Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

Kategorie Medien„Welches Medium ist am glaubwürdigsten?“ fragte im Jahr 1998 das Forsa-Institut die deutsche Bevölkerung: Platz eins mit 41 Prozent belegten die Tageszeitungen. Auf Platz zwei landete das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit 31 Prozent. Die Deutschen vertrauten 1998 also primär jenen Medien, die derzeit oft als „Lügenpresse“ gescholten werden. Dem Internet als Nachrichtenquelle vertraute nur ein Prozent der Befragten. Aus journalistischer Sicht war 1998 die Welt noch in Ordnung, nicht nur morgens um sieben, sondern bis abends spät zu den „Tagesthemen“ (Statistik aus: Volker Schulze, Die Zeitung, Aachen 2001)

Im Jahr 1998 habe ich noch Zeitungsartikel ausgeschnitten und archiviert. Meine Einstellung zum Medium Zeitung war relativ unkritisch, obwohl ich Einblick in redaktionelle Vorgänge hatte, weil ich neben meiner Tätigkeit als Lehrer für ein Institut arbeitete, das didaktische Zeitungsprojekte in Schulen organisierte. Ich glaubte, man müsse nur zwei Zeitungen unterschiedlicher Ausrichtung lesen, um sich eine verlässliche Meinung zu bilden. Meine Einstellung hat sich in jetzt 18 Jahren radikal gewandelt.

Dem derzeitigen Glaubwürdigkeitsverlust begegnen Journalisten hilflos und zum Teil auch dümmlich wie letztens der Spiegel.de-Kolumnist Jan Fleischhauer mit dem Hinweis, seine Kritiker würden nicht einmal den Konjunktiv beherrschen. Da ich mich auskenne mit dem Konjunktiv, ist mir also erlaubt, einige Schwachpunkte des Zeitungsjournalismus aufzuzeigen. Es ist dazu eine kurze Beschreibung des Mediums nötig, die ich in Folgen veröffentlichen will, und als deutscher Autor fange ich zwar nicht bei Adam und Eva an, aber bei den Tauben des Julius Reuter. Vorab noch das:

Anfang der 1970-er Jahre lebte ich für kurze Zeit in Köln und war Kunde der Kreissparkasse am Neumarkt. In der stattlichen Kassenhalle stand zentral auf einem Sockel ein Nachrichtenticker. Das Gerät war mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) verbunden. Ein solcher Ticker war ein Fernschreiber, eine Art Nadeldrucker. Er druckte die übermittelten Meldungen mit ausschließlich Kleinbuchstaben auf einen Streifen Endlospapier, nicht breiter als eine Luftschlange. Der Name des Geräts ist onomatopoetisch, denn er ahmt das Geräusch der Drucknadeln nach, wenn sie auf den Papierstreifen schlugen.

Gedenktafel in Aachen - (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Der Ticker in der Kassenhalle der Kreissparkasse Köln erinnerte daran, dass Nachrichtenagenturen als Dienste für den Finanzsektor begonnen haben. Die weltweit größte Nachrichtenagentur Reuters hat im Jahr 1849 in einem Taubenschlag in der Aachener Pontstraße Hausnummer 117 begonnen. Mit Brieftauben sandte der Bankkaufmann Julius Reuter Aktiendaten nach Brüssel. Nach Einführung der Telegrafie ging Reuter auf Rat von Werner von Siemens nach London und eröffnete dort 1851 ein Telegrafenbüro, um über ein Seekabel Börsenkurse nach Paris zu telegrafieren. (In dramatisierter Form erzählt habe ich das hier: Ringsum Lebenswege) Später erweiterte sich der Dienst um Nachrichten vom Weltgeschehen.

Hundert Jahre danach standen Nachrichtenticker in jeder Zeitungsredaktion. Der zuständige Redakteur sichtete die getickerte Nachricht, und wenn er sie wichtig genug fand, um sie ins Blatt zu heben, schnitt er den Passus in Streifen und klebte sie untereinander auf einen Vordruck, von dem die Länge der Nachricht in Anschlägen ablesbar war. So wurde das Manuskript in die Setzerei gegeben, auf der Linotype-Setzmaschine abgesetzt und in Bleizeilen ausgegossen, aus denen man die Zeitungsseiten zusammenbaute.

Mit dieser Meldung nahm die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am 01.09.1949 ihren Sendebetrieb auf. (Abbildung: dpa)

Mit dieser Meldung nahm die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am 01.09.1949 ihren Sendebetrieb auf. (Abb: dpa)

Die Langsamkeit des Tickers begrenzte die Anzahl der Nachrichten stark. Ein älterer dpa-Redakteur erinnert sich: „Damals konnte man den gesamten Dienst noch ausdrucken und in einer Hand tragen.“ Das Weltgeschehen in einer Hand. Mehr als am Tag getickert werden konnte, passierte scheinbar nicht, weil die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr. Der damalige Zeitungsleser vertraute darauf, dass wirklich wichtige Ereignisse zu Nachrichten wurden. Entsprechend glaubte er ganz naiv, dass täglich nur soviel passierte, wie in die Zeitung passt.

Heutiger Ticker - (Abb: dpa)

Heutiger Ticker – (Abb: dpa)

Heute senden die Nachrichtenagenturen ihr Angebot auf digitalem Weg direkt in das Redaktions- und Satzsystem ihres Abnehmers. Der dpa-Basisdienst wird nach Auskunft von dpa rund um die Uhr von etwa 1000 Redakteuren weltweit beschickt und umfasst etwa 800 Meldungen pro Tag, also gewiss mehr als das zehnfache der Kapazität der alten Ticker. Sind die Zeitungen deshalb dicker geworden? Fächert sich das Bild von der Welt, das Zeitungen uns vermitteln, stärker auf als zu Zeiten des Tickers?

Leider nicht, denn der Umfang der Zeitungen richtet sich nicht nach Nachrichtenlage, sondern hängt immer vom Anzeigenaufkommen ab. In der morgendlichen Redaktionskonferenz teilt der Chef vom Dienst mit, wie viele Seiten den Ressorts zur Verfügung stehen, abhängig von den geschalteten Anzeigenseiten. Weil das Anzeigenaufkommen insgesamt rückläufig ist, sitzen alle Ressorts auf Bergen von ungedruckten Texten. Denn man druckt ja nicht nur das Fremdmaterial aus den Agenturen, sondern auch eigene Texte. Da kann es vorkommen, dass wichtige Nachrichten aus Platzgründen geschoben werden, so lange, bis sie nicht mehr aktuell sind und dann gänzlich unter den Tisch fallen.

Nächste Folge: Die Zeitung – (2) Die Glatze stylen – Vom Kappen, Frisieren und Ondulieren der Fakten

Advertisements

13 Kommentare zu “Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

  1. Danke für die viele Mühe und Gewissenhaftigkeit, mit der Sie uns an Ihren Kenntnissen und Ergebnissen Ihrer Recherchen teilhaben lassen! Die Zeit, die man damit zubringt, hier zu lesen, ist nie vergeudet, das ist ein selten erfreuliches Phänomen.

    Gefällt 4 Personen

    • Dankeschön, liebe Mitzi. Du hast Recht, sich zu informieren, ist schwieriger geworden. Viele schrecken vor der Informationsflut zurück und verschließen sich den Fakten. Letztlich ist es eine seltsame Erfahrung zu sehen, dass das eigene Weltbild auf mediales Hörensagen zurückgeht, dem wir früher einfach blind vertraut haben. Du zeigst in deinen Blogeinträgen den Wert der eigenen Beobachtung und feinsinnigen Interpretation.

      Gefällt 2 Personen

  2. Eine spannende Serie! Vieles davon wusste ich nicht!

    Meinerseits gibt es eine Merkwürdigkeit. Seit neulich bin ich Abonnent der digitalen FAZ. Was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in diesem digitalen Format die Zeitung, an Haptik verlierend, auch ihre Benjaminsche Auratik verliert. Man liest die Texte „nackt“, befreit vom Rauschen der grossen Papierformate und fragt sich oft zu den Inhalten: „Muss das sein? Wie rückständig und reaktionär“. Das Digitale scheint die Wahrheitsillusion des Prints zunichte zu machen.

    Gefällt 1 Person

    • Schön mal wieder was von dir zu lesen, mein Lieber, und danke für dein Lob und den aufschlussreichen Hinweis auf die Aura des Papierformats einer Zeitung. Genau daran knüpfte sich ja die Anzeigenserie der FAZ: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“, den die FAZ seit 1964 über Jahrzehnte verwendet hat, zuerst mit stilisierten Lesern, später mit einer Fotoserie, für die man insgesamt 87 Prominente gewinnen konnte. Die von dir treffend genannte „Wahrheitsillusion“ist gewiss zu einem Großteil mit der haptischen Form verknüpft. Dass uns liebgewonnene Werte im Digitalen verlorengehen, erleben wir ja täglich auch in anderen Bereichen. Bei allen medialen Entwicklungen bedeutet Zugewinn immer auch Verlust alter Qualitäten. Das war schon beim Aufkommen der Lautschrift so, wie Platon im Phaidros aufgeführt hat.
      http://trithemius.twoday.net/stories/4656768/

      Gefällt 1 Person

  3. Es ist auch dieses „was man schwarz auf weiß besitzt“, das der Zeitung Gewicht und Wichtigkeit gab. Gedruckt, das muss doch wahr sein. Und das Internet.. flüchtig, morgen schon nicht mehr greifbar, gelöscht, weg. Und den Redakteur vor Ort, den kannte man, auch wenn man den Zusammenhang von Presseagentur und Artikel nicht kannte.

    Gefällt 1 Person

    • „… kann man getrost nach Hause tragen.“ Das Zitat aus dem Faust zeigt auch die Ehrfurcht vor der Drucktechnik, vor dem gewaltigen technischen Aufwand, der zum Druck nötig war. Allein für die Schriftvielfalt hinsichtlich Schriftcharakter, -schnitt und -größe, die jeder von uns auf dem Rechner hat, war in der Bleizeit noch ein Setzereisaal nötig, so groß, dass man schon leicht die Erdkrümmung darin hätte wahrnehmen können 😉

      Dem Lokalredakteur konnte man sogar auf der Straße begegnen, als Zeitungshäuser noch in der City standen und nicht weit draußen im Gewerbegebiet.

      Gefällt 1 Person

  4. Neulich suchte ich über Google Informationen zu einem Thema. Als Ergebnis wurden mir auf der ersten Seite 10 Artikel von verschiedenen Tageszeitungen angeboten, von Ost nach West und Nord nach Süd waren die unterschiedlichsten Tageszeitungen vertreten – sämtliche Artikel wurden in der Kurzanzeige mit dem selben Satz angezeigt, ein paar habe ich angeklickt: Es war überall der gleiche Wortlaut. Offenbar haben alle Tageszeitungen eine dpa-Meldung eins zu eins übernommen, keine einzige hat selbt recherchiert. Von Zeitungsvielfalt kann da nicht mehr die Rede sein.

    Ich freu mich auf die Fortsetzungen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deinen ergänzenden Erfahrungsbericht. Bei der täglichen Nachrichtenflut und gleichzeitig geschrumpften Redaktionen ist die Verführung natürlich groß, einfach den dpa-Text abzudrucken. Die Meinungsvielfalt ist ja auch durch die Zeitungsfusionen geschmolzen. Darüber später mehr.

      Gefällt mir

  5. Lieber Schüll, (das ist der Jules oder Julius in Aachen) du bringst es wieder auf den Punkt. Selbst die als seriös verschrienen Blätter fallen oft noch innerhalb eines vielversprechenden Textes übel ab. Da setzt dann unsere Verpflichtung zum Lesen zwischen den Zeilen ein, in allen möglichen Versionen.
    Liebe Grüße
    Nebenmann

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Besuch und Kommentar, lieber Heinz. Das „Lesen zwischen den Zeilen“ will auch geübt sein. Aber es findet ja unwillkürlich statt. Es wäre interessant, sich dem Thema zu widmen.
      Danke für den Hinweis, Freund Nebenmann, und beste Grüße,
      Jules

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s