Bodenloser Grimm

Etwa einmal im Jahr befalle ihn ein bodenloser Grimm, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen, und der sei so unbändig und wild, gleich einem muskulösen Mustang, der alle Leinen zerreiße. Denn eins wäre doch klar, indem der Grimm ihn so selten erfasse, habe er keine Strategien trainieren oder überhaupt entwickeln können, den Mustang zu bändigen. Darum wäre es besser, wenn er sich derzeit aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehe, um Schlimmeres zu verhindern.

„Du lieber Himmel!“, sagte ich, „ist es wirklich so arg?“

„Höre meinen Bericht, Trithemius: Mit leiser Verachtung habe ich im Supermarkt meinen Einkauf in den Einkaufswagen geräumt und fand an den beiden offenen Kassen zwei Schlangen von bezahlwilligen Kunden. Leider stand ich so, dass ich querende Kunden durchlassen musste. Da kam so eine querende Kundin daher, querte aber nur halb und blieb vor mir in der Schlange stehen. Ich rief ihr in den Rücken: „Hallo, ich warte auch hier in der Schlange!“ Sie drehte sich um, sagte: „Mein Gott!“ und schob sich an mir vorbei nach hinten. Dabei schnaubte sie erneut: „Mein Gott!“ Wie sie hinter mir stand, sagte sie: „Mein Gott, kein Problem.“

Mir fuhr der teuflische Mustang in die Glieder. Was hatte Gott mit alldem zu tun? Wir anderen Kunden in den beiden Schlangen riefen auch nicht andauernd nach Gott. Was wäre das für eine elende Jammerei? Darum sagte ich zu ihr: „Warum stellen Sie sich nicht gleich hinten an, wenn es für Sie kein Problem ist?“ Da war sie still und fügte sich. Aber das gab mir keine Befriedigung. Sofort ärgerte ich mich über meine Worte und dachte: Oje, der bodenlose Grimm. Andererseits, so versuchte ich mich zu trösten, sie hatte mich dreimal „mein Gott“ genannt. Ich hatte ihren Anruf erhört und ihr gegeben, was ihr zukam.“

„Sie haben Recht, Coster, das ist arg.“