creepy

Wieder mal habe ich mein Blog mit einer längeren Erzählung in den Keller geschrieben, heute auch keine Zeit gehabt, sie weiter zu führen, bin aber auch traurig deswegen. Im Keller ist nicht gut schreiben, und sich aus dem Keller herauszuschreiben, große Kunst, die ich nicht beherrsche. Mein vertrauter Lektor schlug vor, ich sollte über Missgeschicke schreiben, wenn ich mein Blog wiederbeleben wollte. Das kann ich mal rasch. Ich war beim Friseur. Früher, wenn ich meinem Freund Coster sagte, ich sei beim Friseur gewesen, sagte er zuverlässig: „Und warum bist du nicht drangekommen?“

Diesmal könnte er das nicht mehr sagen, denn der Friseur hat mir ein Plätzchen geschnitten, will sagen, ich weiß gar nicht, wie ich die Frisur mit Würde tragen soll. Also behielt ich heute fast überall die Mütze auf. Böse Zungen werden sagen, dass ein Friseur es auch schwer hätte mit meinen Haaren und meinem Kopf. Gegenfrage: Warum müssen die einen ihnen völlig unbekannten Friseur in Schutz nehmen? Solidarität geht anders. Ich erwarte ja nicht, dass er gleich geteert und gefedert wird. Obwohl … dieser hübsche Brauch gehört wiederbelebt, besonders bei Friseuren. Aber zumindest wäre es an der Zeit, mich zu bedauern.

Experiment gescheitert – Folge I

Die Draisine fuhr hinaus in die Ebene. Hinter uns verebbte der Applaus. Das Gleis führte jetzt über einen flachen Damm. Wir durchquerten ein Feuchtgebiet. Ab und zu sah man im kümmerlichen Gras große Lachen stehen. Eine Weile war nur das Rollgeräusch der Räder auf den Schienen zu hören. Plötzlich sang Madame Dobbelstein: „Eisen auf Eisen rollt sich ab, tock tock.“ Der Hund hob den Kopf und ich erschrak. Es war, als hätte die Blinde uns einen Moment in ihre Welt einbezogen, die ja mehr Ton war als Anblick.

Der Unteroffizier unterbrach diesen zauberischen Augenblick: „Ich versteh nicht, warum ich nicht direktemang vor die Leuten stehen bleiben kann.“

„Sie sprechen ja Deutsch!“, sagte ich erstaunt.

„Ich komme aus Eupen“, antwortete der Unteroffizier. „Da lernt man Deutsch auf die Straße. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Die Sprache muss du lernen, Deutsch lernst du sowieso.‘ Die Sprache, weiß jeder, das ist Französisch. Très bien. Also, warum muss ich mit Sie in diese trostlose Einöde rausfahren, Madame Dobbelstein?“

„Aus Gründen der Harmonie und des Wohlklangs. Wenn sie direkt vor dem Auditorium stünden, müssten sie ja nicht rufen. Die anderen Vokale werden aber gerufen. Darum.“

Der Schwabe, zuständig für das E, sagte: „I verschdehe des Exberimend sowieso ned. Mi inderessierd nur des Honorar. Mir Schwaba achda eba uf’s Geld – ond bringa’s deshalb zu ebbes.“

„Aber wird man Sie an den großen Opernhäusern Europas nicht schmerzlich vermissen, derweil Sie hier in der Einöde nur den Vokal e plärren?“, fragte ich.

Der Schwabe warf mir einen giftigen Blick zu und sagte: „Ganz dünnes Eis, der Herr.“

Kollege I bat: „Könnten Sie uns das Experiment noch einmal erklären, Madame Dobbelstein?“

Madame Dobbelstein legte den Kopf schief und lauschte. Kollege I hatte sich bislang gar nicht gemeldet, tauchte also neu in ihrem Universum auf. Sie sagte: „Sie müssen Herr I sein. Also: Lichtenberg schlägt vor, dass fünf Personen unsere Vokalreihe a-e-i-o-u aufsagen, und zwar von hinten, also u-o-i-e-a, will aber, dass eine weitere Person a-e-i-o-u zu hören bekommt. Wie soll das gehen? Es könnte gelingen, wenn die fünf Personen nicht nebeneinander stünden, sondern im Abstand von je 340 Metern. Der Schall legt diese Distanz in einer Sekunde zurück. Zuerst wird Herr Ley also den Vokal U rufen, aus einer Entfernung von 1700 Metern. Sein Ruf benötigt 5 Sekunden, um bei den Hörern einzutreffen, Das O, aus einer Entfernung von 1360 Metern trifft nach 4 Sekunden ein, Ihr Ruf „i“ nach drei Sekunden, des Schwaben „e“ nach zwei Sekunden, des Eupeners „a“ nach einer Sekunde. Somit käme jeder Vokal gleichzeitig bei den Hörern auf der Tribüne an. Darum werden Sie die Vokale um eine Sekunde zeitversetzt rufen. Achten Sie auf den Piepton! Das Auditorium hört dann die richtige Abfolge, also a-e-i-o-u , obwohl sie falsch herum aufgesagt wurde.“

„Verstehe ich, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. All der Aufwand – für diese Spielerei?“

„In arte voluptas. – In der Kunst liegt das Vergnügen! Friedrich Schiller sagt:
Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Madame Dobbelstein unterschlug dabei, dass Fräulein Astrid durchaus eigennützige Interessen verfolgte, anders als Lichtenberg, der lediglich ein Gedankenexperiment umrissen hatte.

Vor uns, linker Hand tauchte die erste Station auf, erkennbar an einem Tisch, auf dem fünf Megaphone in Reihe auf ihre Trichter gestellt waren. Der Hund knurrte, Madame Dobbelstein brachte die Draisine zum Stehen und sagte: „Hopp, meine Herren, greifen Sie sich ein Megaphon und die Kopfhörer, und Sie, Herr Unteroffizier, nehmen Station A ein! Ich sende Ihnen ein Signal, sobald wir die ferne Station U erreicht haben und auch Herr Ley bereit zum Rufe ist.“

Hier entpuppte sich mein Kontrahent, Herr O, als Saboteur. Vielleicht war er auch nur ungeschickt. Jedenfalls stieß er mein Megaphon vom Tisch.

Fortsetzung folgt