Die Zeitung – (2) Das Stylen der Glatze – Vom Kappen, Frisieren und Ondulieren der Fakten

Kategorie MedienWer Augen- und Ohrenzeuge eines Ereignisses war, über das in den Medien berichtet wird, hat sich gewiss schon mal über die Diskrepanz gewundert zwischen der eigenen Wahrnehmung und der medialen Darstellung. Das kann an der journalistischen Aufbereitung eines Themas liegen. Ein einfaches Beispiel: In meiner Zeit als Lehrer an einem Aachener Gymnasium nahm ich im Herbst 1989 erstmals am bundesweiten Schulprojekt „Zeitung in der Schule teil“. Die teilnehmenden Schulklassen bekamen für sechs Wochen einen Klassensatz der Tageszeitung, um im Deutsch- oder Politikunterricht damit zu arbeiten und über ein selbstgewähltes Recherchethema für die Zeitung zu schreiben. Dabei wurden sie didaktisch von der jeweiligen Redaktion und wissenschaftlichen Mitarbeitern des organisierenden Instituts begleitet. Auf Wunsch des Sponsors, der örtlichen Sparkasse, sollte unsere Schule die Eröffnungsveranstaltung ausrichten. Unter dem Motto „101 Möglichkeit, die Zeitung zu nutzen“ ließ ich die Schüler meiner 9. Klasse Exponate aus Zeitungspapier gestalten, unter anderem auch ein Kopfkissen und eine Steppdecke, die wir auf der Liege aus dem Sanitätsraum drapierten.

Es gab um unsere Ausstellung einen großen Presserummel, denn die Zeitungsleute sahen sich und ihr Medium gefeiert. Eine Korrespondentin der Deutschen Presse-Agentur sorgte durch ihre Meldung dafür, dass über unsere Ausstellung bundesweit berichtet wurde.

Die Zeitung zum Einschlafen (aus: Aachener Nachrichten)

Die Zeitung zum Einschlafen (aus: Aachener Nachrichten)

Bei der Eröffnungsveranstaltung legte sich der Schulausschussvorsitzende der Stadt Aachen medienwirksam in unser Bettzeug aus Zeitungspapier und ließ sich fotografieren. Ich sagte leichthin: „Dann haben Sie vor dem Einschlafen etwas zu lesen.“ Tags drauf berichtete die Aachener Presse auf Titel und im Lokalteil über die Eröffnungsveranstaltung, druckte unter anderem das Bild des Schulausschussvorsitzenden im Bett und schrieb meinen Ausspruch ihm zu. Meine Schüler riefen erbost: „Aber das haben Sie doch gesagt!“ und lernten sogleich, was es heißt, dass Nachrichten journalistisch frisiert werden, denn natürlich war es für Leser interessanter, den Ausspruch eines stadtbekannten Ratsherrn zu lesen als den eines unbekannten Studienrats. Man sieht am Beispiel, dass journalistische Verfälschung auch etwas mit Lesererwartungen zu tun hat. Wer die perfekt bedient, hat ökonomischen Erfolg. Zudem hat eine Lokalzeitung das Interesse, Lokalpolitiker gut aussehen zu lassen, weil ein guter Draht zur Politik exklusive Informationen verspricht.

„Fakten, Fakten, Fakten“ stimmt das überhaupt? Im Zeitungsalltag können Nachrichten buchstäblich dahinschmelzen.

Seitenumbruch im Maschinensatz (aus: Bruckmanns Handbuch der Drucktechnik)

Seitenumbruch im Maschinensatz (aus: Bruckmanns Handbuch der Drucktechnik)

Als junger Mann habe ich in der Zeitungssetzerei noch die Bleizeit erlebt. Zu jener Zeit wurde eine Zeitungsseite von einem Metteur  zusammengebaut. Dabei habe ich etwas für mich Schockierendes beobachtet. Metteur und Schlussredakteur beugten sich über eine fast fertige Zeitungsseite. Es musste noch eine Nachricht eingepasst werden, aber sie war zu lang. Da nahm der Metteur offenbar im Einverständnis mit dem Schlussredakteur einen Stapel Bleizeilen, einen ganzen Absatz, von der Nachricht weg und warf die Zeilen in den Eimer, in dem  wieder einzuschmelzendes Bleimaterial gesammelt wurde. Wie war das möglich? Warum konnten die beiden derart brutal mit einer Nachricht umgehen? Das lernte ich bald: Bei Meldung, Nachricht und ihrer Langform, dem Bericht, wird das Wichtigste zuerst genannt. In den ersten Sätzen werden bereits die W-Fragen: Wer? Was? Wo? Wie? Warum? beantwortet. Weitere Einzelheiten stehen in absteigender Wichtigkeit absatzweise im Text. Diese weiteren Einzelheiten werden dem Leser manchmal vorenthalten. Kein Platz und darum von hinten weggekürzt.

Diese Textgestaltung heißt Lead-Stil. Sie soll im amerikanischen Bürgerkrieg entstanden sein. Weil die Telegrafenverbindungen jederzeit durch Kriegshandlungen unterbrochen werden konnten, telegrafierten die Kriegsberichterstatter ihre Berichte dergestalt hastig an die Heimatredaktion: „Das Wichtigste zuerst!“ Man hätte die Form des Berichts in Friedenszeiten nicht beibehalten müssen. Doch wenn sich beim Leser einmal spezifische Rezeptionsgewohnheiten herausgebildet haben, werden sie auch bedient. Zudem vereinfachte die Lead-Form das Zusammenstellen einer Zeitungsseite. Erwies sich ein Bericht als zu lang, konnte man ihn abschnittsweise von hinten kürzen. Auch heute sind Nachrichten noch so gebaut. Das Verfahren ist ökonomisch und spart Zeit, unterschlägt aber manchmal wichtige Zusammenhänge.

Meldung, Nachricht und Bericht gehören zu den zeitungstypischen Stilformen, mit denen der Leser möglichst objektiv informiert werden soll. Völlige Objektivität ist natürlich eine Fiktion. Die Entscheidung, was eine wichtige Information ist, treffen Menschen mit subjektiven Vorlieben und Wertvorstellungen. Periodisch geraten bestimmte Themen in den Vordergrund. Wohin Mordors Auge fällt, darüber wird berichtet. Anders als das Bild suggeriert, geht es um eine menschliche Eigenart. Der menschliche Blick wird von Bewegung angezogen, und „wo was los ist“, darüber berichten unsere Zeitungen. Manchmal sorgen sie allerdings selbst für Spektakel. Darüber hinaus haben Zeitungsleute eigene Vorstellungen, was berichtenswert ist.

Mann beißt Hund - hieß eine TV-Reportagesendung des flämischen Rundfunks VRT

Mann beißt Hund – hieß eine TV-Reportagesendung des flämischen Rundfunks VRT – näheres: Klicke Bild)

„Hund beißt Mann“ ist keine Nachricht mit Neuigkeitswert, aber „Mann beißt Hund.“ Da Zeitungsredaktionen täglich sichten, was die anderen Redaktionen drucken, sich also aneinander orientieren, bildet sich ein Mainstream. Manchmal entstehen auf diese Weise Kampagnen – wie 2014 um Bundespräsident Christian Wulff. Angeführt von der Bildzeitung trieb man Wulff wie eine Sau durchs Dorf. Irgendwann erschöpft sich aber jede Kampagne. Zuletzt kam die Wulff-Kampagne auf einem Bobbycar daher. Das fand man dann selbst „bizarr.“

„Das Wichtigste zuerst“ – Nach diesem Grundsatz verfahren auch Nachrichtenagenturen, unterliegen aber ebenfalls der obengenannten selektiven Wahrnehmung und saisonalen Fokussierung. „Das Wichtigste zuerst“ ist nicht die übliche Weise, in der Menschen kommunizieren. Es ist die Kommunikationsform des Marktschreiers. Zum Glück gibt es auch anders gebaute Texte in der Zeitung wie Reportage, Interview, Essay , Kritik, Kommentar und Glosse, anders wäre die Zeitung nicht zu ertragen. So ist auch dieser Beitrag nicht aufgebaut. Mir geht es zunächst darum, systembedingte Schwächen aufzuzeigen. Noch nicht angesprochen sind menschliches Versagen durch absichtliche Fälschung, tendenzielle Berichterstattung, Tatsachenverdrehung, Druck- und Stilfehler. Beispiele für schludrige Recherche und sprachliche Torheit hat Kollege Noemix in seinem empfehlenswerten Blog schon hundert- wenn nicht tausendfach aufgezeigt.

Indem Augenzeugen in Echtzeit über Twitter und Blogs von Ereignissen berichten, haben sich Nachrichtenwege vorbei an den klassischen Medien ergeben. Dadurch wächst dann auch die Skepsis gegenüber einem zuweilen holzschnittartigen Weltbild, das uns Zeitungen vermitteln.

Fortsetzung: Die Zeitung – (3) Didaktik der Demokratie – Schwindsucht der Meinungsvielfalt

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12 Kommentare zu “Die Zeitung – (2) Das Stylen der Glatze – Vom Kappen, Frisieren und Ondulieren der Fakten

  1. Pingback: Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

  2. Auch heute sollten Schüler unbedingt an den richtigen Umgang mit Medien herangeführt werden. Weniger das Bedienen der solchen, als das Verstehen, wie Meldungen zustande kommen und wodurch sie beeinflusst werden.
    Gerade lese ich ein Buch, in dem es um unser Denken geht und wie leicht es von äußeren Einflüssen an der Nase herum geführt wird. Oft gehört, ist fast schon wahr und eine kleine Vergleichszahl an die Hand gegeben und unsere Einschätzung eines Sachverhalts stülpt sich munter von unten nach oben. Erschreckend, wenn man sieht, dass Medien unser leicht zu beinflussendes Gehirn überaus gut kennen und sich zu nutze machen.

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    • Das geschieht ja auch. Die Zeitungsprojekte gibt es seit Mitte der 1980-er Jahre. Bis vor drei Jahren habe ich noch gelegentlich für das medienkundliche Institut gearbeitet http://www.izop.de/institut/kurzportrait
      Inzwischen organisieren auch andere Institute oder die Zeitungen selbst solche Projekte. Das alles ist nicht ganz selbstlos.

      Gegen die Beeinflussung, die du anführst, hilft nur Aufklärung, wie sie schon Kant definiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“
      Um aufzuklären, schreibe ich grad mein Blog in den Keller, wie du an der geringen Resonanz siehst. Die wiederum zeigt, dass es mühsam ist, die bequeme Konsumentenhaltung zu verlassen.

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      • Schön zu wissen, dass es die Projekte gibt.
        Kants Definition erinnert mich an meine Geschichtslehrerin, die uns zwang den Passus der Aufklärung auswendig zu lernen. Sie prophezeite uns, dass wir diesen Satz irgendwann besser oder anders verstehen als mit 14 Jahren. Sie hatte recht.
        Es tut mir leid zu hören, dass so wenig Resonanz kommt. Ich hoffe, lieber Jules, du lässt dich davon nicht abhalten. Es wäre mehr als schade.
        Liebe Grüße

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  3. Bloggen ohne Leser ist zweifellos wenig erfreulich, aber manchmal zündet eine Serie auch erst später. Es lohnt sich jedenfalls für uns Zeitungsleser, dir hier zu folgen. Obwohl das vielleicht auch schon ein Grund für die Zurückhaltung ist, denn Zeitungsleser sind wohl eine aussterbende Spezies. Meine Teilnehmer in Umschulungen lesen fast alle keine Tageszeitungen mehr. Aber die Art und Weise, wie Nachrichten gemacht werden, wie Themen in den Vordergrund rücken oder ganz verschwinden, hat sich ja nicht verändert.

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    • Mir scheint, die Last des gewaltigen Mediums drückt mein kleines Blog zu Boden. Die Fortsetzung der Spätzünder-Serie ist so gut wie fertig, aber ich wollte zuerst etwas anderes schreiben, damit sich Leser und Leserzahlen erholen können.
      Zur aussterbenden Spezies des Zeitungslesers: Die ersten Projekte „Zeitung in der Schule“ fanden Mitte der 1980-er Jahre in Zusammenarbeit mit der FAZ statt. Faz und FAS engagieren sich weiterhin. Denen sterben nämlich die Abonnenten weg. Obwohl an den zeitungtypischen Projekten inzwischen Hunderttausende junger Leute teilgenommen haben und weiterhin Generationen von Schülern teilnehmen, lässt sich der Trend vermutlich nicht umkehren. Das Konzept der Zeitung hat sich überlebt und existiert nur, so lange es Menschen wie uns gibt, die mit einem Bein noch in der Buchkultur stehen.

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      • Es hat ja auch etwas aus der Zeit gefallenes, wenn man sich nach dem Frühstück – ich gestehe, meistens schon beim Frühstück – mit der Zeitung hinsetzt und die Nachrichten liest, die man schon seit vielen Stunden kennt, um dann im Lokalteil festzustellen, dass Nebensächlichkeiten aufgepumpt und wirklich Wichtiges einfach unterschlagen wird.

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  4. Jetzt habe ich mich nicht an die alte Regel gehalten und gleich mit dem Ende angefangen. Eigentlich wollte ich nämlich darauf hinweisen, dass es in den Medien regelmäßig so ist, dass die Faustregel „Mann beißt Hund“ ist eine Nachricht und „Hund beißt Mann“ ist keine Nachricht, über den Haufen geworfen wird. Ständig wird uns berichtet, was genau so zu erwarten war. Wie schön es doch wäre, wenn die Aussage eines Politikers nur dann veröffentlich würde, wenn sie einen Nachrichtenwert hätte – und nicht nur als Teil der politischen Auseinandersetzung. „Hören Sie mal, Herr Seehofer, Ihre Aussagen zur Flüchtlingspolitik kennen wir jetzt schon. Solange Sie nichts Neues zu erzählen haben, werden Sie jetzt auch keinen Platz mehr in den Medien finden.“ Das wäre doch mal was.

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