Herbstliche Randale

kategorie surrealer-AlltagWie ich die Haustür öffne, um das Fahrrad hinauszuschieben, liegt da ein aufdringlicher Wall dürrer Blätter, den der Wind zusammengeblasen hat. Stücker zehn haben es schon in den Flur geschafft. Der Herbst steht nicht mehr vor der Tür, sondern liegt da als wäre er besoffen in den Flur gefallen und würde jetzt durchs Treppenhaus toben wollen. Aber inzwischen malt die Sonne wieder so hübsche Lichtflecken an Tapete und Gardine, lässt auch das Laub vor den Fenstern in beinah saftigem Grün erstrahlen, dass man gar nicht an Herbst glauben möchte, wären mitten in der Pracht nicht die frühzeitig ergilbten Blätter, die harten Schatten und der Wind.

Zwei Nächte zurück erwachte ich in den noch dunklen Morgenstunden von seltsamen Geräuschen in meiner Wohnung. Es gibt davon schon immer welche, und ich habe mich daran gewöhnt. Kurz nach meinem Einzug hier, im Winter 2009 lag ich fiebrig im Bett und hörte mich gelegentlich seufzen. Mit einem Mal seufzte es ganz anders, und zwar aus der Ecke, in der mein Wäschekorb stand. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich. „Tschirch“ ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschekorb deutsche Germanisten kennen? Also wertete ich die Bemerkung als kulturellen Bluff. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Gut vier Jahre später sagte eine sensitive Frau, zu der ich eine beinah innige Beziehung pflegte: „Du hast Kobolde in der Wohnung!“, weil sie in der Nacht verstohlene Schritte auf dem Flur glaubte gehört zu haben. Ich dachte ja mehr an einen Wiedergänger, hab mir den jedenfalls zusammen phantasiert. Wer mehr darüber wissen will und gleichzeitig eine kleine Kulturgeschichte des Druckfehlers lesen möchte, schaue mal nach bei: „Warum Herr Gottschalck nächtens über meinen Flur schleicht“.

Aber diesmal wollte kein Wäschesack Kulturbeutel sein, war keine sensitive Frau in meinem Bett, schlich kein verzweifelter Korrektor umher, der in „Anton Voyls Fortgang“ ein „e“ übersehen hatte, obwohls ja ein Roman ohne e ist, sondern es war einfach die Heizung, die in den kalten Morgenstunden selbstständig angesprungen war. Da mussten Mauern und Dielen sich wohlig dehnen, und wie sich die Verspannungen von Monaten lösten, entstanden unheimliche Geräusche. Dass der Herbst randaliert, ließe sich also nur im übertragenen Sinne behaupten. Das wäre geklärt. Hoffe ich jedenfalls.