Die langweiligste Geschichte der Welt

Einmal saßen mein Kollege Georg und ich in einer Freistunde allein im Lehrerzimmer und unterhielten uns über die Tische hinweg, als er plötzlich nicht mehr antwortete. Erstaunt stellte ich fest, dass er selig schlummerte. Wie das? Wie kann jemand am hellen Tag und mitten im Gespräch einschlafen? Lag es etwa daran, was ich ihm erzählt hatte? Das muss dann wohl die langweiligste Geschichte der Welt gewesen sein. Daran müsste ich mich nur erinnern, dann könnte ich sie anderswo gut gebrauchen. Dann erzähle ich diese Geschichte auf die mir eigene Art, und schon schlafen alle ein.

Eine Bank könnte ich damit überfallen. Ich würde den Kassenraum der Bank betreten und rufen: „Alle mal herhören!“, und erzähle meine Geschichte. Wenn dann alle der Reihe nach in den Schlaf gesunken sind, raube ich den Laden aus. Das müsste sich aber schon beim ersten Mal lohnen, denn danach würden die Medien garantiert vor mir und meiner Geschichte warnen. Und stürme ich erneut eine Bank, legen alle vorsorglich die Hände auf die Ohren und grinsen mich triumphierend an oder stören meinen Vortrag sogar mit: „Laa lala lala laaa!“ Dann bin ich angeschmiert.

Doch es gibt kaum noch Kassenräume, die den Überfall lohnen. Vorbei die Zeiten der stattlichen Kassenhallen mit zehn und mehr Kassenschaltern, wo geschickte Hände dir das Geld vorzählen. Stattdessen unzählige Geldautomaten. Die könnte ich eventuell auch zum Einschlafen zu bringen. Wie ich hörte, laufen die meisten noch unter Windows 95. Bankraub war sowieso gestern. Banken rauben heute selbst, helfen asozialen Gierhälsen beim Cum-Ex-Betrug, berauben den Steuerzahler um Milliarden und unsere Finanzminister haben’s jahrelang verschlafen. Welch ein Glück, dass es endlich die Kassenbonpflicht gibt.

Womit wir wieder beim schlummernden Kollegen sind. Es lag nämlich gar nicht an mir und meiner Geschichte. Kollege Georg kann jederzeit und überall schlafen. In der Bäckerei sagt er: „Ich hätte gerne ein Brötchen und …“, sinkt auf einen Stuhl bei den Tischen und macht ein Nickerchen. Die Bäckereifachverkäuferin packt ein Brötchen in die viel zu große Tüte und steht unschlüssig herum. Wie lange soll sie auf die ergänzenden Worte hinter „und …“ warten. Welcher Brötchenwunsch folgt jetzt noch? Sie darf ihn ja nicht diskriminieren, sonst: Shitstorm im Internet. Dieser Herr leidet offenbar an einer neurologischen Krankheit, genannt Narkolepsie. Oje, allein vom Wort könnte ich einschlafen, also erst mal ein Nickerchen …

und träumen …

Langweilige Vertretung – Cartoon: JvdL – Zum Vergrößern bitte anklicken!