Unter Gemüseschnitzern (3) – Kein Glück ohne Schatten

„Warum noch darüber reden? Das alles macht mir Weltschmerz. All den Lug und Betrug aus den Reihen der machtgeilen Politik, das Leid, dass diese Leute im Dienste eines angeblichen Infektionsschutz bei Alten, Kranken, Familien und Kinder angerichtet haben, die Ignoranz unserer Medien, die inquisitorische Weise, in der man Kritiker mundtot machen will, kann ich kaum ertragen. Und mich schmerzt, dass Freunde und Freundinnen, deren Intelligenz und Urteil ich geschätzt habe, der Panikmache und Angstmacherei zum Opfer gefallen sind.“

„Ich heule gleich“, sagte der Schriftsteller.

„Na na, der Lockdown war nötig, stand in meiner geliebten FAZ“, sagte Frau Spangenberg.

„Aber unser Gesundheitssystem war zu keiner Zeit überlastet. Und die alberne Maskenpflicht wurde erst eingeführt, als der magische „R-Wert“ weit unter 1 war und die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern leer standen.“

Der Weg führte nun steil bergab. Inzwischen sahen wir unter uns in die Mauereinfassung der Grabanlage mit der zentralen Pyramide, die der Graf von Münster sich hatte erbauen lassen.

„Wie glücklich die Zeiten, als die Eliten sich mit derlei Quatsch begnügt haben“, sagte ich.

„Das werden die Dienstboten anders gesehen haben, als sie dem Fürsten zu Lebzeiten die Genüsse den Berg hinaufschaffen und servieren mussten, nur damit er Tee schlürfend den Blick auf sein Anwesen und die Ländereien genießen konnte“, wandte der Schriftsteller ein,

„Da sind sie wenigstens fit geblieben“, sagte Frau Spangenberg,

„Inzwischen ist auch der die Fitteste von ihnen längst tot“, sagte der Schriftsteller düster und ließ sich auf eine Bank sinken. „Fitness wird total überschätzt. Ich gehe keinen Schritt mehr weiter.“

„Ob sich aber ein Dummer findet und Ihnen das Abendessen bringt?, lachte Frau Spangenberg.

„Der Hunger treibt ihn schon rein“, sagte ich und ging weiter. Die Aussicht, mit Sibylle Spangenberg alleine weiter zu bummeln, war höchst erfreulich. Zum Glück blieb der Dicke sitzen.

„Sie hätten ihn ruhig ermuntern können“, rügte sie.

„Warum sollte ich? Ihre aparte Gesellschaft reicht mir.“

„Mich beunruhigt, dass Sie so düstere Gedanken denken. Können Sie auch anders?“, fragte Sibylle Spangenberg.

„Oja. Es gibt auch bei mir seltene Minuten, da ich von innerer Zufriedenheit durchdrungen bin, dass mir nichts zu fehlen scheint.“

Der Weg folgte nun den Windungen eines Baches. Im dichten Buschwerk der Uferböschung erhob sich ein Kirschbaum mit leuchtend roten Früchten.

„Die hängen leider zu hoch“, sagte ich.

„Wieso?“ Frau Spangenberg stieg in die Böschung, reckte sich zu einem Zweig hin, der voller Kirschen hing und pflückte sie.

„Mein Bruder hat gesagt: ‚Mit einer großen Frau ist nicht gut Kirschen essen‘.“

„Ihr Bruder hatte wohl keine Ahnung“; sagte sie lachend und gab mir ihre Handvoll Kirschen. Sie schmeckten köstlich. Aber ich biss mir auf die Zunge und schmeckte Kirschsaft mit einer Ahnung von Blut. Kein Glück ohne Schatten.

Links: Die gesponserte Pandemie

Die Ballerman-Hysterie

Covid19-Entscheidungen und -Debatte sind wie der Offenbarungseid einer beschränkten Politik und abnickender Medien


Unter Gemüseschnitzern (2) – Weltschmerz

Wie warteten, bis Frau Spangenberg heran gekommen war, nahmen sie in die Mitte und stiegen gemeinsam hinan. Im Wald hatte man im großen Stil Bäume gefällt, die Stämme seitlich des Wegs aufgestapelt, das Knüppelholz aber achtlos im Wald und sogar über den Weg verstreut. Stellenweise mussten wir hintereinander gehen. Ich hatte Mühe, nicht zu straucheln, während die Spangenberg hurtig bergan eilte und scheinbar mühelos wie das göttliche Kind über alle Hindernisse hinweg schritt.

„Ich möchte nicht wissen, wie es bei dem Förster zu Hause aussieht, der das Chaos hier zu verantworten hat“, sagte ich.

Frau Spangenberg lachte. Bringst du eine Frau zum Lachen, hast du schon gewonnen, freute ich mich. Der korpulente Schriftsteller blieb schnaufend zurück und schien aufgeben zu wollen. Frau Spangenberg wusste ihn zu motivieren. „Oben am Teehaus gibt es eine Bank. Da können Sie verschnaufen und uns erzählen, was sie schreiben.“

„Meistens schreibe ich Dystopien“, sagte der SF-Schriftsteller düster.

„Gibt es nicht genug? Das Genre ist doch schon voll von Dystopien“, wandte ich ein.

„Man kann sich schlechte Welten einfach besser vorstellen, wenn man derzeitige negative Entwicklungen weiter in die Zukunft denkt.“

Wir erreichten die Bank und setzten uns. Vor uns erhob sich auf einem Sockel das unförmige Teehaus, einem dorischen Tempel nachempfunden, den der Hannoveraner Architekt Georg Ludwig Friedrich Laves im Jahr 1827 dem Grafen auf den Berg baute. Sagt man so, obwohl Laves keine Steine geschleppt haben wird.

„Hauptsache plausibel. Die Menschen mögen es, wenn die Entwicklungen so dargestellt sind, dass jeder mitkommt“, sagte ich.

„Ich weiß nicht“, widersprach Frau Sprangenberg. „Die menschliche Erfahrung lehrt etwas anderes. Schon der Blick in die Vergangenheit zeigt genau das Gegenteil von Plausibilität: “ Sie deutete mit ihrer schönen Hand in die Runde: „Der griechische Tempel hier, die Grabpyramide im Tal und die Fischerhäuser an der Straße. Das architektonische Ensemble mit dem Schloss und den weitläufigen Gebäuden der Meierei. Plausibel ist doch nur das umgebende Idyll. Wenn wir nicht wüssten, dass die Anlage einst ein Zisterzienserkloster gewesen ist und ein Fürst es im 19. Jahrhundert der Kirche entrissen hat, um das Haupthaus im Tudorstil zum Schloss umzubauen, stünden wir vor einem Rätsel und würden nichts mit unserer Gegenwart zusammenbringen können.“

„Das deprimiert mich ja so“, sagte der Schriftsteller. „Wenn man die derzeitige Entwicklung unserer Gesellschaft zur Gesundheitsdiktatur betrachtet, so ist auch nichts plausibel. Schon die handelnden Figuren sind es nicht. Die Charaktere sind so schlecht entwickelt, einfach dumm. Kein Verlag würde mir ein Manuskript abnehmen mit Figuren wie Frau Merkel, Jens Spahn, Karl Lauterbach und so weiter. Dass derlei banale Menschen die Akteure sind, hätte ich nie erwartet. Und dass es kaum gesellschaftlichen Widerstand gibt, das völlige Versagen der Leitmedien als kontrollierende Vierte Gewalt, ihr arrogantes Ignorieren der Fakten, das alles ist nicht plausibel. Einzig wie sie Abweichler, Zweifler und Kritiker dämonisieren, das erinnert an längst bekannten religiösen Eifer.“

„Plausibel ist die Entwicklung schon“, sagte ich. „Ich muss immer denken an Warren Buffetts Befund, dass die Klasse der Superreichen einen Klassenkampf begonnen hätten.’There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.‘ Waren das nur Worte des zweitreichsten Mannes der Welt oder gab es konkrete Kriegshandlungen?“

Müde bestätigte der Schriftsteller: „Er hat das anlässlich der Finanzkrise gesagt. Banken wurden mit Steuergeldern gerettet, und am Ende waren die Superreichen noch reicher geworden. Das Geld wurde also von unten nach oben geschaufelt.“

„Hinsichtlich der Kriegsmetapher war die Finanzkrise ein Scharmützel“, warf Frau Spangenberg ein.

„Ja, die nächste Kampfhandlung, der nächste Angriff muss heftiger sein. Wie könnte es weitergehen? Entwickeln Sie ihre Dystopie, Herr Schriftsteller!“, sagte ich.

„Zuerst bringt die Pharmaindustrie die WHO dazu, die Definition der Pandemie zu ändern, damit man eine ausrufen kann trotz geringer Todesfälle wie damals bei der Schweinegrippe. Dann versetzt man die Leute durch geschicktes Marketing in Todesangst, so dass sie nicht mehr geradeaus denken können. Dann macht man mit Shotdowns und Lockdowns den Mittelstand kaputt, so dass die großen Wirtschaftsplayer sich deren Marktanteile unter den Nagel reißen können.“

„Nicht besonders originell“, sagte ich. Genau das ist doch passiert oder passiert derzeit. Die Auswirkungen können wir jetzt schon sehen an Amazon und dem Bankrott von Karstadt/Galeria Kaufhof.“

„Ich bin halt müde. Wie kann ich mir eine eigenständige Dystopie ausdenken, wenn die Welt erkennbar auf eine zustrebt?“, fragte der Schriftsteller. „Wenn der Krieg bereits im Gange ist und in so großem Stil geführt wird, wie Sie sagen, ist eh alles verloren. Dann bleibt uns nur Gemüseschnitzen und sonstiger Eskapismus. Warum sollten wir noch über die derzeitige Entwicklung reden?“

Fortsetzung: Kein Glück ohne Schatten

Unter Gemüseschnitzern – eine Erzählung aus unseren Tagen in drei Folgen

„Das weiß doch inzwischen jeder Dorfdepp, dass man eine Dame nicht nach ihrem Falter fragen darf“, sagte Referent Carlo Mobenbach und schaute streng in die Runde. Als sein eisiger Blick an mir hängen blieb, zuckte ich schuldbewusst zusammen und fragte: „Auch Stubenmädchen nicht?“

Mobenbach schnaubte: „die Hausdame ist kein Stubenmädchen. Den Unterschied sollte ebenfalls jeder Dorftrottel kennen.“

„Entschuldigung, ich bin nicht von hier und übernachtete nie zuvor in einem Etablissement, in dem die Stubenmädchen Hausdamen sind und oder umgekehrt.“

Die aparte Kulturwissenschaftlerin, die mir seit Beginn des Seminars „Lebensart und Gemüseschnitzen“ schöne Augen gemacht hatte, eine gewisse Sibylle Spangenberg, sprang mir bei. „Heute Morgen habe ich einen großen Nachtfalter auf meinem Handtuch gefunden und keinen Moment gezögert, die Hausdame zu rufen und zu fragen, wie sich der Falter in mein Bad hat verirren können. Das ist doch die natürlichste Reaktion der Welt.“

Carlo Mobenbach geriet für einen Moment aus dem Konzept, stieß seine Manuskriptseiten mit den Kanten auf dem Tisch auf, griff an seine Brille und sagte: „Wer wäre ich, Ihnen, Frau Doktor Spangenberg, zu widersprechen. Äh, ich korrigiere. Ein Tippfehler offenbar. Gemeint ist nicht ‚Falter‘. Es muss natürlich ‚Falten‘ heißen. Eine Dame fragt man nicht nach ihren Falten, merken Sie sich das, Herr Trittenheim!“

„Aaalter:“

„Wie bitte?“

„Da wo ich herkomme, fragt niemand eine Dame nach ihren Falten. Vielmehr wissen wir, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragen darf. Hingegen ist es ratsam, sich nach ihrem Alten zu erkundigen.“ Ich zwinkerte der Dame Spangenberg zu.

„Der ist auf Geschäftsreise in Porno.., äh, Portugal“, sagte Frau Sibylle errötend.

„Nachdem jetzt alle Missverständnisse geklärt sind, entlasse ich Sie in die Pause“, sagte Carlo Mobenbach. „Abendessen gibt es in zwei Stunden. Sie haben also Zeit genug, die idyllische Umgebung zu erkunden.“

Das Auditorium, 15 Leute an der Zahl, rückte die auf Lücke gesellten Stühle und begab sich nach draußen auf den sonnigen Schlosshof. Bedauernd sah ich, dass Frau Spangenberg von der kleinen Sterneköchin vereinnahmt worden war. Ich hörte sie sagen: „Ich bin gespannt auf das Gemüsesschnitzen. Bisher kann ich nur Röschen aus Tomaten gestalten. Habe ich von meiner Mutter gelernt. Und die hat es von ihrer Mutter. Unsere ganze Familie kann Tomatenrosen schnitzen.“

„Aha“, sagte Frau Spangenberg. „Sie wollen also das karge Familienvermögen bereichern.“

Ich wandte mich ab und gabelte den trübsinnigen Sciencefiction-Autor auf, der in seiner ganzen Pummeligkeit wie ein Trottel da stand und seine Fußspitzen betrachtete. „Kommen Sie mit auf den Hügel? Ich will mir das griechische Teehaus des Grafen anschauen.“

„Diese Geschmacksverirrung schreckt mich nicht. Mir ist eh alles egal“, sagte der Mann und folgte mir zum Wald. Am Weg zum Teehaus wies ein windschiefes Schild den Laves-Kulturpfad aus. Gerade als wir in den steilen Pfad einbogen, rief Frau Spangenberg von der Toreinfahrt herüber: „Huhu! Ich komme mit Ihnen!“

Fortsetzung: Weltschmerz am griechischen Tempelbau

Experiment gescheitert – Folge E

Unsere Draisine rollte aus dem Hohlweg und hielt. Links der Strecke war aus einem Aluminiumgestänge eine kleine Tribüne aufgebaut. Etwa 20 Leute zu je fünf nebeneinander saßen übereinandergestapelt in Fahrtrichtung, wo sich in der Ferne das Gleis hinter einer Biegung verlor. Jetzt wandten sich die Gesichter uns zu. Fräulein Astrid, schön anzusehen, so ätherisch, so berückend androgyn, festlich in ein graublaues Kostüm gekleidet, trat neben die Draisine und sprach in ein Haedsetmikrophon:

„Verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Pataphysik an der RWTH Aachen. Gerade sind die Akteure meines akustischen Experimentes eingetroffen, vier ausgebildete Sänger und ein Unteroffizier, der seine Stimme auf dem Kasernenhof trainiert hat.“ Die blinde Loreley trat an die Tribüne und verteilte Fotokopien. Fräulein Astrid fuhr fort: „Gestatten Sie, dass ich etwas weiter aushole. Vor einigen Monaten wurde mir ein Blatt unbekannter Herkunft zum Kauf angeboten, dessen Fotokopie Sie gerade bekommen.“ Sie wartete einen Moment, bis alle Kopien weitergereicht waren. Dann fuhr sie fort:

„Über der idealtypischen Zeichnung lesen Sie eine Bemerkung Lichtenbergs:

‚Man könnte fünf Personen so stellen, dass der erste u, der zweite o und so weiter i, e, a aussprächen und danach ein sechster a, e, i, o, u sagen hörte‘,
also die klassische Vokalreihe unseres Alphabets. Der unbekannte Autor des Blattes hat sich offenbar mit der Frage beschäftigt, wie das in der Praxis zu bewerkstelligen wäre. Was Lichtenberg als Idee lieferte, ein Unbekannter zeichnete und als Konzept niederlegte, will ich heute in einem akustischen Experiment demonstrieren, dessen physikalische Grundlage die Geschwindigkeit ist, in der sich Schallwellen verbreiten.

Die Versuchsanordnung ist wie folgt: Madame Dobbelstein, meine Assistentin, wird die Herren mit der Draisine zu vorher ausgemessenen Stationen am Gleis fahren. Monsieur Unteroffizier wird die 340 Meter entfernte Station a besetzen, die anderen Herren die weiteren Stationen, also in 680, 1020, 1360 und 1700 Metern Entfernung. Sie werden von dort den ihnen zugewiesenen Vokal rufen, und zwar auf ein um Sekunden gestaffeltes Funksignal hin. Damit die Lautstärke reicht, wird Madame Dobbelstein alle Rufer mit einem Megaphon ausstatten. Die von Lichtenberg genannte sechste Person sind Sie, meine Damen und Herren. Sie werden die Vokalreihe wohlgeordnet hören, obwohl sie verkehrt herum ertönt. Wir haben an diesem schönen Märztag genau 15 Grad Celsius. So herrschen optimale Bedingungen für die Schallausbreitung.“

Während dieses Vortrags spürte ich, wie große Nervosität in mir aufkeimte, eine Sorte Lampenfieber. Und ehrlich gesagt, hatte ich weder Lichtenbergs Idee noch die Versuchsanordnung richtig verstanden. Auch fiel mir wieder der bedeutende theoretische Physiker Wolfgang Pauli ein, in dessen Gegenwart erstaunlich viele Experimente scheiterten, ja, sogar technische Einrichtungen versagten und zerbrachen, weshalb derlei unerklärlichen Phänomene „Pauli-Effekt“ heißen. Demnach lautet das „zweite Paulische Ausschließungsprinzip“: „Es ist unmöglich, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im selben Raum befinden.“ Pauli verstarb 1958. Im gleichen Jahr war ich geboren. Was, wenn der Pauli-Dämon, durch Paulis Tod heimatlos geworden, just in meinen unschuldigen Säuglingsbalg gefahren wäre? Und ich hätte ihn all die Jahre arglos beherbergt, nicht wissend, welches Unheil in mir schlummerte. Ich hatte noch nie an einem physikalischen Experiment teilgenommen, weshalb ich nicht wusste, ob meine Teilnahme sich als Störfaktor erweisen würde.

Madame Dobbelstein und ihr Hund nahmen wieder bei uns auf der Draisine Platz. Als sie sich langsam in Bewegung setzte, rief Fräulein Astrid uns zu: „Machen Sie ihre Sache gut, meine Herren!“, und unter dem Beifall des Auditoriums rollten wir davon.

Fortsetzung folgt

Experiment gescheitert – Erzählung in Folgen (A)

Nun ist alles verloren. Ich kann mich eben so gut erschießen. Mein geliebtes, verehrtes Fräulein Astrid will mich nicht mehr sehen. Ich habe verschuldet, dass ihr physikalisches Experiment vor den Augen geladener Gäste gescheitert ist. Es hatte soviel davon abgehangen. Nicht nur Forschungsgelder in schwindelerregender Höhe wären ihr zugekommen, sondern auch und vor allem winkte ihre Aufnahme in die internationale Gesellschaft für Pataphysik. Das habe ich durch einen dummen Fehler vereitelt.

Aber muss Fräulein Astrid mich gleich verstoßen? Aus meiner Sicht bin ich beinah unschuldig am Scheitern des Experiments. Schon Tage zuvor stand mein Leben unter einem Unstern. Kleinigkeiten gingen schief oder wurden zu meinen Ungunsten geregelt. Hinzu kommt mindestens ein Versäumnis ihrerseits. Wieso waren die Teilnehmer des Experiments nicht überprüft worden? Stattdessen hing alles von der Geistesgegenwart und dem Improvisationstalent einer blinden Schönheit ab. Außerdem behandelten mich die anderen Teilnehmer des Experimentes herablassend, so dass eine alte, tief sitzende narzisstische Kränkung wieder aufbrach. So war ich im entscheidenden Augenblick zu verwirrt und unfähig zu tun, was erforderlich war. Jede, jeder von uns hat schon einmal vor einem Bankautomaten gestanden und wusste den PIN-Code nicht mehr. Das kann passieren, wir sind halt keine Automaten. So auch im Experiment. Ich hatte meinen Text vergessen und deshalb den richtigen Zeitpunkt verpasst. Nicht ich, sondern Fräulein Astrid wurde zum Gespött ihres Auditoriums, denn sie hatte mich ausgewählt.

Insgesamt waren wir vier Tenöre und ein Unteroffizier einer belgischen Fallschirmjägerbrigade. Die Fünf ist gemeinhin meine Glückszahl, aber ich stand wohl noch immer unter dem Unstern. Unter diesem negativen Einfluss will ich die ganze Geschichte vom Anfang an erzählen, ungeachtet der Gefahr, dass auch das mir misslingen könnte. Lies und entscheide selbst am bitteren Ende:
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Die Schreibstube (6) – Obsession und Liebesqual

Im Februar diesen Jahres veröffentlichte ich fünf Folgen einer Erzählung und beließ sie als Fragment. Inzwischen habe ich weitere Folgen geschrieben und die ersten Folgen daran angepasst. Zur Erinnerung hier der Link zu den ersten, leicht überarbeiteten Folgen.

Einer wie ich sollte kein Verhältnis haben. Ich bin dafür nicht gemacht. Als ich das merkte, war es zu spät. Ich war rettungslos in die Frau eines anderen verliebt. Wenn wir uns nicht sehen konnten, entbehrte ich sie, fand keine Ruhe, verlor das Interesse an vielem, was mir einst wichtig gewesen war. „Sie hat sich in Ihr Herz gekrallt“, sagte meine Vertraute, unsere Prokuristin Frau Kaspar, der ich mein Leid geklagt hatte. „Ich kenne solche Frauen“, fuhr sie fort, „wen sie haben, lassen sie nicht mehr los. Mein Neffe Günther ist auch an so eine geraten. Am Ende hat er sich aufgehängt.“ „Derlei mag ich nicht hören, Frau Kaspar. Es kommt mir vor wie Verrat an Helen.“ Doch insgeheim gab ich ihr Recht. Auf hellseherische Weise gelang es Helen immer wieder, meine Versuche, ihr zu entkommen, zu torpedieren. Nur ein Beispiel von vielen: Einmal sagte sie mir, wir könnten uns einige Tage nicht sehen, weil sie mit ihrem Mann nach Madrid fahren müsse. Ich verabredete mich mit der schönen Bibliothekarin, die ich auf einer Vernissage getroffen hatte, um auf andere Gedanken zu kommen. Just am Abend der Verabredung schickte mir Helen eine Nachricht, sie habe das ganze Wochenende Zeit, weil ihr Mann alleine gefahren sei. Natürlich versetzte ich die Bibliothekarin. So schlimm war es um mich bestellt.

„Wenn ich mit ihm schlafe, stelle ich mir vor, dass du es bist“, sagte Helen. Was eine Liebeserklärung sein sollte, geriet mir zur Höllenqual und pflanzte mir einen Pflock unter die Haut. Es war dies etwas, was ich bislang verdrängt hatte. Aber nun suchten solche Gedanken sich wie gierige Würmer in mein Gehirn zu bohren. Wenn ich nicht auf der Hut war, dann fragte ich mich, wann es denn wohl geschehen würde, ob es gerade in diesem Augenblick wäre, und dann quälte ich mich durch unruhige Stunden, bis ich sagen konnte, ganz gleich wie und wo sie es getan haben, jetzt wird es vorbei sein. Es war dies die Zeit, in der meine Schlafstörungen begannen. Manchmal dachte ich auch, dass es ungerecht sei, wenn Helen beim Ficken mit ihrem Mann an ihn mich dachte. Er bekam dann etwas, was ihm gar nicht zustand, da es nicht auf ihn gemünzt war.

Einmal schilderte sie mir ganz arglos das abendliche Ritual des Zubettgehens: „Zuerst gehe ich nach oben ins Bad, ziehe mich aus, putze mir die Zähne und so. Nach einiger Zeit ruft er von unten, ob ich fertig bin. Dann kommt er hoch und geht ins Bad. Ich liege schon im Bett, und wenn er dann ins Schlafzimmer kommt, bin ich oft schon eingeschlafen.“ Es war blauäugig, doch ich tröstete mich nun öfter mit der Vorstellung einer bereits schlafenden Helen. Andererseits war es gerade dieses konkrete Bild, das meine Phantasie beflügelte. Dieses Hin und Her von Hoffnung und Befürchtung, das brachte mir kreisförmige Gedanken, die durch meinen Kopf tickten, wenn ich nicht schlafen konnte. Francis Picabia, der Surrealist und Boxer, hatte gesagt: „Der Kopf ist rund, damit unsere Gedanken ihre Richtung ändern können“. Picabia war ein Lebemann und Spieler gewesen. Gewiss hatte er an die Bande eines Billardtisches gedacht. Meine trüben Gedanken hielten sich auf quälende Weise an Picabias Idee. Ich wischte sie beiseite, aber sie titschten inwändig gegen meine Schädeldecke und kehrten mit Drall zurück, um neues Unheil anzurichten. Manchmal lag ich wie gelähmt auf meinem Bett und schickte meine Blicke gegen Wände und Zimmerdecke. Aber wenn es mir gar zu unerträglich wurde, richtete sich etwas in mir auf, das besah mich von außen und versetzte mir einen kumpelhaften Rippenstoß. „Wenn deine Zimmerwände aus Kupfer wären, dann hätten sie lauter kleine Dellen wie getrieben.“

Dann sollte etwas geschehen, das mir alles in neues Licht setzte.

Fortsetzung

Editorial – Wenn der Autor einen neben sich gehen hat

Meine lieben Damen und Herren,
zu den Besonderheiten unseres Publikationsmediums zählt die Nähe zwischen Schreiberinnen und Leserinnen, Schreibern und Lesern, einmal bedingt durch die zeitliche Nähe von Schreiben und Lesen, jedoch hauptsächlich durch die Kommentarfunktion. Sie ermöglicht den persönlichen Kontakt auf eine Weise, wie es im Printmedium unmöglich oder nur selten möglich ist. Man muss schon eine öffentliche Autorenlesung besuchen, dann auch noch Glück haben, um mit Autorin oder Autor ins Gespräch zu kommen.

Diese Nähe in unserem Medium führt auch zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Autor und Icherzähler. Aus der Buchkultur sind wir gewöhnt an die Vorstellung, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden gibt. Der Autor, die Autorin ist eine reale Person, der Icherzähler/die Icherzählerin ist fiktional, also der Vorstellung entsprungen und lebt nur zwischen Buchdeckeln.

Die in drei Folgen veröffentlichte Erzählung „Bückling vor dem Formular“ ist so ein Fall. Sie ist bereits im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „In meinem Bügeleisen ist beinah Vollmond.“ Man könnte jedoch glauben, dass sich in ihr Ereignisse abspielen, die meine derzeitigen Probleme betreffen. Die reale Vorlage für Jeremias Coster, mein Aachener Freund Thomas Haendly, ist bereits tot, und das Geschehen ist in Aachen angesiedelt, ohne dass es erkennbar wäre. Das geschilderte Konditorei-Café existiert wirklich.

Da ich in einigen Blogtexten persönliche Erfahrungen schildere, manchmal aber rein fiktional in Ichform erzähle, trage ich ungewollt zur Verwischung der Rollen bei. Deshalb will ich erzählenden Texten zukünftig eine eigene Kategorie zuweisen und ein eigenes Ikon voranstellen, das Traumzeit-Ikon. Das Bild ist der Ausschnitt aus einer farbigen Tusche-Arbeit, die ich gezeichnet habe, als ich noch jung und knusprig war. Nach und nach werde ich zurückliegende Texte in die Rubrik einordnen, auch die Erzählung „Bückling vor dem Formular“, wie bereits geschehen.

Mikroben (3)

Folge 1Folge 2

Wie kommen Sie dazu, sich die Schuld an Minnas Tod zu geben?“
„Wegen der Mikroben, die Dr. Ehrenfelder in seinem Labor aufbewahrt hat. Es war wohl ein besonders aggressiver Mikrobenstamm, der in Höhlen lebt, genau an den Orten, wo auch die ersten Menschen gelebt haben. Das steht alles in seinem Aufsatz. Ich hatte bei meinem Sturz eine Flasche zerstört und dabei jene speziellen Krankheitserreger freigesetzt. Sie hatten mich angefallen, aber auch Minna, als sie mich verarztete. Alles war also die Folge meiner Unkeuschheit gewesen. Meine unverzeihliche Todsünde hat Minna getötet.“

„Woher wollen Sie das wissen? Sie haben keinerlei Hinweise, woran Minna gestorben ist, noch wissen sie ihren Todeszeitpunkt. Was Sie plagt, sind Fieberphantasien und Vermutungen. Das alles speist sich aus einem schlechten Gewissen. Dabei ist Ihr Verhalten doch nichts Schlimmes gewesen und aus heutiger Sicht verständlich. Nacktheit war bis in die 1970-er Jahre tabuisiert. Wo hätten Sie als Junge eine nackte Frau sehen können, wenn nicht heimlich in der Badewanne?“

„Auf dem Fünfmarkschein. Da war die nackte Europa abgebildet. Ich habe sie mir oft genug angeschaut, wie sie da mit kleinen spitzen Brüsten auf dem Stier liegt und sich von ihm davontragen lässt, um sich mit ihm zu paaren. Unkeusch! Sodomie! Todsünde!“
„Wenn ich mich recht erinnere, war das Zeus! Er hatte sich in einen Stier verwandelt. Vor der Paarung mit Europa hat er seine Stiergestalt wieder abgelegt.“

„Lüge! Hat sich mit einem Stier gepaart! Todsünde! Todsünde!“, schrie Erlenberger erneut.

Ich spürte, wie ein Unwille in mir hochstieg, und ich ahnte, dass die Schwärze, von der Erlenberger umwabert war, sich wohl größtenteils aus der verklemmten katholischen Sexualmoral speiste. Indem er mir wie fiebrig weitere Beweise seiner Schuld an Minnas Tod darlegte, dabei einen Pater Arnold aus dem Kloster zum Zeugen aufrief, dem er seine unkeuschen Absichten und die schrecklichen Folgen gebeichtet hatte, wurde seine Stimme immer höher, begann sich zu überschlagen, und artete zum Schluss in ein heiseres Bellen aus. Erlenberger war mir dabei immer näher gerückt, als wäre es dann einfacher, mich von seiner Schuld zu überzeugen. Dabei flog Schaum von seinen Lippen, und als etwas davon meine Unterlippe benetzte, überkam mich ein Ekel, den ich kaum zu unterdrücken vermochte. Ich sollte diesen Speicheltropfen noch bereuen. Verstohlen wischte ich meine Lippen mit dem Handrücken ab. Mir schien, dass es gut wäre, die Sprechstunde zu beenden, zumal Erlenberger sich von der menschlichen Sprache weit entfernt hatte und nur noch jaulte.

Ich stand auf und rüttelte ihn bei der Schulter. „Sie gehen jetzt besser!“, sagte ich, doch als Erlenberger aufschaute und mich sein irrer Blick traf, war mir klar, dass ich ihn so nicht gehen lassen konnte. Ich wählte die Notrufnummer der Feuerwehr und klärte rasch ab, dass man Erlenberger in die Psychiatrie bringen müsste. Erlenberger war auf seinem Stuhl zusammengesunken und wimmerte leise. Eine Weile saß ich noch schweigend bei ihm und war erleichtert, als ich schwere Feuerwehrstiefel auf der Treppe poltern hörte. Erlenberger hatte sich beruhigt und fragte ängstlich: „Holen die mich ab?“
„Ja.“
„Aber ich muss Ihnen doch noch von Dr. Ehrenfelders Theorie erzählen.“
„Später.“

Wird fortgesetzt

Mikroben (2)

Folge 1

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, es kam ein Lichtschimmer unter der Tür durch, gewahrte ich im Raum hinter mir Gegenstände, die ich noch nie gesehen hatte, Vitrinen mit Glasbehältern, Tische mit seltsamen Apparaturen, mitten im Raum erhob sich ein gefliester Waschtisch. Da war auch ein Käfig, in dem etwas lag. Plötzlich ertönte ein Wimmern. Ich schreckte zurück und warf eine Flasche um, die auf den Fliesen zerschellte und auslief, stolperte rücklings und stürzte in die Scherben.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Sofa, Minna beugte sich zu mir herab und betupfte die Schnittwunden an meinen Händen. Ihr Bademantel klaffte, und bei dem Anblick, den er gewährte, wähnte ich mich im Himmel. Noch als ich mit meiner Großmutter im Zug saß, der irre heimwärts dampfte, war ich wie in Trance. Am Tag darauf wurde ich sehr krank. Ich bekam hohes Fieber mit Schüttelfrost, Kopfschmerzen, dass ich nicht mehr aus den Augen gucken konnte, behielt kein Essen in mir und fühlte mich derart schwach und elend, dass ich wünschte, meine besorgte Mutter würde mich sterben lassen. Ich brauchte Wochen zu genesen und mehr als einmal hat unser Hausarzt meiner Mutter gesagt: ‚Machen Sie sich darauf gefasst, dass ihr Sohn diese Nacht nicht übersteht.‘ Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Fieberphantasie war, aber einmal stand auch Onkel Doktor Ehrenfelder an meinem Bett und sprach leise mit unserem Hausarzt. Im Fieberwahn sah ich Minna bleich da liegen, und eine Stimme flüsterte: „Das ist Minna. Sie stirbt.“

„Dieses Labor von Dr. Ehrenfelder lag doch nicht in einem Keller, oder? Warum zählen sie es zu den Höhlen, Kellern und Grotten, in denen die Mikroben ihnen auflauern?“

„Das verstehen Sie später. Die gleichen Symptome, nur ins Erwachsene gesteigert, fing ich mir in den Grotten von Remouchamps ein. Schon beim Verlassen der Höhle war mir elend. Ich konnte mich aus dem Kahn kaum erheben, fiel am Anleger auf die Knie und kam nicht mehr hoch. Der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn und ich fühlte mich entsetzlich dünnhäutig, so als könnte mir jeder Eindruck wie ein Meteorit auf den Seelengrund einschlagen und ihn verheeren. Ein Einschlag, auf gewisse Weise schauerlich, hat sich in meinen Seelengrund eingebrannt. Die alte Frau, die am Eingang der Höhle im Kassenhäuschen gesessen und uns die Tickets verkauft hatte, ging nun am Ausgang herum. Sie hatte nur ein Bein und stützte den Stumpf ihres Knies auf ein Brettchen, das oben auf einer Stelze angebracht war und von knieumschlingenden Lederbändern gehalten wurde. Die Alte ging umher, als wollte sie jedem zeigen: Seht her, wie schön ich mit dieser Gehhilfe gehen kann, diesem Zerrbild einer Prothese. Man musste mich in den Bus bugsieren, wo ich elendig in meiner Sitzbank am Fenster lehnte und fror. Da schon überkam mich der Schüttelfrost, bei dem meine Zähne klapperten, dass ich fürchtete, sie würden zerbrechen. Besorgte Kollegen begruben mich unter Jacken, ahnten wohl schon, dass ich für längere Zeit ausfallen würde. Die ganzen Wochen meines Leidens erinnerte ich mich mit Schaudern an die Höhle von Remouchamps, an die Frau mit der armseligen Prothese und dass mich dort etwas angefallen hatte, das Äonen schon auf mich lauerte.“

„Äonen? So alt sind Sie noch nicht“, wandte ich ein.
„Ja, ich nicht. Aber meine Vorfahren.“
„Wie meinen?“

„Vor einigen Jahren schickte mir meine Mutter, Gott hab sie selig, eine obskure medizinische Zeitschrift. Dr. Ehrenfelder hatte darin einen Aufsatz veröffentlicht: ‚Über die Vergesellschaftung des Frühmenschen unter dem Einfluss von Mikroben.‘ Die Zeitschrift war schon ganz zerfleddert, denn sie war in der ganzen Familie rumgereicht worden. Der Ehrenfelder Rainer war nämlich der Stolz der gesamten Familie. Niemand sprach über seine theoretischen Annahmen, alle fanden nur, dass in der Zeitschrift ein schönes Foto von ihm abgedruckt war. Angetan mit einem weißen Kittel stand er stolz aufgerichtet in seinem Laboratorium. Schlagartig erkannte ich die Szenerie wieder als den Raum, in dem ich mir als Kind eine schwere Krankheit eingefangen hatte, ja, mich überkam sogleich ein Schüttelfrost. Eine ähnliche Wirkung hat übrigens der Name Remouchamps. Ich fürchte mich, ihn auszusprechen.“

„Was geschah mit Minna?“

„Sie ist tot, starb kurz nach meinem Unfall im Laboratorium. Aber mehr weiß ich nicht. Es wurde nicht über sie gesprochen. All die Jahre mochte ich nicht darüber nachdenken, dass Minna gestorben war, weil ich sie nackt in der Badewanne sehen wollte.

„Wie kommen Sie darauf?“

Folge 3

Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

Meine lieben Damen und Herren,

Der wahre Bericht erschien erstmals im Jahr 2009 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de. Er ist eigentlich eine Fortsetzung. Den ersten Teil Gina Regina habe ich vor gut zwei Jahren im Teestübchen wiederveröffentlicht. Wer also den Zusammenhang kennen möchte, möge zuerst den Teil „Gina Regina lesen.“ Es geht aber auch umgekehrt.

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster:
„Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.“

“Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, in der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „„Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“, wie Goethe sagt,“ und irgendwer: „„Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ‘nen anderen Weg.““ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn gesessen hatten, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

Costers Glas aus dem Jahr 1770 (Foto: JvdL)

In Costers Küche saßen wir, bis die Stunde des Wolfes heraufdämmerte, also bis gegen vier Uhr, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Da sind Zirkel und Winkel der Freimaurer, oben eine Krone …

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen.

Um 22:34 Uhr traf ich leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt wäre glücklich verlaufen, passierte es erneut. Als ich den Mietwagen zurückbringen wollte, fuhr ich an einer Engstelle auf der Königsworther Straße einen Außenspiegel ab. Ich hatte den Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen, indem ich am Morgen gesagt hatte: „Ich wollt‘, es gäbe einen Knall, und der Umzug wäre getan.“ So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannoverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannoverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs. Dem Reden nach kannten sie einander nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„“Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.““

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Was zuvor geschah und wie der Sonnengott beleidigt wird: Gina Regina.