20. Türchen – Schokolade für einen zahnlosen Mund



Es hat also geschneit. Dann kann die vorweihnachtliche Innigkeit beginnen.

Eine junge Frau vor dem Aldimarkt. Sie ist grau im Gesicht und zittert am ganzen Körper, denn sie trägt dünne verschossene Sachen. Jeden, der vorbeikommt, fleht, jammert sie an: „Bitteee!“

Die Leute schieben sich an ihr vorbei. Die Frau ist gruselig, man mag nicht mit ihr in Berührung kommen; man will ihren Atemhauch nicht haben. Ihr Elend verdirbt die Laune. Auch ich gehe rasch durch die Tür. Ich kaufe, was ich brauche, schultere meinen Rucksack und gehe hinaus. Eine Tafel Schokolade habe ich nicht eingepackt.

Draußen die jammernde Frau. Ich gehe zu ihr, sehe sie an und sage: „Sie brauchen Energie!“
Sie schaut überrascht zurück, nimmt die Schokolade, lacht wie ein Kind und zeigt einen fast zahnlosen Mund.
Ich warte, bis sie wieder aufblickt, schaue ihr in die Augen.
„Und achten Sie ein bisschen besser auf sich, ja?!“
Sie ist verwirrt. Ich warte.
„Werden Sie das tun?“
„Ja“, sagt sie endlich.

Ein Linienbus kommt heran und hält. Sie sieht ihn, rennt hin und springt hinein.

Sie wird nicht besser auf sich achten, nur für einen Moment. Wird mit ihrem zahnlosen Mund die Schokolade lutschen, sitzt im warmen Bus und ist für einen Augenblick froh. Sie braucht viele Menschen, die auf sie achten, damit sie sich wieder achtet.

Sie war einmal ein hoffnungsfrohes Kindlein wie du und ich. Das Leben hat sie zermalmt. Jetzt ist sie elend.

Doch wir haben keine Zeit. Wir müssen hasten und einkaufen, Geld verdienen, Geld ausgeben.

Weihnachten steht vor der Tür.

 

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15 Kommentare zu “20. Türchen – Schokolade für einen zahnlosen Mund

  1. jetzt weiß ich warum du darauf geteasert hast 🙂
    ist dir eigentlich das Wortspiel weihnACHTEN aufgefallen?
    Ich mag den Text sehr (incl Rührungstränen, kommt immer gut in der U-Bahn. Ja, das ist digitale Resonanz!)

    Auch in der Re-reflexion dass viele sie achten müssen bevor sie selbst sich achten kann.

    Die literarischen Eindrücke von vor deinem ataraktischen Status lassen mich etwas wehmütig zurück. Es scheint als hättest du mit einer Art der inneren Bewegtheit abgeschlossen… Was sagt der Weise selbst dazu (wenn er kann und mag)?

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    • Dass Achten in Weihnachten steckt, ist mir noch nicht aufgefallen. Vermutlich habe ich zu nüchtern nur die Wortstämme des Kompositums beachtet. Freut mich, dass der Text dich erreicht hat. Ungewöhnliche Rezeptionsorte sind ja typisch für digital Publiziertes. Immerhin erfahre ich als Autor, wo ein Text gerade Wirkung erzielt hat. Du hast es mit „Digitale Resonanz“ treffend benannt, liebe Anna.

      Wenn mir Texte wie „Schokolade …“ wieder begegnen, bedauere ich, dass mir Herzinfarkt, Schlaganfall und Folgen ein bisschen den Schneid abgekauft haben. Zudem: Als ich 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war ich euphorisch, denn ich hoffte, ich könnte mit diesem Publikationsmittel etwas bewegen, die Welt ein klein bisschen besser machen mit der sozialen Energie, die sich über unsere gepflegten Netzwerke verbreitet. Heute sehe ich ein, dass ich die destruktiven gesellschaftlichen Kräfte unterschätzt habe. Sie haben an Einfluss zugenommen, schon allein durch die Instrumente des kurzatmigen Denkens wie Facebook, Twitter und dergl. finstere Ecken des Digitalen.

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      • Die digitale Resonanz hab ich irgendwo (mein Gehirn hat keine Quellenangabe dazu parat) hier auf WordPress aufgeschnappt, im Kontext von Hartmut Rosa.
        Und ich glaube, unsere weltverbesserischen Ambitionen sind nicht so sinnlos wie es manchmal scheint. Vor allem zeigen sie den ganzen WeltberbesserInnen untereinander, dass keiner wirklich allein ist. Und dass jedeR mal seine Sinn- und Verzweiflungsphaden hat.
        Ein Freund hat mir mal gesagt: „dafür, dass so viele Idioten am Werk sind, läuft doch vieles ganz gut!“ Das war übrigens nicht 2005 sondern im August 🙂

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  2. Ps: hier auf wp gibt’s auch Kurzatmiges, wie es bei Twitter und FB auch Langatmiges gibt. Selbst in der Wikipedia streiten manche bis aufs Blut. Aber klar, bei tinder werden wir beide keine seelenverwandte finden – wahrscheinlich 😉
    Heisst: das Medium ist nicht finster/trüb, sondern zieht eher finstere/trübe Menschen an

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  3. Ich reite jetzt einfach weiter darauf herum, ohne zu wissen wohin ich will: ist verdecktes Finsteres besser als offenes Finsteres? Und machen wir es uns in umserer Filterblase nicht auxh ein bissl zu bequem? (was ja nicht bedeutet, dass Bequemlichkeit grundsätzlich verwerflich ist…)

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    • Ich glaube, dass ausgelebtes Übel, beispielsweise bei Facebook mit dem, was man Hate Speech nennt, weiteres Übel hervorruft, allein durch den Nachahmer-Effekt. Eine Filterblase hatte ich nicht im Sinn, sondern meine Hoffnung war, dass eine sich ständig erweiternde soziale Vernetzung stattfinden würde, nicht das Gedöns, was üblich mit der Interaktion in den „sozialen Medien“ gemeint ist.

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