Nachricht aus dem Toten Briefkasten

kategorie alltagsethnologieLang ist’s her, da sah ich einen Ex-Agenten des KGB im niederländischen Fernsehen. Er plaudert einiges über die Kommunikations-Methoden des KGB aus, also wie man Nachrichten austauschte, bevor es das Internet gab. In fremden Städten unterhielt man für die Agenten Tote Briefkästen. War eine Nachricht hinterlegt, wurde auf dem Bürgersteig Joghurt ausgekippt. Die Farbe des Joghurts markierte die Dringlichkeit der Nachricht. „Warum Joghurt?“, fragte der Reporter.
„Weil Joghurt auf dem Bürgersteig eklig aussieht. Alle machen einen Bogen darum.“

Auf dem Weg durch die Stadt sehe ich manchmal, dass jemandem nächtens sein Essen aus dem Gesicht gefallen ist. Dann denke ich immer: Wer weiß, welcher perverse Nachrichtendienst hier einen Toten Briefkasten unterhält. Aber dass Kotze etwas anderes bedeutet als Kotze, ist Romantik früherer Tage.

Nur die Post hat noch Tote Briefkästen, also nicht die Briefkästen, die nur einmal in der Woche geleert werden. Es sind solche grauen Kästen, die unauffällig in der Stadt aufgestellt sind und zu den Stadtmöbeln zählen. Sie werden am frühen Morgen mit Briefen beschickt. Die Postboten der jeweiligen Bezirke laden dort ihre Karren nach. Früher hatten sie nur eine Fuhre, mit der sie sich morgens aus dem Postamt auf ihre Tour machten. Heute haben sie vielleicht fünfmal soviel, weil die Zustellbezirke vergrößert wurden. Deshalb rennt meine Postbotin auch immer so. Bei mir klingeln zwei Postboten, morgens einer von der blauen, mittags von der gelben Post. Sie klingeln, um ins Haus zu kommen, nicht weil sie Post für mich hätten. Beim blauen Postboten beeile ich mich, die Tür zu öffnen, besonders wenn’s regnet. Der junge Mann hat meine Hochachtung. Sein Gehalt reicht garantiert nicht, um jemals eine Familie zu gründen, denn er verdient ein Drittel weniger als der gelbe Kollege, und der bekommt schon wenig.

Postbote pausiert - Foto: JvdL

Postbote pausiert – Foto: JvdL

Weil er bei jedem Wetter auf dem Spielplatz vor meinen Fenstern Pause macht, muss ich viel über ihn nachdenken. Wie schaut er wohl in diese Welt? Bei schlechtem Wetter wie heute würde er gewiss lieber warm und trocken in einer Bäckerei sitzen, sich von einer rundlichen Verkäuferin einen heißen Pott Kaffee bringen lassen, in ein frisch belegtes Brötchen beißen und seine Zeitung lesen. Aber er hockt auf einer zugigen Bank, trinkt Kaffee aus der Thermoskanne, isst ein Brot, das er sich mitten in der Nacht auf dem Klodeckel geschmiert hat, weil er auf dem Küchentisch die Post sortieren muss, sitzt da und zankt sich mit dem nasskalten Wind um die Zeitung.

Obwohl beide Boten bei Wind und Wetter unterwegs sind, verödet mein Briefkasten langsam. Seine Ödnis passt zum Leben der Leute, die ihn befüllen, meistens aber nicht befüllen. Ich schließe den Briefkasten aus reiner Gewohnheit auf. Fast täglich gähnt mich das hässliche Blechmaul an. Ab und zu finde ich allerdings Lang-DIN-Umschläge mit Briefen, die von Textautomaten geschrieben wurden und „gültig ohne Unterschrift“ sind. Dazwischen liegen die bunten Faltblätter der Pizzabringdienste. Sich Pizza bringen zu lassen, womöglich von einem „Lieferheld“ gehört für mich zur Proll-Kultur. Als noch eine Frau in meinem Leben war, haben wir freilich ab und zu Essen bestellt, was nicht bedeutet, dass ich Beziehungen zur Proll-Kultur zähle, wohl die Botendienste. Schäbige Geschäftsmodelle wie die blaue Post, die nur mit Billiglöhnen funktionieren, würde eine anständige Regierung verbieten. Aber sie fördert das Elend noch. Mit den Worten einer Ex-Freundin: „In deren Richtung wollte ich mich nicht mal übergeben.“

Advertisements