Der menschliche Stuhl – Die Lesung der Wirtin – oder Die Ortlosigkeit der Katze

„Ich dachte bislang, ich beschäftige mich mit seltsamen Themen, aber das…“, meint Soziologe Dr. Stefan Erd, der seit einiger Zeit assoziiertes Mitglied unserer HaCK-Treffen ist. „das …“, meint eine Frage, die mich immer wieder neu beschäftigt. Quantenphysiker Filipe d’Accord fehlt an diesem Abend, so dass ich das Thema anschneiden kann, obwohl er mir schon beschieden hatte, dass an meiner Idee, durch bloßes Herumsitzen Energie zu erzeugen, nichts dran ist. Ich versuche es anders: Filipe hat gesagt, es müsse Arbeit verrichtet werden, um Energie zu erzeugen. Wenn ich mich beispielsweise auf meinen Drehstuhl setzte und seine Öldruckfeder gibt nach, dann könnte in diesem Augenblick Energie gewonnen werden. Wenn ich einmal sitze, wird keine Arbeit mehr verrichtet (typisch für mich, hehe!) Doch weil ich denke, dass bei jeder bahnbrechenden Idee einem zunächst die Fachleute erklären, dass und warum sie nicht funktionieren kann, versuche ich es zuerst mit einer nicht ganz sauberen Argumentation beziehungsweise einem unsauberen Beispiel, was nicht sexuell gemeint ist: „Wenn du, Doktor Erd, ein menschlicher Stuhl wärst, und ich würde mich auf deine Oberschenkel setzen, müsstest Du doch Arbeit verrichten oder nicht?
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Darüber lacht sogar der Koch – und Jacob Grimm würde staunen

Mittwochabend im Leinau. Ich betrete das volle Lokal und schaue mich suchend nach Leisetöne um. „Oben!“, ruft die Thekenbedienung. Das hatte ich befürchtet. Der Raum „oben“ ist der Raucherbereich, ganz hübsch mit einem Sofa am hinteren Tisch, Sesseln an den anderen Tischen und einer Fensterfront nach hinten raus, durch die man auf den Gang zum Apollo-Kino und auf Schaukästen mit Filmplakaten schaut. „Oben“ ist meistens viel Platz, aber eben Zigarettenrauch in der Luft. Leisetöne sitzt, in einem Reclamheft lesend, am Fenster und raucht. Vor ihm stehen schon zwei leere Kölschgläser.

Außerdem ist nur der Tisch mit dem Sofa besetzt, eine blonde Frau und zwei Männer hocken da. Um die geht es gleich. Darum wollen wir sie im Blick behalten, obwohl ich mich nichtsahnend mit dem Rücken zu ihnen neben Leisetöne setze. Herr Putzig und ein weiterer Freund treffen ein. Der Freund „hat Rücken.“ Beim Schuhanziehen hat ihn die Hexe geschossen. Immerhin kann er sich noch hinstellen und das auf einem Bein stehend demonstrieren. Wir bestellen einen Elferkranz. Der Abend nimmt seinen Lauf. Irgendwann durchquert die blonde Frau den Raum. Sie trägt über einer schwarzen Strumpfhose so einen schmalen geblümten Rock um die Hüften, als hätte sie den Saum von Omas Küchenvorhang abgetrennt. Nicht sehr stilsicher, denke ich, obwohl mir ihre Oma egal ist. Da ahne ich noch nicht, wie treffend das ist. Was an ihrem Tisch gesprochen wird zwischen ihr und den beiden Männern, können wir nicht hören. Wir führen ein eigenes Gespräch. Inzwischen ist der Koch herein gekommen, sitzt an der Tür und raucht eine. Völlig unvermittelt schallt die Stimme der blonden Frau durch den Raum:

„Du kannst mich mal geschmeidig am Arsch lecken!“

Perplex, also das Fremdwort muss jetzt mal sein, perplex drehe ich mich zu den dreien um. Sie sitzen harmlos da wie zuvor. Ich sage zum Koch hinüber: „Da muss sogar der Koch lachen!“, was ja impliziert, Köche hätten nichts zu lachen, außer wenns um Arschlecken geht, womit ich vielleicht richtig liege, nach allem, was man über die Arbeitsbedingungen von Köchen hört. Aber über „Du kannst mich mal geschmeidig am Arsch lecken!“ aus dem Mund einer Frau, würden nicht nur Köche, sondern sogar Paketausfahrer oder Klosetttieftaucher lachen. Und mir ist das ein Blogeintrag wert. Jacob Grimm, der Ahnvater der modernen Germanistik, würde staunen, wenn er die Äußerung der blonden Frau gehört hätte. Bevor er für das Deutsche Wörterbuch das Stichwort ARSCH behandelte, schrieb er in einem Brief an seinen Verleger Hirzel:

„in der ausarbeitung gerate ich jetzt an ein wort, das bei frauen nicht aufgeschlagen werden darf. ein philolog kennt aber nichts obscoenes, ihm erscheinen alle wörter und gerade solche sehr wichtig und wissenswert. alle lateinischen und griechischen wörterbücher lassen ihnen gebührendes recht widerfahren, was kümmern uns die modernen?“

Also frisch ans Werk, lassen wir dem geschmeidigen Arschlecken „gebührendes recht widerfahren.“ „Geschmeidig“ ist zwar nicht besonders geläufig, aber grammatisch ein Adjektiv, genauer ein adjektiviertes Substantiv, von Geschmeide abgeleitet. Die Etymologie hilft hier nicht weiter, denn ursprünglich war schmiedbares Metall gemeint. In der Äußerung der Frau hat „geschmeidig“ die Stellung eines „Satzadjektives“, gehört also zum Verb „lecken“, was sich leicht durch die Umstellprobe ermitteln lässt: „Du kannst mich mal geschmeidig lecken am Arsch!“ Wir können danach fragen: „Wie kann er sie am Arsch lecken?“ „Geschmeidig.“ Es lässt sich auch steigern. Vom Po sprach sie, also Positiv: geschmeidig, wer gemeint war von ihren Begleitern, Herr Komparativ: geschmeidiger oder Herr Superlativ: am geschmeidigsten, ist unklar. Machen wir noch die Ersatzprobe. Der Duden bietet einige Synonyme an:


Zweifellos passt „geschmeidig“ am besten, ohne dass wir uns den Vorgang ausmalen müssten. Bildungssprachlich: „akkommodabel“, würde hübsch alliterieren, ist aber ein – hehe – Zungenbrecher – und wäre die falsche Stilebene. Also war sie doch stilsicher, obwohl man derlei blumige Sprüche im Leinau nicht gewöhnt ist. Vor lauter Schreck habe ich mich besoffen.

Orthographie und lecker Kölsch aus dem Elferkranz


Herr Putzig selbst brachte unser Gespräch gestern Abend am Biertisch auf Rechtschreibfehler in den Sozialen Medien, bei der Büroarbeit und dergleichen, wo er doch sonst genervt zurückschreckt, wenn Leisetöne und ich mal wieder in „esoterische Linguistenpoesie“ verfallen, wobei ich nicht mehr weiß, ob er tatsächlich Linguistenpoesie gesagt hat, aber das Attribut „esoterisch“ und irgendwas mit „Linguisten“ kam vor. Jedenfalls nutzte Leisetöne die günstige Gelegenheit darzulegen, wie er einer Schülerin mit ausländischen Wurzeln zu vermitteln versucht hat, wann im Deutschen der lange Vokal mit Dehnungszeichen geschrieben wird und wann nicht. Er hatte ihr gesagt, bei Tieren wie Wal, Igel und Tiger käme nie ein Dehnungszeichen, ausgenommen die Fliege, aber das komme von „fliegen“ und gelte deshalb nicht. Ich erinnerte mich, dass mal eine meiner Deutschreferendarinnen an der Tafel gestanden hatte und fragend auf das von ihr angeschriebene „Haase“ blickte, worüber meine Schüler ins Feixen gerieten, ich aber still verzweifelte und dachte: Warum will sie nicht Sportlehrerin werden?

Leisetönes Denkansatz, Orthographie über inhaltliche Kategorien zu lehren, also eine Art semantische Orthographie zu entwickeln, finde ich grundsätzlich gut. Und mir gefällt, wie unkonventionell er seine jüngst aufgenommene Unterrichtstätigkeit begreift. Seine Idee ist quasi barrierefreier Rechtschreibunterricht. Ich gab jedoch zu bedenken, dass man bei den Schreibweisen nicht zuviel Logik vermuten dürfe. Bei der Biene gelte seine Begründung der Ausnahme nicht, denn das Verb bienen gibt es nicht. Obwohl hübsch wäre es doch, fällt mir gerade ein, das schwärmende Naschen, auch das Vernaschen des anderen Geschlechts statt herumhuren lieber herumbienen zu nennen.

Sorry, zurück zum Thema. Obwohl ich gestern Abend behauptet habe, alle verallgemeinerte Rechtschreibregeln träfen höchstens zu 80 Prozent zu, den Ausnahmerest müsse man eben auswendig lernen, bin ich von Leisetönes Denkansatz fasziniert und suche weitere Beispiele, bzw. Gegenbeispiele. Leider kenne ich nicht viele Tiere, ich bin ja Vegetarier, bitte also die geneigte Leserschaft um Hilfe bei der Suche. (Mit Dank an die Kolleginnen lunaterminiert, lamamma und den Kollegen Lo. Weitere Tierbezeichnungen aus dem Kinderlexikon)

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