Teestübchen intern – Der Trittenheim ist erschöpft

„Als ich gestern Abend gemütlich im Sessel saß und das schön dicke Buch auf dem Schoß hielt, das ich geschenkt bekommen habe, dachte ich mit einem Mal, dass ich aufhören sollte zu bloggen. Einfach aufhören und nichts tun, beziehungsweise stapje voor stapje, voetje voor voetje dieses Gebirgsmassiv aus Worten erwandern“, sagte Teestübchen-Chef Julius Trittenheim düster.

„Das gibt sich wieder, Chef“, sagte Volontär Schmock. Es sollte tröstend wirken, aber es klang ein wenig erschrocken.

„Genau!“, pflichtete ihm Redaktionsassistentin Marion Erlenberg bei. „Sie sind vermutlich nur erschöpft von Ihrem täglichen Kampf mit dem Adventskalender. Jetzt ist er quasi sang- und klanglos abgefrühstückt und …“

„… das Beste ist von mir ab“, ergänzte Trittenheim, „es gibt doch keine treffendere Metapher dafür als ein achtlos geplünderter Adventskalender, dessen Türchen weit offen stehen.“

„Schnöde entleert und bereit für die Tonne“, nickte die Erlenberg.

„Ihre zwanghafte Neigung, jedem Recht zu geben, der gerade spricht, wird Ihnen noch mal den Hals brechen, Marion“, sagte Redakteurin Andrea Kirchheim-Unterstadt.

„Beipflichteritis kann tödlich sein“, ergänzte Schmock.

„Also, sehen Sie sich vor, Schmock!“, sagte Trittenheim. Er grinste heischend hinüber zu Frau Kirchheim-Unterstadt. „Wie ich immer sage: ‚Paarung wirkt auf die Partner’“, fuhr er fort, auf das längst nicht mehr heimliche Verhältnis zwischen der Erlenberg und Schmock anspielend.

„Wie war es eigentlich in Hamburg, Chef?“, versuchte der abzulenken.

„Später!“, sagte Trittenheim. „Wie gesagt, ich saß da mit dem Buch und erinnerte mich, was die Kollegin Kulturredakteurin der NGZ gesagt hatte. Sie habe mal meine Berufe gezählt und wäre auf acht gekommen. Da hatte sie wohl den Blogger mitgezählt. Und in der Tat, ich betreibe das wie einen Beruf. Sechs Uhr morgens aufstehen, ins Bad, dann Tee aufgießen und rein in die Tretmühle. Das kann ja nicht einfach immer so weiter gehen.“

„Ich habe meine guten Knochen auch nicht gestohlen“, sagte Maschinenfräulein Erlenberg.

„Und noch was war, als ich so da saß“, fuhr Trittenheim fort. „Von der Heizung her kam ein schweres Atmen, als würde einer dahinter hocken mit all der Schwernis der Welt auf dem Buckel. Aber ich konnte natürlich sehen, dass da gar nicht genug Platz ist für so einen geplagten Mann. Es muss also mein Gemütsecho gewesen sein.“

„Das ist im Heizkörper!“, stellte die Kirchheim-Unterstadt fest. “Seit der Monteur etwas an der Therme ausgetauscht hat, schnaufen die Heizkörper. Ist richtig unheimlich. Man denkt, da atmet einer ganz schwer.“

„Die Bestätigung kam, als mein ältester Sohn mir die Fotos schickte, die er Heiligabend an der Elbphilharmonie gemacht hatte. Mein Gott! Ich sehe ausgebrannt aus“, sagte Trittenheim.

„Nein, Chef, unter der Asche ist noch Glut“, widersprach Schmock mit Blick auf Trittenheims grauen Haare.

„Wir werden alle nicht jünger“, seufzte Frau Kirchheim-Unterstadt in ihren Schminkspiegel.

„Sie waren Heiligabend in der Elbphilharmonie, Chef?“, fragte Schmock.


„Nicht drinnen. Es gibt oben auf dem alten Ziegelsockel einen Rundgang. Man fährt auf einer 80 Meter langen, leicht gewölbt Rolltreppe durch eine weißverputzte Tunnelröhre hinauf. Das Licht strahlt aus unzähligen kreisrunden Glasfenstern, die in die Wand eingelassen sind. Und dann standen wir vor einer großen entspiegelten Glasscheibe, und ich traute mich nicht näher, weil erst die prüfende Hand die Sicherheit gab, dass ich nicht hinunter segeln könnte in die kabbelige Elbe. Wir sind dann einmal rund gelaufen und haben die Aussicht über Hafen und Hafencity mit ihren Luxusbauten genossen. Da trafen wir wieder und wieder auf ein Brautpaar mit Gefolge, umschwärmt von zwei Hochzeitsfotografen. Die Braut mit ihren nackten Schultern und Armen im weißen Hochzeitskleid tat mir Leid, weil der Wind doch so eisig war. Es war surreal, wie sie dirigiert wurde. Eine der Brautjungfern in schwerer Abendrobe und Pelzstola befahl, ‚Dreh dich mal! Nein, Blickrichtung nach da!‘, und die frierende Braut drehte sich wie eine willenlose Anziehpuppe!“

„Verdammt, Schmock, Sie Gauner! Jetzt haben Sie mich trotz Adventskalender-Blues zum Bloggen verführt!“, unterbrach sich Trittenheim, griff nach dem dicken Buch und versenkte sich in seinen Sessel.

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19 Kommentare zu “Teestübchen intern – Der Trittenheim ist erschöpft

    • Danke für deinen tröstenden Kommentar. Normalerweise ist die Arbeitsfreude bei mir groß, solange ich etwas freiwillig tue. 24 Tage in Folge um jeweils acht Uhr einen Beitrag in Bild und Text abzuliefern, hat sich als stressig erwiesen.
      Guten Rutsch!

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  1. Die Elfie habe ich auf ähnliche Weise auch schon bestaunt 🙂 Und was die Erschöpfung angeht.. ich war sogar zu müde zum Lesen und habe an zwei Abenden „Skyfall“ geguckt. Beim ersten Mal habe ich nur das Ende erwischt, gestern den Anfang. Wenn es nochmal wiederholt wird und ich dabei die Bügelwäsche mache, schaffe ich vielleicht die Mitte. Aber bitte nicht Aufhören mit dem Bloggen wünscht sich für das neue Jahr ganz selbstsüchtig

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  2. Lieber Jules,
    Dem fleißigen Meister Trittenheim sei ein dicker Wälzer und ein Weihnachtskater gestattet. Zwischen den Jahren etwas ausruhen zu können, ist etwas ausgesprochen Feines…Im nächsten Jahr geht es dann weiter und wie ich hoffe, vorwiegend heiter.
    Liebe Grüße von der Fee

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Jules, um das Erlebnis mit der Elbphilharmonie beneide ich dich – das war sicher toll, noch dazu mit dem Weihnachtsglitzer in der Luft…
    Was das Bloggen und die Müdigkeit angeht: hör auf dein Herz. Du weißt was das bloggen dir bedeutet hat und bedeutet, besser als es irgendwer von außen betrachten kann. Vielleicht geht es mehr um das WIE als ums OB, auch das musst du selbst ergründen. Ich will weiterhin Texte von dir lesen, sofern diese von Herzen kommen und mit Lust und Freude entstanden sind – in diesem Sinne, gönn dir, so fern dir danach ist, eine Besinnungspause und ich bin sicher du findest ziemlich bald deinen Weg.
    Ich hab deinen Adventskalender übrigens sehr geschätzt, auch wenn ich mit lesen nicht immer nachgekommen bin. Danke nochmal dafür!!
    Lg Anna

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    • Liebe Anna,
      aus der Ferne sind die Dinge immer verlockender 😉 aber es war schon eine gute Idee, sich am Heiligabend oben auf der Elbphilharmoniei den Wind um die Nase streichen zu lassen. Um so schöner wars nachher in der warmen Stube. Deine Worte zu meinem Bloggen sind sehr einsichtig. Eine Besinnungspause ist manchmal nötig. Sie muss auch nicht lang sein, solange man sie nicht mutwillig begrenzt. Freut mich, dass der Adventskalender dir gefallen hat. Dein Beitrag dazu war auch prima. Ich danke dir.
      LG Jules

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      • Lieber Jules, vielleicht ist gerade die „mutwillige Begrenzung“ eine gute Methode, deinen „Blogsuchtdruck“ herauszufinden. Paradoxe Intervention sagt dir bestimmt was 🙂
        Ich wünsch dir weiterhin besinnliche Tage und gutes vorankommen mit dem dicken Buch, das schon auf meiner Leseliste gelandet ist 🙂
        Herzliche Grüße, Anna

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        • Liebe Anna,
          Zur paradoxen Intervention musste ich mich gerade erst kundig machen. Sie war aber nicht nötig, meine Lust zu schreiben zurückzubringen. Es war ja auch keine neurotische oder psychotische Erkrankung ursächlich – ich war schlicht ausgebrannt und müde. Da war es gut, dass ich mir eine Pause verschrieben habe, ohne vorab ihr Ende zu bestimmen.
          „Das Büro“ von Voskuil kann ich empfehlen. Es macht mir täglich Freude weiterzulesen. Den Folgeband werde ich versuchen, im niederländischen Original zu bekommen.
          Sei herzlich gegrüßt,
          Jules

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  4. Kann ich mir gut vorstellen, lieber Jules, dass du nach der Tortur, die so ein Adventskalender mit sich bringt, ans Aufhören denkst. Das hat wohl auch die frierende Braut gedacht: ich sollte künftig mit dem Heiraten aufhören.
    Naja, in paar Tagen legt sich das … 😉

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    • Danke für dein Verständnis, lieber Herr Ösi. Zu deinem Witz über die Braut: Vor einer Seitentür des Hauptbahnhofes Hannover sah ich einmal vier junge Leute rauchen, zwei Männer, zwei Frauen, offenbar Geschäftsleute. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach: „Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“

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