Der menschliche Stuhl – Die Lesung der Wirtin – oder Die Ortlosigkeit der Katze

„Ich dachte bislang, ich beschäftige mich mit seltsamen Themen, aber das…“, meint Soziologe Dr. Stefan Erd, der seit einiger Zeit assoziiertes Mitglied unserer HaCK-Treffen ist. „das …“, meint eine Frage, die mich immer wieder neu beschäftigt. Quantenphysiker Filipe d’Accord fehlt an diesem Abend, so dass ich das Thema anschneiden kann, obwohl er mir schon beschieden hatte, dass an meiner Idee, durch bloßes Herumsitzen Energie zu erzeugen, nichts dran ist. Ich versuche es anders: Filipe hat gesagt, es müsse Arbeit verrichtet werden, um Energie zu erzeugen. Wenn ich mich beispielsweise auf meinen Drehstuhl setzte und seine Öldruckfeder gibt nach, dann könnte in diesem Augenblick Energie gewonnen werden. Wenn ich einmal sitze, wird keine Arbeit mehr verrichtet (typisch für mich, hehe!) Doch weil ich denke, dass bei jeder bahnbrechenden Idee einem zunächst die Fachleute erklären, dass und warum sie nicht funktionieren kann, versuche ich es zuerst mit einer nicht ganz sauberen Argumentation beziehungsweise einem unsauberen Beispiel, was nicht sexuell gemeint ist: „Wenn du, Doktor Erd, ein menschlicher Stuhl wärst, und ich würde mich auf deine Oberschenkel setzen, müsstest Du doch Arbeit verrichten oder nicht?

Nebenbei: Die Idee des menschlichen Stuhls ist so abwegig nicht. Wir sitzen an diesem lauen Sommerabend wieder am langen Tisch vor dem Leinau3, und zum zweiten Mal hat ein vorbeikommender Architekt sich zu uns gesetzt, und beim ersten Mal in der Woche zuvor hatte er zu mir gesagt: „Ich bin übrigens nicht der an die Mondlandungsverschwörung glaubt.“
„Okay, ich habe dich verwechselt, es war dein Freund.“ Das war so gekommen. Anfang des Sommers, als es noch früh dunkel wurde, hatten wir bei Filipe im Gärtchen hinterm Haus gegrillt. Der Architekt und ein Freund waren spät dazu gekommen, saßen dann abseits des Kerzenlichts, und der Architekt hatte den Freund auf dem Schoß gehabt. So konnte ich nicht genau ausmachen, wer da aus dem Dunkeln von der Mondlandungsverschwörung raunte. Ich war damals leicht genervt gewesen, denn das Thema schien mir zu abgedroschen. Und jetzt drohte es wieder aufzuflammen. Doktor Erd rettete mich: „Was solls?“, sagte er, „das ist doch die unwichtigste Verschwörungstheorie, die es gibt.“

Zurück zum menschlichen Stuhl. Mir ist klar, dass der menschliche Stuhl, säße er nicht selber auf einer Sitzgelegenheit, dass also ein menschlicher Stuhl hauptsächlich darauf achten müsste, die Balance zu halten, anders als ein echter Stuhl. Doch das Bild soll helfen eine Frage zu verdeutlichen: Was geschieht im Material, wenn es unter Spannung steht, etwa durch Gewicht? Werden da die Atome zusammengedrückt? Was ist mit der Spannung in einer Mauer – rund um einen Dübel? Wie unterscheidet sich die Mauer direkt beim Dübel vom Rest der Mauer? Aus dieser Differenz von Spannung oder nicht müsste sich doch Strom gewinnen lassen. Herr Putzig meint, der Ertrag wäre vermutlich zu gering, was mir ein überwindbares Problem zu sein scheint, angesichts der millionenfachen Herumsitzerei weltweit. Und Dübel sind wohl Milliarden in Wänden versenkt, wo sie die Spannung halten.

Meine Frage wird nicht geklärt, weil die Wirtin an unseren Tisch tritt und fragt: „Wer von euch hat den Bericht übers Leinau geschrieben? Hier, Ethnologie des Alltags!“ Sie zeigt den Text auf ihrem Smartphone-Display. „Das war wohl ich“, sage ich, „aber ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe, es ist ja schon was her.“ Der Architekt weiß es auch nicht und bittet die Wirtin, den Text vorzulesen. Sie setzt sich neben ihn und liest meinen Text, er heißt „Aber bitte mit Schaum“, vom Smartphone-Display ab. Herr Putzig und Herr Leisetöne kommen drin vor, und sie bekennen sich, die besagten zu sein. Mein schöner Text auf dem winzigen Smartphone-Bildschirm, dabei gestalte ich doch immer für den Computerbildschirm. Erneut ist die „Ortlosigkeit der digitalen Schrift“ zu beklagen, obwohl ich mich freue, dass die Wirtin meinen Text auf ihrem Smartphone haben kann, ihn jetzt zu Gehör bringt und sich lobend darüber äußert.


Im Bild oben, mein Text, der überall und nirgends ist; er vagabundiert herum und kann mit beliebigen Empfangsgeräten eingefangen und dargestellt werden. Das ist mit „Ortlosigkeit der digitalen Schrift“ gemeint – als Gegenteil der ortsfesten Schrift, die irgendwo aufgeschrieben oder gedruckt ist. Als Typograf finde ich auch den Verlust des Einflusses auf die Typografie eines Textes dramatisch.

Wir hatten vorher ebenfalls über die Manipulation menschlichen Verhaltens durch den Katzenparasiten Toxoplasma gondii geredet. Da hatte Herr Leisetöne die Idee, dass der Parasit vermutlich auch für den millionenfachen Katzencontent im Internet verantwortlich wäre. In diesem Sinne wären die Katzen auf den digitalen Fotos ja auch ortlos. Er notiert sich seine Idee und verspricht, einen Text über die „Ortlosigkeit der Katze“ zu schreiben, worauf die Welt noch ein bisschen leider ewig warten muss, weshalb wir so lange über Stromerzeugung durch Herumsitzen oder aus in der Wand versenkten Dübeln nachdenken können.

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5 Kommentare zu “Der menschliche Stuhl – Die Lesung der Wirtin – oder Die Ortlosigkeit der Katze

  1. Bremsenergie ist auch toll: Nicht nur obwohl, sondern gerade weil man auf die Bremse tritt, wird der Akku geladen. Wenn man das vor 300 Jahren jemandem erzählt hätte, wäre man wahrscheinlich auch als Spinner bezeichnet worden.

    Gerade wollte ich Dir erzählen, daß ich irgendwo gelesen habe, daß in einer Diskothek die Tanzenden durch ihre Bewegung elektrische Energie erzeugen, da sehe ich, daß ich das aus einer Deiner Geschichten habe. Kann ich mir das also sparen. Die digitale Schrift mag ortlos sein, der Inhalt ist es glücklicherweise nicht. Ein Link genügt.

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  2. Pingback: Besser als Karaoke

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