Volontär Hanno P. Schmocks Rundumblick

Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (bzw. östlich) des Morgenlandes liegt. Größtenteils bewohnt von Christen, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen wichtigste Gewerbe Mord und Betrug sind, von ihnen gern ’Krieg’ und ’Handel’ genannt. Dies sind auch die wichtigsten Gewerbe des Morgenlands.
(Ambrose Bierce, The Devil’s Dictionary)

schmocks-rundumblickEin Arzt verweigerte mir den Handschlag, und sagte erläuternd: „Die Ärztekammer empfiehlt das.“ Der Mann war Orthopäde, kein Allgemeinmediziner, zu dem in dieser Jahreszeit Heerscharen von Verschnupften und Grippekranke kommen. Natürlich könnte ich theoretisch ein Zombie sein, und kaum hat er meine Hand geschüttelt, hat er auch schon meinen ganzen Unterarm in der Hand. Darum ist die Empfehlung der Ärztekammer zu begrüßen. Eine Geste zum Aufbau des Vertrauens zwischen Arzt und Patient ist verzichtbar. Man hat ja genug medizinische Apparate, um den Patienten durch die diagnostische Mühle zu drehen. Die Röntgenassistentin dagegen hustete sich die Seele raus, und ich dachte noch: Hoffentlich steckt sie mich nicht an. Ich will nicht jammern, aber seit ich beim Arzt war, geht’s mir schlimmer als zuvor. Jeder Buchstabe hier ist dem Schmerz abgetrotzt.

abdblocker-ausschaltenManche Internetangebote lassen sich nur noch anschauen, wenn man als Gegenleistung den Adblocker ausschaltet. Klar, man will im Internet endlich Geld verdienen. Doch welcher Werbeerfolg ist zu erwarten, wenn ich einen Adblocker aktiviert habe, weil ich keine Werbung sehen will und ihn ausschalten muss, um einen Text zu lesen. Das ist doch, als ob mein Nachbar mir unbedingt seine Urlaubsbilder zeigen wollte, derweil ich nur einen Inbusschlüssel ausleihen will, obwohl er weiß, dass ich fremder Leute Urlaubsbilder hasse.

Neuer Fall von Anthropophagie, Kannibalismus, Menschenfresserei? Es wird wohl „Werben ohne Denken“ sein, eine beliebte Disziplin in den Kreativabteilungen unserer Werbeagenturen. Zugegeben die Beispiele Bratwurst und Nachbar (gestern hat er noch fröhlich Urlaubsbilder gezeigt) sind schon etwas älter, aber das angebotene Bauchmuskelfleisch sieht, wer derzeit den Adblocker auf tvtoday ausschaltet.kannibalismus

„Kannst du mal mein Fahrrad festhalten?“, fragt mich die junge Mutter am Ampelüberweg. Ich halte ihr Rad am Kindersitz, derweil sie sich bückt und einen angebissenen Schokoladenriegel aufhebt, den ihr Söhnchen hat fallen lassen. Das Kind lächelt zufrieden, als die Mutter ihm den Riegel zurückgibt „Ob man das noch essen kann?“ „Aber ja, das hat uns doch allen nicht geschadet.“ Eine gewagte Aussage, doch wissen können wir’s nicht, weil ein vergleichendes System fehlt. Vielleicht wären wir alle glücklicher, klüger und friedfertiger, wenn nicht irgendwann eklige Bakterien aus dem Straßendreck in unsere DNS eingebaut worden wäre, Bakterien, die die menschliche Schweinsnatur zum Vorschein bringen, so dass sie immer wieder triumphiert. An irgendwas muss es doch liegen, dass die Hypokriten so widerstandsfähig sind.

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31 Kommentare zu “Volontär Hanno P. Schmocks Rundumblick

  1. Den Dreck kann man essen. Hat schon Hildegard von Bingen gesagt: „Dreck reyniget den Magen“. Ich bin nur nicht sicher, was Schokoriegel mit der DNS und dem Charakter anstellen.. Ich plädiere dafür, den Schokoriegel einfach liegen zu lassen und nur die Handvoll Dreck drumherum aufzuheben und dem hoffnungsvollen Nachwuchs zu geben.
    Darauf einen keimverseuchten Handschlag.

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    • Ich wusste nicht, dass der Spruch von Hildegard von Bingen stammt. Inwischen ist er Volksgut, aber sie wird im 12. Jahrhundert anderen Dreck gekannt haben. Das, was du vorschlägst, hast du doch bei den eigenen Kindern nicht getan, oder?
      Digital und mithin keimfrei meine Hand drauf

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      • Interessantes Thema für eine Doktorarbeit: „Die Veränderung der Zusammensetzung von Dreck im Laufe der Jahrhunderte unter der besonderen Berücksichtigung der Bekömmlichkeitfür den Magen“.
        Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass die gute Hildegard niemals gesagt hat: „Schokoriegel reynigen den Magen“… oder sagte man damals „Schokorygel“?
        Bei meinen eigenen Kindern habe ich das nicht ausprobiert, und man sieht ja, was draus geworden ist. Keiner von ihnen ist Bundeskanzler, keiner hat jemals einen Orden verliehen bekommen, aber alle drei tragen Bärte (mehr oder weniger). Ich kann nur versuchen, es im nächsten Leben besser zu machen.

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          • Ach man… nimm doch nicht immer ALLES so wörtlich. Mir war schon klar, dass die Kynderschokolade damals eher unbekannt war, Twix hieß damals noch nicht mal Raider, sondern Rayder, und in Überraschungseiern steckten, wenn die Überraschung gelungen war, zwei Küken. Oder ein Krokodil. Oder ein Schnabeltier… Schnabelthier, meinte ich.
            Und meine Söhne sind meistens ganz okay. Naja, manchmal. Ab und zu . Also, es ist schon mal passiert, dass die ganz in Ordnung waren… ohje, lest ihr hir mit? He, ihr seid TOLL 😛

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  2. Ich tendiere nach Berücksichtigung der vielen Rotze fremder Menschen auf der Straße, den Riegel zu entsorgen. Umweltbewusstsein endet beim Kind. Nicht den Riegel im Kind entsorgen, meinte ich.
    Dreck was ist das überhaupt? Mein Sohn verschlang mit süßen vier Monaten eine Handvoll Dreck. Ich starb fast vor Schreck. Hebamme angerufen. Erstes Kind, fragte die. Ich: Jooo
    Sie: alles klar. Und dann kam der Bingen-Klopper mit der Reinigungserklärung. Oma wusch noch mit Asche schneeweiß. Wer es noch weiß….
    Danke, Jules. Ein feiner Text!
    Liebe Grüße von der Fee

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    • Bei meinen Kindern in der Kleinkindphase, vom ersten bis zum vierten, war ich auch vorsichtiger und hätte zum Entsorgen den Mülleimer gewählt und das enttäuschte Geschrei auf mich genommen. Asche als Waschmittel kannte ich nicht. Wird wohl ein Feengroßmutter-Trick sein 😉
      Gerne und meinerseits danke.
      Lieben Gruß

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      • Guten Morgen,
        Sie wusch mit Aschelauge.
        Als ich Kind war schon nicht mehr, da nahm sie bereits Persil. Wenn es jedoch sehr kalt war, hängte sie am Abend die nasse Wäsche in den Frost. Die großen Laken klebten wie Bretter auf der Leine. Aber…am nächsten Morgen war die Wäsche trocken. Kennst Du diesen alten Feengroßmuttertrick?
        Großmütter sind echte Trickkisten mit Beinen. Jedenfalls waren so die meinen.
        LG von der Fee✨

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        • Nässe im Frost zu trocknen, kenne ich. Und auch noch das: Es gibt da oben im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und gießen sie über seinen Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen. (aus: JvdL; Die Papiere des PentAgrion)

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          • Ich fange schon beim bloßen Lesen an schneller zu frieren als meine Zähne klappern können. Puh…diese Mönche mit ihren Hardcore-Übungen. Möchte lieber nicht wissen wie viele bei dieser Mutprobe schon als Eis am Stiel endeten…
            Danke für den Bericht!

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        • Seife wurde früher überhaupt aus Asche gemacht (ich lese zu viele historische Romane. Ich weiß am Schluss nie, wer mit wem und warum überhaupt, aber so einen Blödsinn merke ich mir!). Die Sache mit der Aschelauge kommt zum Beispiel in „Deine Juliet“ drin vor von Mary Ann Shaffer. Und in diesem (seltenen) Fall wusste ich am Ende des Buches sogar, wer mit wem. Weil es ein einfach wunderbares Buch ist 🙂

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          • Toller Kommi, liebe Feldlilie. Ich las meinen letzten Historienschinken vor rund zehn Jahren. Ab da flippte meine Phantasie aus und ich schrieb selber lauter historisches Zeug. Aber keine Romane. Allerdings weiß man bei mir auch nie wer mit wem und überhaupt warum? Seife aus Knochenmehl kenne ich noch, die nutzten beide Großmütter und ich habe auch immer ein Stück Kernseife im Haus.

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            • Ehrlich gesagt, ich lese eigentlich lieber Sachbücher. So „richtige“ Historienromane lese ich nur, wenn mein Bruder sie geschrieben hat, und bei dem kommen Geister und Hexen und Engel drin vor. Was die historischen Daten angehen, kann man absolut sicher sein, dass alles auf die Minute genau stimmt, aber ich bin nicht völlig überzeugt davon, dass im Berkeley Square 50 in London WiRKLICH ein schlechtgelaunter Cherub rumätzt. Andererseits würde das einiges erklären.
              Juliet spielt im und kurz nach dem letzten Krieg, und es hat alles, was ein gutes Buch für mich braucht (es kommen allerdings keine Cherubin drin vor, nur Menschen. Und ein oder zwei Schweine). Inklusive der echt tragischen Dahinter-Geschichte – die Autorin erlebte die Veröffentlichung dieses ihres ersten Buches nicht mehr. Sie starb kurz zuvor. Sowas ist gemein…

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              • Ein cherubinaffiner Schreibebruder- toll! Mein Bruder musiziert und rockt mit seiner Band herum. Ich las Historienromane sehr gern. Den hier zum Beispiel: Kristus von Robert Schneider über die Wiedertäufer oder Robert Harris, die Cicero-Trilogie, von der ich allerdings erst einen Teil (Imperium) kenne. Fand ich sehr fein zu lesen…
                Cherubenbuben in London. Reizvolle Vorstellung, findet die Fee

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  3. Der Handschlag beim Orthopäden könnte vermutlich als manuelle Therapie abgerechnet werden. Zum Arzt… gehe ich eigentlich nur, um mir von ihm bestätigen zu lassen, was ich ohnehin schon ahne, eigentlich könnte ich ihm eine Art Dauerauftrag geben, dann bräuchte ich nicht persönlich hin. Meine Frau liest da wenigstens die Frauenzeitschriften, aber dafür habe ich das Teestübchen Trithemius abonniert. Also nix zu lesen beim Arzt. Gut, man kann sich dann wenigstens etwas mit nach Hause nehmen, eine schicke Erkältung oder was für Magen und Darm, was so gerade im Angebot ist.
    Und den Dreck, den kriegen wir doch schon in abgepackter Form, dafür muss man sich wenigstens nicht mehr bücken. Auch das ist eine Art Fortschritt.

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    • Mit deiner Vermutung könntest du richtig liegen. Ein früherer Kollege von mir, ein Lehrer, ging mit Magenschmerzen zum Internisten. Der verschrieb ihm Magentabletten. Drei Wochen später stand der Lehrer im Supermarkt in der Kassenschlange. Zwei Schlangen weiter wartete sein Internist. Rief der Internist herüber: „Und? Wie geht’s? Helfen die Tabletten?“ „Doch, prima“, sagte der Lehrer, dem es peinlich war, in der Öffentlichkeit seine Magenprobleme zu erörtern. „Dann nehmen Sie die weiter!“, rief der Internist. Wenig später fragt die Frau des Lehrers erstaunt, ob er nochmal beim Internisten gewesen wäre. “Nein, wieso?”, sagt er. “Dein Arzt hat eine neue Rechnung geschickt über 30,55 Euro für ‘eingehende Beratung’.”
      Von den Zeitschriften im Wartezimmer lasse ich auch die Finger – wegen der Krankheitskeime, die drin lauern, womit ich jetzt nicht die Inhalte meine. Die sind ja meist nur Anschläge auf die geistige Gesundheit. Danke, dass du als Abonnent dem Teestübchen vertraust.

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  4. Pingback: Die amüsante Kurzgeschichte – Der Mutant und sein Recht am Bild

  5. Kinder hab ich nicht. Aber als Tante und pädagogische Niete mit schwachen Nerven habe ich in den Dreck gefallene Lebensmittel immer einmal abgeleckt und dann an das Kind weiter gereicht. Ist ein bisschen eklig, hat aber mein Gewissen beruhigt und mir Geschreie erspart.

    Wenn du so einen Rundumblick noch mit Schmerzen schreibst, lieber Jules….Hut ab. Ich bin gesund und schüttle dir stellvertretend die Hand als Dank für die schöne abendliche Unterhaltung.

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  6. Ich empfinde den Adblocker als zweischneidige Waffe und nutze ihn nicht. Denn es ist ja inzwischen bekannt, dass wer das Geld hat, zahlt jener Firma der Software, dass deren eigene Werbung auf die Whitelist gerät. Wer nicht zahlt, wird halt geblockt. Und da gibt es kleinere Programmierer, welche sich mit Werbung ihre Seiten und/oder Software refinanzieren wollen, und dieses durch den Adblocker nicht mehr können.
    Andererseits gibt es Seiten, die sind so mit Werbung zugeballert, die besuche ich deswegen nicht mehr, weil mir deren Werbung das Lesen vergruselt. Oder die mit ihrer Werbung (wie z.B. bei youtube) geradezu die Verwendung eines Adblockers als Problemlösung provozieren.
    Eine zweiseitige Geschichte für mich.
    „Die Ärztekammer empfiehlt sowas nicht.“ Ich dachte immer, ich sollte immer den Arzt oder Apotheker fragen. Nur wenn der Arzt jetzt schon wegen Empfehlungen eine Ärztekammer fragt, … wir bitten Sie noch um ein wenig Geduld, der nächste freie Mitarbeiter wird sich sofort um Sie kümmern … .

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    • Ich wusste das mit der Whiteliste nicht, habe derlei auch noch nicht gemerkt. Werbefinanzierung ist generell keine gute Sache. Und Werbung nervt mich sehr, d.h., sie erreicht mich nicht. Dass Ärzte auf ihre Kammer hören, finde ich plausibel. Dazu schließen sich ja die Berufsgruppen zu Kammern oder Innungen zusammen, um ihren MItgliedern die Berufsausübung zu erleichtern.

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