Ethnologische Studien in niederländischen Coffeeshops

Ein Forschungsbericht aus dem Jahr 2006

maastricht„Wo kann ich denn hier Gras kaufen?“
Der junge Niederländer zuckt nicht einmal.
„Legal oder illegal?“
„Legal.“
„Dann fährst du am besten nach Eygelshoven. Der Coffeeshop heißt Quiam. Du kannst es nicht übersehen.“
Treffer, den erstbesten Kerkrader gefragt und schon die halbe Miete. Ein holländisches Café beherbergt keine Kaffeetanten, die mit schlechtem Gewissen über einem Stück Sahnetorte sitzen, es entspricht eher einer Kneipe. Das Quiam ist ein Eckcafé. Gleich hinter der Eingangstür steht ein Billardtisch. Da spielen zwei, und ich warte einen Augenblick, um den einen nicht bei seinem schwierigen Stoß zu behindern. An den Tischen einige Gäste, ziemlich gemischt: jung und alt, Männlein und Weiblein. Tritt ein neuer Gast durch die Tür in ein Lokal, schauen die anderen Gäste kurz hoch. Es ist ein natürlicher Reflex. Die bekifften Typen an den Tischen tun das nicht. Keine Ahnung, was die geraucht haben, es muss jedoch mächtig reinhauen. Wer Billard spielt, ist nicht bekifft. Und am Kicker kann man unbekifft auch mehr Tore machen, bekifft jedoch einwandfrei mehr Tore reinlassen.

Gras macht nicht träge wie Alkohol, doch es zerstreut. Unter Graseinfluss stehe ich vor einem Schaufenster und kann mich vor lauter Gucklust nicht losreißen. Auch finde ich es toll, im bekifften Zustand fernzusehen, dann präsentieren sich alle Regie-, Schauspiel-, und Plotfehler auf dem Tablett, und so wird jeder Film interessant. Ohne Ton zu gucken, ist lustig.

Wo sind wir? Ah, im Quiam. Das ist typisch für die Wirkung von Hanf, das Abschweifen und der Filmriss. Man kann jedoch damit leben. Irgendwann kommen die Gedanken wieder zurück.

Oben an den Wänden des Quiam hängen insgesamt fünf Flachbildschirme, auf denen ganztägig MTV läuft. Ich gucke gerne hoch, wenn sich an der Theke eine Schlange von Graskäufern gebildet hat. Es kaufen hier viele Deutsche ihren Bedarf. Man sieht es an den Nummernschildern der an- und abfahrenden Autos. Mehr als 10 Gramm bekommt man jedoch nicht. Und das ist gut so. Sie haben da drei laminierte Preislisten. „Wie unterscheiden die Sorten sich eigentlich?“, habe ich bei meinem ersten Besuch gefragt.
„Nach Northern Light muss ich immer arbeiten!“, sagte der Typ hinter der Theke. Was er noch sagte, habe ich leider vergessen. Northern Light gibt es schon lange nicht mehr im Quiam. Doch White Widow und Santa Maria sind auch ganz gut, wobei Santa Maria bei mir wie Wahrheitsgras wirkt. Hab’s beim Schreiben dieses Textes geraucht, drum kann man mir alles unbesehen glauben.

In der Ecke des Quiam steht übrigens ein Spielhallengerät. Es ist so ein Rennautositz mit einem Bildschirm davor. Doch ich sah noch nie jemanden darauf sitzen und ein Autorennen fahren. Es ist vielleicht nur Dekoration. Eine orange Fahne hängt jetzt über dem Gerät: Hup Holland! steht darauf. Es ist der Schlachtruf der niederländischen Fußballfans.

Ganz anders ist das Easy Going in Maastricht. Es ist zwar auch ein Café, doch es hat nichts volkstümlich Gemütliches. Es ist ein langer schmaler Raum. Doch gehe ich an der Theke längs, ruft die Thekenbedienung immer freundlich „Hoi!“ Das Gras kauft man in einem Verschlag, in den man nur einzeln vortreten darf. Da sitzt ein freundlicher Glatzkopf mit dicken Muskeln, ein cooler Typ mit Ausstrahlung. Früher hatte er ein Haustelefon, in das er die Bestellung sprach. Dann kamen die Grastütchen aus einer Rutsche in der Wand. Mir hat der Typ immer die Strünke von den Grassamen gepflückt und erst dann das Gramm abgewogen. Da hatte er wohl gerade Santa Maria gekifft.

Ziemlich abgefahren ging es einmal in einem inzwischen geschlossenen Coffeeshop an einer einsamen Aachener Grenzstation zu. Es war ein Abend im Herbst. Dunkler Nachthimmel und Sturm. Die Straße lag wie ausgestorben, und in der kurzen Häuserzeile brannte nur ein schwaches Licht. Das war der Coffeeshop. Ich presste die Türklingel. Ein finsterer Typ öffnete und wies mich in einen Raum, wobei er die Tür wieder hinter mir abschloss. Da wurde mir mulmig. Der Raum stand voller Gerümpel und einige Schränke standen im Weg herum. Da saßen noch zwei andere Gestalten an einem Tisch und musterten mich. Sie waren ordentlich tätowiert, das musste ich ihnen lassen.

Einer von ihnen ging nach hinten, und holte das Gras. Der von der Tür kassierte mich ab. Bin froh, dass er mir nur abnahm, was ihm zustand. Ach, wie schön ist es in eine stürmische Herbstnacht hinauszutreten, wenn man gerade nicht ausgeraubt wurde.

Das alles habe ich nur geträumt, denn als Deutscher darf man solche Dinge nicht tun. Es war wohl ein deutlicher Traum. Denn wie gesagt, ich war bekifft. Santa Maria.


Das obige Standbild auf dem Markt von Maastricht zeigt Jan Pieter Minckeleers – Erfinder der Gasbeleuchtung – mit ewig brennender Flamme, Foto: Trithemius (größer: bitte klicken)

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Holpern und Rumpeln, eine Zeitreise im Karren

Als ich noch in Aachen lebte, fuhr ich manchmal mit dem Bus nach Maastricht, um beispielsweise im Coffeeshop Easy Going Gras zu kaufen, natürlich aus rein wissenschaftlichen Gründen. Der Bus der Linie 52 fuhr eine Schleife durch Aachen, sammelte an drei Haltestellen Fahrgäste und brauste dann durch bis zum Grenzort Vaals, wo am Markt die ersten holländischen Fahrgäste zustiegen. Da kam sogleich Leben in die Bude, denn die Holländer pflegten sich zu unterhalten. Das ging so lange, bis der private Linienbetreiber endlich für Ruhe im Bus sorgte und Fahrgastfernsehen einführte.

Inzwischen hat sich das Verhalten von Holländern und Deutschen angeglichen. Wer täglich ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, kennt die üblichen Verhaltensweisen. Manfred Voita hat gestern in seiner hübschen Kurzgeschichte: Buddha hat Urlaub davon erzählt, Mitzi Irsaj hat mir aus der Münchner S-Bahn einen Kommentar geschickt und berichtet, wie sie meinen Krimi von gestern unterwegs gelesen hat. Man möge sich einen Augenblick mit mir darüber wundern, dass es technisch möglich ist, sie fährt und ich sitze still an meinem Rechner und wir kommunizieren.

Mich haben Systeme der öffentlichen Verkehrsmittel immer fasziniert. Weil sie alltäglich genutzt werden, haben sie den Anschein des Selbstverständlichen und finden meist nur Beachtung bei Verspätung, Überfüllung oder wenn sie gar nicht fahren wie in Brüssel der letzten Tage, wo wegen der höchsten Terrorwarnstufe das öffentliche Leben beinah stillstand und heute erst wieder langsam in Gang gesetzt wird. Die Gleisnetze der Münchener MVG, der Brüsseler Metro oder der Deutschen Bahn sind natürlich auch Netze der Fernkommunikation. Sie befördern freilich nicht nur Kommunikation, sondern die Erzeuger von Kommunikation gleich mit.

Trithemius, komm zur Sache! Sorry, ich habe mal wieder so ein großes Durcheinander im Kopf, will sagen, die Wagen haben die Gleisspuren verlassen, und rumpeln kreuz und quer. „Rumpeln“ ist das Stichwort, was die Gedanken wieder spuren lässt. Vor 460 Jahren, im Jahr 1555 war Reisen ein beschwerliches Unternehmen. Man saß im ungefederten Pferdewagen. Der holperte und rumpelte über Stock und Stein, dass die Reisenden ihre Knochen kaum zusammenhalten konnten. Und wenn du im Augenblick den Herrn neben dir anrempelst, im nächsten der Dame gegenüber auf dem Schoß liegst, dann kannst du nicht „keinen gesehen!“ pfeifen, sondern ihr lernt euch kennen und kommt ins Erzählen.

Der frühneuhochdeutsche Schriftsteller Jörg Wickram aus Colmar (Elsass) hat im Jahr 1555 eine Sammlung von Erzählungen herausgebracht, mit denen sich die Reisenden die beschwerliche und langwierige Reisezeit verkürzt haben, das Rollwagenbüchlein. Das Rollwagenbüchlein enthält 67 Schwänke, von denen ich jetzt einen Schwank nacherzähle, nacherzähle deshalb, weil der Schwank eine mündliche Form ist wie der Witz. Schwänke sind kurz, manchmal derb oder obszön, handeln von dummen und tölpelhaften Leuten, von Fahrenden, Pfaffen, Studenten, Handwerkern, Wirtsleuten und Bauern. Du liebe Zeit, die Vorrede ist länger als der Schwank. Also bitte, wir steigen in den Rollwagen:

RollwagenbüchleinEin fahrender Student klopfte eines Nachts an die Tür eines einsamen Bauernhauses und bat um ein Nachtlager. Der gutmütige Bauer holte den durchgefrorenen Studenten in die Stube, wo die Familie sich gerade um den Tisch versammelt hatte, um das Nachtmahl einzunehmen. Der Student blies froh in seine klammen Hände.
„Warum machst du das?“, fragte der Bauer.
„Na, damit sie warm werden“, sagte der Student. Man reichte dem Studenten einen Teller dampfender Suppe. Der Student wollte sich nicht den Mund verbrennen und blies in die Suppe.
„Ja, und warum machst du jetzt das?“, fragte der Bauer.
„Damit die Suppe abkühlt“, sagte der Student arglos.
„Oho!“, rief der Bauer. „Bist du etwa einer, der heiß und kalt zugleich aus dem Maul blasen kann?! Das kann nur mit dem Teufel zugehen, also pack dich wieder!“ Rief’s und setzte den Studenten vor die Tür.

Abbildung aus Wikipedia: Das Rollwagenbüchlein (größer: bitte klicken!)