Experiment gescheitert – Folge E

Unsere Draisine rollte aus dem Hohlweg und hielt. Links der Strecke war aus einem Aluminiumgestänge eine kleine Tribüne aufgebaut. Etwa 20 Leute zu je fünf nebeneinander saßen übereinandergestapelt in Fahrtrichtung, wo sich in der Ferne das Gleis hinter einer Biegung verlor. Jetzt wandten sich die Gesichter uns zu. Fräulein Astrid, schön anzusehen, so ätherisch, so berückend androgyn, festlich in ein graublaues Kostüm gekleidet, trat neben die Draisine und sprach in ein Haedsetmikrophon:

„Verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Pataphysik an der RWTH Aachen. Gerade sind die Akteure meines akustischen Experimentes eingetroffen, vier ausgebildete Sänger und ein Unteroffizier, der seine Stimme auf dem Kasernenhof trainiert hat.“ Die blinde Loreley trat an die Tribüne und verteilte Fotokopien. Fräulein Astrid fuhr fort: „Gestatten Sie, dass ich etwas weiter aushole. Vor einigen Monaten wurde mir ein Blatt unbekannter Herkunft zum Kauf angeboten, dessen Fotokopie Sie gerade bekommen.“ Sie wartete einen Moment, bis alle Kopien weitergereicht waren. Dann fuhr sie fort:

„Über der idealtypischen Zeichnung lesen Sie eine Bemerkung Lichtenbergs:

‚Man könnte fünf Personen so stellen, dass der erste u, der zweite o und so weiter i, e, a aussprächen und danach ein sechster a, e, i, o, u sagen hörte‘,
also die klassische Vokalreihe unseres Alphabets. Der unbekannte Autor des Blattes hat sich offenbar mit der Frage beschäftigt, wie das in der Praxis zu bewerkstelligen wäre. Was Lichtenberg als Idee lieferte, ein Unbekannter zeichnete und als Konzept niederlegte, will ich heute in einem akustischen Experiment demonstrieren, dessen physikalische Grundlage die Geschwindigkeit ist, in der sich Schallwellen verbreiten.

Die Versuchsanordnung ist wie folgt: Madame Dobbelstein, meine Assistentin, wird die Herren mit der Draisine zu vorher ausgemessenen Stationen am Gleis fahren. Monsieur Unteroffizier wird die 340 Meter entfernte Station a besetzen, die anderen Herren die weiteren Stationen, also in 680, 1020, 1360 und 1700 Metern Entfernung. Sie werden von dort den ihnen zugewiesenen Vokal rufen, und zwar auf ein um Sekunden gestaffeltes Funksignal hin. Damit die Lautstärke reicht, wird Madame Dobbelstein alle Rufer mit einem Megaphon ausstatten. Die von Lichtenberg genannte sechste Person sind Sie, meine Damen und Herren. Sie werden die Vokalreihe wohlgeordnet hören, obwohl sie verkehrt herum ertönt. Wir haben an diesem schönen Märztag genau 15 Grad Celsius. So herrschen optimale Bedingungen für die Schallausbreitung.“

Während dieses Vortrags spürte ich, wie große Nervosität in mir aufkeimte, eine Sorte Lampenfieber. Und ehrlich gesagt, hatte ich weder Lichtenbergs Idee noch die Versuchsanordnung richtig verstanden. Auch fiel mir wieder der bedeutende theoretische Physiker Wolfgang Pauli ein, in dessen Gegenwart erstaunlich viele Experimente scheiterten, ja, sogar technische Einrichtungen versagten und zerbrachen, weshalb derlei unerklärlichen Phänomene „Pauli-Effekt“ heißen. Demnach lautet das „zweite Paulische Ausschließungsprinzip“: „Es ist unmöglich, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im selben Raum befinden.“ Pauli verstarb 1958. Im gleichen Jahr war ich geboren. Was, wenn der Pauli-Dämon, durch Paulis Tod heimatlos geworden, just in meinen unschuldigen Säuglingsbalg gefahren wäre? Und ich hätte ihn all die Jahre arglos beherbergt, nicht wissend, welches Unheil in mir schlummerte. Ich hatte noch nie an einem physikalischen Experiment teilgenommen, weshalb ich nicht wusste, ob meine Teilnahme sich als Störfaktor erweisen würde.

Madame Dobbelstein und ihr Hund nahmen wieder bei uns auf der Draisine Platz. Als sie sich langsam in Bewegung setzte, rief Fräulein Astrid uns zu: „Machen Sie ihre Sache gut, meine Herren!“, und unter dem Beifall des Auditoriums rollten wir davon.

Fortsetzung folgt