Könige ohne Land

Unerwartet kann das Leben ganz schön sein. Sitze bei Fräulein Schlicht vorm Lokal und löffele eine köstliche Suppe. Eine verzagte Sonne zeigt sich. Schon läuft einer die Straße lang mit Sonnenbrille auf der Nase. Man ist nicht anspruchsvoll. Eine Bahn zieht vorbei. Der Triebwagen ist rot und hat über die ganze Seite eine Bierwerbung, „Heute ein König“, und just über dem Bild eines abgehebelten Kronkorkens schaut ein armer Sock‘ aus dem Fenster, wie man sie kennt mit einer offenen Bierflasche in der Hand und einer Bierfahne schon morgens um 10 Uhr. So verstörend kann Werbung sein.

Später radle ich zum Einkauf in die Limmerstraße. In einem Hauseingang sitzt zwischen seinen Habseligkeiten ein wüster junger Mann mit Gitarre. Richtig spielen kann er nicht, aber es macht ihm nichts. Er ist beseelt und singt ein ungereimtes Lied zur Lobpreisung Gottes „Gott, Du verlässt mich nie, Vater, auf Dich ist Verlass“ und so weiter. Dabei sieht er grad so aus wie der „König“ in der Bahn. Um solche scheint Gott sich grundsätzlich einen Scheißdreck zu kümmern. Oder woran liegts? Beim desolaten Zustand dieser Welt ist plausibel, was ich mal irgendwo hörte. Da unterhielten sich zwei Männer vergnügt über Literatur. Der eine hatte einen Roman gelesen, in dem Gott eine Freundin hat, Jeanette heißt sie, glaube ich. Hab’s leider nicht recht verstehen können. Jedenfalls hat Gott seiner Freundin die Welt geschenkt. Das wollte ich unbesehen glauben. Meistens kriegen die Flittchen die besten Geschenke, und was sie dann damit machen, sehen wir nicht nur am Wetter. Irgendwer muss dem kapriziösen Weib dringend den Kopf zurechtsetzen, der verliebte alte Narr macht’s garantiert nicht.

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14 Kommentare zu “Könige ohne Land

  1. Was ist das für einer, der einer Frau ein Kind macht, ohne daß sie es merkt, und ihr dann von einem Angestellten mitteilen läßt, sie sei schwanger und das Kind sei von ihm, aber sie könne von ihm nichts weiter erwarten? Ein Halunke, der angeklagt und eingesperrt gehört. Ich befürchte, der braucht kein Flittchen, um die Welt zu demolieren, der schafft das auch ganz allein.

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      • Ja, absurd. Uta Ranke-Heunemann hat ihren Lehrstuhl verloren, weil sie das Dogma der Jungfrauengeburt anzweifelte. Das ist zwar etwas anderes als das Dogma der unbefleckten Erkenntnis (da geht’s ja um Marias Geburt), geht aber in die selbe Richtung.

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      • Und nach dem Mißerfolg hat er gleich aufgegeben? Gut, ich kann es ihm nicht verdenken, nachher klappt es beim zweiten Versuch auch nicht richtig, und dann hat man zwei Welten an den Hacken.

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      • Mir scheint, dass das an einem Montag gewählte Konzept der Evolution untrennbar verbunden ist mit dem Fressen und Gefressen werden. Darin liegt der systeminharente Widerspruch zur christlichen Ethik und unseren humanistischen Ideen. Dazu passt, dass der altestamentarische Schöpfergott noch gar nicht der „liebe Gott“ ist, sondern ein blutrünstiger, eifersüchtiger und rachsüchtiger, ja, ein gnadenloser Wüterich ist, dem eine brutale Welt gefallen hat. Die späte christliche Idee der Nächstenliebe passt nicht in diese Welt, denn sie ist nur praktikabel, wenn wir den Kreis der Nächsten ganz eng ziehen. Sobald auch ein Tier unser Nächster ist, können wir es nicht mehr essen.

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  2. Das „Heute ein König“ wird von dem nicht eingeplanten Alkoholkonsumenten auf den Punkt gebracht. Genau das ist das Versprechen, sauf dir den Tag schön. Nur geht das nicht als unverhohlene Botschaft, passt nicht zu unserem gesellschaftlichen Konsens, dass Alkohol keine Droge sondern Kultur ist.

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    • Würde Werbung sich immer so eindeutig selbst entlarven, gäbe es keine mehr. Hinsichtlich der Drogen sind wir in Deutschland echt schizophren. Mein Ex-Therapeut war, bevor er sich niederließ, Oberarzt in einer Drogenklinik gewesen, Er hatte nichts gegen Psychopharmaka, aber verdrehte tadelnd die Augen, wenn ich sagte, dass ich gerne gekifft habe.

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