Darum musste der Melker sterben. Eine schauerliche Moritat im Konjunktiv II

Kategorie MedienKomisch, beim Aussterben erwischt es zuerst die Starken. Ich weiß nicht, ob es in der Biologie ähnlich ist, aber in der Sprache trifft es zu. Wir kennen im Deutschen die Klasse der „starken Verben.“ Starke Verben haben die Besonderheit, dass sie bei der Konjugation (Beugung) ihren Stammvokal verändern, Beispiel: „singen, sang, gesungen”,rinnen, rann, geronnen ” oder „helfen, half, geholfen.” Im Konjunktiv II nehmen sie überdies befremdlich klingende Formen an, die in den Ohren der meisten Deutschsprecher falsch oder zumindest veraltet klingen. Wer solche Klänge vermeiden will, behilft sich mit der Ersatzform „würde + Infinitiv“, sagt also nicht: „Ich sänge ja mit, wenn ich den Text könnte.“ sondern „Ich würde mitsingen, …“ – eigentlich schade, denn auch eine lebendige Sprache braucht Vielfalt. Vor einigen Jahren habe ich einen kurzen Text geschrieben, in dem starke Verben im Konjunktiv II vorkommen. Zur Förderung der grammatischen Biodiversität erscheint er im Teestübchen in typografisch gestalteter und animierter Form. Gute Unterhaltung.

der-tod-des-melkers

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27 Kommentare zu “Darum musste der Melker sterben. Eine schauerliche Moritat im Konjunktiv II

  1. Wundervoll! Ich liebe den Konjunktiv II. Das Problem ist, dass immer mehr Menschen die korrekte Form des Präteritums (das man nun mal für den Konjunktiv II braucht) nicht mehr beherrschen, weil selbiges zusehend vom Perfekt vertrieben wird. Das Perfekt ist demnach des Konjunktivs Tod.
    Schönes Wochenende 🙂

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    • Ich auch. Allerdings wirkt er in der Häufung wie im Text oben altfränkisch. Es ist das Los aller Dinge, sie altern und nutzen sich ab, ein Effekt, der auch Sprachen betrifft. Andererseits ist der Sprachwandel das Kennzeichen „lebendiger“ Sprachen. Erst wenn eine Sprache abgestorben ist (wie Latein) lässt sich ein Sprachzustand konservieren.
      Dannkeschön für den Kommentar und dir auch ein schönes Wochenende!

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  2. Vielleicht benutzt man den Konjunktiv II auch weniger, weil er eine Tätigkeit beschreibt, die eigentlich nie stattgefunden hat bzw wird (weil sie in der Zukunft abgeschlossen ist) und damit nur einer Beschreibung dient, die nicht unbedingt notwendig ist zu teilen.

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    • Du hast Recht. Darum heißt der Konjunktiv II ja auch Möglichkeitsform (Irrealis). In TV-Filmen fällt mir immer wieder die Verwechslung von Kojunktiv I, (der indirekten Rede), und Konjunktiv II auf.
      Auch professionelle Schreiber kennen sich nicht mehr gut aus. Auf einem Titanic-Buchmessenfest in den Endneunziger Jahren sprach ich mit einem mir unbekannten Spiegelredakteur. Er fragte, was ich im aktuellen Heft geschrieben hätte, und ich sagte, beispielsweise den hier:

      Darauf er: „Oh, das hätte ich nicht gekonnt!“ 😉

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    • Dein Kommentar zeigt ein Phänomen, das nur bei schwachen Verben auftritt, nämlich die Formengleichheit des Konjuktiv II mit dem Indikativ Präteritum. Zur Unterscheidung von „Er wünschte, er kennte sie nicht“ (Konjunktiv II) und „Gestern wünschte er sich …“ (Indikativ Präteritum) schlägt der Duden würde und Infinitiv vor „Er würde wünschen,…“

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  3. Pingback: Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

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