Zerschellte Gläser, ein Sack Reis und Spurweite H0

Wir trafen uns letzte Woche Mittwoch zu einer fröhlichen Kneipenrunde im Glückskind, das neuerdings gar nicht mehr so heißt. Ich habe den Namen gelesen, weigere mich aber, ihn zu nennen, denn dass sich immer alles ändern muss, geht mir auf die Nerven. Glücklicher Weise ist wenigstens die Inneneinrichtung geblieben, sonst hätte ich gar nicht gewusst, dass ich in der richtigen Kneipe war. Herr Leisetöne kam auch bald. Er hatte einen Tisch reserviert. Der Kellner schob für uns vier zwei kleine Tische zusammen, wobei hier nur zufällig vier und zwei (42) hintereinander  stehen. Weiterlesen

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Prustlach, ein Witz und noch einer!

Kategorie Humor neuEozän, das: Erste der drei großen Perioden, in die Geologen das Alter der Welt unterteilt haben. Aus dem Eozän stammen die meisten bekannten Witze. (Ambrose Bierce (1842 – 1914), US-amerikanischer Journalist und Satiriker – aus: Bierce, Ambrose; Des Teufels Wörterbuch (The Cynic’s Word Book))

Mittwochabend habe ich mal wieder versucht, einen Witz zu erzählen, und zwar beim geselligen Limmern. Das Verb limmern ist gebildet nach der überaus lebendigen Limmerstraße im hannöverschen Szene-Stadtteil Linden-Nord. Dort trifft man sich an warmen Sommerabenden, hockt auf Fensterbänken und auf echten Bänken, guckt Leute, plaudert und trinkt Flaschenbier, immer umkreist von Flaschensammlern, die durch ihr höfliches, aber manchmal voreiliges Flaschenbetteln den Bierkonsum anheizen. Mehr über die Limmerstraße und das „Hannover Cünstler Kollektiv“ kurz HaCK, mit dem ich zu limmern pflege, in diesem Text: Prima limmern mit Fischer und Putzig.

Leider kann ich dem Kollektiv keine Witze erzählen, denn wenn die Pointe sich nähert, muss ich im Vorgriff schon derart lachen, dass ich kaum noch ein Wort herausbringe. Das war gestern nicht anders. Ich weiß den Zusammenhang nicht mehr, weiß nicht, welches Wort gefallen ist und in meinem Hirn diesen Witz losgetreten hat, dass er mir wieder über die Lippen kam. Freilich habe ich die Pointe wieder verlacht, so dass der aufmerksame Herr Leisetöne neben mir mein Gewieher in verständliche Sprache übersetzen musste. Der Witz geht so, und ich versuche, beim Aufschreiben, nicht in die Tastatur zu fallen:

In einer Kneipe geraten zwei in einen Streit.
Sagt der eine: „Was hast du da für einen furchtbar hässlichen Zinken im Gesicht? Soll das etwa eine Nase sein? Ist ja widerlich! Damit kannst du Kinder erschrecken!“
„Ja“, sagt der andere, „das war so: Als die Nasen verteilt wurden, kam ich leider etwas zu spät. Da lagen nur noch deine und meine. Ich wollte mir schon deine greifen, als eine Stimme rief: „Lass die liegen, das ist eine Rotznase!“

Kürzlich bin im Netz auf die 1. Ausgabe der Titanic gestoßen. (Ich empfehle „Das interessante Interview“ auf Seite 44.) Das satirische Magazin Titanic wurde 1979 von ehemaligen Mitarbeitern der Satirezeitschrift pardon gegründet. Vorher hatte ich regelmäßig die pardon gelesen, bedauernd ihren Niedergang erlebt und war froh, dass es jetzt eine bessere Neuauflage gab. Die erste Ausgabe habe ich im Aachener Bahnhofkiosk gekauft, als Lektüre für eine Zugreise nach Brüssel. Da war ich nämlich zum Presseempfang der Union Professionelle des Disc-Jockeys de Belgique (UPDJ) eingeladen, deren Monats-Zeitschriften ich layoutete und wo meine Titelzeichnungen von drei Jahren ausgestellt waren.

titanic lieblingswitzJedenfalls saß ich im Zug und bekam beim Lesen einen Lachanfall nach dem anderen. Es war mir peinlich, dass ich nicht wie die anderen Passagiere manierlich Zeitschrift lesen konnte. Immerhin hatte ich mich in Schale geschmissen, trug einen dunklen Anzug, hatte eine Krawatte umgebunden und vermittelte äußerlich die größtmögliche Seriosität. Aber je mehr ich mich maßregelte, um so häufiger musste ich losprusten. So fuhr ich prustlachend von Aachen nach Brüssel. Es war ein wenig anstrengend.

Über heutige Ausgaben der Titanic kann ich nur mäßig lachen, aber damals wurde sie von den genialen Vertretern der Neuen Frankfurter Schule gemacht, den Gründervätern Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler, Chlodwig Poth, F. W. Bernstein, Eckhard Henscheid und Bernd Eilert. Aus der ersten Ausgabe stammt dieser „Lieblingswitz.“

Volontär Hanno P. Schmocks Wochenrückblick – Frikadellenbrötchen ohne Frikadelle, bei dem das Brötchen fehlt – und ein toter Elefant

schmocks-wochenrückblickDer Playboy in den USA will keine Nacktfotos mehr veröffentlichen, von Frauen versteht sich. Nacktfotos von Männer hat man sowieso nicht gedruckt. Beispielsweise den ungefähr 90-jährigen Playboyerfinder Hugh Hefner hat man nie nackt gezeigt, obwohl der doch Zeit seines Lebens im seidenen Bademantel rumgelaufen ist, so dass er jederzeit und allerorten die Hülle hätte fallen lassen können. Man hatte vermutlich Angst, die überwiegend männlichen Playboyleser würden ins Heft brechen. Mitten ins lackierte Centerfold, zu Deutsch Mittendrinausklappbild, wo immer eine von Hefners aktuellen Gespielinnen sich nackt geräkelt hat. Könnte man abputzen. Die Lackierung war aber eigentlich für eine andere Körperflüssigkeit gedacht. Damit soll jetzt Schluss sein. Der Chefredakteur hat verlauten lassen, Nacktheit gäbe es im Internet massenhaft, wäre demnach nichts Besonderes mehr. Der Chefredakteur der belgisch/niederländischen Ausgabe will allerdings weiter Nacktfotos drucken, denn ohne nackt wäre wie „een Broodje Kroket zonder Kroket.“

Mein Freund Herr Leisetöne sagte jüngst im Vogelfrei, im Autoradio habe er zum Thema Playboy ein Interview mit einem Sexualwissenschaftler gehört. Der habe gesagt, die Entscheidung wäre aus rein ökonomischen Gründen gefällt worden.
„Aha, ökonomische Gründe! Für die Erkenntnis, dass Magazine herausgegeben werden, weil man damit Geld verdienen will, muss man doch keinen Sexualwissenschaftler fragen“, sage ich.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, sagt Herr Leisetöne, „hätte ich etwa aus dem Auto aussteigen sollen, weil im Autoradio ein blödes Interview lief?“

Warum eigentlich nicht? Wäre doch hübsch, wenn allerorten die Autofahrer rechts ranfahren und aussteigen würden, und man wüsste sogleich, aha, da läuft mal wieder ein blödes Interview im Autoradio. Man hat wieder einen Experten ins Studio geholt und der sagt Sachen, die jeder Depp auch sagen könnte, aber der Depp darf nichts sagen, dafür braucht man einen Experten. Dann würden dumme Expertenbefragungen hoffentlich bald verboten, weil gesundheitsgefährdend, wenn nämlich dauernd Autofahrer neben ihrem Auto in der nassen Kälte stehen müssten, nur weil der geladene Experte nicht schlau genug war, eine Interviewanfrage abzulehnen und zu sagen: „Für diese blöde Frage brauchen Sie keinen Experten. Da rasiere ich mir lieber in Ruhe die Füße.“

Früher hieß es ja, das Kraftfahrtbundesamt wäre der Bettvorleger der Autoindustrie. Jetzt hat sich der Bettvorleger trotzig erhoben und zwingt VW, demnächst 2,4 Millionen Autos zurückrufen. Ich bin gespannt, ob wir das bei der Verkehrsdichte merken, ob sich da ab und zu Lücken im Verkehrsfluss auftun, und du weißt, aha, da fehlt mal wieder eine VW-Dreckschleuder. Könnte aber sein, dass da nur einer rechts rangefahren ist, weil im Radio wieder ein blöder Experte sprach, etwa verkündet hat, VW habe aus rein ökonomischen Gründen bei den Abgaswerten betrogen und nicht etwa aus kulturellen Gründen, weil man dachte, ein Auto, aus dem hinten kein dreckiges Abgas rauskommt ist wie ein Auspuff ohne Puff.

zucker-für-das-Ohr Zucker ins Ohr kippen?
Davor kann ich nur warnen.


Während der
letzten Fußballweltmeisterschaft ist bei Spielen der belgischen Roode duivels den Medien die 17-jährige schöne Flamin Axelle Despiegelaere unter den Zuschauern aufgefallen. Über Nacht wurde sie weltberühmt, weshalb sie sogar einen Werbevertrag von Loreal bekam. Im Übermut twitterte sie darob ein Bild von sich, wie sie neben einer erlegten Antilope posiert. Dazu schrieb sie verschwurbelt, bei der Jagd gehe es nicht nur um Leben und Tod. “Het is veel belangrijker dan dat.“ (Es ist viel wichtiger als das (der Tod).) Bei ihren 200.00 Followers handelte sie sich damit einen Shitstorm ein, und Loreal kündigte den Werbevertrag wieder. (Wir berichteten.)

Im simbabwischen Gonarezhou Nationalpark hat jetzt ein deutscher Hobbyjäger den größten Elefanten erschossen, der dort seit 30 Jahren erlegt worden war, wofür der verwirrte Mensch geschätzte 53.000 Euro bezahlt hat. Ich weiß nicht, wie der erfolgreiche Jäger seine Mordlust erklärt, dieses ruchlose Hobby verrohter Männer mit zuviel Geld. Im Internet kursiert ein Foto, worauf er stolz neben dem erlegten Elefanten posiert. Dieses Posieren ist nämlich noch wichtiger als der Lustmord an einem alten Elefanten. Obwohl Hugh Hefner sich nicht ausgezogen hat, würde ich jetzt doch am liebsten in den Playboy brechen, ersatzweise in den Aldi-Prospekt.

Musiktipp
Damon Albarn
Mister Tembo

Die einen schießen Elefanten tot, die anderen besingen sie. ”Tembo” bedeutet “Elefant” auf Suaheli. Mr Tembo ist ein kleiner Elefant.

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 6)

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4Folge 5

Es regnet, als wir vor die Tür treten. Ein Kollege holt mich unter seinen Schirm, unter dem auch mein alter Freund und Radsportkamerad Wolf schon steht. Da kommt Max, mein Gastgeber, hinzu und gibt mir sein Schlüsselbund, falls ich frühzeitig nach Hause will. Ich ahne, dass Wolf sich erinnert, wie oft er mir damals seinen Wohnungsschlüssel überlassen hat, damit ich mit Lisette allein sein konnte, am Anfang der Beziehung, in der Zeit der Heimlichkeiten und ungeordneten Verhältnisse. Ein Stückchen bummeln wir zu Dritt unter dem Schirm Richtung Dom, dann verabschiede ich mich. Der Regen hat nachgelassen.
MünsterplatzAachener Münsterplatz – Foto: Trithemius (Größer: Klicken)

Ich gehe über den Münsterplatz Richtung Elisengarten. Dort sind vor Jahren die Archäologen auf allen Vieren durch eine weite Grube gekrochen und haben hingebungsvoll die kärglichen menschlichen Spuren aus Jahrtausenden gesichert. Die Grube war von einem Zeltdach gegen Regen geschützt gewesen. Jetzt steht ein gläserner Pavillon über dem Loch. Durch ein großes Archäologisches Fenster schaue ich hinab in 5000 Jahre Siedlungsgeschichte. Es gibt sechs mit Schildchen datierte Ebenen. Wie schwierig wird es gewesen sein, alle Ebenen sauber auseinander zu halten? Haben Maulwurf, Wühlmaus oder Erdratte die Jahrhunderte nicht durcheinander gebracht?

Noch unsicherer sind ja menschliche Erinnerungen geordnet. So viele Erlebnisse ragen willkürlich aus unterschiedlichen Vergangenheitsschichten hinauf in die Gegenwart. Das eigene Ich besteht fast ausschließlich aus Vergangenheit, die sich in Erinnerungen verfestigt hat. Daher findet man das Leben auch am Morgen genauso vor, wie man es am Abend verlassen hat.

Drüben am Beginn der Fußgängerzone an einem Samstagmorgen. Plötzlich tauchte Lisette aus dem Menschengewühl auf, und für einige Augenblicke wagten wir, Seit an Seit zu gehen, obwohl ihr Mann ebenfalls in der Innenstadt unterwegs sein könnte. Sie hatte dunkle Schatten unter ihren Augen, die Spuren einer schlaflosen Nacht.
„Was ist mit dir?“
„Letzte Nacht im Bett hatte ich mit Alois eine Auseinandersetzung ohne Worte“, sagte sie, und ein bitterer Zug war um ihren Mund. „Für einen Moment wollte ich nachgeben, doch ich konnte mich nicht öffnen.“

Hast du je ein Wort gehört, dass dir einen solchen Schmerz bereitet? Die Stelle in meinem Gehirn, in die sich diese Vorstellung eingebrannt hat, wie gerne hätte ich sie veröden lassen. Damals wollte ich oft nicht mehr in meinem Kopf sein, wollte die zehrende Sehnsucht, die quälenden Verlustängste und Eifersuchtsgefühle nicht mehr haben. Warum, habe ich mich da oft gefragt, warum kann ich beim Erwachen nicht jemand anders sein? Ein Seehund zum Beispiel, der einen bunten Ball auf seiner Schnauze balanciert. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

Gut, dass mit den Jahren alles versteinert. Seltsam hellsichtig hatte mein junger Freund Herr Leisetöne mir letztens in unserer Hannoveraner Stammkneipe Vogelfrei gesagt, mein Gehirn habe eine kristalline Struktur und deshalb wäre ich nicht mehr so rasch im Denken. Ich hatte das unverschämt gefunden und die Idee weit von mir gewiesen. Obwohl die Vorstellung von einer verzweigten, unermesslichen Höhle mit Hallen voller Erinnerungen aus blitzenden Kristallstufen, in deren Prismen sich die Gedankenfunken tausendfach brechen, so dass sie aufgespalten werden in sich überlagernde Haupt- und Nebenregenbögen, recht artig ist.

Leider musste ich die Schilderung meines wunderbaren kristallinen Gehirns abbrechen, weil ich niemandem einen noch längeren Satz zumuten will, in dem das bedeutungstragende Verb erst ganz am Schluss erscheint, wobei „ist“ ja nur ein Hilfsverb ist und noch dieses Satzadjektiv “artig” braucht. Über Grammatik war ich später mit Leisetöne in Streit geraten, in dessen Verlauf wir uns anschrien. Ich habe das aber genossen, denn ich hatte mich noch nie zuvor mit jemandem wegen Grammatik angeschrien. Es ging um starke und schwache Nerven äh Verben.

Die meisten meiner Kollegen, die sich jetzt da drüben den Dom anschauen, hatten am liebsten über ihre Reisen, ihre Autos oder ihre Kreditkarten gesprochen, wo sie gut gegessen und wo in der Provence sie ein kleines Weingut entdeckt hatten, bei dem sie jetzt immer ihren Wein holen. Anders mein Gastgeber Max. Er ist ein vielseitig interessierter Mann, kompetenter Biologe und leidenschaftlicher Fossiliensammler, hat überall in der Wohnung Vitrinen mit Fossilien aus dem Schwarzwald, die er selbst gefunden und präpariert hat. Am Abend sitzen wir in geselliger Runde inmitten von Millionen Jahren der Erdgeschichte, Max, seine Partnerin Judith und ich. Allein diese launigen Abende rechtfertigen meine lange Reise von Hannover nach Aachen. Von der Rückfahrt gibt es kaum etwas zu berichten, nur, dass ich inzwischen wieder zu Hause bin.
E N D E