Verlorene Formen

Hast du den Tod des guten Freundes verwunden?
Nein, gar nicht. Die Menschen fehlen ja so, wenn sie tot sind.
Dann am meisten.
Warum ist das so? Wenn du es weißt, dann sag es mir doch!
Es liegt daran, wie ein Mensch im Raum ist und an der speziellen Art, wie sein Körper den Raum teilt, gleich einem Guss in einer Sandform. Niemand kann es genauso. Niemals wird eine Raumproportion derart geteilt werden, hie Körper, dort Leere wie vom geliebten Freund.
Nur ein Körper? Hätte man zu Lebzeiten seine Figur gegossen oder ganz lebensecht mit einem 3D-Drucker gedruckt, wäre es doch nicht gleich?
Klar, denn es fehlt die Dynamik der ständigen Veränderung, also sein Dasein in der Zeit. Eine Gießfigur ist der Zeit enthoben. Und zusätzlich zur körperlichen ist der geliebte Mensch noch auf einer unsichtbaren Ebene im Raum gewesen, nämlich auf die Weise, wie er sich selbst im Raum erlebt hat, und etwas davon wurde sichtbar, wenn er sprach.
Du meinst hörbar?
Auch sichtbar.

Das sprachen wir über das Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, derweil die Leine unter uns hervordrang und sich breit und die Ufer verschlingend nach Norden wälzte. Sie führte den einen oder anderen Baumstamm mit, und kleine gurgelnde Strudel zogen mit der starken Strömung. Es ist nicht der Fluss anderer Tage, der aufhören will zu fließen, der zu stehen scheint und so schwach ist in seinem Vorwärtsdrang, dass der Nordwind die Wellen flussaufwärts blasen kann, so dass man denken könnte, die Leine fließt nach Süden zurück in die Stadt, wo sie etwas vergessen hat zu erledigen. Nein, heute ist die Leine ein gewaltiger Fluss. Ihre Wasser hat die Farbe von Kaffee mit viel Milch und, pardon, einem Schuss Urin der Kühe – der gelben Pigmente wegen, nicht um den Geschmack zu verfeinern. Wir wollen ja keine Blechtasse an einer Kordel hinabblassen, um Wasser zu schöpfen und zu trinken. Aber diese Tasse mit ein wenig Wasser der Leine, die zeigt es: So ein Fluss ist keine Sache, kein greifbares Ding, sondern eine Vorstellung, eine geistige Konstruktion, auch wenn er sich plätschernd und gurgelnd durch die Landschaft wälzt. Myriaden von Regentropfen sind chaotisch auf die Erde geprasselt, haben sich in Pfützen und Tümpeln versammelt, versickern, treten wieder zu Tage, und wo die Landschaft ein Gefälle aufweist, rinnen sie versammelt talwärts.

Der Mensch erkennt im chaotischen Vorwärtsdrängen bald eine Struktur, nennt sie zuerst Rinnsal, dann Bach, später Fluss, gibt ihr überdies einen Namen und trägt ihren Verlauf in Landkarten ein. Die Bezeichnung Fluss verleiht der Struktur etwas scheinbar Festes, ihr jeweiliger Name hilft, verschiedene dieser Strukturen gleicher Art voneinander zu unterscheiden. Genau betrachtet ist jede dieser Strukturen Chaos. Das wird sofort deutlich, wenn ein Fluss zu viele Wassertropfen versammelt. Dann droht die Struktur chaotisch zu verlaufen. Wo der Mensch jedoch eine Struktur erkannt und benannt hat, duldet er keine Auflösung im Chaos, weshalb er Deiche baut, um zukünftig drohendes Chaos auszuschließen.

Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs und bedeuteten eigentlich nur „Wasser“ (wenn sie mit Vokalen anlauten) oder „Fluss“. Jeder Begriff, jeder Name ist ein Damm gegen das Chaos und soll helfen, eine chaotische Welt begreifbar zu machen. Auf diese Weise orientiert sich der Mensch. Aber diese Form der Orientierung kann sich gegen ihn wenden, besonders wenn Sprache noch als Aneignung von Welt empfunden wird und Namen magischen Charakter haben, nämlich nicht nur eine Idee benennen, sondern stellvertretend für die Sache stehen.

In der keltischen Mythologie gibt es negative oder positive Verpflichtungen, Verbote oder Tabus, die „Geis“ heißen. Meist werden spätere Herrscher oder  Helden bei ihrer Geburt mit einem Geis belegt. Dem keltischen Sagenheld Fionn mac Cumhaill war das Geis auferlegt, er dürfe niemals aus einem Horn trinken. Fionn beachtete das Geis ein Leben lang gewissenhaft. Auf seiner letzten Wanderung trank er lieber zur Sicherheit aus dem Bach, sank aber tot zu Boden, nachdem er den Namen des Flusses erfahren hatte, er hieß „Horn.“ Wie hätte er das wissen können? Es standen ja zu seiner Zeit keine Namensschilder an Flüssen. Pech für Fionn. Vielleicht hätte er nicht aus dem Horn getrunken, wäre er so schlammig gewesen wie derzeit die Leine. Aber ganz egal, er wäre jetzt so oder so längst tot. Das tröstet.

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13 Kommentare zu “Verlorene Formen

  1. Es tut mir sehr leid (wegen des Verlustes). Ein sehr berührender Text. Ich frage mich, ob etwas von dem, wo vorher der Guss aus dem Sandform stand, bei seinem Verschwinden nicht auf uns andere übergeht, ob diese Leere nicht auch unsere eigene Form verändert? Nach dem Buddhismus befinden wir uns, Toten und Lebendigen, zu jeder Zeit gemeinsam im Fluss des Lebens. Die Idee mag ich sehr. Nach Kuh-Urin stinkt es dort natürlich trotzdem.

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    • Ich hätte Indischgelb schreiben können, dann wäre verborgen geblieben, dass dieser intensive warme Gelbton ein tierisches Stoffwechselprodukt ist, Die Konnotationen von Indischgelb waren mir aber zu schwach und deuteten in die falsche Richtung. Tatsächlich habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, dass jedes Individuum eine geistige Konstruktion ist, vergleichbar dem Fluss, aber auf komplexere Weise. Danke dir für den Hinweis auf die entsprechende Idee im Buddhismus.

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  2. Lieber Jules,

    Du kommst von Höckscken auf Stöckscken, ist wie in einem Fluss zu schwimmen…
    Und am Anfang war auch mir wässerig zumut, denn das was Du da so klug in Deine Worte formst, das kenn auch ich so gut…

    Kennst Du Dein Geis?
    Wie spannend, die Erklärung zu den Flussnamen und Fionns Geschichte, eine wahrhaft tragische wie ich finde. So eine tückische Falle, einen Fluss Horn zu nennen. Was ist das überhaupt für ein Name für einen Fluss? Horn der Hinterlist oder so…
    Die buddhistische Idee vom Fluss in dem alle, tot oder lebendig treiben, ist ein schönes Bild.
    Ein toller Beitrag, bewegend und spannend obendrein.
    Ich wünsche Dir ein sonniges regenfreies Wochenende✨

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    • Liebe Fee,

      dein hübscher Kommentar ist seltsam genug im Spamordner gelandet, wo ich ihn heute Morgen herausfischte. Da war noch einer von dir, aber ich finde ihn jetzt nicht mehr. Vermutlich gehört er zu einem lang zurückliegenden Text. Das alles tut mir leid, denn über deine Kommentare freue ich mich immer.
      Mein Geis? Ich bin ja kein Herrscher oder Held, aber mein Großvater hat mal leichthin etwas ausgesprochen, was mir rückblickend wie ein Fluch erscheint: „Du fährst met dem Heblievkärrchen“, (Du fährst mit dem Hierbleibkärrchen) Tatsächlich bin ich selten verreist.
      Ich danke dir herzlich für deine freundlichen Worte zu meinem Text und drücke dich mal für das Ungemach.
      Jules

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      • Lieber Jules, Mach Dir bloß keine Gedanken wegen verlorener Kommentarformen. Alles was gesagt werden soll wird es auch werden und was nicht, ist eben futsch.
        Ich denke tatsächlich, dass jeder Mensch sein Geis hat. Wenn er herausfinden kann was es ist, was ihn da „geißelt“…dann meine ich, kann er das werden, was andere immer als dieses berühmte „Glück“ bezeichnen. Dieses „Heblievkärrchen“ kenne ich ebenfalls sehr gut. Vielleicht hat Dein Großvater ja erkannt, dass da irgendwo in Dir ein „Hebliev-Wunsch“ schlummert, der weniger nach einer dauerhaften Ortsgebundenheit als nach einer Ortsverbundenheit fragt. Nur so eine Idee. Ich habe in meinem Fall noch keine so ganz konkrete Vorstellung, doch ich sehe mich vor. Was so ein aus Unwissenheit übersehener Geis alles anrichten kann in einem Leben, erklärt ja Fionns Sage. Allerdings macht sie einem nicht grade sehr viel Mut, es mit seinem Geis aufzunehmen…:-)

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  3. Kleine Ergänzung zu »Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs [..]«

    Zahllose Gewässer- und Flurnamen Mittel- und Westeuropas sind erwiesenermaßen indogermanischen Ursprungs – viele aber lassen sich nicht daraus herleiten sondern nur dadurch erklären, dass ihre Wurzeln aus einer älteren „alteuropäschen“ bzw. „vaskonischen“ Sprache* (deren Reste sich bis heute etwa im Baskischen erhalten haben) der in Europa vor dem Eintreffen der Indogermanen ansässigen Urbevölkerung herstammen.
    (Das betrifft z.B. Flussnamen wie Aare, Arno, Ebro, Elbe, Isar, Isere, Saale u.v.a.)

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  4. Ein sehr schöner Text, lieber Jules.
    Ich las ihn an der Isar, als ich mir das Hochwasser ansah und in der Sonne sitzen blieb. Es hat wenig mit deinen schönen Worten zu tun, ist aber ein netter Zufall.
    Ich lasse den Text noch etwas nachhallen. Das tut er auf angenehme Weise und grüße dich am Fluss sitzend.

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    • Dankeschön, liebe Mitzi. Das klare Wasser der Isar hat dein Urteil sicher beeinflusst. An ihren Ufern habe ich auch immer gern in der Sonne gesessen, nahe beim Flaucher, wo im Flussbett so prächtige Kieselbänke liegen. Bei Hochwasser sind sie sicher überspült.
      Ich will heute mal schauen, ob man den Radweg entlang der Leine und durch die Leinemasch wieder nutzen kann.
      Jedenfalls wünsche ich dir einen schönen Sonntag

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