19. Türchen – Hellenthal


    Vor einigen Jahren fuhr ich mit Mike, einem neuen jungen Kollegen, in den tiefen Osten, wo wir ein medienkundliches Seminar abhalten sollten. Er war mir sogleich sympathisch, was nicht nur daran lag, dass er in den Raststätten die noch glimmenden Kippen meiner Selbstgedrehten ausdrückte, was ich im Leben nie gelernt habe. Auch wusste er jederzeit, wo ich meine Lesebrille hingetan hatte, anders als ich. An Mikes Petersens „Hellenthal“ gefällt mir besonders, dass er eine alltägliche, scheinbar banale Sache in den Blick nimmt, nämlich das Reinigen oder besser eine Reinigung. Viel Vergnügen beim Lesen, Trithemius

„Wir reinigen Vertikallamellen direkt am Fenster“, stand auf einem Plakat der Reinigung, aus der ich soeben meine Hemden geholt hatte. Man muss nicht alles verstehen, dachte ich. Vertikallamellen? Solche Vertikallamellen hängen also vermutlich längs und nicht schräg am Fenster herunter, nicht schräg wie die billigen blauen Lamellen, die ich im Schlafzimmer habe. Das sind demnach Horizontallamellen, was bei mir hängt. Die kann die Reinigung meines Vertrauens, der Kleinstbetrieb Hellenthal, also nicht reinigen, zumindest nicht direkt am Fenster. Wobei: Ich könnte den Hellenthal ja auch einmal fragen. Wenn er sozusagen schräg zum Objekt arbeiten würde, sich also schräg auf meine Leiter stellen würde …

Stünde Hellenthal schräg zu meinen Horizontallamellen, würde er diese vertikal reinigen. Das sollte funktionieren. Aber ich frage den Hellenthal einfach einmal, was er überhaupt macht, wenn ein Kunde zu ihm kommt und sagt: „Meine Lamellen sind verdreckt, und es ist aber so, mein lieber Hellenthal: Meine Lamellen hängen horizontal!“ Hellenthal lässt einen Horizontalbesitzer gewiss nicht hängen. Auf jeden Fall sind meine Hemden tipp-topp nach der Reinigung durch Hellenthal. Und Ingo Hellenthal ist ein ganz ein cooler Typ.

Vor einem halben Jahr war es so: Ich brachte ihm nicht meine verschmutzten Hemden. Ich brachte ihm Stuhlhussen, also Überzieher für die unschönen Stühle, die ich in meinem Wohnzimmer aufgestellt habe. Ich stand also mit den Überziehern in der Reinigung, direkt vor Hellenthal und wollte ihm dann allerhand zu meinen Stuhlhussen erklären und mich mit ihm beraten und so fort. Ich fragte: „Wissen Sie, was das ist?“ Und Hellenthal guckte gar nicht zu mir hin, nur ganz nebenbei schielte er, der in seiner Reinigung entgegen jedem Gebot der Anständigkeit und Korrektheit stets eine brennende Zigarette im Mund hat, schielte mit seiner brennenden Zigarette im Mund zu mir und sagte gelassen: „Stuhlhussen sind das!, die waschen wir, ist besser als reinigen. Waschen wir, werden die Hussen sauber, reinigen wir, wird das nichts. Da bleiben Ihre Hussen dreckig.“

Dass meine Wäsche sich heute nicht aus Hemden, sondern aus Hussen zusammensetzte, hatte Hellenthal also bereits erkannt, offensichtlich schon bevor ich sein Geschäft betreten hatte mit meinem Wäschekorb in den Armen. Bestimmt hatte der Hellenthal mich bereits beobachtet und sich gedacht: Jetzt bringt er mir keine verschmutzten Hemden, sondern seine Stuhlhussen! Die reinige ich nicht, die wasche ich. Also wusch der Hellenthal meine Stuhlhussen.

Damals hatte ich das Lamellenplakat Wir reinigen Vertikallamellen direkt am Fenster noch nicht bemerkt. Soeben, als ich die Hemden holte, sah ich das Plakat zum ersten Mal. Jetzt denke ich darüber nach, dass ich mir gar nicht vom Hellenthal den Unterschied zwischen Waschen und Reinigen habe erklären lassen. Der Hellenthal denkt wahrscheinlich auch: Dem sind seine Hussen ja ganz egal! Ist dem ja völlig eins, ob ich seine Hussen wasche oder was auch immer ich mach mit denen. Das ist auch die Wahrheit, Hauptsache sauber, dachte ich. Aber: Das muss ich den Hellenthal beim nächsten Mal, wenn ich ihm wieder Hemden bringe, unbedingt einmal fragen: Was heißt reinigen, was heißt waschen? Und ich muss ihn natürlich fragen, wie das wäre, bräuchten meine Lamellen, die eindeutig keine Vertikallamellen sind, einmal eine Reinigung. Ginge das? Wären meine Lamellen mehr oder weniger problemlos zu reinigen? Vielleicht sogar direkt am Fenster?

Aber es ist am Ende nicht so wichtig: Ich benutze meine Lamellen nicht mehr, auch nicht meine Vorhänge. Ich will immer alles verfügbare Licht in meine Wohnung lassen, also weg mit den Lamellen! Zudem: Wer zu mir hinein schauen möchte, soll das tun können. Ich verstecke nichts vor den Leuten. Das werde ich auch dem Hellenthal sagen, dem rauchenden Reiniger.
(Mike Pertersen)

8 Kommentare zu “19. Türchen – Hellenthal

  1. Also… wenn man Horizontallamellen nur an einer Seite löst, dann werden es Diagonallamellen. Und dann könnten es eigentlich auch schiefe Vertikallamellen sein, die dann direkt am Fenster gereinigt werden können. Finde ich. Wobei das bei mir egal ist, ich hab keine, sondern nur solche Übergardinen, die werden einmal im Jahr gewaschen, gebügelt und wieder aufgehängt. „Wir bügeln ihre Übergardinen direkt am Fenster“ wäre ein Angebot, das mich noch reizen würde, aber so… nein. Muss er eben ohne mich weiter rauchen, der Hellenthal.

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  2. Sofas und Sessel in der guten Stube mit Überziehern zu überziehen war früher was für kleinbürgerliche Spiesser oder noch Ärmere oder Schlimmere. Houssen kannte ich nur aus dem Französischen für Bett-Zudecken-Überzüge. Und jetzt sind Stuhlhussen der letzte Schrei und vornehm? Sowas kommt mir nicht in die Wohnung!

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  3. Waschen oder reinigen….schade, dass ich den Unterschied nun nicht erfahre. Obwohl ich ja nur in einer Reinigung fragen müsste. Wenn mir dort so viele Gedanken wie dem Schreiber dieses Textes kommen, dann sollte ich das unbedingt tun.

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