Adventskalender – 21. Türchen – Ein Mann hebt schwere Jacken und mir geht ein kleines Licht auf, aber immerhin

tür21neu

„Nehmen Sie sich Zeit für den größten Mist, heben Sie die schweren Winterjacken wildfremder Leute hoch.“ (Eugen Egner via Titanic)

Einmal im ICE von Hannover nach Köln, da hatte ein Mann beim Reiseantritt in Hannover schon meine Aufmerksamkeit erweckt, als er mich zu meinem reservierten Fensterplatz durchließ und neben mir Platz nahm, wobei er die auf dem Platz liegende Bahnzeitschrift ignorierte. Dann hatte er bis Hamm wie absichtsvoll auf ihr gesessen, weshalb ich nicht wusste, ob es ein Versehen war oder ob er vielleicht einer seltsamen Bahnfahrersekte angehörte, deren Mitglieder grundsätzlich auf Zeitschriften sitzen, weil sie die Theorie vertreten, Sitzpolster würden mikrobiotische Weltreiche beherbergen, in die man sich besser nicht hineinsetzt. Wunderlich fand ich auch, dass wir ähnliche Kleidung trugen, schwarzes Jackett, dunkelgraues Hemd und Jeans, als hätten wir uns abgesprochen. Allerdings war sein schwarzer Mantel dünner als meiner, quasi für den in Hamm ausgebrochenen Frühling gemacht, was er mir durch Anheben demonstrierte. In Hamm wird der ICE geteilt. Die vordere Hälfte fährt weiter über Düsseldorf, die hintere über Wuppertal nach Köln. Als ich noch rauchte, habe ich den längeren Aufenthalt in Hamm immer genutzt, um auf den Bahnsteig hinauszutreten und zu rauchen. Also musste ich den Mann bitten, mich durchzulassen. Als ich zurückkam und sagte: „Der Frühling ist ausgebrochen“, kamen wir ins Gespräch. Die Bahnzeitschrift schob er diesmal ins Netz des Vordersitzes.
Er habe eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse hinter sich, sagte er, als wir wieder gut saßen. Das sei nicht erbaulich gewesen, weil ein anderer Autor in der Nähe ihn per Lautsprecher zu übertönen drohte. Aber was hätte er machen sollen, der Verlag habe ihn zu dieser Lesung genötigt. Bald stellten wir einander vor, er war und ist vermutlich immer noch der Musiker, Autor und Zeichner Eugen Egner, und ich bin ja ich, das stand jedenfalls auf der Visitenkarte, die ich ihm gab. Wir waren, wie wir herausfanden, Titanic-Kollegen. Sähe Eugen Egner wie seine gezeichneten Figuren aus (guckst du hier), dann hätte er irgendwo an seinem Körper vielleicht eine groteske Ausbuchtung oder er trüge auf seinem Rücken eine aufgeschnallte Truhe.

Jedenfalls musste ich am gestrigen 4. Advent wieder an ihn denken, Egner beim Anheben seines leichten Frühlingsmantels und Egner hebt die schweren Winterjacken wildfremder Leute. Ich habe nämlich eine Idee, deretwegen mich meine drei Söhne, die allesamt eine bessere Schulbildung haben als ich, vor Jahren schon mal ausgelacht haben. Wenn du so eine Jacke vom Garderobenhaken einer Kneipe nimmst und wieder zurückhängst, dann entsteht doch Energie, die man theoretisch vom Haken abgreifen könnte, um eine darüber angebrachte Leuchtdiode zum Aufleuchten zu bringen. Blinkende Lämpchen am Garderobenständer einer Kneipe bringen uns zum Kern meiner Idee: Wenn der Mensch geht, sich hinsetzt oder etwas aufhängt, übt er Druck aus. Selbst im Sitzen drückt der Hintern dauerhaft auf die Sitzgelegenheit. Wieso lässt sich auf diese Weise keine Energie erzeugen? Sogar Filipe d’Accord enttäuschte mich letztens, als wir im Vogelfrei saßen und ich meine Idee darlegte. Da erklärte er mir, warum es nicht geht: „Ein Arsch muss nicht nur auf den Sitz drücken, sondern diesen eine Strecke weit nach unten bewegen, damit Arbeit verrichtet wird, die dann in nutzbare Energie verwandelt werden kann.“ Ich sagte: „Du sollst mir nicht erklären, warum es nicht geht, sondern überlegen, wie es gehen könnte.“ Deshalb sind nämlich neue Erfindungen so selten, weil die Fachleute einem erklären, warum eine Idee nicht umzusetzen ist. Filipe ist freilich nicht einfach Physiker, sondern Quantenphysiker, ziemlich agil und meilenweit von der Energieerzeugung durch pures Herumsitzen entfernt. Ich aber bin Beamter. Da liegt mir die Idee naturgemäß ziemlich nah. So glaube ich, dass er nur nicht in die Richtung weiterdenken wollte und sein Argument dem gleicht, Flugzeuge könnten nicht fliegen, weil sie viel zu schwer sind.

Auf der Tanzfläche im Rotterdamer Club Watt erzeugen die Leute durch pures Herumhopsen Strom, bis zu 20 Watt pro Tänzer. Zeit online berichtete 2011:

„Auch Gehwege in Toulouse und in Tokyo oder U-Bahn-Treppen in London sind mit solchen Energieplatten ausgestattet. Sie machen sich zunutze, dass Menschen permanent Energie an ihre Umwelt abgeben – in Form von Druck, Bewegung oder Abwärme. Seit einigen Jahren gibt es zentimeterkleine Instrumente, die solche Energie „ernten“ können. Diese Energy-Harvesting-Geräte nutzen auch Vibrationen von Maschinen und Fahrzeugen oder Temperaturunterschiede zwischen zwei Stoffen, um Strom zu erzeugen“

Da haben wirs. Hätte ich doch nicht auf meine Söhne gehört, sondern meine Idee früher verbreitet. Schulbildung wird sowieso überschätzt. Quantenphysik auch. Darum fürs Protokoll: Energieerzeugung durch bloßes Herumsitzen ist meine Idee.

Guten Morgen und guten Start in die Woche

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10 Kommentare zu “Adventskalender – 21. Türchen – Ein Mann hebt schwere Jacken und mir geht ein kleines Licht auf, aber immerhin

  1. In deinem Fall, lieber Jules, würde ich anregen darüber nachzudenken wie du die Energie der Tastenanschläge deines Rechners nutzen kannst. Es mag sein, dass du im Herumsitzen gut bist. Weit produktiver bis du aber sicher im Verfassen deiner Texte. Ein Wort wie Quantenphysiker ergäbe, schnell und mit viel Kraft in die Tasten gehauen, vielleicht schon ein leichtes Flackern deiner Schreibtischlampe. Interessant wäre es zu sehen ob du bei Texten über ein Thema das dich wütend macht, mehr Energie erzeugst als mit einem sanften und nachdenklichem Text.
    Energie ist im Teestübchen jedenfalls reichlich vorhanden.

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    • Du hast Recht, liebe Mitzi. Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Alle Blogger zusammen könnten vermutlich ein Atomkraftwerk ersetzen. Dankeschön für das liebe Lob. In letzter Zeit ereifere ich mich kaum noch, weshalb der Test nicht ginge. Denn ich interessiere mich kaum noch für Tagesaktualität und den Irrsinn unserer Welt. Bei der Sichtung älterer Texte habe ich gesehen, dass die meisten auf etwas zielen, was in unserer schnelllebigen Zeit längst vergessen ist.

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  2. Es gibt einerseits Ärsche, die durch permanentes Herumzeigen viel Geld generieren, andererseits auch Ärsche, die, indem sie ganze Heerschaften von Arbeitern für sich arbeiten lassen, noch wesentlich mehr Geld generieren als erstere. Dieses immense Geld wird in Energie verwandelt, die dann, kleiner Wermutstropfen, meist nur dem Arsch selbst zugute kommt …

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  3. Die Lösung hätte in der Analyse der, für meinen Begriff tatsächlich existierenden, mikrobiotischen Weltreichen gelegen! Da ja Energie nicht erzeugt wird, sondern sich nur von der einen in die andere Form umwandelt, stammt diese Sitzenergie meiner Meinung nach entweder von diesen Weltreichen. Das hätte doch der Quantenphysiker verstehen müssen! Oder, vor allem von den Hintern, die werden weit mehr komprimiert als das, worauf sie sitzen. Also findet sich die meiste Bewegungsenergie im Arschgewebe! Das wäre die eigentlich Herausforderung geworden, sie daraus wieder zu extrahieren für externe Nutzung! Deine Idee wäre Dein Reichtum geworden, es war halt nur der falsche Zeitpunkt 😉 wie bei so vielen genialen Ideen. Wer weiß, für was es gut war. Witzig, Dein Artikel passt haargenau zu dem „Mann der überall sitzen konnte“. Ob das Zufall ist? Wer weiß. Vielleicht sind die mikrobiotischen Despoten im Vormarsch? Hihi. Habe herzlich gelacht. Sehe bestimmt demnächst in der Kneipe die Haken blinken und passe genau auf, ob ich was spüre, beim hinsetzen 😉

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    • Der Denkansatz scheint mir vielversprechend zu sein. Vielleicht könnte man in den mikrobiotischen Weltreichen ein Bakterienvolk ansiedeln, das aus Sitzwärme Strom erzeugt. Energie aus gestauchtem Arschgewebe (übrigens ist Arsch ein abgesunkener Euphemismus (Hüllwort), bedeutete ursprünglich das Herausragende und ist verwandt mit Erker. Ähnlich ist es dem Hintern ergangen, der ja nur auf hinten verweist, aber inzwischen auch nicht mehr salonfähig ist. Reden wir vom Gesäß. Der Mensch ist ja sowieso ein Kraftwerk. Warum sollte das Gesäß nicht ein Schneller Brüter sein. 😉 “Der Mann der überall sitzen kann”, ist wirklich ein hübscher Trickfilm. Ich kannte ihn nicht. Danke für den Hinweis! Die blinkende Garderobenhaken sollte ich mir patentieren lassen, aber als sozial denkender Mensch schenke ich die Idee den Kneipenhockern der Republik.

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    • Ein „menschliches Äquivalent zu einem Passivhaus“ wäre der Idealfall. Doch in der heutigen Zeit bliebe das wohl Luxus, den sich nur wenige leisten können. Die meisten müssen sich in ihrem Beruf selbst verheizen, was der tiefere Sinn des neoliberalen Geredes vom „Humankapital“ ist.

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