Geschwänztes Feuilleton und Biber

Ein Seminar schwänzen kann ich noch immer gut. Das seltsame Verb „schwänzen“, hat nichts mit Schwanz zu tun. Schwänzen, seit dem 18. Jahrhundert in der Studentensprache bezeugt, ist eine Bildung aus dem Rotwelschen, also aus gaunersprachlich schwentzen entlehnt ( hier eine Intensivbildung zu schwenken) und meint herumschlendern. Hab ich aber nicht gemacht, sondern war noch zu Hause, als Freund Leisetöne gegen Mittag anrief und fragte, ob ich mit zum literaturwissenschaftlichen Seminar „Das Feuilleton“ käme. Ich habe gesagt, ich würde lieber schwänzen, bin aber nicht herumgeschlendert, sondern habe das Seminar komplett verschlafen, weil es doch gestern im Vogelfrei wieder arg spät geworden ist und ich den ganzen Tag nichts wert war.

Letzte Woche waren wir gemeinsam im Seminar, trafen uns um 14 Uhr vor dem Conti-Hochhaus, wo die Germanisten und Literaturwissenschaftler residieren, aber ich hatte den fetten Reader vergessen, den Leisetöne mir zuvor extra vorbeigebracht hatte. Man wird vielleicht finden, dass ich die Sache nicht ernst genug nehme oder positiv formuliert zu leicht. Aber hallo? Ist das Feuilleton nicht die kleine leichte Form? Das Wort Feuilleton ist französisch und bedeutet was? Blättchen. Als ich noch rauchte, habe ich öfters über meine Zigarettenblättchen geschrieben. „Schreiben Sie mal wieder über etwas Kleines, Trithemius“, hatte nämlich meine verehrte Filialleiterin Frau Nettesheim gesagt. „Schreiben Sie über etwas Unscheinbares, aber nicht über Ihren Kopf, bitte. Schreiben Sie über das kleinste Ding, das Ihnen direkt vor Augen ist.“

SchweineblättchenDa guckte ich rum, und das Kleinste auf meinem Arbeitstisch war das Mäppchen mit den Zigarettenblättchen. Ich kaufte immer die, aber ich konnte sie nicht leiden, weil kurze Texte auf den Innenseiten der Klappen abgedruckt waren. Es ging um die Bedeutung von Redewendungen. Fragen und Antworten stammten vermutlich aus einem Buch für Leute, die sich gern mit halbgarem Wissen den Kopf verkleistern lassen. Weil ich drüber geschrieben habe, waren die Zigarettenblättchen mein Feuilleton. Ich sehe durchaus den Qualitätsunterschied zwischen den Zigarettenblättchen und den Feuilletons stolzer Tageszeitungen. Aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beispielsweise sollte man keine Zigaretten drehen. Wer Zeitungspapier raucht, muss ganz doll husten. Ich finde Tageszeitungen sollten ihre Feuilletons deutlich verkleinern und auf ganz dünnem Papier drucken, damit man sie drehen kann. Das meine ich rauchtechnisch, nicht etwa analog zu Lichtenbergs Wunsch, man solle die Bücher um so kleiner drucken, je weniger Geist sie enthalten.

Verkleinerte Feuilletons würden allerdings die Markthändler stören. Dann müssten sie den Fisch in den Sportteil einschlagen, am Ende sogar die Politikseiten rannehmen. Zum Glück esse ich gar keinen Fisch. Ich bin Vegetarier. Wenn Katholiken hören, dass du kein Fleisch isst, dann fragen sie immer ganz treuherzig: “Auch keinen Fisch?” Sie denken nämlich, Fisch wäre kein Fleisch, weil Katholiken freitags kein Fleisch essen dürfen, aber ersatzweise Fisch. Im 19. Jahrhundert konnten die belgischen Katholiken nicht genug Fisch bekommen, also haben die Bischöfe kurzerhand den Biber zum Fisch erklärt. Da haben die frommen Katholiken alle Biber weggefressen. Andernorts war es wohl ähnlich. Der Biber war in Europa so gut wie vertilgt. Inzwischen hat die katholische Kirche zugegeben, dass der Biber kein Fisch ist, so dass die Bestände sich erholen konnten.

Eigentlich bin ich ganz froh, dass der Biber kirchenamtlich doch kein Fisch ist. Die Zeitungen würden das als Aufforderung auffassen, noch größer zu werden, damit man den Biber damit einwickeln könnte. Das würde meinen Verkleinerungswunsch torpedieren.