Bilder einer Ehe und mehr

Gewiss haben viele über die Hitze des Sommers 2019 geschrieben. Den bündigsten Kommentar habe ich beim Kollegen Manfred Voita gelesen. Er schlägt vor, den Sommer „SÖmmer“ zu nennen – wegen der Schweißperlen auf dem Kopf.
Die bildhafte Verfremdung von Buchstabenformen ist ein beliebtes Sprachspiel. Wir kennen bildhafte Buchstaben schon aus dem Barock, beispielsweise ein Menschenalphabet, mit dem sich sogar trefflich schreiben lässt:

Figurenalphabet 17. Jahrhundert – Grafik: JvdL


Eindringlicher ist die bildhafte Veränderung von Einzelbuchstaben. Das weltweit bekannte und von vielen Städten adaptierte Kussmund-O hat im Jahr 1971 die Grafik-Designerin und Kunstprofessorin Doris Casse-Schlüter für die Stadt Bonn erfunden. Ich besitze das Logo noch auf einem Zuckereinwickelpapier aus dem Jahr 1989. Was der Kussmund hier ausdrückt, die Liebe zu einer Stadt, kann ein simples O natürlich nicht leisten.

Manfred Voita erinnert in seinem Post an Ferdinand de Saussure, den Ahnvater der modernen Linguistik und dessen Verdikt, dass die Wortgestalt nichts gemeinsam hat mit dem Wortinhalt, sondern dass der Zusammenhang ganz abstrakt ist und auf Vereinbarung beruht. Das Ö in SÖmmer und der Kussmund in „Bonn“ wären für Saussure Beispiele für die Anmaßung der Schrift gegenüber der Sprache. Saussure beklagt die “Tyrannei der Buchstaben”, wenn sich die Form der Schrift bedeutsam in die Sprache einmischt. “Wo ist das Problem?” fragt hingegen der Dekonstruktivist Jacques Derrida in seiner ‘Grammatologie.’ Mit Recht lassen wir uns nicht daran hindern, mit den Buchstabenformen zu spielen:

Mit den Typobildern des US-Grafikdesigners und Schriftgestalters Herb Lubalin lässt sich die ganze Geschichte einer Ehe erzählen, die romantische Vermählung, die innige Schwangerschaft, wo das O in „Mother“ ein &-Zeichen enthält, das wiederum das „Child“ in sich trägt, nachfolgend das Bild einer Familie – und was von der Ehe übrig bleibt, wenn Paare sich entfremdet haben und ein Partner sich abwendet. Die Idee für das Ehe-Bild stammt nicht von Herb Lubalin, sondern von einem unbekannten Erfinder, scheint mir aber eine passende Ergänzung zu sein, weil es oft so kommt.

Weitere Beispiele der sogenannten Mehrfachkodierung (ein Inhalt wird sprachlich abstrakt und gleichzeitig bildhaft vermittelt (nicht von mir erdacht, aber von mir gezeichnet)), wobei „Revolver“ nicht als logische Folge des Ehedebakels gemeint ist:

(Heute im TV gesehen und nachgebaut)

Falls sich jemand durch die Beispiele zu eigenen Erfindungen angeregt fühlt, ich würde mich freuen, sie zu sehen.

Große Nummer in der Unternehmenskommunikation

Gastautor Manfred Voita erinnert an den Fernschreiber.

Alle da? Können alle sehen? Okay. Dann mal los. Das hier ist historische Technik, die gibt es in freier Wildbahn überhaupt nicht mehr. Die bietet Ihnen nur das Technikmuseum. Nicht ganz so nah heran, wenn ich bitten darf. Da in der Ecke? Das ist ein Fernschreiber. Alte Technik erkennen Sie nämlich schon am Namen. Plattenspieler. Tonbandgerät. Fernschreiber. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Einwänden wie Telefon und Grammophon und Pipapo. Noch bei jeder Führung war einer dabei, der alles besser wusste und das auch nicht für sich behalten konnte. Ist der Saal auch noch so klein, einer muss der Kasper sein.

Versunkene und versinkende Kommunikationstechnik… also ich habe noch damit gearbeitet. Und jetzt schauen Sie mich nicht so an, als würde ich gleich auch noch ein Hufeisen schmieden und Holzschuhe zurechtzimmern.

1875 erfunden, rund 100 Jahre später eine große Nummer in der Unternehmenskommunikation und heute aussortiert. Steht gleich neben dem Mikrofilmlesegerät. Telex? Sagt Ihnen auch nichts mehr? Ein modernerer Name für den guten alten Dienst. Die Telexnummer stand in den siebziger Jahren auf jedem Lkw, so, wie… Fax? Sagt Ihnen Fax noch was? Gut, die Faxnummer, die steht ja auch unter der Telefonnummer. Da stand früher die Telexnummer. Größere Betriebe hatten sowas. Das war ein eigenes Netz.

Irgendwo im Betrieb, bei uns war das eine Nische im Erdgeschoß, stand der Fernschreiber. Ein richtiges Möbelstück mit eingelassener Tastatur, Endlospapier wie früher bei den ersten Nadeldruckern. Ach, kennen Sie auch nicht mehr? Und eine Wählscheibe, wie beim richtigen Telefon. Also dem von früher. Das man nicht mehr das Fräulein vom Amt brauchte, das war auch schon alles.

Zwei Betriebsarten: Ich setze mich ran und schreibe meinen Text, der auf einem Lochstreifen erfasst wird. Offline sozusagen. Natürlich schreibe ich nur Großbuchstaben. Oder Kleinbuchstaben. Aber Fernschreiben sind ja immer wichtig, Kleinbuchstaben gehen da ja nicht. Anschlag wie bei der Schreibmaschine.

Text fertig. Die Lochstreifenrolle einlegen, dann die Telexnummer des Partners wählen – und ist die Verbindung hergestellt, geht es ruck zuck. Der Lochstreifen läuft durch, blitzschnell wird der Text übermittelt, der auf der anderen Seite über den Fernschreiber ausgegeben wird. Stellen Sie sich das vor wie eine Nähmaschine mit Netzanschluss. So vom Klang her.

Ist es aber dringend, weil wir eine Auskunft über einen Kunden brauchen, der uns einen Auftrag erteilen will, dann setze ich mich an das Gerät, wähle die Nummer und schreibe „online“. Der Partner, so er denn anwesend ist, liest mit und antwortet direkt. Kurze Fragen, kurze Antworten, hektisch geschrieben, denn die Verbindung ist teuer.

Weiß auch keiner mehr. Früher kostete das Telefonieren Geld, also richtig, pro Minute und tagsüber noch mal mehr als nachts. Der Kostenrechner schaute da schon drauf, wer wann wie lange telefonierte oder gar fernschrieb. Falls es das Wort gab.

Damals, als die Welt noch schwarzweiß war, ratterten die Fernschreiber in den Zeitungsredaktionen und in den Reedereien, in den Speditionen und bei der Polizei. Ganz große Sache. Und heute? Kommt einem vor wie Steampunk. Mir ja auch. Und richtig schlimm ist es auch nicht, wenn Sie so ein Ding nie gesehen haben. Mehr als 150.000 hat es davon in Deutschland nicht gegeben. Wir haben fast 1,5 Millionen Millionäre im Land und die kennen Sie ja auch nicht. Also, weitergehen, hier passiert nichts mehr.

So könnte ich mir das vorstellen. Bei Wikipedia gibt es das Bild eines Gerätes, mit dem „wir“ gearbeitet haben: Siemens T100 Telex
Foto: Wikipedia – Text: Manfred Voita

Holpern und Rumpeln, eine Zeitreise im Karren

Als ich noch in Aachen lebte, fuhr ich manchmal mit dem Bus nach Maastricht, um beispielsweise im Coffeeshop Easy Going Gras zu kaufen, natürlich aus rein wissenschaftlichen Gründen. Der Bus der Linie 52 fuhr eine Schleife durch Aachen, sammelte an drei Haltestellen Fahrgäste und brauste dann durch bis zum Grenzort Vaals, wo am Markt die ersten holländischen Fahrgäste zustiegen. Da kam sogleich Leben in die Bude, denn die Holländer pflegten sich zu unterhalten. Das ging so lange, bis der private Linienbetreiber endlich für Ruhe im Bus sorgte und Fahrgastfernsehen einführte.

Inzwischen hat sich das Verhalten von Holländern und Deutschen angeglichen. Wer täglich ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, kennt die üblichen Verhaltensweisen. Manfred Voita hat gestern in seiner hübschen Kurzgeschichte: Buddha hat Urlaub davon erzählt, Mitzi Irsaj hat mir aus der Münchner S-Bahn einen Kommentar geschickt und berichtet, wie sie meinen Krimi von gestern unterwegs gelesen hat. Man möge sich einen Augenblick mit mir darüber wundern, dass es technisch möglich ist, sie fährt und ich sitze still an meinem Rechner und wir kommunizieren.

Mich haben Systeme der öffentlichen Verkehrsmittel immer fasziniert. Weil sie alltäglich genutzt werden, haben sie den Anschein des Selbstverständlichen und finden meist nur Beachtung bei Verspätung, Überfüllung oder wenn sie gar nicht fahren wie in Brüssel der letzten Tage, wo wegen der höchsten Terrorwarnstufe das öffentliche Leben beinah stillstand und heute erst wieder langsam in Gang gesetzt wird. Die Gleisnetze der Münchener MVG, der Brüsseler Metro oder der Deutschen Bahn sind natürlich auch Netze der Fernkommunikation. Sie befördern freilich nicht nur Kommunikation, sondern die Erzeuger von Kommunikation gleich mit.

Trithemius, komm zur Sache! Sorry, ich habe mal wieder so ein großes Durcheinander im Kopf, will sagen, die Wagen haben die Gleisspuren verlassen, und rumpeln kreuz und quer. „Rumpeln“ ist das Stichwort, was die Gedanken wieder spuren lässt. Vor 460 Jahren, im Jahr 1555 war Reisen ein beschwerliches Unternehmen. Man saß im ungefederten Pferdewagen. Der holperte und rumpelte über Stock und Stein, dass die Reisenden ihre Knochen kaum zusammenhalten konnten. Und wenn du im Augenblick den Herrn neben dir anrempelst, im nächsten der Dame gegenüber auf dem Schoß liegst, dann kannst du nicht „keinen gesehen!“ pfeifen, sondern ihr lernt euch kennen und kommt ins Erzählen.

Der frühneuhochdeutsche Schriftsteller Jörg Wickram aus Colmar (Elsass) hat im Jahr 1555 eine Sammlung von Erzählungen herausgebracht, mit denen sich die Reisenden die beschwerliche und langwierige Reisezeit verkürzt haben, das Rollwagenbüchlein. Das Rollwagenbüchlein enthält 67 Schwänke, von denen ich jetzt einen Schwank nacherzähle, nacherzähle deshalb, weil der Schwank eine mündliche Form ist wie der Witz. Schwänke sind kurz, manchmal derb oder obszön, handeln von dummen und tölpelhaften Leuten, von Fahrenden, Pfaffen, Studenten, Handwerkern, Wirtsleuten und Bauern. Du liebe Zeit, die Vorrede ist länger als der Schwank. Also bitte, wir steigen in den Rollwagen:

RollwagenbüchleinEin fahrender Student klopfte eines Nachts an die Tür eines einsamen Bauernhauses und bat um ein Nachtlager. Der gutmütige Bauer holte den durchgefrorenen Studenten in die Stube, wo die Familie sich gerade um den Tisch versammelt hatte, um das Nachtmahl einzunehmen. Der Student blies froh in seine klammen Hände.
„Warum machst du das?“, fragte der Bauer.
„Na, damit sie warm werden“, sagte der Student. Man reichte dem Studenten einen Teller dampfender Suppe. Der Student wollte sich nicht den Mund verbrennen und blies in die Suppe.
„Ja, und warum machst du jetzt das?“, fragte der Bauer.
„Damit die Suppe abkühlt“, sagte der Student arglos.
„Oho!“, rief der Bauer. „Bist du etwa einer, der heiß und kalt zugleich aus dem Maul blasen kann?! Das kann nur mit dem Teufel zugehen, also pack dich wieder!“ Rief’s und setzte den Studenten vor die Tür.

Abbildung aus Wikipedia: Das Rollwagenbüchlein (größer: bitte klicken!)