Die Gleichzeitigkeit von vorher und nachher

Ist die Zeit erst in die Welt gekommen, als sie vom Menschen gemessen wurde? Anders gefragt: existiert Zeit nur, wenn man sie misst, also wirkt der Messvorgang zurück auf die Zeit und erzeugt oder modifiziert sie? Das sollten einmal Quantenphysiker beantworten. Die Frage nach der Modifikation gilt es zu bedenken, wenn am Sonntag, dem 27. Oktober, wieder das kosmische Räderwerk für eine ganze Stunde angehalten und unsere Zeit zurückgestellt wird.

Folgendes: In meinem Bücherregal am anderen Ende des Zimmers lehnt eine Uhr. Eine weitere hängt direkt hinter mir an der Wand. Beide Uhren ticken etwa gleich laut. Die Wanduhr tickt eine halbe Sekunde vor der Regaluhr, so dass diese wie ein Echo hinterherlappt.

Da mir meistens alles zu langsam vorangeht, entschloss ich mich, in der Wanduhrzeit zu leben, also quasi eine halbe Sekunde in der Zukunft. Doch da tat sich ein Problem auf, das mich hart am Wahnsinn vorbeischrammen ließ. Wenn ich mich nämlich auf das Ticken der Regaluhr konzentrierte, war sie der Wanduhr voraus, und die Wanduhr lappte eine halbe Sekunde hinterher.

Konzentrierte ich mich auf die Wanduhr, kippte die Situation wieder. Es entstand das seltsame Phänomen, dass beide Uhren und mithin ich gleichzeitig im Vorher und im Nachher waren, ganz wie ich meine Aufmerksamkeit richtete. Das ließ ich eine Weile geschehen, bis es mir zuviel wurde und ich in ein Zimmer ohne Uhr flüchtete. Dort nahm mich die Zeit wieder in ihre warmen Arme der Unbegreiflichkeit.

Fünf Minuten Finsternis

Sonntagabend gegen 21 Uhr. Zack! geht überall das Licht aus. Urplötzlich sitze ich im Dunkeln. Im Zimmer ist es wirklich dunkel, weil auch die Straßenlaternen ausgegangen sind. Ich taste mich vor zu meiner Nachtkommode, worauf eine Taschenlampe liegt. Dann gehe ich ins Wohnzimmer, öffne das Fenster und schaue hinaus. Die Straße liegt im Finstern wie offenbar das ganze Viertel. Ich leuchte ein wenig herum. Drei, vier Nachbarn auf der anderen Straßenseite leuchten ebenfalls mit Taschenlampen. Im Rheinland wäre jetzt ein Rufen. Man würde sich einander vergewissern, doch hier bleibt es unheimlich still, bis auf ein böses Husten, von schräg unter mir. Alle anderen ergeben sich schweigend der befremdlichen Situation. Ich ahne, dass die Zivilisation einmal genauso wegfallen wird, ganz plötzlich ohne jede Vorwarnung. Von jetzt auf gleich wird nichts mehr sein wie zuvor.

Als Jugendlicher habe ich eine Weile Katastrophenmeldungen aus der Zeitung ausgeschnitten und in einem Weltuntergangs-Ordner gesammelt. Ich besaß Stiefel mir Fransen an der Schaftöffnung, die ich Katastrophenstiefel getauft hatte. Damit fand ich mich gut vorbereitet. Diese jugendliche Lust am Untergang geistert durch mancherlei Hirne. Katastophenmeldungen zu sammeln war und ist ein gern gewähltes Thema von Langzeitarbeiten im Projekt „Zeitung in der Schule.“ Manche konservieren die Lust am Untergang bis ins Erwachsensein und bereiten sich professionell auf die Apokalypse vor. Mitglieder dieser großen Szene heißen Prepper (von englisch to be prepared, deutsch ‚bereit sein‘). Nicht alle sind harmlose Spinner. Einige gehören der rechten Szene an und schmieden pubertäre Pläne zur Machtergreifung. Mitten im Weltuntergang wollen diese Leute die Macht ergreifen. Ich hoffe sehr, beim Weltuntergang finden die apokalyptischen Reiter Zeit, sie ordentlich abzuwatschen.

Ägyptische Finsternis in Linden-Mitte. Grad ist Zeit, über die Nachbarn nachzudenken. Was sind das für Leute? Ist ihnen zu trauen, wenn die Dunkelheit anhält? Oder brauchen die auch ein paar Watschen? Wenn ich an den Typen aus der Bäckerei denke, sehe ich schwarz. Ich entzünde ein Teelicht, – da plötzlich flammt das Licht wieder auf. Fünf Minuten Stromausfall. Das ging gerade noch gut.

Die Zeitung – (2) Das Stylen der Glatze – Vom Kappen, Frisieren und Ondulieren der Fakten

Kategorie MedienWer Augen- und Ohrenzeuge eines Ereignisses war, über das in den Medien berichtet wird, hat sich gewiss schon mal über die Diskrepanz gewundert zwischen der eigenen Wahrnehmung und der medialen Darstellung. Das kann an der journalistischen Aufbereitung eines Themas liegen. Ein einfaches Beispiel: In meiner Zeit als Lehrer an einem Aachener Gymnasium nahm ich im Herbst 1989 erstmals am bundesweiten Schulprojekt „Zeitung in der Schule teil“. Die teilnehmenden Schulklassen bekamen für sechs Wochen einen Klassensatz der Tageszeitung, um im Deutsch- oder Politikunterricht damit zu arbeiten und über ein selbstgewähltes Recherchethema für die Zeitung zu schreiben. Dabei wurden sie didaktisch von der jeweiligen Redaktion und wissenschaftlichen Mitarbeitern des organisierenden Instituts begleitet. Auf Wunsch des Sponsors, der örtlichen Sparkasse, sollte unsere Schule die Eröffnungsveranstaltung ausrichten. Unter dem Motto „101 Möglichkeit, die Zeitung zu nutzen“ ließ ich die Schüler meiner 9. Klasse Exponate aus Zeitungspapier gestalten, unter anderem auch ein Kopfkissen und eine Steppdecke, die wir auf der Liege aus dem Sanitätsraum drapierten. Weiterlesen

Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

Kategorie Medien„Welches Medium ist am glaubwürdigsten?“ fragte im Jahr 1998 das Forsa-Institut die deutsche Bevölkerung: Platz eins mit 41 Prozent belegten die Tageszeitungen. Auf Platz zwei landete das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit 31 Prozent. Die Deutschen vertrauten 1998 also primär jenen Medien, die derzeit oft als „Lügenpresse“ gescholten werden. Dem Internet als Nachrichtenquelle vertraute nur ein Prozent der Befragten. Aus journalistischer Sicht war 1998 die Welt noch in Ordnung, von morgens um sieben bis abends spät zu den „Tagesthemen“ (Statistik: Volker Schulze, Die Zeitung, Aachen 2001)

Im Jahr 1998 habe ich noch Zeitungsartikel ausgeschnitten und archiviert. Meine Einstellung zum Medium Zeitung war relativ unkritisch, obwohl ich Einblick in redaktionelle Vorgänge hatte, weil ich neben meiner Tätigkeit als Lehrer für ein Institut arbeitete, das didaktische Zeitungsprojekte in Schulen organisierte. Ich glaubte, man müsse nur zwei Zeitungen unterschiedlicher Ausrichtung lesen, um sich eine verlässliche Meinung zu bilden. Meine Einstellung hat sich in jetzt 18 Jahren radikal gewandelt. Weiterlesen