf“, sagte die Blinde zu mir. Trauen Sie sich 1700 Meter zu oder brauchen Sie ein Megaphon?“
Bevor ich antworten konnte, entschied sie: „Sie brauchen ein Megaphon!“
„Dann will ich auch eines“, sagte Tenor Vier. „Am Ende übertönt mich der Kerl mit seinem Gebrüll.“
„Ich brülle nicht, mein Herr. Ich habe Gesang studiert an der renommierten Universität für Musik und darstellende Kunst zu Wien, und zwar beim berühmten Professor Martin Kratochwil“, sagte ich.
„Soso ’studiert.‘ Jo, glaubet Sie noh, mir hädn unsere Singschdimm gschdohla?“, giftete Tenor Zwei. „I han scho an älle großa Obernhäusr Eurobas gsunga! Vo Ihna hedd man no nirgendwo gehörd.“
„Genau!“, sagte die Drei und hub zu einer Stimmübung an, sang zuerst mit Baßstimme: „Kraut und Rüben…“, um dann in die Kopfstimme zu wechseln: „holen wir von drüben.“

Inzwischen war die Draisine angerollt. Weil der große Hund viel Platz beanspruchte, saßen wir albern zusammengedrängt. Ich saß dicht bei der Blinden. Der Hund lag lang ausgestreckt auf der anderen Seite neben ihr. Sie hielt die Augen schlossen und wirkte ganz nach innen gekehrt. Mir schien, dass die Draisine von der Kraft ihrer Gedanken angetrieben wurde. Das Gleis tauchte in einen Hohlweg ein, der dicht bewachsen war mit Holunderbüschen, Schlingpflanzen und niederem Gehölz. Die Natur schien dabei, den Gleiskörper zurück zu erobern. So nah waren die Büsche an die Gleise herangerückt, dass mir weiter voraus kaum ein Durchkommen möglich schien. Wir mussten unsere Köpfe oft einziehen. Nur die Blinde saß stolz aufrecht, und so oft Büsche und Ranken sie streiften, verzog sie keine Miene. Plötzlich wichen die Sträucher zurück. Der Hohlweg weitete sich, und es bot sich uns ein seltsamer Anblick.

Fortsetzung folgt

Ein Kommentar zu “Experiment gescheitert – Erzählung in Folgen (A)

  1. Pingback: Experiment gescheitert (5) – Acht Omas uzen einen Igel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.