Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Wonach man sich zu richten hat

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich will ins Teestübchen, um mit Ihnen zu plaudern, da verstellt ein Depp mir den Weg und fragt: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“ Bevor ich „Nö, wieso?“antworten kann, will er ein Quiz mit mir zu machen.

Frau Nettesheim
Sie belieben mal wieder, in Bildern zu sprechen, Trithemius. Was konkret ist passiert?

Trithemius
Mir ging am Morgen unser Dialog durch den Kopf. Ich habe den Rechner eingeschaltet, um ihn aufzuschreiben, da ploppt diese blöde Bing-Seite auf, Sie wissen schon, die mit dem Postkartenkitsch. Und mitten im Bild erscheint direkt beim Anmeldefeld: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“

Frau Nettesheim
Und? Haben Sie?

Trithemius
Warum um Himmels Willen? Warum soll ich wissen, ob ein Minister namens Lindner auf Sylt geheiratet hat oder wie es den wegen Brandstiftung auf Mallorca inhaftierten „Kegelbrüdern“ geht? Soll ich mir mit all dem Dreck den Kopf zukleistern lassen und in einem Quiz nachweisen, dass ich ein braver Infotainment-Trottel bin?

Frau Nettesheim
Das verlangt ja niemand. Aber ein grober Überblick über die Nachrichten scheint mir ganz nützlich zu sein.

Trithemius
Aha „nützlich.“ Sie wissen doch, hohe Frau, was das Wort „Nachricht“ eigentlich bedeutet.

Frau Nettesheim
„Wonach man sich zu richten hat.“

Trithemius
Ganz genau. Welche von den sogenannten Nachrichten enthalten Handlungsaufforderungen von Belang?

Frau Nettesheim
Der Wetterbericht, Veranstaltungshinweise und die Börsennachrichten.

Trithemius

Obwohl die Börsennachrichten für mich unwichtig sind, da ich keine Aktien besitze, ist das Thema nicht unwichtig. Als Aachenerin wissen Sie doch, womit die heute weltgrößte Nachrichtenagentur Reuters begonnen hat.

Frau Nettesheim
Der Bankkaufmanns Julius Reuter versandte die neusten Börsenkurse zwischen Aachen und Brüssel mittels Brieftauben.

Trithemius
Genau. Und noch heute macht Reuters über 90 Prozent seines Umsatzes mit Aktienhandel, genauer Hochgeschwindigkeitshandel. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. In diesen Kontext passt, was mir ein Freund letztens erzählte. Er meinte, die verlässlichste Zeitung sei das Handelsblatt. Dort werde schon frühzeitig über weltpolitische Entwicklungen berichtet, weil die Anleger eine Orientierungshilfe bräuchten, wo sie ihr Geld investieren oder besser abziehen sollten. Das sind relevante Nachrichten.

Frau Nettesheim
Aber sollten Sie nicht auch wenigstens Bescheid wissen, was geschieht in der Welt?

Trithemius
Sie meinen, was Medien berichten. Das weltweit Angebot von Agenturen und Zeitungen ist ja tendenziell endlos. Das Medieninstitut, für das ich mal gearbeitet habe, empfiehlt „selektives Lesen.“ Aber das führt ja dazu, dass man nur liest, was einem in den Kram passt. Ich empfehle „interessengeleitetes Lesen“, halte mich fern vom täglichen Tuten und Blasen, und wenn ich eine Frage habe an die Welt draußen, schaue ich nach, was mir die verschiedenen Medien dazu anbieten. Das hält mir den Kopf frei und ich werde nicht zugemüllt mit aufgebauschten Marginalien.

Frau Nettesheim
Aber Ihr Weltbild?

Trithemius
Speist sich wie bei allen aus innerer Einsicht und Alltagserfahrungen.

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

Kategorie Medien„Welches Medium ist am glaubwürdigsten?“ fragte im Jahr 1998 das Forsa-Institut die deutsche Bevölkerung: Platz eins mit 41 Prozent belegten die Tageszeitungen. Auf Platz zwei landete das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit 31 Prozent. Die Deutschen vertrauten 1998 also primär jenen Medien, die derzeit oft als „Lügenpresse“ gescholten werden. Dem Internet als Nachrichtenquelle vertraute nur ein Prozent der Befragten. Aus journalistischer Sicht war 1998 die Welt noch in Ordnung, von morgens um sieben bis abends spät zu den „Tagesthemen“ (Statistik: Volker Schulze, Die Zeitung, Aachen 2001)

Im Jahr 1998 habe ich noch Zeitungsartikel ausgeschnitten und archiviert. Meine Einstellung zum Medium Zeitung war relativ unkritisch, obwohl ich Einblick in redaktionelle Vorgänge hatte, weil ich neben meiner Tätigkeit als Lehrer für ein Institut arbeitete, das didaktische Zeitungsprojekte in Schulen organisierte. Ich glaubte, man müsse nur zwei Zeitungen unterschiedlicher Ausrichtung lesen, um sich eine verlässliche Meinung zu bilden. Meine Einstellung hat sich in jetzt 18 Jahren radikal gewandelt. Weiterlesen