17. Türchen – Die Vernichtung der Käsetorte



Schon als Kind mochte ich die Papptabletts, worauf man in der Bäckerei Tortenstücke stellt. Mich faszinierte die wulstige Prägung am Rand mit ihren barocken Ecken, weil ich dachte, ich könnte ein Theater daraus basteln. Aber es gab die Tabletts zu selten, denn Kuchen buk meine Mutter meistens selbst.

Ein solches Tablett mit einem Stück Torte, das noch hübsch eingepackt war, das habe ich vorgestern kurzentschlossen in den Abfall geworfen. Das kam so: Ich hatte beim Vorkassenbäcker im Rewe-Supermarkt ein Stück Torte geordert. Die ältere etwas dickliche Frau hinterm Tresen nahm sich ein Papptablett, und wie sie es in der Hand hielt, wurde sie von einem unwillkürlichen Reiz erschüttert und hustete ungeniert aufs Tablett. Oje, dachte ich und sah machtlos zu, wie sie das Stück Torte aufs Tablett hob. Zu meinem Unglück musste sie erneut husten. Ich konnte die Wolke von Bazillen förmlich über die Torte fliegen sehen, die jetzt von unten und oben besiedelt würde. Mir war klar, die Bazillen würden sich prächtig vermehren, so dass die vom Tablett und die von der Torte bald Wiedervereinigung feiern könnten. Sich im Überschwang in den Armen liegend und trunken vor Glück, wären sie bereit, einen neuen Wirt zu befallen. Mich! Ich trug das brodelnde Biotop noch brav nach Hause. Dann warf ich es fort.

So eine Verschwendung, wird man sagen, woanders auf der Welt wäre man froh … was? Sich mit einem veritablen Husten anzustecken? In der Folge fiebrig und krank darnieder zu liegen? Ich habe niemanden, der mich gesundpflegt, muss mit derlei Beeinträchtigungen alleine klar kommen. Nein, die Torte war zur Gefahr für mich geworden.

Wie hätte ich das Unglück verhindern können? Schon nach dem ersten Husten hätte ich protestieren müssen. Aber wer tut das? Nur ein Korinthenkacker brüskiert eine dickliche ältere Verkäuferin und sagt: „Nehmen Sie bitte ein neues Tablett! Sie haben das da behustet.“ Das wäre doch diskriminierend und auch demütigend, denn sie wüsste genau, es würde mir kaum etwas ausmachen, wenn sie attraktiv wäre. Es macht mir tatsächlich nichts aus. Ich habe schon total verschniefte Frauen, die gezeichnet waren von einem grippalen Infekt, die habe ich innig geküsst und nie einen Schaden davon getragen.

Aber diese Dame würde ich im Leben nicht küssen wollen und hätte darum nicht den Schutz geheimnisvoller Hormone, die beim Küssen und Herzen einer geliebten Person ausgeschüttet werden. Als die bedauerlicher Weise von mir ungeliebte Dame auf das Tortentablett gehustet hat, war das Unglück bereits geschehen. Und als sie der Torte den Rest gab, war ich längst machtlos und von der Situation überfordert. Mir ist nicht eingefallen, was mir rückblickend einfällt: Ich hätte an mein Ohr greifen können, hätte einer imaginären Stimme gelauscht und gesagt:

    „So ein Mist! Höhere Wesen verbieten mir gerade, Torte zu kaufen. Tut mir leid! Aber ich muss die Bestellung stornieren.“

Das hätte ich sagen können, ohne ihr zu schaden. Ich hätte sie nicht beleidigen müssen und das Stück Torte wäre nicht seiner Bestimmung entrissen worden. Leider melden sich die Höheren Wesen nie rechtzeitig bei mir, nicht mal in der Adventszeit. Muss ich mich darum in jede Bäckereifachverkäuferin verlieben, die grad vom Hustenreiz geplagt ist? Das kann keiner von mir verlangen. Meine Gesundheit und meine Seelenruhe sind mir wichtiger als Käsetorte. Und basteln konnte ich sowieso noch nie gut. Die Ideen waren da, doch es haperte entschieden an der Ausführung.

23 Kommentare zu “17. Türchen – Die Vernichtung der Käsetorte

  1. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß« sagt eine Redensart, an die sich bei Ihrem Text wohl denken ließe: hätten Sie die Behustung der erworbenen Torte durch die Verkäuferin nicht beobachtet, so hätte die Ihnen beim Verzehr gewiss nicht anders geschmeckt als gewöhnlich. Bäckereifachverkäuferinnen tragen häufig beim Eintüten der Backwaren hygienische Einweghandschuhe, um diese nicht mit irgendwelchen Keimen oder organischen Abscheidungen zu kontaminieren – wer weiß denn wo der Bäcker vorher seine Finger dran oder drin hatte, bevor er mit bloßen Händen den Teig knetete? (Oder ob der nicht die Torte bereits bei der Zubereitung mit seinem Reizhusten benebelte ; )
    (Im Kurier gab es früher einen Comic-Strip über einen Armeekoch, der beim Kochen stets eine Zigarette im Mundwinkel hängen hatte von der ständig die Asche in den Kochtopf rieselte. Und einmal beschwerten sich die Soldaten: »Seit der Smutje mit dem Rauchen aufgehört hat, schmeckt sein Essen nimmer so wie vorher.«)

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    • Danke für Ihre hübsche Anekdote. Was oftmals in den Küchen geschieht, will man lieber nicht wissen. Man hat in der Regel keinen Zutrit und kann nur darauf vertrauen, dass Hygienebestimmungen eingehalten werden. An der Verkaufstheke herrscht ja eine Frontalsituation, so dass es schwer ist, die Verrichtungen einer Verkäuferin nicht zu beobachten.

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    • Übrigens berichtet der US-amerikanische Ethnologe John Gregory Bourke in seinem „Das Buch des Unrats“ von einer Pariser Bäckerei, die im 19. Jahrhundert für ihr köstlich duftendes Brot weithin berühmt war. Bei einer behördlichen Überprüfung fand man in der Backstube, dass der Backtrog eine Zuleitung aus der Kloake hatte. Nachdem diese Zuleitung unterbrochen war, duftete das Brot nicht mehr.

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  2. Du hättest peinlich berührt sagen können: „Oh, tut mir leid, ich habe mein Geld vergessen“. Und wärst gegangen. Ich glaube, ich hätte was zu der Husterei gesagt, auch wenn ich dann ein Koninthenkacker bin, Aber das geht ja mal gar nicht. Andererseits – Du hättest den Kuchen wegschmeißen können und aus dem Tablett ein Theater basteln. Theater sind nicht ansteckend. Dann wäre wenigstens nicht alles umsonst gewesen.

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  3. Sehr rücksichtsvoll von dir, lieber Jules. Ich hätte mir einen Kommentar wohl nicht verkneifen können und wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass die hustende Dame solche Rückschlüsse hätte ziehen können. Du hast ihr womöglich den Tag nicht verdorben. Das ist der Verlust einer Käsetorte wert.

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  4. Oh, ich kenne auch solche Situationen, und ich reagiere dabei genau wie Du. Eigentlich habe ich ja eine große Klappe und behaupte auch gern, mich vor nix zu ekeln – ja, man könnte mir ruhig einen Haufen auf die Pizza machen, dann würde ich immer noch genüsslich den Rand drumherum abknabbern. 😎
    Das Gegenteil ist der Fall: ich bin in solchen Sachen eher „pingelig“. Vor einiger Zeit hatte ich an der Bäckereitheke ein ähnliches Erlebnis: ich bestellte Brötchen, als neben mir eine Kundin nach dem Schlüssel für die Kundentoilette fragte. „Meine“ Verkäuferin griff in eine Schublade, nahm den Toilettenschlüssel mit einer dicken Holzkugel am Band daran heraus, und gab in der Kundin, um danach mit diesen Händen meine Brötchen in die Tüte zu packen. „Vielen Dank, hat sich gerade erledigt.“, sagte ich nur noch. Und ging.

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    • Dankeschön, auch für den Link. Vor einigen Tagen habe ich beschlossen, nicht nur vegetarisch, sondern vegan zu leben. Eier habe ich schon lange nicht mehr gegessen, und künftig verzichte ich auch auf Milchprodukte. Wie die industrialisierte Landwirtschaft mit den Tieren verfährt, ist abstoßend. Ich will dafür nicht mehr mitverantwortlich sein.

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  5. So tust Du nicht nur etwas für die armen Tiere und die Umwelt, sondern auch noch für Dich! Kein erwachsenes Lebewesen benötigt die Milch einer anderes Spezies, deshalb ist sie auch nicht gesund. Und der Veganismus hat mir persönlich vor einigen Jahre außerdem den kulinarischen Horizont um Lichtjahre erweitert. Bravo für diese tolle Entscheidung!

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    • Mein ältester Sohn mund seine Lebensgefährtin leben auch vegan. Heiligabend kan ich wieder ihre veganen Kochkünste erleben. Meine eignen muss ich noch entwickeln, bevor es zur beständigen kulinarischen Horizonterweiterung kommt.

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