Einiges über die Verdünnung der Welt

Rückblickend kann ich ziemlich genau sagen, wann meine Welt angefangen hat, sich zu verdünnen, und zwar im Sommer 1992. Damals hatte ich gerade das Kalligraphieren für mich entdeckt, und verbrachte viele Stunden damit, beispielsweise einen längeren Essay, den ich verfasst hatte, mit Randausgleich zu schreiben, und zwar mehrmals – in verschiedenen Schriften. Ich weiß nicht, ob es in den mittelalterlichen Skriptorien so gemacht wurde, ich schrieb jedenfalls jede Zeile zweimal, schnitt den ersten Versuch zu schmalen Streifen, und indem ich den jeweiligen Streifen über die zu schreibende Zeile legte, konnte ich sehen, wo ich ein wenig enger oder weiter schreiben musste und wo eine Worttrennung anstand. Da begriff ich, dass die Einstellung zum Schreibfehler bei mittelalterlichen Kopisten anders gewesen sein musste als unsere, denn es ist nicht nur ungemein schwierig, einen Schreibfehler zu tilgen, sondern oft verführerisch, einen Schreibfehler zu machen, um die Einheit des Schriftblocks zu gewährleisten. Hier behalfen sich die Kopisten mit unkonventionellen Abkürzungen oder frechen Textveränderungen. Erst mit dem Buchdruck entstand die Idee des fehlerfreien Textes und der exakten Kopie, denn erst mit der beweglichen Letter wurde es möglich, Fehler spurlos zu beseitigen. Auch mit der Erfindung des Buchdrucks hat sich die Welt verdünnt, indem nämlich der Wildwuchs handgeschriebener Texte durch streng Satzregeln gebändigt wurde. Den Einwand, dass aber auch wieder Neues entstanden ist, bitte ich zurückzustellen. Ich bestreite es nicht, will hier nur zeigen, wo die Welt sich durch mediale Neuerungen verdünnt, wie aus der bunten Vielfalt der Lebensäußerungen all das ausgerupft wird, was nicht regelkonform ist.

Zurück in den Sommer 1992. Als Deutsch- und Klassenlehrer hatte ich am Ende jedes Halbjahrs die Zeugnisse der Schüler meiner Klasse zu schreiben. Ich schrieb sie kalligrafisch, weil es mir Freude machte und weil ich der Ansicht war, dass ein so wichtiges Dokument eine angemessene Form haben sollte.

handschriftAusschnitt aus meinem Essay über das Schreiben mit dem Computer, von mir 1990 geschrieben in der Schulausgangschrift des englischen Kalligraphen Alfred Fairbank.

Georg, ein Kollege, der 1990 als stellvertretender Schulleiter an die Schule gekommen war, setzte sich stark dafür ein, die Schulverwaltung zu digitalisieren. Er hatte ein damals sensationelles Programm besorgt, mit dem sich Schulnoten érfassen und Zeugnisse ausdrucken ließen. Es gelang ihm, das Kollegium nach und nach davon zu überzeugen, dass die lästige Zeugnisschreiberei mit dem Computer besser, schneller und effizienter zu erledigen wäre. Nach zwei Jahren schrieb ich als einziger noch mit der Hand. Im Sommer 1992 trat Georg an mich heran und sagte: „Ich bitte dich, die Zeugnisse nicht mehr mit der Hand zu schreiben. Das geht aus Gründen der Gleichbehandlung nicht mehr.“
„Wie bitte? Was du als Angebot eingeführt hast, wird jetzt zur Pflicht, weil es einmal da ist?“, fragte ich. „Die ersten Zeugnisse, die vom Computerdrucker ausgespuckt wurden, verstießen doch auch gegen die Gleichbehandlung.“
„Ja, aber jetzt bist du der einzige, der nicht mitmacht. Also schließe dich uns an.“
„Überleg dir gut, was du da forderst. Es gibt auf diesem Weg kein Zurück.“ Das freilich hätte ich schon einwenden müssen, als die ersten Schritte zur Einführung des Zeugniscomputers unternommen worden waren. Als Lehrer ist man relativ frei in seinen Entscheidungen, er war formal mein Vorgesetzter, doch in pädagogischen Fragen nicht weisungsbefugt. Möglicherweise würden Eltern dagegen klagen, wenn ihr Kind ein läppisches Zeugnis aus dem Computerdrucker bekam, das Nachbarkind aber ein kalligrafisch geschriebenes von mir. Wenn gerichtlich festgestellt würde, dass die Urkunde Zeugnis zwingend mit der Hand geschrieben sein muss, könnten die Georgs dieser Welt ihre Computer einpacken. Dann müssten alle Kollegien wieder mit der Hand schreiben, ich würde in die Schulgeschichte eingehen als der lästige Kalligraf und hinter meinem Rücken würden sie Gesichter ziehen und Fäuste ballen. So leistete ich keine Gegenwehr, sondern fügte mich. Auch sah ich rasch, dass sich Zeit sparen und Verantwortung für die Form abgegeben ließen.

Ich weiß nicht, ob meine Kollegen und ich die eingesparte Zeit sinnvoller verbracht haben als durch das sorgfältige Schreiben der Zeugnisse. Meine Kolleginnen konnten sich endlich in Ruhe die Fußnägel lackieren, die Kollegen mit dem Kärcher das Moos aus den Fliesenfugen ihrer Veranda entfernen, was weiß ich. Mir ist damals auch nicht klar gewesen, dass sich hier grundlegende Bedeutungen verschoben haben, nicht nur für meine Schüler, sondern für alle, die dem mechanisierten Computerdruck den Vorzug gaben vor der handschriftlichen Äußerung. Die Welt, in der meine kalligrafischen Zeugnisse einen Platz hatten, war kurzerhand abgeschafft worden. Rückblickend überlege ich, ob es nicht besser gewesen wäre, Widerstand zu leisten. Aber ich wäre mir vorgekommen wie der närrische Herzog von Urbino. Federico da Montefeltro (1422 – 1482) hatte eine weithin berühmte Bibliothek kostbarer Handschriften zusammengetragen, die er nur mit weißen Handschuhen anfasste. In seiner Sammlung duldete er kein gedrucktes Buch. Der Buchdruck hat sich trotzdem durchgesetzt und ist nun selbst bedroht durch die Digitalisierung. Dazu später mal mehr. Statt mich hier weiter zu verdünnen, will ich lieber beizeiten rausgehen und die Herbstsonne nutzen.