23. Türchen – Weihnachten 1945


    Blogfreundin Feldlilie steuert zum Adventskalender einen Exklusivtext bei. Sie hat die handschriftlichen Aufzeichnungen ihrer Großmutter getreu abgetippt und mir zugesandt. Ich danke recht herzlich für diese anrührende Erinnerung an ein unvergessliches Weihnachten.

Ein ganzes Leben liegt dazwischen mit all seinen Höhen und Tiefen. Es war nicht das schönste Weihnachtsfest, aber für mich wird es immer unvergessen bleiben: Weihnachten 1945. Nach der Flucht hatte ich in Husby im Kreis Flensburg mit meinem kleinen Sohn eine Bleibe gefunden. Meine einzige Schwester war auf der Flucht gestorben, meine Eltern sollten in der Ostzone leben, mein Mann irgendwo im Internierungslager. Im August wurde meine Tochter geboren. Im November bot mir Anna Nissen, eine gutherzige ältere Bäuerin, ihre gute Stube an. Bis dahin hatte ich bei Doktors mit meinen beiden kleinen Kindern in einer unbeheizten winzigen Dachkammer gehaust. Hier gab es nun einen herrlich warmen Kachelofen, den ich mit Torf heizen konnte. Und trotzdem war mir ganz elend zumute, als das Weihnachtsfest näher rückte.

Die Bäuerin hatte keine Kinder und wollte keinen Weihnachtsbaum haben, aber den Baumschmuck, Kerzenhalter und die Weihnachtsrutsche wollte sie mir gerne borgen. So kaufte ich damals für eine Mark vom Bauern Nico Died eine schöne Tanne; die letzten Kerzen wurden aus dem Luftschutzkoffer hervorgeholt, und so hatten wir doch wenigstens einen schönen Weihnachtsbaum.
Einen Tag vor Heiligabend war ich mit dem Kleinen, der zweieinhalb Jahre alt war, im Dorf bei Kaufmann Jürgensen. Der hatte versucht, ein wenig Weihnachtsstimmung ins Schaufenster zu zaubern. Zu kaufen gab es bei ihm ja nichts, aber die Soldaten aus dem Lazarett hatten Holzsachen gebastelt, die allerdings schon verkauft waren. Aber schön waren sie anzusehen zwischen den grünen Tannenzweigen.

Nichtsahnend nahm ich den Kleinen hoch. Der sah nur eins – eine kleine schwarz und grau gestrichene Eisenbahn! „Opa, t, t“ – und schon kullerten die dicken Tränen über seine Pausbacken. Nur die Eisenbahn sollte ihm der Weihnachtsmann bringen! Es ist oft unglaublich, welches Gedächtnis die Kleinen haben, denn in dem Augenblick wusste er genau, wenn wir ihn zuhause auf das Fensterbrett hoben, dann kam der Opa mit seiner großen Dampflok aus dem Wald, der Heizer musste noch tüchtig Kohlen aufschmeißen, wir winkten ihnen zu und sie verschwanden hinter einer großen Rauchwolke. Jetzt aber standen wir beide vor dem Schaufenster und heulten um die Wette. Was sollte ich bloß machen?

Am Nachmittag suchte ich dann den Soldaten im Lazarett auf, der die Eisenbahn gearbeitet hatte, und schilderte ihm meinen Kummer. Er war sehr gutmütig, und für ein Brot machte er mir bis zum nächsten Tag noch so eine Eisenbahn. Die Farbe war noch nicht trocken, als ich sie abholte. Ich musste sie zum Nachtrocknen noch auf den Herd stellen, damit sie am Abend eingepackt werden konnte.

Am Vormittag hatte ich dann meine Weihnachtsfreude. Der Postbote brachte mir als erstes Lebenszeichen einen Kartengruß von meinem Mann und den ersten Brief nach Kriegsende aus der Uckermark von meinen Eltern. Am Abend gab es dann glückliche Kinderaugen, als der Weihnachtsmann die kleine Eisenbahn aus dem Sack schüttelte. Sie existiert heute noch. (Meine Enkelin hat sie mir später mal zum Muttertag neu angestrichen. Das hat mich sehr berührt).

Am Abend wurde ich dann mit all den anderen jungen Leuten, die auf dem Hof arbeiteten, zum Gänsebraten eingeladen. Tante Anna war recht verlegen, als sie mich bat, ob ich nicht den Weihnachtsbaum mitbringen wollte. Es war ja kein weiter Weg, wir wohnten in der guten Stube und er wurde nur über die Diele in das Esszimmer transportiert. Das war kein Problem, nur dass es nachher mit dem Weihnachtsliedersingen nicht klappen wollte, konnte sie nicht ganz verstehen. Aber uns allen war die Kehle wie zugeschnürt, und wir wischten uns verstohlen die Tränen ab.

Als der Baum gerade wieder in meinem Zimmer stand, klopfte es leise an meine Tür. Eine andere Flüchtlingsfrau aus dem Haus bat, ob sie den Baum nicht für eine halbe Stunde für die Bescherung ausborgen könnte. Kaum hatte sie den Baum zurückgebracht, da klopfte es schon wieder zaghaft an meine Tür, und auch die letzte Familie wollte den Baum gerne für eine besinnliche halbe Stunde ausgeliehen haben. Wo hat es das schon gegeben? Der verborgte Weihnachtsbaum! Da gab es endlich ein herzhaftes Lachen an diesem Abend für mich und die Gewissheit, dass dieses Weihnachtsfest zu den schönsten gehören würde, denn der Kerzenschein hat uns allen damals Mut gemacht und die Hoffnung auf ein

„Frieden auf Erden“

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8 Kommentare zu “23. Türchen – Weihnachten 1945

  1. Ein wunderbarer, zu Herze gehender Text, der ja nicht erfunden ist.
    Dank an Feldlilie – schön, dass wir ihn hier lesen dürfen.
    Wenn man die aus heutiger Sicht „einfachen“ Bedürfnisse, Wärme, ein Dach über dem Kopf, der Wunsch nach Gewissheit, den Mann und die Verwandten irgendwo gesund zu wissen, mit den sofort erfüllbaren oberflächlichen „Bedürfnissen“ von heute vergleicht, kommt automatisch Scham auf. Dankeschön für diesen Text.

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