Forschungsreise zu den Franken (6) – Kicks voor niks

„Du solltest auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen und eine fahrerlose U-Bahn abwarten (…) Dann kannst du vorn rausgucken – am besten ist der Effekt, wenn man die Hände an die Scheibe legt und so das Licht der Wageninnenbeleuchtung abschirmt!“, hatte mir Anna in der Mail mit der Wegbeschreibung geschrieben, und ich hatte gedacht, o no, liebe Anna! Ich bin doch schon froh, wenn ich in der fremden Stadt in die richtige U-Bahn steige. Ist sowieso alles neu für mich, da brauche ich nicht zusätzlich,  was die holländischen Kabarettisten Van Kooten / de Bie „Kicks voor niks“ (Schöne Erfahrung kostenlos) nennen.

Und jetzt stehen Anna und ich nebeneinander vorne in der fahrerlosen U-Bahn und Anna holt sich diesen Kick, genau wie sie ihn beschrieben hatte. Während wir hineinrasen, schaut sie in die Finsternis des Tunnels hinaus, und ich höre mich nörgeln: „Der müsste beleuchtet sein.“ Ebenfalls mit dem Gesicht an die Scheibe zu gehen, mag ich noch nicht. Auf dem Bahnsteig eben, derweil wir auf die U-Bahn warteten, hatte mir Anna erzählt, dass die Nürnberger Verkehrsbetriebe sich zeitweise U-Bahnen aus München ausgeliehen hatten. Und in Münchner U-Bahnen ruft der Fahrer vor dem Türeschließen immer „Zurückbleiben!“ Ich erwäge bei mir, wie die wohl hergefahren sind. Hat man eine Tunnelröhre von München nach Nürnberg gegraben? Heute nach einem Eintrag von Christian (CD) über unsere Begegnung weiß ich, dass sich da vermutlich ein gigantischer Transportwurm von Stadt zu Stadt durchgebuddelt hat.

Dieser WordPress-Algorithmus, der Anna und mich zusammengebracht hat, woher konnte er wissen, dass mich ebenfalls Gleissysteme faszinieren, diese ausgeklügelten Netzwerke, die analogen Vorformen des Internets? Zum Glück weiß ich nicht, dass ich Grau fahre. Die beiden U-Bahnfahrten, die mit dem ICE, alle fahre ich unwissentlich Grau, was juristisch trotzdem als strafbare Beförderungserschleichung gilt. Im Jahr 1998 bin ich mit einer Kollegin in Frankfurt bei der FAZ gewesen. In Unkenntnis des Frankfurter Tarifsystems wurden wir mit den falschen Fahrkarten erwischt, gestellt von grimmigen Schwarzen Sheriffs. Ich glaube, wenn die Kollegin nicht hübsch und blond gewesen wäre, hätten die uns glatt erschossen.

Hier geht nun alles gut, und ich habe Zeit zu erwägen, dass Anna im Blog zwar zuweilen ätherisch auf mich gewirkt hat, aber deutlich handfester dem Leben zugewandt ist als ich gedacht hatte. Ach, und wie froh ich bin, dass sie mich abgeholt hat und ich mir den Weg zu ihrer Ausstellung nicht suchen muss, als uns oben an der U-Bahn-Treppe die aufkommende Hitze entgegenschlägt.

Der Ausstellungsraum ist hell und schön kühl. Ich sehe erstaunliche Ergebnisse einer einjährigen Papier-Holz-Glas-Metall-Fortbildung, ausgeführt mit einer bemerkenswerten Konsequenz und einem klaren Konzept. Viele Exponate faszinieren mich. Da ist das Papiermodell einer Villa im Bauhausstil, wie man sie glatt bauen könnte und ihre Bewohner glücklich machen. Eine bizarr geformte Pralinenschachtel, aus der sie mich eine Praline kosten lässt, damit ich durch die synästhetische Erfahrung das Konzept der Formgebung verstehe. Es gibt auch ein prächtiges Werk- oder Skizzenbuch, das ich hinsichtlich Gestaltung und Ausführung für das Herzstück der Ausstellung halte, weil man darin sehen kann, dass allen Werkstücken und Bildern gründliche Überlegung und Planung vorausging. Das Buch ist wie die Quelle des schöpferischen Reichtums, der hier zu sehen ist. Anna muss gute, sehr gute Dozenten gehabt haben. Aber der beste Lehrer scheitert, wenn seine Angebote nicht begeistert aufgenommen, verständig entwickelt und beharrlich umgesetzt werden.

Als ihr Mann kurz dazu kommt und sich wundert, dass wir bei unserem Rundgang noch nicht weit gekommen sind, sage ich, dass ich gedacht hatte „ein Jahr?“, aber nicht, was Anna in diesem einen Jahr alles geschaffen habe. Ihr Mann bringt mir freundlicherweise einen Kaffee und wundert sich gewiss, dass er uns plaudernd findet, als würden wir uns schon Jahre gut kennen. Wir kommen auch nur langsam voran bei der Betrachtung, weil ich mich immer mal wieder setzen muss, wobei sie mir zwei Texte vorliest, einen hochsensiblen übers Aktzeichnen und im Vorgriff auf unser Treffen einen über mich, der mich rührt. Und ab und zu will ich auch was erzählen und werde mit einem herzlichen Lachen belohnt.

Von den Glasarbeiten sagt Anna, dass sie da nach der Ausstellung weiter machen will. Ein Exponat fällt mir besonders auf. Eine kräftige Platte aus schön gefärbtem und verlaufenem Glas hatte beim Erhitzen in ihrer Mitte eine Blase ausgebildet. Sie ist geplatzt und erstarrt zu filigranen, phantastischen Formen mit nur unscharf berechenbaren Randzonen. Die Gebilde zeigen sich transparent und zart wie eine verwunschene Feenwelt, umgeben von einem festen gläsernen Rahmen. Ohne es zu wissen hat Anna ein Sinnbild ihrer Selbst geschaffen, was mir aber erst zu Hause einfällt. Die verletzliche Innenwelt, die sich oft in ihrem Blog zeigt, geschützt und gehalten von einem schönen Außen.

Drei Stunden bin ich dort gewesen, ich muss los. Mein Resümee: Glücklich, wer die Chance bekommt, sich derart zu entfalten und sie nutzt, eine neue Wertschätzung seiner Selbst zu entwickeln und zu schauen, was noch ist neben dem alltäglichen fremdbestimmten Getriebensein. Die neoliberale Ideologie, die den Menschen nach seiner ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet, hat ja leider alle Lebensbereiche durchdrungen und lässt freier menschlicher Entfaltung kaum noch Raum. Es wundert nicht, dass die Menschen trotz all der Gimmicks, die man ihnen aufschwatzt, trotz der besinnungslosen Events, trotz medialem „Zentrifugalbrummball“ ( Stanislav Lem), trotz der Zerstreuung auf allen Kanälen nicht glücklich sind. Die Ökonomisierung des Menschen zwingt ihn, ein flaches Leben zu führen und auch noch gut zu heißen, weils ja nicht besser wird, wenn man sich und sein Tun ständig in Frage stellt, ohne etwas grundlegend ändern zu können.

Anna hat ihr Sabbatjahr optimal genutzt, hat einen Weg gefunden, ihre Talente zu heben, zu entwickeln und zu wertschätzen. Das ist verantwortliche Selbstsorge, die nach einem antiken Lebenskonzept allein berechtigt zu einem guten Leben. Ich hoffe, sie kann vieles davon in den Alltag retten.

Fortsetzung

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