Nächtlicher Plausch mit Frau Nettesheim


Trithemius

Raten Sie mal, wer heute Nacht im Bett geschlafen hat, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim

Ich und vermutlich Millionen andere Deutsche.

Trithemius
Unter anderem auch ich, von 1 Uhr 30 bis 3 Uhr 50.

Frau Nettesheim

Die Nacht ist deutlich länger.

Trithemius
Ja, aber, ich habe mich um 23 Uhr etwa in den Sessel gesetzt und bin dann eingeschlafen. Als ich um halb zwei Uhr wach wurde, konnte ich nicht mehr sitzen und habe mich mutig ins Bett gelegt, zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Frau Nettesheim

Sind aber bald schon aufgewacht.

Trithemius
Nach einem interessanten Traum.

Frau Nettesheim

Interessant? Was für ein nichtssagendes Wort. Was träumten Sie denn?

Trithemius
Ich traf ein bei einem Doktoranden-Seminar. Es fehlte noch die ominöse Frau Vivaldi. Einige junge Frauen erzählten dem Professor, die Vivaldi habe draußen aus dem kiesbedeckten Flachdach ihren Modeschmuck, einen Armreif im Wert von 10.000 Euro, verloren. Der Professor stöhnte auf: „Die Vivaldi schon wieder!“
Derweil ich mir an den ringförmig aufgestellten Tischen einen Platz suchte, traf Frau Vivaldi ein, begleitet von einer schönen, etwa kniehohen Androidin.

Frau Nettesheim

Die Vivaldi mal wieder! Immer muss sie von sich Aufhebens machen. Können Sie nichts Besseres träumen?

Trithemius
Na erlauben Sie mal, Frau Nettesheim. Wie soll das gehen? Soll ich das Seminar etwa von einer Einheit der Traumpolizei stürmen lassen, um Frau Vivaldi rauszuwerfen aus meinem Traum? Weil Sie Ihnen nicht passt? Reiche haben auch Rechte. Und außerdem vermittelt Frau Vivaldi eine Idee, für die man sie und mich als ihr Chronist dereinst loben wird.

Frau Nettesheim

Das wüsste ich aber.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Pah! Welche Idee denn?

Trithemius
Kleine Androiden. Wenn man demnächst lebensechte Androiden bauen kann, die mittels KI auch noch viel klüger sind und alles viel besser können als Menschen, wird man weltweit ein Gesetz erlassen, eine Erweiterung von Isaac Asimovs Roboter-Gesetzen, nämlich dass Androiden nur kniehoch sein dürfen.

Frau Nettesheim

Wozu?

Trithemius
Damit kein Android sich als Mensch tarnen kann und der Mensch seine Überlegenheit behält.

Frau Nettesheim

Gähn! Und dafür müssen Sie mich mitten in der Nacht wecken.

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Verlorene Formen

Hast du den Tod des guten Freundes verwunden?
Nein, gar nicht. Die Menschen fehlen ja so, wenn sie tot sind.
Dann am meisten.
Warum ist das so? Wenn du es weißt, dann sag es mir doch!
Es liegt daran, wie ein Mensch im Raum ist und an der speziellen Art, wie sein Körper den Raum teilt, gleich einem Guss in einer Sandform. Niemand kann es genauso. Niemals wird eine Raumproportion derart geteilt werden, hie Körper, dort Leere wie vom geliebten Freund.
Nur ein Körper? Hätte man zu Lebzeiten seine Figur gegossen oder ganz lebensecht mit einem 3D-Drucker gedruckt, wäre es doch nicht gleich?
Klar, denn es fehlt die Dynamik der ständigen Veränderung, also sein Dasein in der Zeit. Eine Gießfigur ist der Zeit enthoben. Und zusätzlich zur körperlichen ist der geliebte Mensch noch auf einer unsichtbaren Ebene im Raum gewesen, nämlich auf die Weise, wie er sich selbst im Raum erlebt hat, und etwas davon wurde sichtbar, wenn er sprach.
Du meinst hörbar?
Auch sichtbar.

Das sprachen wir über das Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, derweil die Leine unter uns hervordrang und sich breit und die Ufer verschlingend nach Norden wälzte. Sie führte den einen oder anderen Baumstamm mit, und kleine gurgelnde Strudel zogen mit der starken Strömung. Es ist nicht der Fluss anderer Tage, der aufhören will zu fließen, der zu stehen scheint und so schwach ist in seinem Vorwärtsdrang, dass der Nordwind die Wellen flussaufwärts blasen kann, so dass man denken könnte, die Leine fließt nach Süden zurück in die Stadt, wo sie etwas vergessen hat zu erledigen. Nein, heute ist die Leine ein gewaltiger Fluss. Ihre Wasser hat die Farbe von Kaffee mit viel Milch und, pardon, einem Schuss Urin der Kühe – der gelben Pigmente wegen, nicht um den Geschmack zu verfeinern. Wir wollen ja keine Blechtasse an einer Kordel hinabblassen, um Wasser zu schöpfen und zu trinken. Aber diese Tasse mit ein wenig Wasser der Leine, die zeigt es: So ein Fluss ist keine Sache, kein greifbares Ding, sondern eine Vorstellung, eine geistige Konstruktion, auch wenn er sich plätschernd und gurgelnd durch die Landschaft wälzt. Myriaden von Regentropfen sind chaotisch auf die Erde geprasselt, haben sich in Pfützen und Tümpeln versammelt, versickern, treten wieder zu Tage, und wo die Landschaft ein Gefälle aufweist, rinnen sie versammelt talwärts.

Der Mensch erkennt im chaotischen Vorwärtsdrängen bald eine Struktur, nennt sie zuerst Rinnsal, dann Bach, später Fluss, gibt ihr überdies einen Namen und trägt ihren Verlauf in Landkarten ein. Die Bezeichnung Fluss verleiht der Struktur etwas scheinbar Festes, ihr jeweiliger Name hilft, verschiedene dieser Strukturen gleicher Art voneinander zu unterscheiden. Genau betrachtet ist jede dieser Strukturen Chaos. Das wird sofort deutlich, wenn ein Fluss zu viele Wassertropfen versammelt. Dann droht die Struktur chaotisch zu verlaufen. Wo der Mensch jedoch eine Struktur erkannt und benannt hat, duldet er keine Auflösung im Chaos, weshalb er Deiche baut, um zukünftig drohendes Chaos auszuschließen.

Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs und bedeuteten eigentlich nur „Wasser“ (wenn sie mit Vokalen anlauten) oder „Fluss“. Jeder Begriff, jeder Name ist ein Damm gegen das Chaos und soll helfen, eine chaotische Welt begreifbar zu machen. Auf diese Weise orientiert sich der Mensch. Aber diese Form der Orientierung kann sich gegen ihn wenden, besonders wenn Sprache noch als Aneignung von Welt empfunden wird und Namen magischen Charakter haben, nämlich nicht nur eine Idee benennen, sondern stellvertretend für die Sache stehen.

In der keltischen Mythologie gibt es negative oder positive Verpflichtungen, Verbote oder Tabus, die „Geis“ heißen. Meist werden spätere Herrscher oder  Helden bei ihrer Geburt mit einem Geis belegt. Dem keltischen Sagenheld Fionn mac Cumhaill war das Geis auferlegt, er dürfe niemals aus einem Horn trinken. Fionn beachtete das Geis ein Leben lang gewissenhaft. Auf seiner letzten Wanderung trank er lieber zur Sicherheit aus dem Bach, sank aber tot zu Boden, nachdem er den Namen des Flusses erfahren hatte, er hieß „Horn.“ Wie hätte er das wissen können? Es standen ja zu seiner Zeit keine Namensschilder an Flüssen. Pech für Fionn. Vielleicht hätte er nicht aus dem Horn getrunken, wäre er so schlammig gewesen wie derzeit die Leine. Aber ganz egal, er wäre jetzt so oder so längst tot. Das tröstet.

Kurzgeschichte: Wo Schuhe nicht gehen …

An einer Ecke meines Universums hat ein Café eröffnet. Man hat dort früher Schuhe verkauft, bzw. nicht verkauft, denn an dieser Ecke des Universums war die Idee, neue Schuhe zu kaufen, offenbar nicht bekannt. Man hängte verlockende Schilder in die Fenster, versprach Preisnachlässe und Reduzierungen, klebte sich mit riesigen Prozentzeichen die Fensterscheiben zu; nichts davon half – von dieser Ecke bis zum Andromeda-Nebel gab es seit Jahren keinen Bedarf mehr für Schuhe. So wirkte die Ecke immer ein wenig vernachlässigt, zumal während der Öffnungszeiten kein Licht mehr gemacht wurde, und mich dauerten die Wesen, die in der finsteren Höhle Schuhe feilbieten mussten, so ohne alle Hoffnung.

Auch der Schuster einige Häuser weiter wird wohl bald aufgeben, nachdem seine letzte verzweifelte Werbeaktion „Feiern Sie mit uns Oktoberfest“ gescheitert ist:

Wer drei Paar Schuhe zur Reparatur gibt, erhält bei Abholung eine Flasche Paulaner gratis dazu!

Es war raffiniert durchdacht, die Flaschen nur bei Abholung herauszugeben, denn sonst hätte ja zum Beispiel ein Schlitzohr von Beteigeuze einfach einen Haufen alter Schuhe hinbringen können und sich auf Kosten des Schuhmachers mit Paulaner Weißbier abfüllen, bis die Schwarte kracht, weit über das Ende des Oktoberfestes hinaus.

Indem jedoch der Schuster den Missbrauch seines Werbeversprechens durch kluge Überlegung ausgeschlossen hatte, sah ich auch niemals jemanden mit Schuhen unterm Arm in den Laden gehen, geschweige mit einer Flasche Weißbier herauskommen. Trotzdem musste der Schuhmacher natürlich einige Flaschen auf Vorrat gelegt haben, denn würde sich doch ein Humanoide mitsamt drei Paaren defekter Schuhe in diesen Raumsektor verirren und auf die Reparatur warten, könnte er die Flaschen verlangen. Anderenfalls könnte er den Schuhmacher der unlauteren Werbung bezichtigen. Der Schuster wiederum könnte sich nicht darauf verlassen, dass die interstellare Ordnungsmacht nur geringes Interesse an der Ahndung unlauterer Werbestrategien hat, nur weil in diesem Raumsektor bekanntlich weder Bedarf an neuen Schuhen, noch an Schuhreparaturen besteht.

Die Vorstellung der verschiedenen Phasen dieser Aktion rührt mich zu Tränen:

1) Der Schumacher stellt fest, was er lange verdrängt hat; sein Geschäft läuft schlecht.
2) Er betrinkt sich mit Paulaner Weißbier.
3) Der Rausch gebiert eine Idee.
4) Unter sorgenvollem Kopfweh wird die Strategie bedacht.
5) Ernüchterung beim Schreiben des Werbeschildes. Die Sorge vor Schlechtigkeit der potentiellen Kundschaft führt ihm den Filzstift und verwässert die tolle Werbeidee.
6) Er kauft einen Kasten Paulaner Weißbier und trägt ihn in den Laden.
7) Die Flaschen verstauben.
8) In den Äonen voller Langeweile leert er die Flaschen selbst.
9) Erneutes Kopfweh und die Erkenntnis, dass Probleme sich nicht ersäufen lassen: Sie schwimmen immer oben, besonders, wenn man in diesem Sektor des Universums Schuhe reparieren will.

Es hat also an einer Ecke meines Universums ein Café eröffnet. Lange Zeit hat man in den Räumlichkeiten vergeblich Schuhe zu verkaufen versucht. Doch in dieser Ecke des Universums ist weder mit neuen noch mit defekten Schuhen Geld zu verdienen, wie man spätestens nach der gescheiterten Weißbieraktion des Schuhmachers weiß.

Wie seltsam bin ich als Mensch. Die versunkenen Schuhhoffnungen, das vergebliche Schildermalen, die Tränen der Entbehrung, vergossenes Weißbier in der Nachbarschaft, – das alles hinderte mich heute morgen nicht daran, mich von frischen Bäckereifachverkäuferinnen bedienen zu lassen, auf einem bequemen Stuhl an einem mit verstreuten Kaffeebohnen hübsch dekorierten Tisch zu sitzen, einen Kaffee zu trinken, in ein belegtes Brötchen zu beißen und mit Wohlgefallen auf den gelungenen Umbau der ehedem trostlosen Schuhecke zu schauen.